Zitat von Admin A am 23. September 2026, 21:01 Uhr
Warum sich Sprache verändert und warum wir diese Veränderung nicht einfach ignorieren sollten
Neulich an der Supermarktkasse. Vor mir ein älterer Herr, freundlich, gut gelaunt, scherzt mit der Kassiererin. Sie ist Schwarz, trägt ein Namensschild, auf dem „Jennifer“ steht, und hat vermutlich schon ein paar hundert Kunden an diesem Tag abkassiert. Er lächelt sie an und fragt: „Und, wo kommen Sie ursprünglich her?“ Sie antwortet: „Aus Bayreuth.“ Er lacht, als hätte sie einen Witz gemacht. „Nein, ich meine, ursprünglich.“
Der Mann wollte nett sein. Da bin ich mir ziemlich sicher. Er hatte keinen bösen Gedanken, keinen Hintergedanken, nichts. Und trotzdem hat er dieser Frau in zwei Sätzen zu verstehen gegeben, dass sie für ihn nicht von hier ist. Dass ihre Antwort nicht zählt. Dass ihr Gesicht mehr über sie aussagt als ihr Geburtsort, ihr Dialekt, ihr Leben.
Genau darum soll es hier gehen. Um Worte, die wir gedankenlos benutzen. Um Begriffe, die früher „ganz normal“ waren und es heute nicht mehr sind. Und um die Frage, warum das kein Zeichen von Sprachpolizei, Zensur oder überdrehter Empfindlichkeit ist, sondern schlicht das, was Sprache schon immer getan hat: Sie verändert sich.
Sprache stand noch nie still
Wer behauptet, man dürfe „ja gar nichts mehr sagen“, tut gerne so, als hätte es irgendwann eine Zeit gegeben, in der Sprache festgeschrieben war. Eine Art Urzustand, an dem jetzt böswillig herumgedoktert wird. Diese Zeit gab es nie.
Nehmen wir ein paar ganz harmlose Beispiele. Wenn jemand im Mittelalter etwas „billig“ fand, meinte er nicht, dass es wenig kostet, sondern dass es angemessen und gerecht war. Das steckt heute noch in „recht und billig“ und im Verb „billigen“. Wer „toll“ war, war nicht großartig, sondern verrückt, von Sinnen. Deshalb heißt die Tollwut so. Und „geil“ bedeutete lange Zeit schlicht üppig oder kräftig, Pflanzen konnten „geil“ wachsen, ohne dass irgendwer rot wurde.
Andere Wörter sind nicht nach oben, sondern nach unten gerutscht. Das „Weib“ war im Mittelhochdeutschen die ganz neutrale Bezeichnung für eine Frau. Heute ist es eine Beleidigung. Die „Dirne“ war ursprünglich einfach ein junges Mädchen oder eine Magd, bevor das Wort zur Bezeichnung für Prostituierte wurde. Und das „Fräulein“? Das war jahrhundertelang die Anrede für unverheiratete Frauen, bis 1972 das Bundesinnenministerium festlegte, dass Behörden erwachsene Frauen grundsätzlich mit „Frau“ anzusprechen haben. Kein Mann wurde je „Männlein“ genannt, nur weil er noch keinen Trauschein hatte. Heute würde kaum jemand eine vierzigjährige Kollegin noch mit „Fräulein Schneider“ ansprechen, ohne dass es peinlich wird. Hat das irgendjemandem geschadet? Ist dadurch die deutsche Sprache untergegangen? Eben.
Sprache ist kein Museum. Sie ist eher ein Fluss. Sie nimmt auf, was die Gesellschaft ihr zuführt, und sie lässt liegen, was nicht mehr passt. Neue Wörter kommen, alte verschwinden, Bedeutungen verschieben sich. Das ist kein Unfall, das ist der Normalbetrieb. Merkwürdig ist nur, dass sich kaum jemand darüber aufregt, dass „toll“ heute nicht mehr „irre“ heißt, aber ganze Kommentarspalten explodieren, wenn eine Soße umbenannt wird.
Der Unterschied: Wer bezahlt den Preis?
Warum ist das so? Weil es bei den Beispielen oben um nichts geht. Niemand wird verletzt, wenn „billig“ seine Bedeutung wechselt. Bei anderen Wörtern ist das anders. Da gibt es Menschen, die jahrzehntelang, manchmal jahrhundertelang, mit einem Begriff belegt wurden, den sie sich nicht ausgesucht haben. Der ihnen übergestülpt wurde. Und der in aller Regel nicht aus Zuneigung entstanden ist, sondern aus Verachtung, aus Kolonialherrschaft, aus Verfolgung.
Der Philologe Victor Klemperer, der die Nazizeit als Jude in Dresden überlebte und die Sprache des Dritten Reiches akribisch dokumentiert hat, schrieb einmal, Worte könnten sein wie winzige Arsendosen. Man schluckt sie unbemerkt, sie scheinen keine Wirkung zu haben, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung eben doch da. Genau das ist der Punkt. Ein einzelnes Wort bringt niemanden um. Aber ein Wort, das immer wieder fällt, das jemanden immer wieder auf seine Herkunft, seine Hautfarbe, seine Behinderung reduziert, das hinterlässt Spuren.
Und hier liegt die eigentliche Schieflage in der Debatte: Diejenigen, die am lautesten gegen „Sprachvorschriften“ wettern, sind fast nie diejenigen, die von den betreffenden Wörtern getroffen werden. Es ist leicht, ein Wort harmlos zu finden, wenn es einen selbst nie gemeint hat.
Das N-Wort und seine Verwandtschaft
Fangen wir mit dem offensichtlichsten Fall an. Ich schreibe es hier bewusst nicht aus, und ich erkläre auch gleich, warum.
Das N-Wort war im Deutschen lange Zeit die „normale“ Bezeichnung für Schwarze Menschen. So normal, dass es in Lexika stand, in Kinderbüchern, auf Süßigkeiten. Aber „normal“ heißt eben nicht „neutral“. Das Wort stammt aus der Zeit des transatlantischen Sklavenhandels und des Kolonialismus. Es wurde benutzt, um Menschen als minderwertig einzuordnen, als „Rasse“ unterhalb der Europäer. Es klebte an Kolonialkriegen, an Völkerschauen, bei denen Menschen in deutschen Zoos ausgestellt wurden wie Tiere, an pseudowissenschaftlicher Rassenlehre. Dieses Gepäck bekommt man nicht aus dem Wort heraus, nur weil die Oma es „nicht böse gemeint“ hat.
Deshalb hat sich in der Berichterstattung, in Schulbüchern und im Alltag die Umschreibung „N-Wort“ durchgesetzt. Nicht, weil man das Wort nicht kennen dürfte, sondern weil es einen Unterschied macht, ob man über einen Begriff spricht oder ihn selbst benutzt.
Was sagt man stattdessen? Die Selbstbezeichnung, die viele Betroffene in Deutschland verwenden, ist „Schwarze Menschen“ oder „Schwarze Deutsche“, oft mit großem S geschrieben. Das große S ist Absicht: Es geht nicht um eine Farbbeschreibung, sondern um eine gemeinsame Erfahrung, nämlich die, in einer weißen Mehrheitsgesellschaft als „anders“ markiert zu werden. Daneben gibt es den Begriff „People of Color“, kurz PoC, als Sammelbezeichnung für Menschen, die Rassismus erfahren, also nicht nur Schwarze Menschen, sondern etwa auch Menschen mit asiatischen, arabischen oder lateinamerikanischen Wurzeln. Und was ist mit „Farbige“? Klingt höflicher, ist es aber nicht. Das Wort stammt aus derselben kolonialen Denkschublade und geht davon aus, dass Weiß die Norm ist und alle anderen „Farbe“ haben. Ähnliches gilt für „dunkelhäutig“, das zwar weniger belastet ist, aber immer noch die Hautfarbe zum zentralen Merkmal macht. Die ehrlichste Faustregel: Wenn die Hautfarbe für das, was ich sagen will, keine Rolle spielt, dann lasse ich sie einfach weg.
Dasselbe gilt für den „Mischling“. Dieses Wort sollte man sich wirklich abgewöhnen. Nicht nur, weil es aus der Tierzucht kommt, sondern weil es im Nationalsozialismus ein amtlicher Begriff war. In den Nürnberger Gesetzen gab es „Mischlinge ersten und zweiten Grades“, und diese Einteilung entschied darüber, wer verfolgt, entrechtet, deportiert wurde. Wer heute ein Kind mit einem Schwarzen und einem weißen Elternteil so bezeichnet, benutzt, ob er es weiß oder nicht, ein Stück NS-Verwaltungssprache.
Süßes, Soßen und Straßenschilder
Jetzt wird es spannend, denn jetzt kommen wir zu den Beispielen, bei denen sich die Gemüter am liebsten erhitzen. Den Schaumküssen. Der Soße. Der Apotheke um die Ecke.
Der Schokokuss hieß früher im Volksmund mit dem N-Wort oder „Mohrenkopf“. Die Hersteller haben das längst geändert, im Supermarkt findet man heute Schokoküsse oder Schaumküsse. Geschmeckt hat es vorher nicht besser. Der „Mohr“ ist dabei übrigens kein bisschen harmloser als das N-Wort, auch wenn es altertümlich-niedlich klingen mag. Das Wort geht auf die Bezeichnung für Mauren und später allgemein für dunkelhäutige Menschen zurück, und die Bilder dazu kennen wir: der Diener mit dem Turban, der Tablettträger, die Figur auf der Kakaodose. Immer in dienender Rolle, immer exotisch, immer „der andere“.
In Berlin wurde nach jahrelangem Streit und etlichen Gerichtsverfahren die Mohrenstraße umbenannt, sie heißt jetzt Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Amo war ein Mann aus dem heutigen Ghana, der als Kind nach Deutschland verschleppt wurde, „verschenkt“ an einen Herzog, und der es trotzdem schaffte, im 18. Jahrhundert in Halle und Wittenberg zu studieren, zu promovieren und als Philosoph zu lehren. Man ersetzt also ein Klischee durch einen Menschen mit Namen und Lebensgeschichte. Ich finde, das ist kein Verlust. Das ist ein Gewinn.
Und dann ist da das Zigeunerschnitzel. Oder die Zigeunersoße. Ein Lebensmittelkonzern hat seine Soße schon 2020 in „Paprikasauce Ungarische Art“ umbenannt, viele Kantinen und Restaurants sagen heute Paprikaschnitzel oder Schnitzel mit Paprikarahmsoße. Dazu gab es damals einen Aufschrei, als würde man den Leuten das Mittagessen wegnehmen. Dabei ist das Essen dasselbe geblieben. Nur das Wort ist weg.
Warum ist dieses Wort ein Problem? Weil „Zigeuner“ keine Selbstbezeichnung war, sondern eine Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die über Jahrhunderte mit Vorurteilen aufgeladen wurde: diebisch, unzuverlässig, heimatlos, kriminell. Und weil diese Vorurteile nicht im luftleeren Raum blieben. Im Nationalsozialismus wurden Sinti und Roma systematisch erfasst, verfolgt und ermordet. Man geht von bis zu 500.000 Opfern in Europa aus. Die Polizeiakten, die das vorbereitet haben, trugen genau diesen Begriff im Titel. Und die Diskriminierung hörte 1945 nicht einfach auf. Die Anerkennung als Opfer des NS-Völkermords kam in der Bundesrepublik beschämend spät.
Die richtige Bezeichnung ist also „Sinti und Roma“, oder, wenn man genau weiß, um wen es geht, der konkrete Gruppenname. Das ist nicht schwer. Es kostet keine Mühe. Es kostet nur die Bereitschaft, eine Gewohnheit abzulegen.
Ein Satz noch zu Kinderbüchern, weil das Thema regelmäßig hochkocht. Als der Verlag in „Pippi Langstrumpf“ aus dem N-Wort-König einen Südseekönig machte, und als in „Die kleine Hexe“ die entsprechenden Passagen überarbeitet wurden, hieß es sofort, hier werde Kulturgut zerstört. Ich sehe das anders. Astrid Lindgren wollte, dass Kinder mit Pippi lachen, nicht, dass sie ein rassistisches Wort lernen und es auf dem Schulhof ihrer Schwarzen Mitschülerin an den Kopf werfen. Eine Geschichte lebt nicht von einem einzelnen Wort. Wer das Original lesen will, kann das in jeder Bibliothek tun. Aber ein Kind, das mit sechs Jahren vorgelesen bekommt, braucht diesen Ballast nicht.
„Wo kommst du her?“ - Warum eine harmlose Frage nicht harmlos ist
Zurück zur Supermarktkasse. Viele Menschen verstehen tatsächlich nicht, was an der Frage „Wo kommst du her?“ falsch sein soll. Man ist doch nur interessiert! Man will doch nur ins Gespräch kommen!
Das Problem ist nicht die Frage an sich. Wenn ich auf einer Party jemanden kennenlerne und wir uns darüber unterhalten, wo wir aufgewachsen sind, ist das völlig normal. Das Problem ist, wem man die Frage stellt und warum. Wenn ein weißer Mann mit Namen Thomas Müller in einer Kneipe in Köln sitzt, fragt ihn niemand, wo er ursprünglich herkommt. Wenn eine Schwarze Frau oder ein Mann mit türkischen Großeltern dort sitzt, passiert das ständig. Die Frage wird also nicht aus allgemeiner Neugier gestellt, sondern weil das Aussehen des Gegenübers signalisiert: Du bist nicht von hier.
Und dann kommt meistens die Steigerung, die ich oben beschrieben habe: „Nein, ich meine, wirklich.“ Spätestens da wird es übergriffig. Denn damit sagt man dem Menschen, dass seine eigene Antwort falsch ist. Dass er zwar in Gelsenkirchen geboren ist, zur Schule gegangen ist, Steuern zahlt, Schalke-Fan ist, aber eben trotzdem nicht dazugehört. Die Journalistin Ferda Ataman hat ihr Buch zu diesem Thema „Hört auf zu fragen. Ich bin von hier!“ genannt. Ich finde, der Titel sagt eigentlich alles.
In der Wissenschaft nennt man solche Momente Mikroaggressionen. Der Begriff stammt von dem US-Psychiater Chester Pierce und beschreibt kleine, oft unbeabsichtigte Bemerkungen, die für sich genommen banal wirken, aber in ihrer Summe eine klare Botschaft transportieren: Du bist anders. Du gehörst nicht ganz dazu. Stell dir vor, du wirst das dreimal pro Woche gefragt, seit du ein Kind bist. Beim Arzt, beim Elternabend, beim Vorstellungsgespräch, beim Date. Irgendwann ist die Frage keine Frage mehr, sondern eine Erinnerung.
Genauso verhält es sich mit dem berühmten Satz „Sie sprechen aber gut Deutsch!“. Klingt wie ein Kompliment. Ist aber keins, wenn das Gegenüber in Deutschland geboren ist und Deutsch die Muttersprache ist. Man würde ja auch nicht zu seinem Nachbarn sagen: „Oh, Sie können aber gut laufen!“ Das Kompliment unterstellt, dass man das eigentlich nicht erwartet hätte. Und die Erwartung basiert allein auf dem Aussehen. Noch schlimmer ist die Variante, jemanden direkt in gebrochenem Deutsch oder gleich auf Englisch anzusprechen, weil man davon ausgeht, dass er einen sonst nicht versteht. Wer „Du verstehen?“ sagt, sagt damit mehr über sich selbst als über das Gegenüber.
Was also tun, wenn man wirklich neugierig ist? Ganz einfach: Die Person erst einmal als Person kennenlernen. Worüber man mit jedem anderen auch reden würde. Job, Hobbys, Fußball, das Wetter, das Buffet. Wenn jemand über seine Familiengeschichte, seine Wurzeln, seine Herkunft sprechen möchte, dann wird er das tun. Und wenn ein Gespräch so weit gediehen ist, dass man sich wirklich kennt, dann ist die Frage „Wo bist du aufgewachsen?“ auch keine Markierung mehr, sondern ehrliches Interesse. Der Unterschied liegt im Timing und in der Haltung. Die Frage darf nicht der Türöffner sein, der auf dem Aussehen basiert.
Behinderung ist kein Schimpfwort
Rassismus ist nicht das einzige Feld, auf dem sich Sprache verändert hat. Auch beim Thema Behinderung schleppen wir eine ganze Menge Altlasten mit uns herum.
„Das ist doch voll behindert.“ Wer mit Jugendlichen zu tun hat, hört diesen Satz vermutlich häufiger, als ihm lieb ist. Gemeint ist: Das ist dumm, peinlich, schlecht. Und genau da liegt das Problem. Wenn ein Wort, das Menschen beschreibt, als Synonym für „schlecht“ benutzt wird, dann sagt das etwas darüber aus, wie wir auf diese Menschen blicken. Dasselbe gilt für „Spast“ oder „Mongo“. Letzteres geht auf eine Bezeichnung für das Down-Syndrom zurück, die im 19. Jahrhundert entstand und auf einer rassistischen Theorie beruhte, nach der Menschen mit Trisomie 21 angeblich „mongolischen“ Menschen ähnelten. Das ist doppelt verletzend, gegenüber Menschen mit Down-Syndrom und gegenüber Menschen aus der Mongolei.
Aber auch scheinbar wohlmeinende Formulierungen sind oft schief. „Er ist an den Rollstuhl gefesselt.“ Nein, ist er nicht. Er nutzt einen Rollstuhl. Für viele Rollstuhlfahrer ist der Rollstuhl nicht eine Fessel, sondern genau das Gegenteil: das Hilfsmittel, das ihnen Freiheit und Mobilität gibt. „Sie leidet an Autismus.“ Vielleicht leidet sie. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht leidet sie vor allem an einer Umwelt, die nicht auf sie eingestellt ist. „Sie ist Autistin“ oder „sie hat eine Autismus-Diagnose“ ist neutraler und überlässt ihr die Deutung.
Und dann ist da der ganz große Klassiker: „der Behinderte“. Hier hat sich weitgehend „Mensch mit Behinderung“ durchgesetzt. Der Mensch steht vorne, die Behinderung ist ein Merkmal von vielen. Manche Aktivisten bevorzugen übrigens „behinderter Mensch“, weil sie sagen: Ich habe keine Behinderung, ich werde behindert, nämlich durch Treppen ohne Rampe, durch Formulare ohne leichte Sprache, durch Vorurteile. Auch das ist ein Beispiel dafür, dass es nicht die eine perfekte Lösung gibt, sondern dass man zuhört, wie Betroffene selbst sprechen wollen.
Wer sich intensiver mit der NS-Geschichte beschäftigt, weiß übrigens, wie tödlich Sprache in diesem Bereich sein konnte. Menschen mit Behinderung wurden als „lebensunwertes Leben“ und „Ballastexistenzen“ bezeichnet. Das war keine bloße Rhetorik. Das war die sprachliche Vorbereitung der sogenannten Aktion T4, der systematischen Ermordung von über 70.000 Menschen in Heil- und Pflegeanstalten. Erst hat man die Menschen sprachlich entwertet. Dann hat man sie umgebracht.
Wenn die Nazis mitreden, ohne dass wir es merken
Das bringt mich zu einem Punkt, der mir besonders wichtig ist. Viele Redewendungen, die wir heute gedankenlos benutzen, stammen direkt aus dem Vokabular des Nationalsozialismus. Oder sie haben durch ihn eine Bedeutung bekommen, die man nicht einfach ignorieren kann.
„Bis zur Vergasung“ zum Beispiel. Man hört es immer noch, wenn jemand sagen will, dass er etwas bis zum Umfallen gemacht hat. „Wir haben bis zur Vergasung geübt.“ Die Wendung soll zwar schon vor 1933 existiert haben, in Bezug auf chemische Vorgänge oder das Gas im Ersten Weltkrieg, aber nach Auschwitz, nach Treblinka, nach Sobibor kann man diese Formulierung schlicht nicht mehr unschuldig benutzen. Punkt.
„Jedem das Seine“ klingt nach einem klassischen Rechtsprinzip, stammt ursprünglich auch aus der Antike. Aber es stand als Inschrift am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald, so gestaltet, dass die Häftlinge es von innen lesen mussten. Wer das weiß, lächelt nicht mehr, wenn eine Werbeagentur daraus einen Slogan für Kaffee oder Handytarife bastelt, was tatsächlich schon mehrfach passiert ist.
Auch Wörter wie „Selektion“, „Sonderbehandlung“ oder „Endlösung“ haben durch den NS-Völkermord eine Bedeutung angenommen, die man nicht mehr abwaschen kann. „Endlösung“ in einer Präsentation für eine Software? Kommt vor. Sollte es aber nicht. Und ein „entartet“, ob bei Kunst, Musik oder was auch immer, ist ebenfalls ein Begriff, den die Nazis als Kampfbegriff geprägt haben.
Und dann gibt es noch den Fall „getürkt“. Als Zauberkünstler habe ich eine gewisse Schwäche für die Geschichte, die dahinter angeblich steckt. 1769 präsentierte Wolfgang von Kempelen am Wiener Hof einen Schachautomaten in Gestalt eines Mannes mit Turban, den sogenannten Schachtürken. Die Maschine schlug angeblich die besten Spieler Europas. In Wahrheit saß ein Mensch im Kasten versteckt. Eine grandiose Illusion. Aus dieser Geschichte soll „getürkt“ im Sinne von „gefälscht, vorgetäuscht“ entstanden sein. Ob die Herkunft wirklich so ist, darüber streiten sich die Sprachforscher. Aber selbst wenn: Für Menschen mit türkischen Wurzeln klingt es eben nicht nach Wiener Hofillusion, sondern danach, dass „türkisch“ und „betrügerisch“ im selben Wort stecken. Warum nicht einfach „gefälscht“, „manipuliert“ oder „inszeniert“ sagen? Ich verrate Ihnen was: Kein Zaubertrick wird schlechter, wenn man ihn nicht „getürkt“ nennt.
Ehrlich bleiben: Nicht jedes Wort ist ein Skandal
Und jetzt kommt ein Abschnitt, den manche vielleicht nicht erwarten. Denn zur Ehrlichkeit gehört auch: Nicht jedes Wort, das irgendwie verdächtig klingt, ist tatsächlich rassistisch oder diskriminierend. Wer das Thema ernst nimmt, sollte auch hier genau hinsehen.
„Schwarzfahren“ ist so ein Beispiel. Immer wieder liest man, das Wort sei rassistisch. Die meisten Sprachforscher sehen das anders. „Schwarz“ steht hier sehr wahrscheinlich für „illegal, heimlich, im Dunkeln“, wie bei Schwarzarbeit, Schwarzmarkt oder Schwarzgeld. Eine Herleitung aus dem Jiddischen, wo „schwarz“ für „arm“ steht, wird ebenfalls diskutiert. Mit Hautfarbe hat das nach allem, was man weiß, nichts zu tun. Trotzdem sagen manche Verkehrsbetriebe heute „Fahren ohne gültigen Fahrschein“. Das kann man machen, muss man aber nicht als moralische Pflicht verkaufen.
Warum erwähne ich das? Weil die Glaubwürdigkeit dieses ganzen Themas davon abhängt, dass man differenziert. Wer jedes Wort zum Problem erklärt, macht es denen leicht, die ohnehin alles als „Gendergaga“ und „Wokeness“ abtun wollen. Es geht nicht darum, eine Liste verbotener Wörter auswendig zu lernen. Es geht um eine Haltung: Hinsehen. Nachfragen. Zuhören.
„Aber das hat man doch schon immer so gesagt!“
Dieses Argument höre ich wahrscheinlich am häufigsten. Und ehrlich gesagt ist es auch das schwächste. Man hat auch schon immer Kinder geschlagen, Frauen durften bis 1977 ohne Zustimmung ihres Ehemannes keine Arbeit aufnehmen, Homosexualität war bis 1994 in Deutschland strafbar. „Das war schon immer so“ ist keine Begründung, sondern eine Beschreibung. Und oft genug ist es eine Beschreibung von etwas, das nie in Ordnung war, nur dass sich früher niemand getraut hat, laut dagegen zu protestieren.
Das Gleiche gilt für den Satz „Aber ich meine das doch gar nicht böse“. Das glaube ich sofort. Die meisten Menschen, die das N-Wort gegenüber einem Kind im Kindergarten benutzen, meinen es nicht böse. Aber Absicht und Wirkung sind nicht dasselbe. Wenn ich jemandem versehentlich auf den Fuß trete, dann tut es trotzdem weh. Und die angemessene Reaktion ist nicht: „Stell dich nicht so an, ich hab's nicht mit Absicht gemacht.“ Die angemessene Reaktion ist: „Entschuldigung.“ Und beim nächsten Mal etwas besser aufpassen.
Und dann ist da noch die ewige Klage: „Man darf ja gar nichts mehr sagen.“ Doch. Man darf. Man darf in Deutschland nahezu alles sagen, was nicht strafbar ist. Man muss nur damit rechnen, dass andere Menschen darauf reagieren. Das ist keine Zensur. Das ist Meinungsfreiheit, und zwar in beide Richtungen. Wer das N-Wort benutzt und dafür Widerspruch erntet, dessen Meinungsfreiheit wird nicht eingeschränkt. Es äußert nur jemand anderes ebenfalls eine Meinung. Bemerkenswert finde ich übrigens, wie oft der Satz „Man darf ja nichts mehr sagen“ in Talkshows, Bestsellern und Zeitungskolumnen mit Millionenauflage gesagt wird.
Es ist so einfach
Was mich an dieser ganzen Debatte am meisten wundert, ist, wie unverhältnismäßig heftig manche Menschen reagieren. Wir reden hier nicht darüber, dass jemand auf sein Auto verzichten soll, seine Heizung austauschen oder sein Einkommen teilen. Wir reden darüber, dass jemand „Schokokuss“ statt eines alten Wortes sagt. „Paprikaschnitzel“ statt einer Fremdbezeichnung für eine verfolgte Minderheit. „Mensch mit Behinderung“ statt „der Behinderte“. Oder einfach mal nicht fragt, wo jemand „wirklich“ herkommt.
Das kostet nichts. Keinen Euro, keine Minute, keine Freiheit. Es kostet nur eine kleine Umgewöhnung. Und wer diese kleine Umgewöhnung nicht leisten will, obwohl er weiß, dass er damit andere verletzt, der sollte sich ehrlich fragen, warum ihm das eigentlich so wichtig ist.
Sprache ist nicht nur ein Werkzeug, um Informationen auszutauschen. Sie zeigt auch, wen wir mitdenken und wen nicht. Wen wir in die Mitte stellen und wen an den Rand. Wenn sich Sprache verändert, dann ist das in den meisten Fällen ein Zeichen dafür, dass Menschen, die früher nicht gehört wurden, heute endlich eine Stimme haben. Menschen, die sagen: So möchte ich nicht genannt werden. Das verletzt mich. Nennt mich so, wie ich mich selbst nenne.
Das ist nun wirklich nicht zu viel verlangt.
Die Kassiererin in dem Supermarkt kommt übrigens aus Bayreuth. Das hat sie ja gesagt. Man hätte ihr einfach glauben können.
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Transparenzhinweis:
Für die Recherche und das Bild wurde KI verwendet

Neulich an der Supermarktkasse. Vor mir ein älterer Herr, freundlich, gut gelaunt, scherzt mit der Kassiererin. Sie ist Schwarz, trägt ein Namensschild, auf dem „Jennifer“ steht, und hat vermutlich schon ein paar hundert Kunden an diesem Tag abkassiert. Er lächelt sie an und fragt: „Und, wo kommen Sie ursprünglich her?“ Sie antwortet: „Aus Bayreuth.“ Er lacht, als hätte sie einen Witz gemacht. „Nein, ich meine, ursprünglich.“
Der Mann wollte nett sein. Da bin ich mir ziemlich sicher. Er hatte keinen bösen Gedanken, keinen Hintergedanken, nichts. Und trotzdem hat er dieser Frau in zwei Sätzen zu verstehen gegeben, dass sie für ihn nicht von hier ist. Dass ihre Antwort nicht zählt. Dass ihr Gesicht mehr über sie aussagt als ihr Geburtsort, ihr Dialekt, ihr Leben.
Genau darum soll es hier gehen. Um Worte, die wir gedankenlos benutzen. Um Begriffe, die früher „ganz normal“ waren und es heute nicht mehr sind. Und um die Frage, warum das kein Zeichen von Sprachpolizei, Zensur oder überdrehter Empfindlichkeit ist, sondern schlicht das, was Sprache schon immer getan hat: Sie verändert sich.
Wer behauptet, man dürfe „ja gar nichts mehr sagen“, tut gerne so, als hätte es irgendwann eine Zeit gegeben, in der Sprache festgeschrieben war. Eine Art Urzustand, an dem jetzt böswillig herumgedoktert wird. Diese Zeit gab es nie.
Nehmen wir ein paar ganz harmlose Beispiele. Wenn jemand im Mittelalter etwas „billig“ fand, meinte er nicht, dass es wenig kostet, sondern dass es angemessen und gerecht war. Das steckt heute noch in „recht und billig“ und im Verb „billigen“. Wer „toll“ war, war nicht großartig, sondern verrückt, von Sinnen. Deshalb heißt die Tollwut so. Und „geil“ bedeutete lange Zeit schlicht üppig oder kräftig, Pflanzen konnten „geil“ wachsen, ohne dass irgendwer rot wurde.
Andere Wörter sind nicht nach oben, sondern nach unten gerutscht. Das „Weib“ war im Mittelhochdeutschen die ganz neutrale Bezeichnung für eine Frau. Heute ist es eine Beleidigung. Die „Dirne“ war ursprünglich einfach ein junges Mädchen oder eine Magd, bevor das Wort zur Bezeichnung für Prostituierte wurde. Und das „Fräulein“? Das war jahrhundertelang die Anrede für unverheiratete Frauen, bis 1972 das Bundesinnenministerium festlegte, dass Behörden erwachsene Frauen grundsätzlich mit „Frau“ anzusprechen haben. Kein Mann wurde je „Männlein“ genannt, nur weil er noch keinen Trauschein hatte. Heute würde kaum jemand eine vierzigjährige Kollegin noch mit „Fräulein Schneider“ ansprechen, ohne dass es peinlich wird. Hat das irgendjemandem geschadet? Ist dadurch die deutsche Sprache untergegangen? Eben.
Sprache ist kein Museum. Sie ist eher ein Fluss. Sie nimmt auf, was die Gesellschaft ihr zuführt, und sie lässt liegen, was nicht mehr passt. Neue Wörter kommen, alte verschwinden, Bedeutungen verschieben sich. Das ist kein Unfall, das ist der Normalbetrieb. Merkwürdig ist nur, dass sich kaum jemand darüber aufregt, dass „toll“ heute nicht mehr „irre“ heißt, aber ganze Kommentarspalten explodieren, wenn eine Soße umbenannt wird.
Warum ist das so? Weil es bei den Beispielen oben um nichts geht. Niemand wird verletzt, wenn „billig“ seine Bedeutung wechselt. Bei anderen Wörtern ist das anders. Da gibt es Menschen, die jahrzehntelang, manchmal jahrhundertelang, mit einem Begriff belegt wurden, den sie sich nicht ausgesucht haben. Der ihnen übergestülpt wurde. Und der in aller Regel nicht aus Zuneigung entstanden ist, sondern aus Verachtung, aus Kolonialherrschaft, aus Verfolgung.
Der Philologe Victor Klemperer, der die Nazizeit als Jude in Dresden überlebte und die Sprache des Dritten Reiches akribisch dokumentiert hat, schrieb einmal, Worte könnten sein wie winzige Arsendosen. Man schluckt sie unbemerkt, sie scheinen keine Wirkung zu haben, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung eben doch da. Genau das ist der Punkt. Ein einzelnes Wort bringt niemanden um. Aber ein Wort, das immer wieder fällt, das jemanden immer wieder auf seine Herkunft, seine Hautfarbe, seine Behinderung reduziert, das hinterlässt Spuren.
Und hier liegt die eigentliche Schieflage in der Debatte: Diejenigen, die am lautesten gegen „Sprachvorschriften“ wettern, sind fast nie diejenigen, die von den betreffenden Wörtern getroffen werden. Es ist leicht, ein Wort harmlos zu finden, wenn es einen selbst nie gemeint hat.
Fangen wir mit dem offensichtlichsten Fall an. Ich schreibe es hier bewusst nicht aus, und ich erkläre auch gleich, warum.
Das N-Wort war im Deutschen lange Zeit die „normale“ Bezeichnung für Schwarze Menschen. So normal, dass es in Lexika stand, in Kinderbüchern, auf Süßigkeiten. Aber „normal“ heißt eben nicht „neutral“. Das Wort stammt aus der Zeit des transatlantischen Sklavenhandels und des Kolonialismus. Es wurde benutzt, um Menschen als minderwertig einzuordnen, als „Rasse“ unterhalb der Europäer. Es klebte an Kolonialkriegen, an Völkerschauen, bei denen Menschen in deutschen Zoos ausgestellt wurden wie Tiere, an pseudowissenschaftlicher Rassenlehre. Dieses Gepäck bekommt man nicht aus dem Wort heraus, nur weil die Oma es „nicht böse gemeint“ hat.
Deshalb hat sich in der Berichterstattung, in Schulbüchern und im Alltag die Umschreibung „N-Wort“ durchgesetzt. Nicht, weil man das Wort nicht kennen dürfte, sondern weil es einen Unterschied macht, ob man über einen Begriff spricht oder ihn selbst benutzt.
Was sagt man stattdessen? Die Selbstbezeichnung, die viele Betroffene in Deutschland verwenden, ist „Schwarze Menschen“ oder „Schwarze Deutsche“, oft mit großem S geschrieben. Das große S ist Absicht: Es geht nicht um eine Farbbeschreibung, sondern um eine gemeinsame Erfahrung, nämlich die, in einer weißen Mehrheitsgesellschaft als „anders“ markiert zu werden. Daneben gibt es den Begriff „People of Color“, kurz PoC, als Sammelbezeichnung für Menschen, die Rassismus erfahren, also nicht nur Schwarze Menschen, sondern etwa auch Menschen mit asiatischen, arabischen oder lateinamerikanischen Wurzeln. Und was ist mit „Farbige“? Klingt höflicher, ist es aber nicht. Das Wort stammt aus derselben kolonialen Denkschublade und geht davon aus, dass Weiß die Norm ist und alle anderen „Farbe“ haben. Ähnliches gilt für „dunkelhäutig“, das zwar weniger belastet ist, aber immer noch die Hautfarbe zum zentralen Merkmal macht. Die ehrlichste Faustregel: Wenn die Hautfarbe für das, was ich sagen will, keine Rolle spielt, dann lasse ich sie einfach weg.
Dasselbe gilt für den „Mischling“. Dieses Wort sollte man sich wirklich abgewöhnen. Nicht nur, weil es aus der Tierzucht kommt, sondern weil es im Nationalsozialismus ein amtlicher Begriff war. In den Nürnberger Gesetzen gab es „Mischlinge ersten und zweiten Grades“, und diese Einteilung entschied darüber, wer verfolgt, entrechtet, deportiert wurde. Wer heute ein Kind mit einem Schwarzen und einem weißen Elternteil so bezeichnet, benutzt, ob er es weiß oder nicht, ein Stück NS-Verwaltungssprache.
Jetzt wird es spannend, denn jetzt kommen wir zu den Beispielen, bei denen sich die Gemüter am liebsten erhitzen. Den Schaumküssen. Der Soße. Der Apotheke um die Ecke.
Der Schokokuss hieß früher im Volksmund mit dem N-Wort oder „Mohrenkopf“. Die Hersteller haben das längst geändert, im Supermarkt findet man heute Schokoküsse oder Schaumküsse. Geschmeckt hat es vorher nicht besser. Der „Mohr“ ist dabei übrigens kein bisschen harmloser als das N-Wort, auch wenn es altertümlich-niedlich klingen mag. Das Wort geht auf die Bezeichnung für Mauren und später allgemein für dunkelhäutige Menschen zurück, und die Bilder dazu kennen wir: der Diener mit dem Turban, der Tablettträger, die Figur auf der Kakaodose. Immer in dienender Rolle, immer exotisch, immer „der andere“.
In Berlin wurde nach jahrelangem Streit und etlichen Gerichtsverfahren die Mohrenstraße umbenannt, sie heißt jetzt Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Amo war ein Mann aus dem heutigen Ghana, der als Kind nach Deutschland verschleppt wurde, „verschenkt“ an einen Herzog, und der es trotzdem schaffte, im 18. Jahrhundert in Halle und Wittenberg zu studieren, zu promovieren und als Philosoph zu lehren. Man ersetzt also ein Klischee durch einen Menschen mit Namen und Lebensgeschichte. Ich finde, das ist kein Verlust. Das ist ein Gewinn.
Und dann ist da das Zigeunerschnitzel. Oder die Zigeunersoße. Ein Lebensmittelkonzern hat seine Soße schon 2020 in „Paprikasauce Ungarische Art“ umbenannt, viele Kantinen und Restaurants sagen heute Paprikaschnitzel oder Schnitzel mit Paprikarahmsoße. Dazu gab es damals einen Aufschrei, als würde man den Leuten das Mittagessen wegnehmen. Dabei ist das Essen dasselbe geblieben. Nur das Wort ist weg.
Warum ist dieses Wort ein Problem? Weil „Zigeuner“ keine Selbstbezeichnung war, sondern eine Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die über Jahrhunderte mit Vorurteilen aufgeladen wurde: diebisch, unzuverlässig, heimatlos, kriminell. Und weil diese Vorurteile nicht im luftleeren Raum blieben. Im Nationalsozialismus wurden Sinti und Roma systematisch erfasst, verfolgt und ermordet. Man geht von bis zu 500.000 Opfern in Europa aus. Die Polizeiakten, die das vorbereitet haben, trugen genau diesen Begriff im Titel. Und die Diskriminierung hörte 1945 nicht einfach auf. Die Anerkennung als Opfer des NS-Völkermords kam in der Bundesrepublik beschämend spät.
Die richtige Bezeichnung ist also „Sinti und Roma“, oder, wenn man genau weiß, um wen es geht, der konkrete Gruppenname. Das ist nicht schwer. Es kostet keine Mühe. Es kostet nur die Bereitschaft, eine Gewohnheit abzulegen.
Ein Satz noch zu Kinderbüchern, weil das Thema regelmäßig hochkocht. Als der Verlag in „Pippi Langstrumpf“ aus dem N-Wort-König einen Südseekönig machte, und als in „Die kleine Hexe“ die entsprechenden Passagen überarbeitet wurden, hieß es sofort, hier werde Kulturgut zerstört. Ich sehe das anders. Astrid Lindgren wollte, dass Kinder mit Pippi lachen, nicht, dass sie ein rassistisches Wort lernen und es auf dem Schulhof ihrer Schwarzen Mitschülerin an den Kopf werfen. Eine Geschichte lebt nicht von einem einzelnen Wort. Wer das Original lesen will, kann das in jeder Bibliothek tun. Aber ein Kind, das mit sechs Jahren vorgelesen bekommt, braucht diesen Ballast nicht.
Zurück zur Supermarktkasse. Viele Menschen verstehen tatsächlich nicht, was an der Frage „Wo kommst du her?“ falsch sein soll. Man ist doch nur interessiert! Man will doch nur ins Gespräch kommen!
Das Problem ist nicht die Frage an sich. Wenn ich auf einer Party jemanden kennenlerne und wir uns darüber unterhalten, wo wir aufgewachsen sind, ist das völlig normal. Das Problem ist, wem man die Frage stellt und warum. Wenn ein weißer Mann mit Namen Thomas Müller in einer Kneipe in Köln sitzt, fragt ihn niemand, wo er ursprünglich herkommt. Wenn eine Schwarze Frau oder ein Mann mit türkischen Großeltern dort sitzt, passiert das ständig. Die Frage wird also nicht aus allgemeiner Neugier gestellt, sondern weil das Aussehen des Gegenübers signalisiert: Du bist nicht von hier.
Und dann kommt meistens die Steigerung, die ich oben beschrieben habe: „Nein, ich meine, wirklich.“ Spätestens da wird es übergriffig. Denn damit sagt man dem Menschen, dass seine eigene Antwort falsch ist. Dass er zwar in Gelsenkirchen geboren ist, zur Schule gegangen ist, Steuern zahlt, Schalke-Fan ist, aber eben trotzdem nicht dazugehört. Die Journalistin Ferda Ataman hat ihr Buch zu diesem Thema „Hört auf zu fragen. Ich bin von hier!“ genannt. Ich finde, der Titel sagt eigentlich alles.
In der Wissenschaft nennt man solche Momente Mikroaggressionen. Der Begriff stammt von dem US-Psychiater Chester Pierce und beschreibt kleine, oft unbeabsichtigte Bemerkungen, die für sich genommen banal wirken, aber in ihrer Summe eine klare Botschaft transportieren: Du bist anders. Du gehörst nicht ganz dazu. Stell dir vor, du wirst das dreimal pro Woche gefragt, seit du ein Kind bist. Beim Arzt, beim Elternabend, beim Vorstellungsgespräch, beim Date. Irgendwann ist die Frage keine Frage mehr, sondern eine Erinnerung.
Genauso verhält es sich mit dem berühmten Satz „Sie sprechen aber gut Deutsch!“. Klingt wie ein Kompliment. Ist aber keins, wenn das Gegenüber in Deutschland geboren ist und Deutsch die Muttersprache ist. Man würde ja auch nicht zu seinem Nachbarn sagen: „Oh, Sie können aber gut laufen!“ Das Kompliment unterstellt, dass man das eigentlich nicht erwartet hätte. Und die Erwartung basiert allein auf dem Aussehen. Noch schlimmer ist die Variante, jemanden direkt in gebrochenem Deutsch oder gleich auf Englisch anzusprechen, weil man davon ausgeht, dass er einen sonst nicht versteht. Wer „Du verstehen?“ sagt, sagt damit mehr über sich selbst als über das Gegenüber.
Was also tun, wenn man wirklich neugierig ist? Ganz einfach: Die Person erst einmal als Person kennenlernen. Worüber man mit jedem anderen auch reden würde. Job, Hobbys, Fußball, das Wetter, das Buffet. Wenn jemand über seine Familiengeschichte, seine Wurzeln, seine Herkunft sprechen möchte, dann wird er das tun. Und wenn ein Gespräch so weit gediehen ist, dass man sich wirklich kennt, dann ist die Frage „Wo bist du aufgewachsen?“ auch keine Markierung mehr, sondern ehrliches Interesse. Der Unterschied liegt im Timing und in der Haltung. Die Frage darf nicht der Türöffner sein, der auf dem Aussehen basiert.
Rassismus ist nicht das einzige Feld, auf dem sich Sprache verändert hat. Auch beim Thema Behinderung schleppen wir eine ganze Menge Altlasten mit uns herum.
„Das ist doch voll behindert.“ Wer mit Jugendlichen zu tun hat, hört diesen Satz vermutlich häufiger, als ihm lieb ist. Gemeint ist: Das ist dumm, peinlich, schlecht. Und genau da liegt das Problem. Wenn ein Wort, das Menschen beschreibt, als Synonym für „schlecht“ benutzt wird, dann sagt das etwas darüber aus, wie wir auf diese Menschen blicken. Dasselbe gilt für „Spast“ oder „Mongo“. Letzteres geht auf eine Bezeichnung für das Down-Syndrom zurück, die im 19. Jahrhundert entstand und auf einer rassistischen Theorie beruhte, nach der Menschen mit Trisomie 21 angeblich „mongolischen“ Menschen ähnelten. Das ist doppelt verletzend, gegenüber Menschen mit Down-Syndrom und gegenüber Menschen aus der Mongolei.
Aber auch scheinbar wohlmeinende Formulierungen sind oft schief. „Er ist an den Rollstuhl gefesselt.“ Nein, ist er nicht. Er nutzt einen Rollstuhl. Für viele Rollstuhlfahrer ist der Rollstuhl nicht eine Fessel, sondern genau das Gegenteil: das Hilfsmittel, das ihnen Freiheit und Mobilität gibt. „Sie leidet an Autismus.“ Vielleicht leidet sie. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht leidet sie vor allem an einer Umwelt, die nicht auf sie eingestellt ist. „Sie ist Autistin“ oder „sie hat eine Autismus-Diagnose“ ist neutraler und überlässt ihr die Deutung.
Und dann ist da der ganz große Klassiker: „der Behinderte“. Hier hat sich weitgehend „Mensch mit Behinderung“ durchgesetzt. Der Mensch steht vorne, die Behinderung ist ein Merkmal von vielen. Manche Aktivisten bevorzugen übrigens „behinderter Mensch“, weil sie sagen: Ich habe keine Behinderung, ich werde behindert, nämlich durch Treppen ohne Rampe, durch Formulare ohne leichte Sprache, durch Vorurteile. Auch das ist ein Beispiel dafür, dass es nicht die eine perfekte Lösung gibt, sondern dass man zuhört, wie Betroffene selbst sprechen wollen.
Wer sich intensiver mit der NS-Geschichte beschäftigt, weiß übrigens, wie tödlich Sprache in diesem Bereich sein konnte. Menschen mit Behinderung wurden als „lebensunwertes Leben“ und „Ballastexistenzen“ bezeichnet. Das war keine bloße Rhetorik. Das war die sprachliche Vorbereitung der sogenannten Aktion T4, der systematischen Ermordung von über 70.000 Menschen in Heil- und Pflegeanstalten. Erst hat man die Menschen sprachlich entwertet. Dann hat man sie umgebracht.
Das bringt mich zu einem Punkt, der mir besonders wichtig ist. Viele Redewendungen, die wir heute gedankenlos benutzen, stammen direkt aus dem Vokabular des Nationalsozialismus. Oder sie haben durch ihn eine Bedeutung bekommen, die man nicht einfach ignorieren kann.
„Bis zur Vergasung“ zum Beispiel. Man hört es immer noch, wenn jemand sagen will, dass er etwas bis zum Umfallen gemacht hat. „Wir haben bis zur Vergasung geübt.“ Die Wendung soll zwar schon vor 1933 existiert haben, in Bezug auf chemische Vorgänge oder das Gas im Ersten Weltkrieg, aber nach Auschwitz, nach Treblinka, nach Sobibor kann man diese Formulierung schlicht nicht mehr unschuldig benutzen. Punkt.
„Jedem das Seine“ klingt nach einem klassischen Rechtsprinzip, stammt ursprünglich auch aus der Antike. Aber es stand als Inschrift am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald, so gestaltet, dass die Häftlinge es von innen lesen mussten. Wer das weiß, lächelt nicht mehr, wenn eine Werbeagentur daraus einen Slogan für Kaffee oder Handytarife bastelt, was tatsächlich schon mehrfach passiert ist.
Auch Wörter wie „Selektion“, „Sonderbehandlung“ oder „Endlösung“ haben durch den NS-Völkermord eine Bedeutung angenommen, die man nicht mehr abwaschen kann. „Endlösung“ in einer Präsentation für eine Software? Kommt vor. Sollte es aber nicht. Und ein „entartet“, ob bei Kunst, Musik oder was auch immer, ist ebenfalls ein Begriff, den die Nazis als Kampfbegriff geprägt haben.
Und dann gibt es noch den Fall „getürkt“. Als Zauberkünstler habe ich eine gewisse Schwäche für die Geschichte, die dahinter angeblich steckt. 1769 präsentierte Wolfgang von Kempelen am Wiener Hof einen Schachautomaten in Gestalt eines Mannes mit Turban, den sogenannten Schachtürken. Die Maschine schlug angeblich die besten Spieler Europas. In Wahrheit saß ein Mensch im Kasten versteckt. Eine grandiose Illusion. Aus dieser Geschichte soll „getürkt“ im Sinne von „gefälscht, vorgetäuscht“ entstanden sein. Ob die Herkunft wirklich so ist, darüber streiten sich die Sprachforscher. Aber selbst wenn: Für Menschen mit türkischen Wurzeln klingt es eben nicht nach Wiener Hofillusion, sondern danach, dass „türkisch“ und „betrügerisch“ im selben Wort stecken. Warum nicht einfach „gefälscht“, „manipuliert“ oder „inszeniert“ sagen? Ich verrate Ihnen was: Kein Zaubertrick wird schlechter, wenn man ihn nicht „getürkt“ nennt.
Und jetzt kommt ein Abschnitt, den manche vielleicht nicht erwarten. Denn zur Ehrlichkeit gehört auch: Nicht jedes Wort, das irgendwie verdächtig klingt, ist tatsächlich rassistisch oder diskriminierend. Wer das Thema ernst nimmt, sollte auch hier genau hinsehen.
„Schwarzfahren“ ist so ein Beispiel. Immer wieder liest man, das Wort sei rassistisch. Die meisten Sprachforscher sehen das anders. „Schwarz“ steht hier sehr wahrscheinlich für „illegal, heimlich, im Dunkeln“, wie bei Schwarzarbeit, Schwarzmarkt oder Schwarzgeld. Eine Herleitung aus dem Jiddischen, wo „schwarz“ für „arm“ steht, wird ebenfalls diskutiert. Mit Hautfarbe hat das nach allem, was man weiß, nichts zu tun. Trotzdem sagen manche Verkehrsbetriebe heute „Fahren ohne gültigen Fahrschein“. Das kann man machen, muss man aber nicht als moralische Pflicht verkaufen.
Warum erwähne ich das? Weil die Glaubwürdigkeit dieses ganzen Themas davon abhängt, dass man differenziert. Wer jedes Wort zum Problem erklärt, macht es denen leicht, die ohnehin alles als „Gendergaga“ und „Wokeness“ abtun wollen. Es geht nicht darum, eine Liste verbotener Wörter auswendig zu lernen. Es geht um eine Haltung: Hinsehen. Nachfragen. Zuhören.
Dieses Argument höre ich wahrscheinlich am häufigsten. Und ehrlich gesagt ist es auch das schwächste. Man hat auch schon immer Kinder geschlagen, Frauen durften bis 1977 ohne Zustimmung ihres Ehemannes keine Arbeit aufnehmen, Homosexualität war bis 1994 in Deutschland strafbar. „Das war schon immer so“ ist keine Begründung, sondern eine Beschreibung. Und oft genug ist es eine Beschreibung von etwas, das nie in Ordnung war, nur dass sich früher niemand getraut hat, laut dagegen zu protestieren.
Das Gleiche gilt für den Satz „Aber ich meine das doch gar nicht böse“. Das glaube ich sofort. Die meisten Menschen, die das N-Wort gegenüber einem Kind im Kindergarten benutzen, meinen es nicht böse. Aber Absicht und Wirkung sind nicht dasselbe. Wenn ich jemandem versehentlich auf den Fuß trete, dann tut es trotzdem weh. Und die angemessene Reaktion ist nicht: „Stell dich nicht so an, ich hab's nicht mit Absicht gemacht.“ Die angemessene Reaktion ist: „Entschuldigung.“ Und beim nächsten Mal etwas besser aufpassen.
Und dann ist da noch die ewige Klage: „Man darf ja gar nichts mehr sagen.“ Doch. Man darf. Man darf in Deutschland nahezu alles sagen, was nicht strafbar ist. Man muss nur damit rechnen, dass andere Menschen darauf reagieren. Das ist keine Zensur. Das ist Meinungsfreiheit, und zwar in beide Richtungen. Wer das N-Wort benutzt und dafür Widerspruch erntet, dessen Meinungsfreiheit wird nicht eingeschränkt. Es äußert nur jemand anderes ebenfalls eine Meinung. Bemerkenswert finde ich übrigens, wie oft der Satz „Man darf ja nichts mehr sagen“ in Talkshows, Bestsellern und Zeitungskolumnen mit Millionenauflage gesagt wird.
Was mich an dieser ganzen Debatte am meisten wundert, ist, wie unverhältnismäßig heftig manche Menschen reagieren. Wir reden hier nicht darüber, dass jemand auf sein Auto verzichten soll, seine Heizung austauschen oder sein Einkommen teilen. Wir reden darüber, dass jemand „Schokokuss“ statt eines alten Wortes sagt. „Paprikaschnitzel“ statt einer Fremdbezeichnung für eine verfolgte Minderheit. „Mensch mit Behinderung“ statt „der Behinderte“. Oder einfach mal nicht fragt, wo jemand „wirklich“ herkommt.
Das kostet nichts. Keinen Euro, keine Minute, keine Freiheit. Es kostet nur eine kleine Umgewöhnung. Und wer diese kleine Umgewöhnung nicht leisten will, obwohl er weiß, dass er damit andere verletzt, der sollte sich ehrlich fragen, warum ihm das eigentlich so wichtig ist.
Sprache ist nicht nur ein Werkzeug, um Informationen auszutauschen. Sie zeigt auch, wen wir mitdenken und wen nicht. Wen wir in die Mitte stellen und wen an den Rand. Wenn sich Sprache verändert, dann ist das in den meisten Fällen ein Zeichen dafür, dass Menschen, die früher nicht gehört wurden, heute endlich eine Stimme haben. Menschen, die sagen: So möchte ich nicht genannt werden. Das verletzt mich. Nennt mich so, wie ich mich selbst nenne.
Das ist nun wirklich nicht zu viel verlangt.
Die Kassiererin in dem Supermarkt kommt übrigens aus Bayreuth. Das hat sie ja gesagt. Man hätte ihr einfach glauben können.
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