
Dr. Jane Monckton Smith, Professorin für Kriminologie an der University of Gloucestershire, hat ein Modell erstellt,
welches mögliche Femizide schon relativ früh erkennbar macht. Ihr Modell der 8 Stufen vor einem Femizid (Intimate Partner
Homicide Timeline) gilt als einer der wichtigsten Durchbrüche in der Kriminologie zur Prävention von Partnerschaftsgewalt.
Wie kam es zu der Studie?
Dr. Jane Monckton Smith untersuchte in ihrer richtungsweisenden Studie knapp 400 Fälle von Femiziden und versuchten
Tötungsdelikten an Frauen durch (Ex-)Partner. Ihr Ziel war es, mit einem weit verbreiteten Mythos aufzuräumen:
dass Beziehungstötungen spontane „Affekttaten“ aus verletzter Liebe oder unkontrollierbarer Wut seien. Die Auswertung
der Akten, Befragungen von Angehörigen und Experten zeigte das genaue Gegenteil: Femizide geschehen fast nie aus
heiterem Himmel. Sie folgen fast immer einem erschreckend ähnlichen, schrittweisen Muster, das von einem zentralen
Motiv angetrieben wird: dem Wunsch nach Macht und Kontrolle.
Die 8 Stufen des Femizid-Modells
1. Vorgeschichte (Pre-relationship history)
Bereits vor der Beziehung zeigt der spätere Täter oft auffällige Verhaltensmuster. Dazu gehören eine Historie
von Stalking, häuslicher Gewalt, exzessiver Eifersucht oder ausgeprägtem Kontrollverhalten in früheren Partnerschaften.
2. Schneller Beziehungsaufbau (Early relationship)
Die Beziehung beginnt ungewöhnlich intensiv und rasch. Der Mann drängt früh auf feste Verbindlichkeiten (Love Bombing),
verlangt Zusammenziehen, Heirat oder Schwangerschaft und zeigt früh ein besitzanzeigendes Verhalten („Du gehörst mir“).
3. Etablierung von Kontrolle (Coercive control)
Das Zusammenleben wird von schleichender, Macht ausübender Kontrolle geprägt (Coercive Control). Der Täter isoliert
die Frau schrittweise von Familie und Freund:innen, überwacht Kontakte oder Finanzen und diktiert den Alltag.
Körperliche Gewalt muss hier noch nicht vorkommen; psychischer Druck dominiert.
4. Der Auslöser / Trigger (Trigger)
Ein Ereignis bedroht den Kontrollanspruch des Täters massiv. Der häufigste Trigger ist die angekündigte oder
vollzogene Trennung der Frau. Aber auch Jobverlust, finanzielle Nöte oder der Eindruck, die Macht zu verlieren,
können diesen Zustand auslösen.
5. Eskalation (Escalation)
Um die schwindende Kontrolle mit allen Mitteln wiederherzustellen, intensiviert der Täter seine Maßnahmen. Es
kommt zu massivem Stalking, Betteln, Drohungen (auch mit Suizid oder Gewalt gegen Nahestehende/Kinder) und
drastischen Stimmungsschwankungen.
6. Sinneswandel / Wendepunkt (Change in thinking)
Sobald der Täter merkt, dass er die Kontrolle nicht mehr zurückgewinnen kann, verändert sich sein Denken.
Der Fokus verschiebt sich von „Ich muss die Beziehung/Sie kontrollieren“ zu „Ich muss mich rächen oder sie
zerstören“ („Wenn ich dich nicht haben kann, bekommt dich niemand“).
7. Planung (Planning)
Der Täter fasst den Entschluss zur Tötung und bereitet diese vor. Dazu gehören die Beschaffung von Waffen
oder Werkzeugen, das Nachforschen von Aufenthaltsorten, das Nachstellen der Frau, das Verfassen von Abschieds-
briefen oder das Auskundschaften von Tatorten.
8. Tatdurchführung (Homicide)
Die Tötung der Frau (und ggf. von Kindern oder Angehörigen) wird umgesetzt. Oft folgt ein Suizid oder
Suizidversuch des Täters. Nach der Tat versuchen Täter häufig, die Schuld auf das Opfer abzuschieben
(„Sie hat mich dazu getrieben“).
Warum dieses Modell so wichtig ist:
Weil die Stufen chronologisch ablaufen, macht Dr. Monckton Smiths Forschung klar, dass Femizide vorhersehbar
und somit verhinderbar sind. Wenn Polizei, Sozialarbeit und Justiz die Frühwarnzeichen (vor allem in den Stufen 3 bis 5)
ernst nehmen, können gefährdete Frauen rechtzeitig geschützt werden.

