Die ewige Wiederkehr des Gleichen
Es gibt Länder, die haben einmal Krieg geführt und tragen seither, ein Leben lang, eine Art nationalen Kater. Und es gibt Deutschland. Das Land, das im 20. Jahrhundert zweimal einen Krieg entfesselte, der große Teile Europas und darüber hinaus verwüstete, und das sich danach zumindest in Teilen erstaunlich schnell auch als Opfer der eigenen Geschichte zu inszenieren wusste. Ich wiederhole: ZWEIMAL! Nicht aus Versehen. Nicht im Affekt. Sondern mit militärischen Planungen, staatlichen Apparaten und einer politischen Führung, die bereit war, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Das waren keine bloßen Entgleisungen. Das war organisierte Politik. Und beim zweiten Mal wurde daraus ein Vernichtungsprogramm von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß. Das war, im wahrsten Sinne des Wortes, deutsche Wertarbeit – nur eben angewandt auf Krieg, Unterdrückung und Mord.
Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es Bestrebungen und Gruppierungen in diesem Land gibt, die die „gute alte Zeit“ wiederaufleben lassen möchten. Aber das ist natürlich nur ein Gefühl, oder?
Am Anfang steht nie ein Schrei. Am Anfang steht ein Raunen, gemütlich, fast bieder. Ein Mann in einer Bierhalle findet, es reiche jetzt. Man lacht über ihn, den Schreihals mit dem albernen Bärtchen, man findet ihn zu lächerlich, um gefährlich zu sein. Dieselbe Belehrung, mit der man sich seit damals jedes Mal aufs Neue täuscht.
Die Presse unterschätzt ihn teilweise, andere Medien bekämpfen ihn, wieder andere versuchen, ihn einzuordnen. Die Industriellen unterstützen ihn nicht geschlossen, aber einflussreiche Vertreter der Wirtschaft finanzieren die NSDAP und hoffen auf eine Politik, die ihre Interessen schützt und die Arbeiterbewegung zurückdrängt. Die Konservativen wiederum glauben, sie könnten ihn einrahmen, ihn kontrollieren, ihn politisch benutzen und seine Massenbewegung für ihre eigenen Ziele einsetzen. Franz von Papen und andere halten eine von konservativen Ministern dominierte Regierung mit Hitler als Reichskanzler für beherrschbar. Hitler wird am 30. Januar 1933 Reichskanzler. Im Kabinett sitzen zunächst nur zwei weitere Nationalsozialisten.
Man kennt das Drehbuch. Man kennt es so auswendig, dass es fast obszön ist, wie zuverlässig Menschen politische Bewegungen unterschätzen, weil sie glauben, ihre eigene Macht sei größer als die Dynamik, die sie gerade entfesseln.
Die Formel ist immer dieselbe, mit derselben stumpfen Präzision: eine verunsicherte Bevölkerung, eine wirtschaftliche oder gesellschaftliche Krise, ein Sündenbock, praktischerweise seit Jahrhunderten schon vorgehalten, gepflegt, einsatzbereit gehalten wie Werkzeug im Gartenhäuschen, und ein Mann, der verspricht, die gute alte Zeit zurückzuholen. Jene goldene Epoche, die es nachweislich nie gegeben hat, außer im selektiven Gedächtnis derer, die schon damals privilegiert genug waren, sich an nichts erinnern zu müssen, was ihnen wehtat.
Und dann geschah, was in diesem Land geschah, als die Nationalsozialisten ihre Herrschaft errichteten: nicht wild, nicht chaotisch, sondern zunehmend bürokratisch. Keine spontane Barbarei, sondern vielfach ein Verwaltungsakt. Gesetze mit Paragraphen, Unterparagraphen, Ausführungsbestimmungen. Formulare, Verordnungen, Zuständigkeiten. Fahrpläne, die eingehalten wurden, bis zur letzten Minute, bis zur letzten Rampe.
Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik wurde von einem hochorganisierten Staatsapparat getragen. Die Deportation und Ermordung von Millionen Menschen erforderte die Zusammenarbeit zahlreicher Behörden und Organisationen. Die Eisenbahn spielte dabei eine zentrale Rolle. Das Reichssicherheitshauptamt koordinierte Deportationen, das Reichsverkehrsministerium organisierte die Transporte, und weitere staatliche Stellen waren beteiligt. Menschen wurden aus ihren Wohnungen geholt, zu Bahnhöfen gebracht und mit Zügen in Ghettos, Konzentrationslager und Tötungszentren deportiert.
Die Schreibtischtäter unterschrieben mit ruhiger Hand, planten, verwalteten und organisierten. Andere bewachten, verschleppten, plünderten und mordeten. Wieder andere profitierten davon oder schauten weg.
Und genau hier wird es unangenehm: Das Wissen der deutschen Bevölkerung war keineswegs gleichbedeutend mit dem Wissen über jedes Detail des industriellen Massenmords. Aber die Deportationen der jüdischen Bevölkerung waren vielfach öffentlich sichtbar. Menschen wurden unter Zwang aus ihren Wohnungen geholt, auf Lastwagen oder zu Fuß zu Bahnhöfen gebracht und von dort mit der Reichsbahn abtransportiert. Es gab Zuschauer, Kommentare, Beschimpfungen, aber auch Ablehnung, Scham und Schweigen. Die Deportationen waren als solche öffentliches Wissen.
Was viele nicht wussten oder nicht wissen wollten, war das genaue Schicksal, das die Deportierten erwartete. Die nationalsozialistische Propaganda verschleierte die Vernichtungsabsicht und sprach von „Umsiedlung“ oder „Arbeitseinsatz“. Doch je länger der Krieg dauerte, desto mehr Hinweise auf die tatsächlichen Verbrechen wurden bekannt. Das kollektive Nichtwissen dieses Volkes war deshalb keine vollständige Unkenntnis. Es war etwas Unangenehmeres: eine Mischung aus tatsächlicher Unwissenheit, bewusster Verdrängung, Angst, Anpassung, Gleichgültigkeit und der menschlichen Fähigkeit, Dinge nicht genauer wissen zu wollen, wenn das Wissen Konsequenzen hätte.
Am Ende: ein Kontinent aus Trümmern, zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahrzehnte. Millionen Tote, sorgfältig gezählt, sorgfältig kategorisiert, bis zuletzt. Sechs Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet, dazu Millionen weitere Menschen aus politischen, rassistischen und ideologischen Gründen. Der Zweite Weltkrieg kostete darüber hinaus Millionen weitere Menschen das Leben. Und die Welt fragte sich, mit Recht und mit Grauen, wie ein hochentwickelter Staat in der Lage gewesen war, einen derartigen Zivilisationsbruch hervorzubringen und seine Verbrechen mit einer solchen organisatorischen Konsequenz umzusetzen.
Es folgten Jahrzehnte der Aufarbeitung, das muss man zugeben. Gedenkstätten aus Beton und Stille. Schulklassen, die Gedenkstätten besuchen. Arbeitsblätter, Führungen, Zeitzeugenberichte. Sonntagsreden, in denen sich Politiker feierlich versicherten, so etwas dürfe „nie wieder“ geschehen. Ein Satz, der mit den Jahren so oft wiederholt wurde, dass er bisweilen den Klang eines Werbeslogans annahm. Man wurde Weltmeister im Erinnern, solange das Erinnern folgenlos blieb, solange es niemanden im eigenen Alltag, im eigenen Portemonnaie, in der eigenen Nachbarschaft etwas kostete. Doch Läuterung ist offenbar kein Diplom, das man einmal erwirbt und für immer an die Wand hängt. Sie ist Muskelarbeit, jeden einzelnen Tag, und Muskeln, die man nicht mehr trainiert, verkümmern. Und ein Teil dieses Landes war dieser Arbeit, nach zwei, drei Generationen, sichtlich müde. Genervt sogar. Man wolle doch mal „einen Schlussstrich“.
Und so beginnt es von vorn, mit demselben Drehbuch, neu besetzt, zeitgemäß ausgeleuchtet. Kein Marsch mehr in Springerstiefeln nötig, ein Algorithmus erledigt vieles leiser und gründlicher. Statt der Bierhalle die Talkshow um 22:15 Uhr. Statt der Uniform der maßgeschneiderte Anzug. Statt der plumpen Parole von einst die klug verpackte Formel vom „eigenen Volk zuerst“, als hätte dieses Land aus zwei Weltkriegen und dem Holocaust vor allem eines gelernt: wie man politische Ausgrenzung und ethnischen Nationalismus geschmackvoller drapiert, bis sie im Fernsehen nicht mehr weh tun.
Wieder die verunsicherte Bevölkerung, diesmal nicht durch verlorenen Krieg, sondern durch Strukturwandel, durch das diffuse Gefühl des Abgehängtseins, durch echte, ernstzunehmende Sorgen, die man kaltblütig kapert und umlenkt. Wieder der bequeme Sündenbock, austauschbar, mal der Geflüchtete, mal „die da oben“, mal, mit atemberaubender Beliebigkeit, beides gleichzeitig. Wieder die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Jener Zeit, die es nie gegeben hat, außer für jene, die heute am lautesten nach ihr rufen und die im Ernstfall selbst zu den Ersten gehörten, die unter ihr zu leiden hätten, läsen sie nur ein einziges Kapitel zu Ende. Und wieder finden sich die Biedermänner mit Doktortitel, die glauben, man könne mit den neuen Brandstiftern verhandeln, sie „einhegen“, ihre Wähler „ernst nehmen“, ohne die Ideologie dahinter ernst zu nehmen, als sei Faschismus ein Kommunikationsproblem und keine Weltanschauung, die Menschen in wertvoll und entsorgbar sortiert.
In Sachsen-Anhalt, in Thüringen und anderswo zeigt sich in Prozentzahlen, schwarz auf weiß, wie viele bereit sind, ihr Kreuz bei einer Partei zu setzen, deren führende Köpfe mit Begriffen und historischen Bezügen hantieren, die nicht aus einem politischen Vakuum stammen. Die Geschichte dieses Landes liefert genügend Beispiele dafür, wohin ethnischer Nationalismus, Rassismus und die Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft führen können.
Man könnte fragen, ob etwas Spezifisches in der Natur bestimmter Menschen liegt, sagen wir, um bei unserem zufällig gewählten Beispiel zu bleiben, der Deutschen, das sie zuverlässig dazu treibt, aus jeder „guten alten Zeit“ eine neue, hässliche Zeit zu machen. Die unbequemere, ehrlichere Antwort: Es ist kein Volkscharakter, keine Erbschuld im Blut. Es ist etwas Banaleres und deshalb Gefährlicheres: die immer gleiche menschliche Bereitschaft, in Angst einfache Antworten den komplizierten vorzuziehen, Sicherheit im Ausschluss anderer zu suchen statt in Solidarität mit ihnen. Die besondere deutsche Tragik ist nur, dass dieses Land die Blaupause bereits einmal in ihrer extremsten Form durchgespielt hat und trotzdem, oder gerade deshalb, offenbar keine Immunität entwickelt hat.
Und ja: Das erste Mal, 1914, war etwas anderes. Der Erste Weltkrieg entstand aus einem komplexen Zusammenspiel von Nationalismus, Bündnispolitik, Imperialismus, militärischen Planungen und politischen Fehlentscheidungen mehrerer Staaten. Deutschland trug dabei erhebliche Verantwortung für die Eskalation, war aber nicht der alleinige Urheber des Krieges. Das zweite Mal, 1939, war die Situation anders. Hier ging der Angriffskrieg eindeutig von der nationalsozialistischen Führung aus. Und aus diesem Krieg entwickelte sich die systematische Vernichtungspolitik, die im Holocaust ihren grausamsten Ausdruck fand. Man könnte meinen, eine Erfahrung von diesem Ausmaß müsste wie eine Narbe wirken, die man nie vergisst. Stattdessen wirkt sie, bei nicht wenigen, wie ein verschollenes Familienrezept, das man, kaum sind die letzten Zeitzeugen unter der Erde, für eine originelle neue Idee hält und stolz wieder auf den Tisch bringt.
Das eigentlich Böse daran ist nicht allein der Brandstifter am Rednerpult. Das eigentlich Böse ist auch die schweigende oder relativierende Mehrheit ringsum, die zusieht, „auch mal Sorgen ernst nehmen“ fordert, während neben ihr Menschen nach Herkunft sortiert, als Belastung markiert und aus dem Kreis des Mitgefühls ausgeschlossen werden. Es war nie eine einzige Mehrheit. Es waren unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Situationen: überzeugte Anhänger, Mitläufer, Opportunisten, Profiteure, Wegschauer, Angepasste, Ängstliche, Widerständige und jene, die tatsächlich widersprachen. Genau deshalb ist die Geschichte so unbequem. Denn sie erlaubt es uns nicht, das Böse bequem in einer kleinen Gruppe von Monstern unterzubringen. Sie trägt heute nur bequemere Schuhe, fährt einen saubereren Wagen und schweigt mit besserem Gewissen.
Es gibt kein tröstliches Ende für diese Geschichte, denn sie ist nicht zu Ende. Sie beginnt gerade wieder an Wahlabenden, in Umfragen, in Kommentarspalten um Mitternacht, in Wohnzimmern, in denen man sich einredet, das sei doch alles nur Protest und keine Gesinnung, nur Frust und keine Absicht. Die Geschichte dieses Landes lehrt mit brutaler, unmissverständlicher Deutlichkeit, was geschehen kann, wenn genug Menschen solche Sätze lange genug glauben wollen. Sie lehrt, dass der Abstand zwischen „nie wieder“ und „schon wieder“ mitunter nur eine Generation betragen kann, die vergessen hat, wie das Ende der letzten Geschichte tatsächlich aussah – kein Heldenepos, sondern ein Ruinenfeld, ein Massengrab, ein Kontinent voller Namen von Toten, die nie eine zweite Chance bekamen, es besser zu wissen, weil man sie ihnen genommen hatte.
Wer heute sein Kreuz bei denen macht, die von der guten alten Zeit schwärmen, sollte sich einmal – nur einmal, ganz ehrlich, ohne Ausrede – fragen, für wen genau diese Zeit gut war. Und wer in ihr, gemessen an Herkunft, Hautfarbe, Glauben oder schlicht der falschen Meinung, gar nicht erst vorkommen durfte. Die Antwort steht in jedem Geschichtsbuch dieses Landes, mit Fotos, mit Namenslisten, mit Zahlen, die sich nicht schönreden lassen. Man muss das Buch nur noch aufschlagen wollen – bevor es, wie schon einmal, zu spät ist, es rechtzeitig getan zu haben.
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