
Als ich diesen Beitrag https://druckbrot.de/die-8-stufen-vor-einem-femizid/ las, kam etwas in mir hoch, was ich seit Jahren, ganz tief, in mir, verschütten will.
Als ich 20 Jahre alt war, lernte ich einen Mann kennen, der gutaussehend war und einen guten Eindruck machte. Am Tag nach dem ersten Kennenlernen holte er mich mit dem Auto ab, wir fuhren zur Havelchaussee, wo wir in einem Gasthaus zu Mittag außen und gingen anschließend, im Grunewald, spazieren. Er hörte zu, ohne zu unterbrechen, und war nicht aufdringlich in seinem Verhalten.
Von da an trafen wir uns täglich. Als ich, zum ersten Mal, seine Wohnung betrat, war ich etwas erstaunt. Eine sehr kleine 1-Zimmer-Wohnung, die Möbel alt und zerschlissen. Nicht, dass mich das gestört hätte, aber die Wohnung passte nicht zu seinem Auftreten, das eher so wirkte, als wäre er besonders weltmännisch, so, als lebe er ein gutbürgerliches Leben, mit einem etwas überdurchschnittlichen Einkommen.
Vielleicht hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon ins Grübeln kommen sollen, aber, ich hatte mich verliebt.
Sehr schnell bat er mich, zu ihm zu ziehen und ich tat es, ohne darüber nachzudenken. Ich brachte meine eigenen Möbel mit, er entsorgte seine bereitwillig und ich richtete diese sehr kleine Wohnung etwas her, um es uns angenehmer zu machen.
Mit der Zeit merkte ich, dass Alkohol für ihn eine Rolle spielte, was mich störte, aber ich sah darüber hinweg, weil er ja sich ja nicht ständig betrank. Was für mich schlimmer war, waren die Menschen, mit denen er sich umgab. Alle hatten schon langjährige Haftstrafen hinter sich und wurden immer wieder kriminell, Alkohol und Drogen waren in seinem Umfeld ein ständiges Thema.
Da wir beide ja noch jung waren, dachte ich, dass er sich in einer Phase befindet, wo man eben das Leben noch austestet und ich versuchte, so gut wie möglich, mich von den Personen fernzuhalten.
Knapp 2 Jahre später heirateten wir. Er hatte, bis dahin, bei der Reichsbahn und bei Wachdiensten gearbeitet, flog aber überall sehr schnell raus. Er überredete mich, mich selbstständig zu machen, obwohl ich davon überhaupt keine Ahnung hatte. Was ich, zu diesem Zeitpunkt, noch nicht wusste, war, dass er bereits einmal selbstständig gewesen war und ein Berufsverbot erhalten hatte.
Ich arbeitete mich ein, lernte, die Buchführung zu machen, Rechnungen und Angebote zu schreiben und mein Leben bestand nur noch aus Arbeit. Wenn ich nicht so funktionierte, wie er es sollte, kam es zum Streit und wenn ich Zeit für mich beanspruchen wollte, wurde aus einem Streit eine echte Auseinandersetzung. Während ich da saß und arbeitete, zog er oft, mit seinen Freunden um die Häuser oder brachte die mit, wobei von mir erwartet wurde, dass ich ganz Haus- und Ehefrau bin. Wenn er merkte, dass meine Unzufriedenheit stärker wurde, ging er mit mir essen, brachte mir Blumen mit oder fuhr mit mir irgendwohin. Wenn er merkte, dass ich wieder etwas ruhiger und ausgeglichener war, stellten sich seine Verhaltensweisen wieder ein.
Aus meiner Sicht würde ich heute sagen, dass ich mich in einem permanenten Auf und Ab der Gefühle befand. Es gab immer wieder schöne Momente aber immer wieder auch Momente, wo ich zweifelte und das Gefühl hatte, dass irgendwas, an diesem Leben überhaupt nicht stimmt.
Was ich nicht begriff oder begreifen wollte, war, dass ich schon längst isoliert war. Lernte ich Menschen, außerhalb seines Umfelds kennen, mit denen ich mich gut verstand, zog er über die Menschen her, behandelte sie schlecht, sodass sie sich von mir abwandten. Meine Freunde waren schon längst alle weg und ich begriff es nicht.
Einige Jahre, nach der Hochzeit, wurde ich schwanger. Das Kind war mein Wunschkind und ich freute mich auf das Kind. Wir waren inzwischen in eine größere Wohnung gezogen und ich richtete das Kinderzimmer ein, ging Shoppen, dem Kind sollte es an nichts fehlen. Die Firma lief inzwischen sehr gut, was immer mehr Arbeit, für mich bedeutete, während er sich oft um seine Aufgaben drückte, ich Personal einstellen mußte und ansonsten alles selbst erledigte. Bei der Voruntersuchung stellte der Arzt fest, dass ich total erschöpft war und das Kind, in meinem Buch, anfing darunter zu leiden. Statt mich zu unterstützen und mir Arbeit abzunehmen, traf er sich weiter mit Freunden und überließ mir die Aufgaben. Sieben Wochen vor der Geburt kam dann mein Zusammenbruch. Der Kreislauf machte nicht mehr mit und ich kam, für die Zeit, bis zur Entbindung, ins Krankenhaus.
Während ich im Krankenhaus an einem ständigen Tropf hing, brachte er mir nun eine Schreibmaschine und die Unterlagen mit ins Krankenhaus. Die Ärzte teilten ihm mit, das ich Ruhe benötige und darauf fing er an, die Ärzte auf eine schnelle Entbindung zu drängen. Er versuchte sogar, meinen Arzt davon zu überzeugen, einen Kaiserschnitt durchzuführen, was der Arzt und ich ablehnten.
Dann kam unser Kind. Bei der Entbindung stellte er sich in Pose, ließ sich, als wäre er selbst Arzt, fotografieren. Ich sah die Blicke der Ärzte, aber ich wollte es immer noch nicht sehen.
Einen Tag nach der Entbindung konnte ich, mit unserem Kind, nach Hause gehen. Als wir nach Hause kamen, dachte ich, mich trifft der Schlag. Die Wohnung vollkommen vermüllt, die Betten nicht bezogen, überall standen leere Alkoholflaschen herum.
Ich machte mich also ans Aufräumen, während er mir zusah und sowas sagte wie: „Hast ja ohnehin 7 Wochen faul im Krankenhaus herumgelegen“.
Zwei Tage konnte ich mich dann erholen und dann drückte er mir wieder die Unterlagen in die Hand. Nun hatte ich wieder mich um die Firma und den Haushalt zu kümmern, wobei er sich viel um unser Kind kümmerte, wenn ich beschäftigt war. Ich nahm das als positives Zeichen, dass er gewillt war, seine Verantwortung, wenigstens bei unserem Kind, zu übernehmen, aber ich merkte schnell, dass ich mich getäuscht hatte.
Als er nicht da war und mich mir etwas Zeit verschafft hatte, beschloss ich, mit unserem Kind spazieren zu gehen. Ich schleppte also den schweren Kinderwagen nach unten, holte unser Kind, und lief los. Ich kam nur wenige Meter. Er kam angefahren, hielt mit dem Auto und einem wütenden Gesicht, neben mir und brüllte mich an, wo ich denn mit SEINEM Kind hinwolle. Er riss mir den Kinderwagen weg, sodass er fast umgestürzt wäre und schlug auf mich ein. Eine Nachbarin beobachtete die Szene, stand da, und sagte nichts. Er schleppte dann den Kinderwaren wieder nach oben und in der Wohnung ging es dann weiter. Nach seiner Ansicht hatte ich zu fragen, wenn ich mit unserem Kind spazieren gehen wolle und ihm mitzuteilen, wohin ich gehen will.
Im Krankenhaus hatte ich zwei Frauen kennengelernt, mit denen ich mich gut verstand und wir wollten auch nach dem Krankenhaus weiter Kontakt halten. Die Eine rief auch mehrmals an, allerdings gab er den Telefonhörer nicht an mich weiter oder erzählte ihr, das ich gar keine Zeit hätte und mit der anderen traf er sich heimlich und sie gingen mit den Kindern spazieren.
Ich fragte dann nach, ob XXX sich mal gemeldet hatte und bekam zur Antwort: „Warum sollten die sich bei Dir melden? Dich kann doch eh keiner leiden!“.
Dann kam der Tag, wo mein Mann und unser Kind verschwanden. Mein Mann hatte unser Kind in den Kindersitz vom Auto gesetzt. Nichts deutete darauf hin, das irgendwas ungewöhnlich sei. Am Abend waren sie immer noch nicht zurück und ich begann mir Sorgen zu machen. Als sie dann, auch nicht in der Nacht zurück waren, rief ich alle Krankenhäuser an und fragte bei der Polizei, seinen Freunden nach, sofern ich da eine Telefonnummer hatte, aber nichts. Ich wurde panisch. Die Polizei sah keine Veranlassung, etwas zu tun, da wir ja beide das Sorgerecht hatten und es keine Anhaltspunkte gab, das irgendwas passiert sein konnte.
Die Stunden vergingen und dann Tage und dann kam ein Telegram aus Paris, dass er sich entschlossen habe, mal mit SEINEM Sohn Urlaub zu machen. Nach einer Woche waren sie wieder da und ich kann nicht beschreiben, was in der Zeit in mir vorging.
Ich teilte ihm mit, dass ich mich trennen wolle und er sagte mir, dass er dann ganz mit unserem Kind verschwinden werde und, ich wusste, dass das nicht nur daher gesagt war.
Ich beschloss also, es auszuhalten, um nicht unser Kind zu verlieren.
Nach einiger Zeit wurde ich wieder schwanger und die Ärzte stellten fest, dass es eine Bauchhöhlenschwangerschaft war. Ganz plötzlich zerriss dann der Eileiter, ich kam in die Notaufnahme und von dort direkt in den OP. Ich hatte bereits über 2 Liter Blut in der Bauchhöhle und drohte zu verbluten. Nach der OP kam ich auf die Intensivstation, wobei ich bereits während der OP ins Koma gefallen war.
Während des Komas hörte ich, wie der Arzt zur Schwester sagte, dass sie meinen Mann anrufen sollte, ich würde wohl die Nacht nicht überstehen und er solle kommen. Die Schwester antwortete ihm, das sie es bereits getan habe, er geantwortet hatte, das er gerade mit seinen Freunden Skat spiele und er keine Zeit habe. Während der gesamten Zeit meines Krankenhausaufenthaltes besuchte er mich nicht und ich bekam meinen Sohn nicht zu sehen. Während der Visite fragte ich den Arzt, ob das zuträfe, was ich gehört hatte und er bestätigte dies mit einem mitleidigen Blick.
Als ich dann wieder zu Hause war, sah, dass es so weiter ging, war ich am Ende mit meiner Kraft. Meine Erschöpfung zog sich über einen längeren Zeitraum dahin, zwischendurch hatte ich eine Nierenbeckenentzündung und ich war einfach nicht mehr in der Lage, mich um die Firma zu kümmern. Er täuschte vor, sich um die Buchhaltung zu kümmern, inzwischen hatten wir viel Personal und immer mehr Aufträge, tatsächlich tat er es nicht.
Er führte keine Steuern und Sozialversicherungsbeträge ab und immer mehr Geld verschwand vom Konto. Ständig verschwand er dann mit unserem Kind und ich hatte keine Ahnung, wohin.
Ich versuchte, alles so gut wie möglich zu regeln, vereinbarte Ratenzahlungen und hoffte, dass ich das alles wieder hinbekommen würde. Ich wußte ja auch, das sehr viele Menschen ja auf den Job und ihre Bezahlung angewiesen waren und ich wollte sie nicht enttäuschen.
Ich fühlte mich so hilflos und alleine, es gab niemanden, an den ich mich wenden konnte und bei dem ich Unterstützung erfahren hätte.
Dann kam der nächste Schlag, der mir das Genick brach. In der Zwischenzeit hatte er sich jemand anderen gesucht, mit dem er eine Firma eröffnet hatte. Er schrieb alle Kunden an, dass die Firma auf ihn übergegangen sei und teilte ihnen eine Kontoverbindung mit, die ich nicht kannte. Auf meinem Firmenkonto kam kein Geld mehr an. Gleichzeitig bestellte er, auf meinen Namen, Dinge, ohne, das ich das wusste, dafür jemals unterschrieben hatte, nur bekam ich auch die Rechnungen nicht und konnte daher nicht reagieren. Er holte die Post, die das betraf, aus dem Briefkasten und ließ die Post verschwinden.
Irgendwann kam es dann so, wie es kommen mußte. Die Behörden leiteten, gegen mich, als Eigentümer der Firma, ein Verfahren ein. Die Wohnung und die Geschäftsräume wurden durchsucht und während dessen tauchten die Gerichtsvollzieher bei mir auf und wollte das Geld für die Waren pfänden. Finanziell und seelisch war ich komplett am Ende. Zu dem Zeitpunkt lief die Scheidung schon. Ich hatte das Sorgerecht beantragt, das wurde abgelehnt, weil unser Kind äußerte, bei seinem Vater bleiben zu wollen und das Jugendamt nannte auch meine Schulden als Grund, warum mir das Kind nicht zugesprochen werden soll.
Ich klagte dann ein Besuchsrecht ein aber jedes Mal, wenn dann der Besuchstag dran war, war er mit unserem Kind verschwunden, Briefe und Pakete, an mein Kind kamen als „Annahme verweigert“ zurück.
Auch nach der Trennung ließ er mich nicht in Ruhe. Ständig war mein Anrufbeantworter voll mit Musik und Drohungen, er passte mich immer wieder auf Arbeit ab, die ich mir in der Zwischenzeit gesucht hatte, beschimpfte und bedrohte mich und scheute auch nicht davor zurück, die Kollegen*innen zu beschimpfen. Ich ging nebenbei zur Weiterbildung, wo er erschien und, mit seinem Auto, absichtlich Motorräder umfuhr, mit denen ich überhaupt nichts zu tun hatte, nicht einmal die Eigentümer kannte.
Auch mit der Scheidung und mit einer neuen Beziehung, die er hatte, ging es weiter. Täglich der Anrufbeantworter voll und es kam dazu, dass ständig an der Haustür geklingelt wurde. Ich stellte jedesmal Strafanzeige gegen unbkeannt, die Polizei nahm das auf, war auch anwesend, als es ständig klingelte, stellte sich aber nicht vor die Haustür, um die Person festzunehmen, die das verursachte.
Seiner Lebensgefährtin erzählte er irgendwas über mich, was sie dann herumerzählte und mir zugetragen wurde und ich viel aus allen Wolken.
Inzwischen entwickelte ich Angst, wenn das Telefon oder die Türglocke leutete. Ich sah mich immer wieder auf der Straße um, wenn ich zum Einkaufen oder zur Arbeit ging und wenn ich eins der Fahrzeuge in meiner Wohnumgebung sah, fing ich an zu zittern.
Als ich dann meinen zweiten Mann kennenlernte und ihn heiratete, war das für ihn kein Grund, damit aufzuhören, sondern, er bedrohte auch noch meinen neuen Mann, da waren wir schon 6 Jahre geschieden. Auch seine Betrügereien, die er auf meinen Namen durchführte, gingen weiter, was ihm dann letztendlich eine Haftstrafe einbrachte, denn ich hatte jedes Mal Strafanzeige ersattet.
Unser Kind, das, bei meiner zweiten Hochzeit, längst kein Kind mehr war begleitete mich zum Traualtar und ich war mächtig stolz und glücklich. Ein paar Tage nach der Hochzeit ging mein Mann und ich, mit meinem Kind und meinem Neffen essen. Danach meldete sich mein Kind nicht mehr bei mir und ich konnte auch telefonisch keinen Kontakt herstellen.
Mein Kind meldete sich dann viele Jahre später, als sein Vater im Sterben lag und wir sprachen uns aus, klärten viel, was sein Vater getan und gesagt hatte und ich erfuhr viel, von dem ich, bis dahin, nichts wusste.
Nicht die seelischen und körperlichen Mißhandlungen oder die finanziellen Schäden waren und sind das schlimmste für mich, sondern, das er mir das genommen hatte, was für mich am Wichtigsten war und das war mein Kind.
Als er dann starb, erfuhr ich, dass er meinen Tod versichert hatte. Ich sollte irgendwie sterben und er wollte dann die Lebensversicherung ausbezahlt bekommen. Vielleicht hatte er etwas geplant, das zu meinem Tod führen sollte, vielleicht hoffte er auch, dass ich irgendwann zusammenbreche und mir das Leben nehme. Ich weiß es nicht und ich werde es auch nie herausfinden.
Menschen, die von alle dem nichts wissen, haben mich oft gefragt, warum ich mich nicht einfach von ihm getrennt habe. Ich denke, ich habe es hier erklärt. Ich blieb, weil ich mein Kind nicht verlieren wollte und trotzdem habe ich mein Kind verloren.
Mein Kind hat heute selbst ein Kind und es ist verletzend, das ich daran kein Anteil habe, das ich kein Teil der Familie bin, das mein Kind sich in eine Richtung entwickelt hat, wo wir nicht mehr miteinander umgehen können. So gesehen, schadet mir der Mensch, von dem ich inzwischen 26 Jahre geschieden bin und der inzwischen Tod ist, immer noch.

