Über Millionen Menschen, die arbeiten, leben und niemanden ermorden – und deshalb in der Migrationsdebatte nicht vorkommen
Lamine Yamal: null Morde. Jamal Musiala: null Morde. Der Mann, der mir den Döner verkauft: nach gegenwärtigem Kenntnisstand ebenfalls null. Meine Pakete wurden in den vergangenen Jahren von mehreren Dutzend Menschen mit ausländisch klingenden Namen geliefert. Einige klingelten nicht, andere stellten die Sendung beim Nachbarn ab, einer behauptete sogar, mich nicht angetroffen zu haben, während ich ihm durchs Fenster bei seiner Flucht zusah. Ermordet hat mich keiner von ihnen. Eine verheerende Bilanz für alle, die über Ausländer ausschließlich im Zusammenhang mit Kriminalität sprechen möchten.

Bevor jemand die Pässe kontrolliert: Lamine Yamal ist Spanier, Jamal Musiala Deutscher. Der gewöhnliche Ausländer dieses Textes ist häufig gar keiner. Er entsteht erst im blaubraunen Blick, für den Hautfarbe, Name und Abstammung schwerer wiegen als Geburtsort, Staatsangehörigkeit und ein ganzes gelebtes Leben.
Über den gewöhnlichen Ausländer gibt es nichts zu berichten. Er steht morgens auf, geht arbeiten, kommt abends nach Hause und hat den ganzen Tag niemanden mit einem Messer angegriffen. Manchmal fährt er Bus. Manchmal operiert er ein Herz. Manchmal schneidet er Fleisch von einem rotierenden Spieß und lässt sich dabei von Deutschen erklären, wie ein echter Döner zubereitet wird. Er zahlt Rechnungen, streitet mit seiner Familie, parkt gelegentlich beschissen und verbringt sein Leben in genau jener ereignisarmen Mischung aus Pflicht, Müdigkeit und langsamem körperlichem Verfall, die Deutschland seit Jahrzehnten zusammenhält.
Sein größtes Problem besteht darin, dass er für die öffentliche Debatte vollkommen unbrauchbar ist. Kein Innenminister kann sich vor eine Kamera stellen und verkünden, heute hätten wieder 18 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte niemanden ermordet. Die „Bild“ kann daraus keine Titelseite bauen. Friedrich Merz kann keine Grenzkontrollen gegen einen Altenpfleger fordern, der gerade seine dritte Nachtschicht übernimmt. Markus Lanz bekommt keine neunzig Minuten Sendezeit mit der Frage gefüllt, warum eine türkischstämmige Steuerberaterin seit 23 Jahren ihre Steuererklärung pünktlich abgibt.
Also verschwindet sie.
Sichtbar wird sie erst, wenn jemand mit einem ungefähr ähnlich klingenden Nachnamen eine Straftat begeht. Dann stehen plötzlich beide in derselben imaginären Gruppe. Der Täter liefert die Schlagzeile, die Steuerberaterin das vermeintliche gesellschaftliche Umfeld. Sie kennen einander nicht. Sie haben sich nie getroffen. Ihre Lebensläufe besitzen keinen gemeinsamen Berührungspunkt. Für die Migrationsdebatte genügt eine Herkunft, die aus größerer Entfernung ähnlich aussieht.
Lamine Yamal und Jamal Musiala haben immerhin eine Möglichkeit, diesem Zustand vorübergehend zu entkommen: Sie können Tore schießen. Dann sind sie Spanier und Deutsche. Dann verkörpern sie das Land, seine Jugend, seine Zukunft und den ganzen patriotischen Verpackungsmüll, den Sportjournalisten nach einem Sieg aus dem Keller holen. Nach einem schlechten Spiel wird die Zugehörigkeit erneut geprüft. Die Nationalität eines weißen Spielers steht im Pass. Die Nationalität eines Spielers mit dunkler Hautfarbe steht auf der Anzeigetafel.
Auch das ist eine Form von Ausländerverwaltung. Der erfolgreiche Migrant erhält eine befristete Aufenthaltserlaubnis im nationalen Wir. Sie gilt bis zum nächsten Fehler, zur nächsten Niederlage oder zur nächsten politischen Äußerung, die jemandem nicht gefällt. Danach werden Eltern, Geburtsorte und Blutlinien hervorgeholt, als säße halb Europa noch immer über vergilbten Stammbäumen und wartete auf eine günstige Gelegenheit.
Die Millionen unbekannten Menschen haben keinen Ball, mit dem sie sich freischießen können. Die Pflegerin bekommt nach einer gelungenen Nachtschicht keine Nationalhymne gespielt. Der Busfahrer wird nach zwanzig unfallfreien Jahren nicht feierlich zum Deutschen erklärt. Der Lagerarbeiter erhält keine Einbürgerungsurkunde für dreihunderttausend korrekt versandte Pakete. Sie werden gebraucht, bezahlt, besteuert und wieder vergessen. Ihre Zugehörigkeit reicht exakt bis zu dem Augenblick, in dem ein Politiker das Wort „Ausländerkriminalität“ benötigt.

