Warum wir Grenzen setzen, Feinde erschaffen und anschließend behaupten, es sei umgekehrt gewesen
„Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn? So nehmt doch die Grenzsteine weg, so habt ihr keinen Nachbarn mehr. Aber ihr wollt den Krieg, und darum erst setztet ihr die Grenzsteine.“
Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, 1882/83
Als ich acht Jahre alt war, nahm ich an Schlachten zwischen Straßen teil. Ausdrücklich zwischen Straßen, „Straßenschlachten“ wäre dafür eine etwas übertriebene politische Einordnung gewesen. Wir hatten weder Pflastersteine noch Forderungen. Vermutlich hätten wir Mühe gehabt, überhaupt ein gemeinsames Positionspapier zu verfassen. Es gab lediglich zwei Straßenseiten. Auf der einen waren wir, auf der anderen die anderen.
Einen Grund für unsere Feindschaft hatten wir nicht. Die andere Straßenseite hatte uns weder Land weggenommen noch unsere Religion beleidigt. Es gab keine historischen Gebietsansprüche und keine Resolution der Vereinten Nationen. Vielleicht hatte irgendwann ein Kind etwas gerufen, ein anderes hatte zurückgerufen, und plötzlich verfügten wir über eine jahrhundertealte Erbfeindschaft, die ungefähr seit dem vergangenen Dienstag bestand.
Das Entscheidende war das Gefühl. Wir waren ein Wir. Sie waren ein Ihr. Mehr brauchten wir nicht.
Hätten wir eines Tages beschlossen, beide Straßenseiten gemeinsam zu besetzen, wäre der Frieden vermutlich nur wenige Stunden alt geworden. Danach hätte unsere Straße gegen die nächste gekämpft. Später unser Stadtteil gegen einen anderen, unsere Stadt gegen die Nachbarstadt, unser Land gegen ein anderes Land. Die Größe des Wir ist vollkommen austauschbar. Sie richtet sich danach, wie weit man den Kreis ziehen muss, um außerhalb noch jemanden zu finden.
Hauptsache gegen jemanden.

Ich glaube inzwischen, dass dieser kindliche Unsinn erheblich mehr über die Menschheit erklärt als viele politische Analysen. Wir kämpfen selten miteinander, weil wir unüberwindbar verschieden sind. Wir suchen Unterschiede, weil wir jemanden brauchen, gegen den wir gemeinsam sein können. Der Unterschied muss weder bedeutsam noch vernünftig sein. Er muss lediglich sichtbar, benennbar oder notfalls erfindbar sein.
Gründe findet man anschließend wie Sand am Meer. Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Religion, Nation, Klasse, Geschlecht, Partei, Fußballverein, Kleidungsstil, Essgewohnheiten oder die Frage, auf welcher Seite einer Straße man zufällig wohnt. Und falls sich tatsächlich einmal kein Grund finden ließe, wäre genau das Grund genug. Die haben doch irgendetwas vor. Niemand ist schließlich ohne Hintergedanken friedlich. Das wäre verdächtig.
Nietzsches Grenzstein beschreibt für mich deshalb weit mehr als eine politische Grenze. Er beschreibt einen menschlichen Grundmechanismus. Wir entdecken keinen Feind und errichten daraufhin eine Grenze. Wir setzen den Grenzstein, teilen die Welt in diesseits und jenseits und wundern uns anschließend, dass auf der anderen Seite jemand steht.
Der Grenzstein kann aus Beton bestehen. Er kann ebenso aus einer Fahne, einer Religion, einem Pass, einer Hautfarbe oder einer politischen Überzeugung gebaut sein. Manchmal verläuft er sogar mitten durch eine Kommentarspalte. Seine Funktion bleibt dieselbe: Er erschafft ein Wir und lässt auf der anderen Seite ein Ihr zurück.
Das Ich liebt solche Grenzen. Es kann sich an ihnen erkennen. Ich bin ich, weil ich nicht du bin. Wir sind wir, weil wir nicht die anderen sind. Je schärfer die Trennung ausfällt, desto deutlicher scheint die eigene Identität zu werden. Der Mensch gewinnt Zugehörigkeit, ohne erklären zu müssen, was ihn mit den anderen innerhalb seines Kreises eigentlich verbindet. Es genügt, gemeinsam auf dieselben Menschen zu zeigen.
Das Ich ist dabei ein bemerkenswerter Betrüger. Es sitzt in unserem Kopf, spricht mit unserer Stimme und verkauft uns seine Ängste, Kränkungen und Bedürfnisse als objektive Erkenntnisse. Wir halten seine Gedanken für unsere Gedanken, seine Abwehr für unsere Überzeugung und seinen Selbsterhaltungstrieb für moralische Klarheit. Der Verstand arbeitet anschließend als hoch qualifizierte Presseabteilung. Er sucht Argumente, schreibt Begründungen und erklärt der Öffentlichkeit, weshalb unsere persönliche Kränkung in Wahrheit eine Bedrohung der gesamten Zivilisation darstellt.
Besonders bequem wird es, wenn das Ich im Wir verschwinden kann. Allein müsste ich meine Abneigung erklären. Im Kollektiv erhalte ich sie als Tradition. Allein wäre meine Angst vielleicht nur meine Angst. Als Volk, Religion oder politische Bewegung wird sie zur historischen Notwendigkeit. Plötzlich verteidige ich keine persönliche Vorstellung mehr. Ich verteidige unsere Werte, unsere Kultur, unsere Lebensweise, unsere Kinder, unsere Zukunft oder irgendein anderes großes Wort, hinter dem das kleine Ich kaum noch zu erkennen ist.
Der äußere Feind erfüllt dabei einen unschätzbaren Zweck. Er erspart mir die Beschäftigung mit mir selbst. Solange das Problem jenseits des Grenzsteins wohnt, muss ich diesseits nichts untersuchen. Meine Widersprüche, meine Kränkungen, meine Gewalt und meine Verantwortung verschwinden hinter der erfreulichen Gewissheit, dass dort drüben die Ursache allen Übels lebt.
Religionen haben diesen Mechanismus früh perfektioniert. Das Böse erhielt eine eigene Figur, einen Namen und einen Wohnort außerhalb des Menschen. Seitdem lässt es sich ausgezeichnet bekämpfen. Der Teufel ist immer der andere. Das Ich kann derweil unbehelligt in uns sitzen und sich über seine gelungene Ablenkung freuen.
Aus einem erfundenen Feind kann allerdings sehr schnell ein realer werden. Ich behandle jemanden wie eine Bedrohung. Er erlebt mich daraufhin ebenfalls als Bedrohung und reagiert entsprechend. Seine Reaktion bestätigt meine ursprüngliche Annahme. Ich habe es doch gewusst. Schon beginnt der Kreislauf, in dem jede Seite ihre eigenen Handlungen als notwendige Verteidigung und die Handlungen der anderen als Beweis angeborener Feindseligkeit betrachtet.
Am Ende stehen sich zwei Gruppen gegenüber, die beide überzeugt sind, lediglich auf die Aggression der jeweils anderen zu reagieren. Beide können auf Tote, Verletzte, Demütigungen und historische Verbrechen verweisen. Beide verfügen über Gründe, Denkmäler und Jahrestage. Beide erzählen ihre Geschichte an jener Stelle, an der die Schuld der anderen beginnt. Der eigene Grenzstein ist in diesen Erzählungen selbstverständlich nie zu sehen. Er war angeblich schon immer da. Vermutlich von der Natur aufgestellt.
So werden aus den Schlachten achtjähriger Kinder irgendwann Kriege erwachsener Menschen. Das Prinzip bleibt erhalten. Lediglich die Waffen werden besser, die Begründungen länger und die Friedhöfe größer.
Auch politische Lager funktionieren auf diese Weise. Solange ich die gegnerische Seite kritisiere, gelte ich als klarsichtig, mutig und vernünftig. Richte ich denselben Blick auf das eigene Lager, werde ich zum Verräter. Viele Menschen schätzen unabhängiges Denken vor allem dann, wenn es zuverlässig bei ihren eigenen Ergebnissen ankommt. Sie suchen keine Analyse. Sie suchen eine Bestätigung mit möglichst elegantem Satzbau.
Wer mehrere Tatsachen gleichzeitig betrachtet, stört das Wir. Wer Verbrechen unabhängig vom Täter bewertet, verwischt die sorgfältig gezogenen Grenzlinien. Wer Menschen jenseits der Grenze weiterhin als Menschen sieht, gefährdet die moralische Ordnung, auf der das gesamte Lager beruht. Denn sobald dort drüben keine gesichtslose Masse mehr steht, wird es schwieriger, das eigene Handeln als alternativlos zu verkaufen.
Vielleicht erklärt das, weshalb Menschen so leidenschaftlich an ihren Feinden festhalten. Ohne das Ihr verliert das Wir seine Kontur. Ohne den Gegner müsste sich eine Gemeinschaft fragen, was sie eigentlich zusammenhält. Ohne das Böse auf der anderen Seite könnte jemand auf den unerfreulichen Gedanken kommen, innerhalb der eigenen Grenzen danach zu suchen.
Der Grenzstein schützt deshalb häufig keine Identität. Er stellt sie erst her. Er markiert, wo das Ich endet, wo das Wir beginnt und wo der Feind zu stehen hat. Anschließend zeigen wir auf diesen Feind und erklären, sein bloßes Vorhandensein zwinge uns leider dazu, den Grenzstein zu bewachen.
Ich habe als Kind erlebt, wie wenig dafür erforderlich ist. Eine Straße, zwei Seiten und genügend Fantasie, um aus einer vollkommen belanglosen Trennung eine Gemeinschaft zu formen. Wir hätten die ganze Straße gemeinsam haben können. Vermutlich wäre uns das nach kurzer Zeit zu friedlich geworden.
Also hätten wir uns die nächste Grenze gesucht.
Der Mensch braucht keinen Grund, um gegen jemanden zu sein. Er braucht jemanden, damit er sich selbst einen Grund geben kann. Und wenn er gar keinen findet, setzt er eben einen Grenzstein.
Für alles Weitere gibt es Fahnen, Politiker, Priester und Kommentarspalten.

