Der Hund beißt nicht zurück
Du kennst das Bild. Jemand postet ein Foto mit seinem Hund, schreibt „Tiere sind die besseren Menschen“ darunter – und zwei Beiträge weiter feiert derselbe Account, dass wieder ein Boot im Mittelmeer gesunken ist. Kein Bruch, keine Irritation. Für die Person selbst passt das offenbar zusammen. Die Frage ist nur: wie?
Die naheliegende Antwort wäre, dass hier zwei getrennte Eigenschaften nebeneinander existieren – viel Empathie für Tiere, keine für Menschen. Genau das stimmt aber nach dem, was die Forschung dazu gefunden hat, nicht. Es ist kein Nebeneinander. Es ist eine Umverteilung.
Ein Team um den Psychologen Joshua Rottman hat das 2021 direkt untersucht. Sie ließen Leute moralischen Wert verteilen – zwischen Tieren und Natur auf der einen Seite, gesellschaftlich stigmatisierten menschlichen Gruppen auf der anderen. Ein gutes Drittel der Befragten gewichtete die Natur höher als die Menschen aus der Fremdgruppe. Interessant wird es aber bei der Gesamtsumme: Wer Tieren und Ökosystemen mehr moralischen Wert zusprach als marginalisierten Menschen, hatte insgesamt genauso viel moralisches Engagement wie jene, die es umgekehrt hielten. Es wird also nicht insgesamt mehr oder weniger Fürsorge empfunden, sie wird nur anders verteilt. Und diese Umverteilung läuft nicht zufällig: Wer Tiere über Menschen stellte, schrieb Tieren auffällig menschenähnlichere geistige Fähigkeiten zu und schrieb gleichzeitig den Menschen aus der Fremdgruppe auffällig weniger davon zu, verglichen mit jenen, die Menschen priorisierten. Vermenschlichung des Tiers und Enthumanisierung des Fremden sind also keine zwei getrennten Phänomene. Es ist dieselbe Verschiebung, nur an zwei Enden gleichzeitig sichtbar.
Das deckt sich mit einem zweiten Forschungsstrang, der sich seit Jahren mit dem beschäftigt, was in der Fachliteratur „parochiale Empathie“ heißt: Empathie, die sich strikt an Gruppengrenzen hält, statt allgemein zu wirken. Diese Art von Empathie treibt nachweislich eher Konflikte zwischen Gruppen an, als sie zu lindern, weil sie keine universelle Ressource ist, sondern eine, die man jemandem zuteilt und jemand anderem entzieht. In Studien, die versucht haben, das als Persönlichkeitsmerkmal zu messen, zeigte sich ein Muster, das zu deiner Alltagsbeobachtung ziemlich genau passt: Aggression und die Neigung, andere zu entmenschlichen, sagten mehr Empathie für die eigene Gruppe voraus und gleichzeitig noch stärker weniger Empathie für die Fremdgruppe. Es ist also nicht so, dass Leuten, die Kinder im Mittelmeer ertrinken feiern, grundsätzlich das Empathievermögen fehlt. Es ist vorhanden, es wird nur exklusiv vergeben und ein Hund fällt für dieses Vergabesystem in eine völlig andere, unverdächtige Kategorie.
Warum ausgerechnet Tiere so ein bequemes Ziel sind, liegt eigentlich auf der Hand, wenn man es sich in Ruhe anschaut: Ein Hund stellt keine Ansprüche auf Gleichrangigkeit. Er konkurriert um keinen Platz in der Hierarchie, er widerspricht nicht, er stellt keine unbequemen moralischen Forderungen, er kommt nicht mit einer Fluchtgeschichte, die man sich anhören müsste. Zuneigung zu ihm kostet nichts und gefährdet nichts, während Zuneigung zu einem Menschen aus der als fremd markierten Gruppe genau das täte: Sie würde die Vorstellung angreifen, dass es überhaupt eine Rangordnung gibt, die manche drinnen und andere draußen hält. Die Beobachtung zum Hund als besonders abhängigem, nicht widersprechendem Wesen trifft damit einen wunden Punkt, auch wenn ich dazu noch keine Studie gefunden habe, die genau das direkt misst. Es ist eine plausible Zuspitzung dessen, was die Forschung zur parochialen Empathie beschreibt, aber eben noch keine belegte Kausalkette.
Zur Einordnung, damit das nicht zu glatt wird: Wer generell nach Dominanz und Hierarchie strebt, in der Forschung „Soziale-Dominanz-Orientierung“ genannt, neigt in Bevölkerungsstudien insgesamt eher zu weniger Rücksicht auf Tiere, nicht zu mehr, weil er Tiere schlicht als verfügbare Ressource sieht statt als moralisches Gegenüber. Das beschriebene Muster, demonstrative Tierliebe als Fassade für Menschenverachtung, ist also kein Regelfall der autoritären Persönlichkeit insgesamt, sondern eine speziellere, kleinere Untergruppe: Leute, die sich ihre eigene Menschenfeindlichkeit gerade durch die vorgezeigte Tierliebe erträglich machen, sich selbst und anderen gegenüber. Das Tier wird zum moralischen Alibi.
Und das ist historisch keine neue Erfindung. Wenige Monate nach der Machtübernahme erließen die Nationalsozialisten 1933 das Reichstierschutzgesetz, auf dem Papier fortschrittlich, mit Verboten für Tierversuche und grausame Schlachtmethoden. Die Beschränkungen bei den Tierversuchen bedienten dabei ganz bewusst die antisemitische Vorstellung, „jüdische“ experimentelle Wissenschaft verstoße gegen die „natürlichen“ Gesetze, die das Verhältnis von Mensch, Tier und Natur regeln: Tierschutz als Vehikel für Judenhass, nicht als dessen Gegenteil. Gleichzeitig durften jüdische Bürger bald keine Haustiere mehr halten, auch aus der kalten logistischen Überlegung heraus, dass sich bei einer Deportation niemand mehr um die zurückgelassenen Tiere kümmern musste. Tierliebe und die vollständige Aberkennung menschlicher Würde liefen hier nicht nebeneinanderher. Sie waren Teil desselben Systems.
Genau das ist am Ende der Punkt, den auch die Leipziger Autoritarismus-Forschung seit Jahren beschreibt, wenn sie von „Ungleichwertigkeitsvorstellungen“ spricht: Es geht nicht darum, ob jemand zu Zuneigung fähig ist. Es geht darum, wem er sie zugesteht, und wem nicht. Ein Weltbild, das Menschen in mehr und weniger wertes Leben sortiert, hat gegen ein Tier, das nie widerspricht, überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Es braucht dieses Tier sogar, als Beweisstück dafür, dass man ja ein guter, liebevoller Mensch sei – während man nebenan Kindern beim Ertrinken zusieht.
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