Warum Politikern jedes Ministerium führen können
Man muss den Politikern gelegentlich einfach einmal Danke sagen. Viel zu oft betrachten wir ihre Arbeit mit Misstrauen, Spott oder jener stillen Verzweiflung, die entsteht, wenn man erkennt, dass der eigene Kontostand stärker an der Wirklichkeit orientiert ist als die Bundesregierung. Dabei übersehen wir, mit welch außergewöhnlichen Geistesgrößen wir es zu tun haben.

Nehmen wir Nina Warken. Als sie 2025 Bundesgesundheitsministerin wurde, galt sie gesundheitspolitisch als weitgehend unbeschriebenes Blatt. Eine Juristin ohne nennenswerte Erfahrung im Gesundheitswesen. Für gewöhnliche Menschen wäre das ein Problem gewesen. Ein gewöhnlicher Mensch, der ein Krankenhaus leiten möchte, sollte wenigstens ungefähr wissen, an welcher Seite eines Stethoskops der Patient hängt. In der Politik gelten andere Maßstäbe. Dort ist fehlende Fachkenntnis kein Hindernis, sie ist die unberührte Leinwand, auf der politische Größe erst richtig zur Geltung kommt.
Kaum hatte Nina Warken sich ein wenig in Krankenhäuser, Pflege, Krankenkassen und Arzneimittelversorgung eingearbeitet, erkannte Friedrich Merz ihr wahres Potenzial: Kanzleramt. Selbstverständlich. Wer gestern noch das deutsche Gesundheitswesen sanieren sollte, kann morgen die gesamte Bundesregierung koordinieren. Gesundheit, Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft, Verteidigung, europäische Zusammenarbeit, Geheimdienste, Krisenmanagement. Im Grunde handelt es sich überall um denselben Vorgang: Man bekommt sehr viele Unterlagen, schaut ernst und sagt anschließend, dass Deutschland vor großen Herausforderungen steht.
Auch Carsten Linnemann verdient unsere uneingeschränkte Bewunderung. Er ist Betriebswirt, promovierter Volkswirt, ehemaliger Bankökonom, Wirtschaftspolitiker und CDU-Generalsekretär. Eine Laufbahn, die ihn geradezu zwingend an die Spitze des Gesundheitsministeriums führt. Vermutlich lagen zwischen Konjunkturforschung und Intensivmedizin nur ein paar schlecht beschriftete Türen.
Andere Menschen brauchen Jahre, bis sie ein Fachgebiet halbwegs beherrschen. Sie studieren Medizin, arbeiten in Kliniken, beschäftigen sich mit Pflege, Pharmazie, Epidemiologie, Gesundheitsökonomie oder der Finanzierung komplexer Versorgungssysteme. Politiker besitzen dafür eine besondere Begabung: Sie werden am Freitag vereidigt und sind am Montag zuständig. Das Wochenende genügt. Vielleicht bekommen sie eine Mappe. Vielleicht sogar zwei.
Wir sollten diese geistige Beweglichkeit endlich als das nationale Wunder würdigen, das sie ist. Ein Politiker kann heute Gesundheit, morgen Umwelt, nächste Woche Wirtschaft und übernächste Woche Verteidigung. Danach könnte er noch kurz das Bildungsministerium übernehmen, weil er einmal eine Schule von außen gesehen hat. Das Landwirtschaftsministerium wäre ebenfalls denkbar, sofern er beim Frühstück ein Brötchen gegessen hat. Für Digitales qualifiziert bereits der Besitz eines Mobiltelefons. Und für Verkehr genügt ein Führerschein, wobei selbst dieser vermutlich nur als unnötige fachliche Verengung empfunden würde.
Die Ministerien sind in diesem System ohnehin weniger Sachressorts als Ehrenpokale einer parteiinternen Tombola. Entscheidend ist, wer gerade versorgt, befördert, ausgetauscht oder aus der Schusslinie genommen werden muss. Erst wird die Person ausgewählt, anschließend sucht man ein Gebäude mit freiem Chefsessel. Die Fachpolitik erledigen Staatssekretäre, Abteilungsleitungen, Referate, Beiräte, Kommissionen und Lobbyverbände. Der Minister übernimmt die anspruchsvolle Aufgabe, vor Kameras Entschlossenheit auszustrahlen und Sätze zu sagen, in denen die Wörter „Reform“, „Verantwortung“ und „gemeinsam“ vorkommen.
Diese Menschen sind jedoch nicht immer allwissend. Ihre überragende Auffassungsgabe unterliegt rätselhaften Schwankungen. Sie verstehen innerhalb weniger Stunden die gesamte Architektur eines fremden Ministeriums, scheitern aber über Jahre an vergleichsweise einfachen Zusammenhängen.
Beim Klimaschutz beispielsweise benötigen sie weitere dreißig Jahre Bedenkzeit. Da sind die Zusammenhänge plötzlich kompliziert, die Daten noch nicht ganz eindeutig, die Maßnahmen wirtschaftlich schwer vermittelbar und der geeignete Zeitpunkt leider gerade ungünstig. Dass eine eskalierende Klimakrise Menschenleben, Infrastruktur, Landwirtschaft und Volkswirtschaft gefährdet, erscheint ihnen noch immer als gewagte Hypothese. Da müssen zunächst Gutachten, Modellprojekte, Expertenrunden und Monitoringprogramme her. Seit einem halben Jahrhundert liegen Erkenntnisse vor, doch politische Sorgfalt braucht Zeit. Sehr viel Zeit. Vorzugsweise mehr, als der Planet zur Verfügung stellt.
Bemerkenswert, wie ein Gehirn, das morgens das gesamte Gesundheitswesen erfasst, am Nachmittag an der Erkenntnis scheitert, dass eine überhitzte Erde dem Wirtschaftsstandort möglicherweise abträglich sein könnte.
Noch eindrucksvoller zeigt sich diese vorübergehende geistige Verdunkelung bei der Besteuerung großer Vermögen. Sobald die Frage auftaucht, ob Menschen mit Hunderten Millionen Euro ein wenig mehr zur Finanzierung der Gesellschaft beitragen könnten, verwandeln sich unsere Universalgelehrten in staunende Forschungsreisende. Was ist Vermögen? Wie misst man es? Wo befindet es sich? Wem gehört es eigentlich? Lässt sich eine Milliarde überhaupt zählen?
Da wird alles furchtbar kompliziert. Leistungsträger könnten erschrecken. Kapital könnte fliehen. Yachten könnten traurig werden. Ganze Familiendynastien müssten womöglich erstmals erfahren, dass auch geerbte Fabriken Straßen, Schulen, Gerichte und eine funktionierende Gesellschaft benötigen.
Bei Bürgergeldempfängern kehrt die mathematische Begabung schlagartig zurück und die geistige Unschärfe endet sofort. Dort lässt sich jeder Euro finden, jede angeblich mangelnde Anstrengung vermessen und jede kleine Ersparnis moralisch sezieren. Ein Bürgergeldempfänger mit 17 Euro zu viel auf dem Konto wird zum volkswirtschaftlichen Risiko. Ein Milliardär mit 17 Briefkastenfirmen gilt als Leistungsträger, dessen zartes Vertrauen in den Standort keinesfalls erschüttert werden darf.
Bei Milliardenvermögen beginnt auch das große Staunen. Zahlen verschwimmen, Zuständigkeiten werden unklar, juristische Bedenken wachsen aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Regen. Die Universalgenies stehen plötzlich vor dem Reichensteuersatz wie eine Reisegruppe vor einer verschlossenen Museumstür.
Diese selektive Ratlosigkeit ist der Preis außergewöhnlicher Begabung. Wer jedes Ministerium leiten kann, muss schließlich nicht auch noch verstehen müssen, wer die Folgen seiner Politik bezahlt. Für solche Kleinigkeiten gibt es Bürgerinnen und Bürger. Sie finanzieren das Gesundheitssystem, tragen die Klimaschäden, pflegen Angehörige, bezahlen steigende Beiträge und gehen länger arbeiten. Die politische Führung liefert währenddessen das Wichtigste: neue Zuständigkeiten.
Wir dürfen also beruhigt sein. Deutschland wird von Menschen regiert, deren Fähigkeiten keine fachlichen Grenzen kennen. Heute Bankökonom, morgen Gesundheitsminister. Heute Gesundheitsministerin, morgen Schaltzentrale der Republik. Übermorgen vielleicht etwas ganz anderes. Hauptsache, der Dienstwagen findet das neue Ministerium.
Nur beim Klima und beim Vermögen der Reichen sollte man ihnen noch etwas Zeit geben. Man kann schließlich nicht alles sofort verstehen.

