Über die beste aller möglichen Primatenversammlungen
Ich hoffe, dass die Menschheit mehr Potenzial hat.
Ich fürchte jedoch, sie läuft bereits im Overdrive.
Mit diesen beiden Sätzen endete mein letzter Artikel. Sie waren als noch bösere Weiterentwicklung eines Satzes von James Branch Cabell gedacht: „Der Optimist verkündet, wir lebten in der besten aller möglichen Welten; der Pessimist fürchtet, dass das wahr ist.“
Cabells Pessimist fürchtet keinen bevorstehenden Absturz. Er fürchtet die Bestandsaufnahme. Was, wenn unsere Gegenwart kein bedauerlicher Zwischenstand auf dem Weg zu einer vernünftigeren Menschheit ist? Was, wenn dies bereits die beste Welt ist, die wir als Kollektiv über längere Zeit zustande bringen? Was, wenn Zivilisation, Demokratie und Humanismus bereits die maximale Dauerleistung dieser Spezies darstellen?
Einzelne Menschen können klug, solidarisch, mutig und anständig sein. Manche bleiben es sogar, wenn es sie etwas kostet. Als Kollektiv erreichen wir dieses Niveau nur mithilfe eines gewaltigen technischen, rechtlichen und sozialen Stützapparats. Bildung zwingt uns, über den eigenen Erfahrungshorizont hinauszusehen. Gesetze begrenzen unsere Bereitschaft, Schwächere dem persönlichen Vorteil zu opfern. Wohlstand entschärft Verteilungskämpfe. Soziale Sicherheit nimmt der Angst einen Teil ihrer politischen Sprengkraft. Demokratische Institutionen verteilen Macht und machen wenigstens den Versuch, Willkür zu erschweren. Historische Erinnerung zeigt uns, wohin es führt, wenn wir den autoritären Reflex zur Staatsform erklären.
Wir nennen das Zivilisation. Man kann es auch einen aufwendig konstruierten Exoskelettapparat für Primaten nennen, die sich ohne diese Hilfen sehr schnell wieder daran erinnern, dass der eigene Stamm wichtiger ist als der fremde Mensch. Der Apparat hebt uns künstlich oberhalb unseres natürlichen Betriebszustands. Er macht uns friedlicher, als wir sind, gerechter, als wir handeln würden, und humanistischer, als es unseren spontanen Instinkten entspricht.
Das klingt beleidigend für die Menschheit. Die Menschheit wird es verkraften. Sie hat Atombomben, industrielle Massentierhaltung, Foltergefängnisse, Milliardäre und Reality-TV hervorgebracht. Ihr Selbstwertgefühl steht erkennbar auf einem soliden Fundament.
Dieser Stützapparat funktioniert unter günstigen Bedingungen erstaunlich gut. Wenn Lebensmittel verfügbar, Wohnungen bezahlbar, Wasser selbstverständlich, Versicherungen zahlungsfähig und Zukunftserwartungen halbwegs stabil sind, kann sich eine Gesellschaft Großzügigkeit leisten. Sie kann über Menschenrechte sprechen, Minderheiten schützen, Geflüchtete aufnehmen und sich einreden, all das entspringe ihrem tiefsten Wesen. In Wahrheit wurde dieses Wesen über Generationen gebaut, bezahlt, unterrichtet, gesetzlich abgesichert und institutionell beaufsichtigt. Die Klimakatastrophe wird prüfen, wie belastbar diese Konstruktion wirklich ist.

DREI GRAD BIS ZUM ENDE DER GEDULD
Sie kommt nicht als einzelnes Ereignis, nach dem Kamerateams verschwinden, Spendenkonten geschlossen werden und alle gemeinsam den Wiederaufbau feiern. Sie kommt als dauerhafte Überlagerung von Hitze, Dürren, Hochwasser, Ernteausfällen, Waldbränden, steigenden Lebensmittelpreisen, Wasserproblemen, zerstörter Infrastruktur, unbewohnbaren Regionen und Flucht. Jede einzelne Belastung trifft auf Gesellschaften, die bereits mit Wohnungsnot, Vermögenskonzentration, maroder Infrastruktur, Pflegenotstand, politischer Radikalisierung und einem erschöpften Sozialstaat beschäftigt sind.
Wir diskutieren gern darüber, ob die globale Erwärmung bis 2050 oder 2060 bei zwei, zweieinhalb oder drei Grad liegen wird. Diese Diskussion klingt beruhigend technisch. Drei Grad erscheinen auf einem Thermometer wie der Unterschied zwischen Jacke und Pullover. Global gemittelte drei Grad sind allerdings kein etwas wärmerer Sommer. Sie verändern Wasserverfügbarkeit, Landwirtschaft, Küsten, Ökosysteme und die Bewohnbarkeit ganzer Regionen. Die lokale Erwärmung über Land liegt zudem über dem globalen Mittel. Der Planet bekommt keine angenehm gleichmäßig verteilten drei Grad. Er bekommt verschobene Niederschläge, Extremwerte und Kettenreaktionen.
Die mittleren Projektionen des Weltklimarats liegen für die Mitte dieses Jahrhunderts unter drei Grad. Das muss sauber gesagt werden. Ebenso sauber muss gesagt werden, dass Mittelwerte keine Sicherheitsgarantien sind. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft warnten 2025 gemeinsam, eine globale Erwärmung von drei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau könne bereits um 2050 nicht mehr ausgeschlossen werden. Sie bezeichneten dies ausdrücklich als Risiko in einer beobachteten Phase beschleunigter Erwärmung, nicht als neue mittlere Prognose. Genau so funktionieren Hochrisikoszenarien: Ihr möglicher Schaden ist so groß, dass man sie ernst nimmt, bevor sie zum wahrscheinlichsten Verlauf geworden sind.
Wenn ein Statiker sagt, ein Gebäude werde mit sechzigprozentiger Wahrscheinlichkeit stehen bleiben, veranstaltet niemand darunter eine Hochzeit und erklärt die übrigen vierzig Prozent zur alarmistischen Randmeinung. Beim Klima gilt bereits die Erwähnung des Einsturzes als übertriebene Dramatisierung. Wir verlangen von Forschenden Gewissheit über ein hochkomplexes Erdsystem und behandeln jedes Unsicherheitsintervall wie einen Rabattgutschein für Untätigkeit.
Dabei ist die genaue Jahreszahl für den politischen Kern fast nebensächlich. Ob die Drei-Grad-Welt 2050, 2060 oder später erreicht wird, verändert den Zeitplan. Sie verändert nicht die Richtung. Jede weitere Erwärmung erhöht Schäden, Anpassungskosten und die Zahl der Menschen, deren Lebensgrundlage zerstört wird. Wir steuern in eine Epoche zunehmender Knappheit und tun so, als bliebe die politische Kultur davon unberührt.
Einzelne Katastrophen können Solidarität auslösen. Nach einer Flut fahren Menschen mit Pumpen, Schaufeln und Lebensmitteln in die betroffenen Gebiete. Sie nehmen Fremde auf, spenden Geld und entdecken für einige Tage, dass Gesellschaft mehr sein kann als die Verwaltung privater Interessen. Das ist real. Es ist jedoch die Solidarität des begrenzten Ausnahmezustands. Alle wissen, dass das Wasser wieder sinkt, der Strom zurückkommt und anschließend Normalität beantragt werden darf.
Jahrzehntelanger Dauerstress erzeugt eine andere Gesellschaft. Wenn Ernten wiederholt ausfallen, Versicherungen Regionen aufgeben, Kommunen kein Geld mehr haben, Trinkwasser rationiert wird, Energiepreise steigen und immer mehr Menschen Schutz suchen, endet der Ausnahmezustand nicht. Er wird Alltag. Dann konkurrieren nicht mehr Helfer darum, wer zuerst einen Sandsack trägt. Dann konkurrieren Bevölkerungsgruppen um Wohnungen, Wasser, Geld, Sicherheit und politische Aufmerksamkeit. Aus Solidarität wird Verteilungskampf. Aus Verteilungskampf wird Abstiegsangst. Und Abstiegsangst sucht selten nach einer komplexen Analyse globaler Produktionsverhältnisse. Sie sucht nach einem Gesicht, dem man die Schuld geben kann.
IM ZWEIFEL DAS GERINGERE DRAMA
An dieser Stelle kommt die Wissenschaft ins Spiel. Von ihr erwarten wir eine eindeutige Ansage. Wir wollen wissen, wann welches System kippt, wie viele Menschen fliehen, welche Ernte in welchem Jahr ausfällt und wann unsere Stadt im Sommer unbewohnbar wird. Die Wissenschaft kann solche Gewissheiten nicht liefern, weil sie Wissenschaft ist. Sie beschreibt Wahrscheinlichkeiten, Unsicherheiten, Bandbreiten und Wechselwirkungen. Genau diese intellektuelle Redlichkeit wird politisch gegen sie verwendet.
Galileo steht bis heute als Symbol für den Konflikt zwischen Erkenntnis und Macht. Die moderne Klimaforschung wird nicht vor ein Inquisitionsgericht gezerrt. Ihre Disziplinierung funktioniert zivilisierter. Forschende lernen, öffentlich nur das auszusprechen, was sie maximal belegen können. Jede drastische Formulierung wird gegen sie verwendet. Jede Abweichung von der mittleren Projektion erzeugt den Vorwurf des Alarmismus. Wer ein Risiko überschätzt, gefährdet seine Reputation. Wer es unterschätzt, war wissenschaftlich erfreulich vorsichtig.
Diese Asymmetrie wurde sogar wissenschaftlich beschrieben. Keynyn Brysse, Naomi Oreskes, Jessica O’Reilly und Michael Oppenheimer untersuchten 2013 eine Tendenz, die sie „erring on the side of least drama“ nannten: Im Zweifel auf der Seite des geringeren Dramas irren. Ihre Analyse widersprach dem dauernden Vorwurf, Klimaforschende würden Entwicklungen systematisch übertreiben. Sie fanden bei wichtigen Klimafolgen eine Neigung zu zurückhaltenden Einschätzungen und erklärten sie unter anderem mit wissenschaftlichen Normen wie Nüchternheit, Skepsis, Zurückhaltung und Objektivität.
Diese Normen sind unverzichtbar. Ohne sie wird Wissenschaft zur Behauptungsmaschine. Im politischen Umgang mit existenziellen Risiken haben sie jedoch eine Nebenwirkung. Das schwächer formulierte Szenario wirkt seriös. Das drastische Szenario muss sich gegen den Verdacht verteidigen, Aufmerksamkeit erzeugen zu wollen. Begründete Befürchtungen verschwinden in Unsicherheitsbereichen, Anhängen und Fußnoten. Die Öffentlichkeit hört den Mittelwert und verwechselt ihn mit einer zugesicherten Obergrenze.
Der Weltklimarat verschärft diese institutionelle Vorsicht. Seine Fachberichte entstehen durch die Arbeit vieler Forschender, umfangreiche Begutachtung und dokumentierte Reaktionen auf Einwände. Die Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger werden anschließend von den Mitgliedsregierungen Satz für Satz und Zeile für Zeile beraten und verabschiedet. Die wissenschaftlichen Autoren bleiben beteiligt und sollen verhindern, dass die Zusammenfassung dem zugrunde liegenden Bericht widerspricht. Das Ergebnis ist keine gefälschte Wissenschaft. Es ist Wissenschaft, die eine außergewöhnlich große Zahl fachlicher und politischer Widerstände überleben muss.
Der IPCC ist deshalb kein Orakel des maximal Denkbaren. Er ist eine Konsensmaschine für das gemeinsam Haltbare. Seine Formulierungen müssen wissenschaftlich belastbar, international tragfähig und politisch verabschiedbar sein. Das verleiht ihnen enormes Gewicht. Es erzeugt zugleich eine strukturelle Neigung zu Aussagen, die niemand mehr seriös bestreiten kann. Zwischen „nicht mehr seriös bestreitbar“ und „als Hochrisikoentwicklung möglich“ liegt genau jener Bereich, in dem Katastrophenvorsorge stattfinden müsste.
Wir haben also ein groteskes System gebaut. Forschende formulieren vorsichtig, weil Vorsicht zur Wissenschaft gehört. Regierungen beraten die Zusammenfassung, weil politische Verbindlichkeit entstehen soll. Medien kürzen Wahrscheinlichkeiten zu Schlagzeilen. Politik nimmt den mittleren Verlauf als Planungsgrundlage. Die Bevölkerung hört eine Jahreszahl am Ende des Jahrhunderts und geht davon aus, bis dahin werde die Zivilisation ungefähr so weiterlaufen wie bisher, nur mit mehr Sonnentagen.
DIE HUMANISTISCHE MEHRHEIT IM BELASTUNGSTEST
Dann trifft die Klimakatastrophe auf jene siebzig Prozent, über die ich im letzten Artikel geschrieben habe. Siebzig Prozent wählen keine AfD. Das macht sie weiterhin nicht zu siebzig Prozent Humanisten. Unter stabilen Bedingungen lässt sich die Vorstellung einer großen humanistischen Mehrheit leicht aufrechterhalten. Man bekennt sich zu Menschenrechten, solange genug Wohnungen, Lebensmittel, Wasser, Energie und Sicherheit vorhanden sind. Der wirkliche Test beginnt, wenn Gleichheit den eigenen Lebensstandard berührt und Solidarität nicht mehr aus einer Überweisung von zwanzig Euro besteht.
Die Klimakatastrophe wird diesen Test nicht einmalig durchführen. Sie wird ihn jahrzehntelang wiederholen. Bei jeder Hitzewelle, jeder Wasserbeschränkung, jedem Ernteausfall, jeder Fluchtbewegung und jeder neuen Verteilungsentscheidung stellt sie dieselbe Frage: Gilt die gleiche Würde weiterhin für alle, wenn ihr Preis steigt?
Ich kenne die Antwort unserer politischen Gegenwart. Zuerst werden wir erklären, die Lage sei beherrschbar. Dann erklären wir, niemand habe das Ausmaß vorhersehen können. Anschließend erklären wir, jetzt sei leider keine Zeit mehr für Grundsatzdebatten. Am Ende wird der Ausschluss von Menschen als alternativlose Krisenverwaltung verkauft. Die Gesellschaft wird sich dabei weiterhin demokratisch, aufgeklärt und humanistisch nennen. Selbstbilder sind erstaunlich hitzebeständig.
Die Klimakatastrophe trifft ja keine sozial neutrale Welt. Vermögende kaufen Abstand. Sie kaufen Häuser in sichereren Lagen, Klimaanlagen, private Wasserversorgung, Versicherungen, medizinische Versorgung, Mobilität und politischen Zugang. Wenn eine Region unbewohnbar, unversicherbar oder wirtschaftlich wertlos wird, ziehen sie um. Ihr Vermögen reist mit.
Arme Menschen bleiben dort, wo der Wohnraum noch bezahlbar ist. Sie arbeiten im Freien, wohnen an stärker belasteten Straßen, in schlecht gedämmten Gebäuden und in den Gebieten, die nach jeder Katastrophe ein wenig später wiederhergestellt werden. Geflüchtete stehen vor Grenzen. Pflegebedürftige stehen in überhitzten Einrichtungen. Erwerbslose und gesellschaftlich Unerwünschte werden zu Menschen erklärt, deren Schutz man sich bedauerlicherweise nicht mehr leisten könne.
Der Zerfall wird dabei wahrscheinlich viel langweiliger aussehen, als das Kino versprochen hat. Kein Mad Max, keine Lederkostüme, keine Flammenwerfer auf umgebauten Lastwagen. Dafür fehlt der deutschen Apokalypse schon das zuständige Prüfzeichen.
Der Untergang kommt als Brief Ihrer Versicherung. Bestimmte Schäden sind in Ihrer Region künftig leider ausgeschlossen. Er kommt als kommunale Wasserverordnung, nach der private Pools nicht mehr befüllt werden dürfen, während industrielle Großverbraucher eine Übergangsregelung erhalten. Er kommt als Grenzverfahren, als neue Liste sicherer Herkunftsstaaten, als gekürzte Katastrophenhilfe, als Hitzeschutzplan ohne Personal, als Notstandsrecht und als amtliche Entscheidung darüber, welches Wohngebiet noch verteidigt wird.
ANPASSUNGSAPARTHEIT
Schutz wird zur Ware, Sicherheit zum Klassenprivileg und Überleben zur Frage der Zahlungsfähigkeit. Der Begriff klingt hart. Die Realität wird härter. Eine Gesellschaft muss niemanden ausdrücklich zum Sterben verurteilen. Es genügt, Kühlung, Wasser, Versicherung, Gesundheitsversorgung und einen sicheren Wohnort nach Marktregeln zu verteilen und anschließend sehr betroffen auf die unterschiedlichen Sterberaten zu schauen.
Die Rechte wird die Klimakatastrophe nicht ewig leugnen. Sie leugnet sie nur so lange, wie Leugnung politisch nützlich ist. Sobald Hitze, Ernteausfälle, Wasserknappheit und Flucht nicht mehr weggeredet werden können, wechselt die Erzählung. Dann heißt es nicht mehr, die Katastrophe existiere nicht. Dann heißt es, die verbleibenden Ressourcen gehörten zuerst uns.
Aus dem Klimaleugner wird der Klimaautoritäre. Er verlangt geschlossene Grenzen, bewachte Wasserreserven, nationale Lebensmittelstrategien, härtere Notstandsgesetze und den Ausschluss all jener, die angeblich nichts beigetragen haben. Er wird behaupten, Humanität sei ein Luxus aus besseren Zeiten. Menschenrechte würden an der Grenze der Belastbarkeit enden. Demokratie müsse in der Krise handlungsfähig bleiben, womit er meint, dass weniger Menschen mitentscheiden und noch weniger Menschen geschützt werden sollen.
Die Rechte besitzt dafür bereits die vollständige moralische Infrastruktur. Sie teilt Menschen in Zugehörige und Fremde, Nützliche und Belastende, Leistungsträger und Schmarotzer, Schützenswerte und Entbehrliche. Die Klimakatastrophe liefert ihr lediglich die materielle Begründung. Was heute als Ressentiment auftritt, wird morgen zur angeblichen Notwendigkeit erklärt. Der Satz „Wir können nicht alle retten“ wird zur politischen Generalvollmacht für die Frage, wen man zuerst aufgibt.
Zivilisation wird nicht in einem spektakulären Knall verschwinden. Sie wird schrittweise entzogen. Erst den Menschen ohne Staatsbürgerschaft, dann den Armen, den Kranken, den Alten, den Unproduktiven und allen, deren Schutz zu teuer geworden ist. Jede Entscheidung trägt ein Aktenzeichen, vielleicht sogar ein Kreuz mit Haken, eine Rechtsbehelfsbelehrung und den Hinweis, dass aufgrund der angespannten Haushaltslage leider keine andere Möglichkeit bestehe. Der bürokratisch organisierte Untergang wird außerordentlich korrekt gegendert sein und seine Opfer um Verständnis bitten.
BIST DU EIN OPTIMIST ODER EIN PESSIMIST?
Damit kehren wir zu Cabell zurück. Der Optimist glaubt, der Mensch werde unter Druck über sich hinauswachsen. Der Pessimist schaut in die Geschichte und prüft, wen der Mensch gewöhnlich unter sich begräbt, sobald es eng wird. Meine Befürchtung lautet, dass Zivilisation, Demokratie und Humanismus bereits unsere maximale Dauerleistung sind. Die Klimakatastrophe erhöht nun die Last, während wir gleichzeitig Bildung, soziale Sicherheit, öffentliche Infrastruktur und demokratische Institutionen abbauen. Wir entfernen dem Exoskelett die Streben und wundern uns, dass der Primat wieder auf allen vieren läuft.
Die humanistische Mehrheit ist eine gesellschaftliche Selbstberuhigung. Unter günstigen Bedingungen erscheint sie plausibel, weil die Kosten ihrer Überzeugungen gering bleiben. Unter Dauerstress wird sichtbar, wie viele Menschen Menschenrechte als universelles Prinzip begreifen und wie viele darin lediglich eine freundliche Regelung für normale Zeiten sehen. Die Klimakatastrophe wird keine neue menschliche Natur erschaffen. Sie wird die vorhandene von ihren höflichen Bedingungen befreien.
Ich hoffe weiterhin, dass die Menschheit mehr Potenzial besitzt. Hoffnung ist schließlich das kostenlose Getränk, das man uns reicht, während das Gebäude geräumt werden müsste. Für die Planung halte ich mich lieber an das, was Menschen unter Angst, Knappheit und politischer Erregung tatsächlich tun.
Quellen zu den wissenschaftlichen Passagen
- Deutsche Physikalische Gesellschaft und Deutsche Meteorologische Gesellschaft: Globale Erwärmung beschleunigt sich
- Brysse, Oreskes, O’Reilly und Oppenheimer: Climate change prediction: Erring on the side of least drama?
- IPCC: How does the IPCC review process work?
- IPCC AR6 Working Group II: Impacts, Adaptation and Vulnerability

