Von der Erkenntnis, dass einem von komischen Vögeln ins Gesicht geschissen wird, wenn man zu lange nach oben schaut.
Wenn man von unten schaut, sieht man majestätisches: Falken, Adler, Kondore.
Doch wenn man genauer hinschaut, sind es nur komische Vögel. Und wenn man noch genauer schaut, sieht man nur Anatomisches: Arschlöcher.
Der Irrtum beginnt dort, wo Höhe mit Größe verwechselt wird. Wer oben fliegt, wirkt bedeutend, solange genügend Abstand zwischen ihm und der Wirklichkeit liegt. Entfernung verleiht Konturen, Schweigen erzeugt Tiefe, ein erhöhter Platz ersetzt bei genauer Betrachtung erstaunlich oft Charakter. So entstehen Autoritäten: durch Perspektive, Gewohnheit und die Bereitschaft der Untenstehenden, den Nacken zu überstrecken.
Besonders eindrucksvoll sind jene Exemplare, die ihre Flughöhe mit eigener Leistung verwechseln. Sie geraten in einen günstigen Aufwind, lassen sich tragen und erklären anschließend den Wesen am Boden, wie Fliegen funktioniert. Jede Strömung gilt ihnen als Beweis ihrer Überlegenheit, jeder Gegenwind als Angriff und jeder Blick nach oben als verdiente Bewunderung. Verlieren sie an Höhe, lag es selbstverständlich am Wetter, an widrigen Luftverhältnissen oder an einer Verschwörung der Bodenbewohner.
Mit der Zeit verändert sich der Blick. Man erkennt, dass viele dieser Falken kaum fliegen, Adler vor allem kreisen und Kondore hauptsächlich davon leben, dass irgendwo etwas verendet. Die Ehrfurcht löst sich auf. Übrig bleiben Gesten, Rollen, aufgeplustertes Gefieder und ein bemerkenswertes Talent, die eigene Ausscheidung als Urteil über die Welt zu verkaufen.
Man könnte über dieses Federvieh lachen, solange es lediglich posierte, sich aufplusterte und seine Flughöhe für Bedeutung hielt. Doch Höhe bleibt selten folgenlos. Von dort oben scheißen sie den Menschen unter sich ins Gesicht: mit Verachtung, Demütigungen, Fehlentscheidungen und deren Folgen.
Das Arschloch ist deshalb mehr als die letzte anatomische Enthüllung. Es ist das eigentliche Organ ihrer Macht. Sie erwarten Bewunderung und liefern Geringschätzung. Sie lassen andere für ihre Fehler bezahlen, verteilen ihre Lasten nach unten und betrachten die Getroffenen anschließend als Beweis ihrer eigenen Höhe. Wer lange genug zu ihnen aufschaut, bekommt irgendwann ins Gesicht, was sie von den Menschen unter sich halten.
Ich habe lange nach oben gesehen. Zu Menschen, die selbstsicherer wirkten, lauter sprachen, bedeutender auftraten und ihre eigene Mittelmäßigkeit mit einer solchen Überzeugung präsentierten, dass man sie beinahe für Substanz halten konnte. Ich hielt ihre Höhe für einen Vorsprung und meine Zweifel für einen Mangel. Dabei standen sie lediglich auf Ästen, die andere unter ihnen festhielten.
Seitdem beeindruckt mich Flughöhe kaum noch. Wer darauf angewiesen ist, dass andere zu ihm aufsehen, hat meist einen sehr einfachen Grund dafür: Er will dir ins Gesicht scheißen.


