
Ja, ich verstehe den Unmut gegen die Ostdeutschen. Ich lebe selbst in Thüringen und versuche zu begreifen, was da eigentlich passiert.
Erklärungsversuche gab und gibt es viele. Meiner Meinung nach gibt es nicht nur DEN EINEN Grund, dass die Rechten gerade in den ostdeutschen Bundesländern so leichtes Spiel haben. Dies ist wohl eher einem Mix aus mehreren Gründen geschuldet. Vor allem das in vielen Jahrzehnten DDR-Diktatur regelrecht mit der Muttermilch aufgesogene Misstrauen gegen „die da oben“, dürfte schuld sein; aber auch die Filterblase durch die (a)sozialen Medien.
Apropos Medien: In der DDR waren alle Zeitungen und Zeitschriften, aber auch Rundfunk- und Fernsehprogramme tatsächlich „gleichgeschaltet“. Warum sollte also ein „gelernter DDR-Bürger“ den öffentlich-rechtlichen Medien trauen? Vor allem, weil es ja nun auch andere Möglichkeiten gibt, sich zu informieren. Und man neigt halt dazu, das zu glauben, was er glauben will. Im ländlichen Bereich und in kleinen Städten haben die Rechten mittlerweile alle möglichen Vereine und Institutionen unterwandert. Erst vor kurzem habe ich gelesen, dass das Kalkül ist. Die größeren Städte, die sich noch stabil halten, werden regelrecht „eingekreist“ und dann vereinnahmt.
Ich glaube, da könnte was dran sein.
In der DDR war das Leben leichter, zumindest, wenn man nicht irgendwo negativ auffiel und somit nicht mehr systemkonform war. Man wusste, wie „der Hase lief“, wie man sich verhalten musste, was man zu tun und zu lassen hatte.
Und dann kam die Wende, alles war plötzlich anders. Man musste selbst seinen Allerwertesten bewegen, um einen Job zu bekommen, das Parteibuch der SED genügte plötzlich nicht mehr. Jahrelang hatte man heimlich Westfernsehen geguckt und sich nach den vielen schönen Dingen gesehnt – plötzlich konnte man das alles kaufen und so manch einer hat einen hohen Schuldenberg angehäuft. Hinzu kam, dass sich viele Westdeutsche hinterhältig ein goldenes Näschen an den arglosen Ostdeutschen verdient haben. Viele Dinge, die in der DDR wichtig gewesen waren, galten auf einmal nichts mehr. Es gab eine riesengroße Entlassungswelle und viele junge Leute wanderten in den Westen aus usw. Alles bekannt.
Vielleicht klingt es so, aber ich will uns ostdeutsche Bürger nicht als Opfer darstellen. Tatsache ist jedoch, dass wir einen unterschiedlichen Hintergrund hatten und irgendwie immer noch haben. Viele von uns haben die Chance genutzt und sind dankbar für die Möglichkeiten, die es jetzt gibt. Andere wiederum sind bis zum heutigen Tag noch nicht in der Demokratie angekommen, finden alles Scheiße und möchten ihre wohlgeordnete DDR zurück. Und zwar ohne darüber nachzudenken, dass es damals durchaus Gründe dafür gab, dass 1989 so viele Menschen auf die Straße gegangen sind und die DDR schließlich nur noch Geschichte war.
Neue Gegebenheiten kann man als Bedrohung oder als Herausforderung, evtl. sogar als Bereicherung ansehen. Das ist wie mit den Türen, die sich unvorhergesehen öffnen. Man kann durchgehen und neue Erfahrungen machen oder davor stehenbleiben und plärren, dass das alles viel zu schwierig ist. Man kann zwar nicht beeinflussen, was passieren mag, aber man hat immer die Wahl, wie man damit umgeht. Oft genug wird man im Leben von Tiefschlägen getroffen, bei denen man sich erstmal sortieren muss, weil alles plötzlich anders ist. Keine Ahnung, wie oft ich schon vor unvorhergesehenen Situationen gestanden habe. Zum Glück neige ich dazu, immer das Beste aus jeder Lage zu machen, egal, wie beschissen sie ist. Jammern bringt mich nicht weiter. Kurzzeitig erlaubt ist es durchaus, manchmal geht es nicht anders – aber dann sollte man sich berappeln und weitermachen.
Manche Leute gefallen sich aber darin, alles negativ zu sehen. Sie finden an allem etwas Schlechtes, und wenn man ihnen einen Tipp gibt, wie sie dies oder das ändern könnten, betrachten sie das regelrecht als Beleidigung und werden ungehalten.
Vielleicht ist es ansteckend? Wenn mir permanent erzählt wird, wie beschissen alles ist, wie schlecht die Welt ist, glaube ich das vielleicht selbst, vor allem, wenn mir dann noch Sündenböcke wie die Regierung, die Ausländer oder das fliegende Spaghettimonster auf dem Silbertablett serviert werden.
Trotz all dieser Erklärungsversuche bin ich furchtbar enttäuscht von meinen Landsleuten in den ostdeutschen Bundesländern. Ich bin ein empathischer Mensch, versuche immer zu hinterfragen und zu verstehen. Doch hier kann ich mich nur noch fremdschämen.
Ja, tatsächlich, ich schäme mich, Ostdeutsche zu sein. Irrational, ich weiß. Ich kann ja nichts für die Gesinnung meiner Mitbürger.
Abgesehen davon, dass es wohl leider einen hohen Prozentsatz gibt, die das wirklich geil finden, was die AfD will, kann ich mir vorstellen, dass es doch relativ viele gibt, die einfach nicht glauben wollen, was da so offensichtlich ist. Es ist, als ob man im Supermarkt vor einem Regal steht und ein bestimmtes Produkt sucht. Erst, wenn man ein Stück zurückgeht, quasi mehr Überblick hat, sieht man, dass man es die ganze Zeit direkt vor der Nase hatte.
Und dann sind da noch diese Filterblasen. Der Algorithmus bei Facebook zum Beispiel sorgt dafür, dass ich vor allem das zu lesen bekomme, wofür ich mich interessiere. Und da ist es egal, ob es sich um antifaschistische Seiten wie unsere hier handelt, oder um rechtslastige Seiten und Gruppen.
Übrigens werden auch immer mehr Hobbygruppen von den Rechten unterwandert und mit deren Gedankengut überflutet.
Was ist eigentlich das Problem der AfD-Wähler? Wie kann es sein, dass nach den Enthüllungen von Correctiv immer noch so viele bereit sind, eine Nazi-Partei zu wählen? Was stimmt mit den Leuten nicht?
Nehmen wir mal den Thomas*. Thomas ist überzeugt von der AfD. Seiner Meinung nach muss sich etwas in Deutschland ändern, so kann es nicht weitergehen. Deutschland geht den Bach runter, wird überflutet von Ausländern. Und die Grünen wollen alles verbieten. Also wählt Thomas die AfD, denn die AfD sagt ja, dass es allen Deutschen dann besser gehen wird, wenn sie einmal an der Macht ist!
Thomas sieht nun im Fernsehen und im Internet Demonstrationen gegen Rechts. Wie ist wohl seine Meinung dazu? Denkt er:
- Boah, so viele Leute sind gegen die AfD! Dann muss die doch Scheiße sein! …oder
- Nee, das ist unmöglich. WIR sind doch das Volk! Das kann nur Fake sein!
Thomas informiert sich natürlich ausschließlich über die alternativen Medien und fühlt sich sofort bestätigt. Das sind nur bezahlte Statisten, gefälschte Fotos, alles Linksradikale, Schüler, Rentner, Arbeitslose… Weil halt nicht sein kann, was nicht sein darf.
Diese Recherche von Correctiv? Alles Linksgrünfaschisten, die nur die AfD diffamieren sollen! Die gehören angezeigt! Die AfD sagt doch, dass es nur ein privates Treffen war! Außerdem ist das alles viel zu sehr aufgebauscht. Es sollen ja nur die abgeschoben werden, die sowieso keine echten Deutschen sind!
Noch ein Beispiel? Das Interview von Bernd Baumann, AfD, geführt von der großartigen Dunja Hayali. Baumann wurde von ihr im wahrsten Sinn des Wortes zerlegt, regte sich immer mehr auf, wobei Frau Hayali herrlich ruhig und gelassen blieb. Keine Ahnung, ob mir das so gelungen wäre.
Man müsste meinen, die AfD-Wähler müssten sich in Grund und Boden schämen ob dieser Niederlage. Doch weit gefehlt. Nehmen wir also nochmal Thomas. Thomas schaut natürlich keine Öffentlich-Rechtlichen, Thomas ist ja schlau und lässt sich nicht von „denen da oben“ manipulieren. Thomas schaut ein zurechtgeschnittenes Video auf YouTube und fühlt sich wiederum bestätigt. Baumann zerlegt Hayali, anders kann es ja nicht sein!
Und so hinterlässt Thomas in den Kommentarspalten bei Facebook seinen blaunen Rotz und fragt sich ernsthaft, warum die Linksgrün-Versifften nicht kapieren, dass sie nur manipuliert werden.
Menschen wie Thomas bringen wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zum Umdenken. Menschen wie Thomas sind auch nicht bereit, zu einer der Demos zu gehen und sich selbst davon zu überzeugen, dass es ein fröhlicher, bunter, gemischter Haufen ist. Familien, junge Leute, ältere Leute, alte Leute, jeglicher Couleur. Menschen wie Thomas wollen keine Fakten hören oder sehen.
Unser Thomas wird frühestens dann aufwachen, wenn es zu spät ist. Aber ich befürchte, dass er sich das dann immer noch schönreden wird. Wo gehobelt wird, fallen schließlich Späne, sagt man.
Thomas ist nicht mehr zu retten. Er muss es selbst wollen, die Augen öffnen und einen Schritt vom Supermarktregal zurücktreten, um zu sehen, wo die Zusammenhänge sind. Er müsste bereit sein, sich umfassend zu informieren, nicht nur in den aufbereiteten „Nachrichten“ der rechten Seite. Er müsste endlich anfangen, wirklich SELBST zu denken. Doch das wage ich zu bezweifeln.
Wir haben aber noch die breite Masse der Nichtwähler. Das sind die Leute, die an „so einem schönen Tag“ keinen Bock haben, wählen zu gehen. Die Leute, die der Meinung sind, doch eh nichts ändern zu können. Das sind die Leute, denen alles scheißegal ist, die „politisch nicht interessiert“ sind, man soll sie bitteschön in Ruhe lassen. Diese Leute gilt es zu überzeugen.
Genau diese Leute müssen begreifen, wie außerordentlich wichtig ihre Stimme für den Erhalt der Demokratie ist. Hier habe ich vielleicht noch ein bisschen Hoffnung.
* kann durch jeden beliebigen Namen ersetzt werden. Meine Entschuldigung geht schon mal an alle namens Thomas raus 😊
