Wann haben wir eigentlich angefangen, Gleichgültigkeit für Realismus zu halten?
Ich denke in letzter Zeit oft darüber nach.
Wenn jemand sagt, dass Menschen von ihrer Arbeit leben können sollten, heißt es unrealistisch.
Wenn jemand fordert, dass alte Menschen nach einem langen Arbeitsleben nicht jeden Euro umdrehen müssen, heißt es nicht finanzierbar.
Wenn jemand möchte, dass Kranke vernünftig versorgt werden, heißt es Wir müssen über Eigenverantwortung reden.
Wenn Beschäftigte nach Jahren des Verzichts irgendwann fragen, wann eigentlich einmal etwas bei ihnen ankommt, heißt es Woanders ist es auch nicht besser.
Und wenn jemand sagt, dass eine Gesellschaft vielleicht nicht nur danach beurteilt werden sollte, wie gut es den Erfolgreichsten geht, sondern auch danach, wie sie mit den Schwächsten umgeht, gilt er schnell als naiv.
Vielleicht bin ich dann naiv.
Ich arbeite seit 24 Jahren in der Produktion. Ich habe erlebt, wie Menschen jeden Tag ihre Leistung bringen. Wie Kollegen krank zur Arbeit kommen, weil sie niemanden hängen lassen wollen, weniger Menschen immer mehr Aufgaben übernehmen und Verzicht irgendwann zur Normalität erklärt wird.
Und ich habe gesehen, wie schnell Menschen gegeneinander ausgespielt werden.
Arbeiter gegen den Bürgergeldempfänger.
Deutsche gegen den Migranten.
Junge gegen den Alten.
Gesunde gegen den Kranken.
Während wir darüber streiten, wer von uns angeblich zu viel bekommt, stellen erstaunlich wenige die Frage, warum so viele von uns das Gefühl haben, immer weniger zu haben.
Vielleicht ist genau das unser größtes Problem, dass wir verlernt haben, nach oben zu schauen, weil wir ständig damit beschäftigt sind, nach unten zu treten.
Ich möchte mich daran nicht gewöhnen. Ich möchte nicht irgendwann sagen „So ist das eben.“ Denn fast jede Ungerechtigkeit beginnt irgendwann damit, dass genügend Menschen genau diesen Satz akzeptieren.
Vielleicht ist Zusammenhalt tatsächlich naiv. Aber noch naiver ist der Glaube, man selbst werde schon verschont bleiben, solange es immer zuerst die anderen trifft.

