
Es ist sieben und morgens in Deutschland. Peter ist erwacht, lauscht in die Stille seiner Wohnung, seine Frau hat sich schon vor Jahren scheiden lassen und seit dem lebt er alleine.
Peter ist vielleicht schon seit Jahren arbeitslos oder in Rente, wer weiß das schon, aber es interessiert auch niemanden. Seine Kinder sind schon lange erwachsen, leben ihr Leben und melden sich nur noch sporadisch.
Langsam erhebt er sich aus dem Bett, ohne zu wissen, warum er es eigentlich noch tut. Er hat sein Leben verpfuscht, nie ein Hobby gehabt und lebt schon lange in den Tag hinein. Nur ab und zu trifft er sich mit Menschen, in der Kneipe oder am Kiosk, wenn er sein Geld bekommen hat. Am Tresentisch wird Politik gemacht. Man versichert sich gegenseitig, wie schlecht es doch in diesem Land ist und dass es, ohne die ganzen Ausländer doch viel besser wäre. Aus Meinungen werden Fakten, die niemand nachprüft aber jeder bestätigt.
Peter, der gerade seinen Kaffee aufgesetzt hat, greift nach dem Handy und sucht die Seite, bei Facebook, die er jeden Morgen aufruft. Auf den Seiten und in den Gruppen sind die Menschen, die ihn verstehen, die das gleiche Leben führen, wie er selbst. Er liest die Beiträge und die Kommentare, die nur so vor Verachtung und Hass, auf die die Politik und die Menschen, strotzen. Jemand hat geschrieben, dass das Leben früher ja viel besser war und Peter stimmt zu, ohne darüber nachzudenken, wie denn sein Leben früher aussah oder in der Zeit, in der alles besser gewesen sein soll, selbst gelebt zu haben.
Mit jedem Beitrag, den Peter liest, steigert sich seine Wut, nicht etwa auf sich selbst, sondern auf die Ausländer und auf die Linksgrünversifften die er für alles verantwortlich machen kann, was in seinem Leben schiefgelaufen ist. Als Peter dann einen Beitrag eines Linksgrünversifften liest, der sich mit Politik beschäftigt, Fakten liefert und zu Diskussionen anregt, setzt er sich hin und tippt: „Du linksgrünversifftes Antifa-Arschloch“. Seine Wut kocht immer noch aber jetzt hat er es einem Menschen, den er gar nicht kennt, mal so richtig die Meinung gesagt. Seinen Beitrag kopiert er und fügt ihn in alle seine Lieblingsseiten und Gruppen ein. Er weiß, dass er dafür Zustimmung, von vielen Menschen, erhalten wird und diese Zustimmung macht ihn stolz. Niemand fragt ihn, warum er einen fremden Menschen mit einem ansonsten inhaltslosen Beitrag, beleidigt hat, er muss sich weder für sein Leben, noch für seinen Beitrag rechtfertigen. Er freut sich über jedes Like und über jeden Kommentar, auf die er manchmal antwortet, um das, was die fremde Person da geschrieben hat, noch zu verstärken. Es macht ihn, für einen Moment glücklich, dass so viele Menschen mit ihm hassen.
Der Moment des Glücksgefühls ist immer nur kurz, denn die Fremden, in den Gruppen und auf den Seiten wenden sich schnell wieder anderen Beiträgen zu und, wenn er jetzt nicht etwas findet, worauf er mit Hass reagieren kann, wird er zu einem von vielen, die nicht mehr nach ihm fragen, sich nicht mehr für ihn interessieren.
Peter hat inzwischen über 300 „Freunde“ bei Facebook. Niemand hat je gefragt, ob er etwas benötigt, wenn er krank ist und der überwiegende Teil der Menschen gratuliert ihm nur zum Geburtstag, weil Facebook die Menschen erinnert. Für jede Demo bekommt er eine Einladung und er nimmt sie persönlich. Er glaubt fest daran, dass es für die Menschen, die ihm die Einladung geschickt haben, wichtig ist, wenn er dabei ist. Das jeder die Einladung bekommt und es den Veranstaltern nicht um seine Person geht, sondern darum, Leute auf die Straße zu bekommen, ist ihm egal. Er hat das Gefühl, wichtig zu sein.
Peter hat einen langen Tag hinter sich und morgen wird er wieder aufstehen, wieder Kommentare verfassen, die er stolz präsentiert, sich wieder wichtig fühlen und wieder wird niemand an seiner Wohnungstür klingeln.

