
Von einer gescheiterten Selbsthilfegruppe zur Keimzelle des Terrors: Die Incel-Bewegung ist längst kein Randphänomen mehr. Was hinter dem Hass steckt – und was dagegen getan werden kann.
Was ist ein Incel?
Das Wort klingt harmlos, fast klinisch: „Incel“ ist ein Akronym aus dem Englischen, zusammengesetzt aus „involuntary celibate“ – also „unfreiwillig zölibatär“. Es bezeichnet Menschen, die sich eine Liebes- oder Sexualbeziehung wünschen, aber keine eingehen. Soweit könnte man meinen, es handle sich um eine schlichte Beschreibung eines persönlichen Schicksals.
Der Begriff selbst wurde Anfang der Neunzigerjahre von einer bisexuellen Frau geprägt und sollte ursprünglich eine Selbsthilfegruppe für Menschen beschreiben, die unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung mit Einsamkeit und Beziehungslosigkeit kämpfen. Eine Community gegenseitiger Unterstützung also – das Gegenteil von dem, was daraus geworden ist.
Denn heute bezeichnet „Incel“ etwas anderes: eine mehrheitlich männliche Online-Subkultur, die aus persönlicher Frustration ein geschlossenes misogyn-fatalistisches Weltbild destilliert hat. Die Incel-Ideologie ist eine Weltanschauung, in der Frauen als Objekte betrachtet werden und in der extreme Gewalt gegen sie gerechtfertigt wird.
Die Pille als Erkennungszeichen: So denken Incels
Das Weltbild der Incel-Gemeinschaft ist komplex und besitzt eine eigene Sprache, Hierarchie und Mythologie. Im Zentrum steht die Metapher der „Pille“ – entlehnt aus der Filmszene in Matrix (1999), in der der Protagonist zwischen Wahrheit und Illusion wählen muss.
Während die „Red Pill“ die Möglichkeit des Aufstiegs zum „Alpha“-Mann verspricht, steht die „Black Pill“ für die fatalistische Hoffnungslosigkeit, in Liebesdingen scheitern zu müssen.
Die Blackpill-Ideologie besagt konkret, dass der individuelle Dating-Erfolg ausschließlich von der physischen Attraktivität des Mannes abhänge. Hässliche Männer hätten demnach keinen Zugang zu sexuellen oder romantischen Beziehungen. Persönlichkeit, Empathie, soziale Kompetenz – das alles spiele laut dieser Überzeugung keine Rolle.
Blackpill-Anhänger sind der Überzeugung, dass heterosexuelle Männer enormen Attraktivitätsansprüchen ausgesetzt sind, die lediglich durch
„gute“ genetische Anlagen erfüllt werden können. Wer darüber nicht verfügt, kann seinen „sexual market value“ nur durch hohen sozioökonomischen
Status aufwerten.
Aus dieser Prämisse folgt eine klare soziale Hierarchie: Attraktive Männer – im Incel-Jargon „Chads“ – bekommen alles; Frauen – abwertend „Foids“ (von „female humanoid“) genannt – verteilen Sex wie eine Ressource; und die Incels selbst stehen am Boden dieser Nahrungskette, genetisch verdammt zur Bedeutungslosigkeit. Empirischen Befunden zufolge glauben nahezu 95 Prozent der untersuchten Incels an die Blackpill und 71 Prozent betrachten ihre Situation als permanent und unveränderlich. Das Resultat ist ein Weltbild, das keinen Ausweg kennt – und in dem Frauen als Täterinnen erscheinen.
Was tun Incels?
Der Alltag der meisten Incels spielt sich online ab. In Foren von bis zu 20.000 Mitgliedern auf Youtube, Twitter, Reddit oder TikTok tauschen sie sich über ihre Kränkungen aus und inszenieren sich als systematisch diskriminiert. Ein Instrument der Radikalisierung sind dabei Memes, welche von Incels erstellt und konsumiert werden. Der Humor von Incels ist im Kern meist sexistisch und rassistisch – er dient sowohl als Maske, um Hass und eine toxische Weltanschauung zu verstecken, als auch als Verstärker des maskierten Hasses.
Soziale Medien tragen dazu bei, dieses Weltbild zu verbreiten: Wurde einmal ein solcher Beitrag angeklickt, schlägt der Algorithmus immer wieder ähnliche Inhalte vor. Auf diese Weise bestätigt man sich im eigenen misogynen Weltbild – früher wurden solche Theorien im engeren Freundeskreis geteilt, heute reicht ein Klick. Diese Netzwerke nutzen digitale Plattformen nicht nur zur Radikalisierung und Verbreitung ihrer Ideologien, sondern auch als Räume, in denen Gewaltphantasien genährt und normalisiert werden.
Doch manche bleiben nicht bei Worten. Spätestens seit verschiedenen Anschlägen – etwa in Toronto 2018 oder in den USA 2014 – von Männern, die sich als Incel identifiziert haben, wird das Thema breiter diskutiert, insbesondere der Zusammenhang mit terroristischer Gewalt. Unabhängig von ihrer ideologischen Einordnung geht von den gewalttätigen Elementen der Bewegung eine terroristische Bedrohung für bestimmte Bevölkerungsgruppen in westlichen Gesellschaften aus. 2020 und 2021 waren besonders schlimme Jahre der Incel-Gewalt. Der Anschlag in Plymouth 2021, bei dem fünf Menschen getötet wurden, gilt als bisher schlimmste Tat mit gesichertem Incel-Bezug in Europa.
Wie verbreitet ist die Szene?
Verlässliche Zahlen sind schwer zu erheben – die Community operiert diffus, häufig anonym, verteilt über viele Plattformen und Länder. Was sich jedoch klar messen lässt, sind die gesellschaftlichen Auswirkungen. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik nehmen Straftaten gegen Frauen und Mädchen in Deutschland weiter zu. Ein besonders hoher Anstieg zeigt sich bei frauenfeindlichen Straftaten: 558 erfasste Delikte im Jahr 2024, ein Plus von 73,3 Prozent. Damit setzt sich der Anstieg aus dem Vorjahr fort.
Die Incel-Bewegung verbreitet sich auch in Europa. Incels illustrieren eine anhaltende Entwicklung im Terrorismus: Bewegungen, die man bisher auf ein Land beschränkt glaubte, überschreiten Grenzen und Ozeane, breiten sich entlang der Tentakel der sozialen Netzwerke rasch aus und radikalisieren Neulinge in weiteren Ländern. Da sie den traditionellen Konzepten der nationalen Antiterrorbehörden nicht entsprechen, sind sie deutlich schwieriger zu bekämpfen.
In Deutschland bleibt die Auseinandersetzung mit dem Thema bislang vor allem Expertinnen und Journalisten überlassen, die hauptsächlich anlässlich rechtsextremer
Anschläge zum Thema befragt werden – selten aber geht es um die genuine Incelkultur und das ihr innewohnende Gewaltpotential.
Die Verbindung zur Rechten
Incel-Ideologie und Rechtsextremismus sind keine getrennten Welten. Innerhalb der Szene findet sich breite Zustimmung zu einer White-Supremacy-Ideologie: Weiße Frauen, die sexuelle Beziehungen mit nicht-weißen Männern eingehen, werden als „Verräterinnen“ beschimpft. Es gibt zahlreiche Foren-Threads über den angeblichen Zusammenhang von Rasse und Intelligenz.
Der Rechtsextremist, der in Halle ein Attentat auf eine Synagoge und einen Dönerimbiss beging, verwendete diverse in Incel-Chatrooms übliche Wendungen. Die Übergänge sind fließend – Frauenhass ist für viele rechtsextreme Strukturen ein Einstiegstor.
Was kann man tun?
Die Antwort auf die Incel-Frage muss auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansetzen.
Aufklärung und Medienkompetenz sind der erste Schritt. Eltern, Lehrende und Sozialarbeitende müssen wissen, wie diese Szene kommuniziert, welche Codes und Begriffe verwendet werden und wie Algorithmen zur Radikalisierung beitragen. Wer „Blackpill“ kennt, erkennt früher, wenn jemand auf diesem Weg ist.
Plattformverantwortung ist die zweite Ebene. Forscherinnen und Forscher plädieren für einen ganzheitlichen Ansatz, der Plattformregulierung, Unterstützung von Betroffenen, Maßnahmen zur Medienkompetenz und weitere Forschung beinhaltet. (Sozial) Soziale Netzwerke müssen die Empfehlungsalgorithmen, die Nutzer in Hasskammern führen, grundlegend überarbeiten.
Präventionsarbeit mit jungen Männern ist der vielleicht wichtigste Ansatz. Das Weltbild der Incelkultur und der damit verbundene Radikalisierungsprozess beinhalten Faktoren, die zu terroristischer Gewalt führen können – ohne weitere ideologische Anreicherung durch andere extremistische Bewegungen. Das bedeutet: Die Prävention muss früh ansetzen – bei Einsamkeit, Versagensgefühlen und dem Mangel an Vorbildern gesunder Männlichkeit.
Gesellschaftliche Entstigmatisierung von Einsamkeit und das Angebot niedrigschwelliger psychosozialer Unterstützung für junge Männer können den
Nährboden entziehen, auf dem die Incel-Ideologie gedeiht. Viele dieser Männer leiden tatsächlich – das Problem ist nicht das Leiden, sondern die toxische Erklärung, die sie dafür finden.
Und schließlich braucht es konsequente Strafverfolgung: Das Bundesamt für Verfassungsschutz betrachtet Misogynie einschließlich ihrer Aspekte der Gewaltorientierung im Rahmen seines gesetzlichen Auftrags und trägt dem Rechnung, wann immer bekannt wird, dass sich Extremisten der Bewegung zurechnen. Das reicht nicht. Es braucht klare Strukturen und Ressourcen, um diese Form des Extremismus genauso ernst zu nehmen wie andere.
Fazit
Incels sind kein Witz, kein Internet-Phänomen für Nerds, kein harmloser Selbstmitleid-Club. Sie sind eine ideologische Bewegung mit gewaltbereitem Kern, die sich rasend schnell über Ländergrenzen hinweg ausbreitet und dabei besonders gut darin ist, verzweifelte, einsame junge Männer zu finden – und ihr Leid in Hass umzuwandeln. Das ist das eigentlich Gefährliche: nicht der Extremist von außen, sondern der Weg dorthin, den zu viele gerade gehen.

