Versuch einer Klassifikation nach Flugverhalten, Lärmbelästigung und persönlicher Niedertracht
Ich versuche gerade, eine Fliege zu erwischen und denke mir, hey, da gibt es so verschiedene Kategorien. Im Moment habe ich eine, die Überschall fliegt. Du hörst sie nur, aber du siehst sie nicht. Und es ist eigentlich unmöglich, außer man hat ein bisschen Glück, wo die für ungefähr 0,2 Sekunden irgendwo stehen bleibt. Ich versuche die Taktik, ich gucke auf eine Stelle und warte, bis die dort auftaucht, und dann schlage ich mit der Fliegenklappe zu. Und dann gibt es noch ganz andere Kategorien, die leisen, langsamen, die man gar nicht hört.
Und bevor ich es bemerke, habe ich gerade begonnen, eine Taxonomie der Fliegen zu entwickeln. Irgendwo sitzt ein Biologe mit Doktortitel und denkt: „Verdammt. Warum bin ich da nie drauf gekommen?“
Also nehme ich jetzt die nötige Systematisierung dieser fliegenden Zumutung vor. Die Menschheit kartiert Schwarze Löcher, aber bei Fliegen herrscht noch immer begriffliches Chaos. Unhaltbar.

Kategorie 1: Der Überschalljäger
Man hört permanent *bzzzzzz… bzzzz…*, aber das Vieh existiert nur akustisch. Er existiert offenbar nur als Geräusch und taucht für 0,2 Sekunden als verwischter Punkt im Raum auf. Er fliegt offenbar mit Warp-Antrieb knapp außerhalb des menschlichen Sichtfelds. Sichtkontakt gibt es ausschließlich in dem Moment, in dem er auf deiner Nasenspitze landet. Die Trefferquote liegt ungefähr auf dem Niveau eines Lottogewinns.
Kategorie 2: Der Scharfschütze
Absolute Stille. Man vergisst sogar, dass eine Fliege im Raum ist. Zwei Minuten später sitzt sie mitten auf dem Bildschirm oder auf dem Unterarm und schaut dich an, als hätte sie den Mietvertrag unterschrieben.
Kategorie 3: Die Tarnkappenfliege
Völlig lautlos, vergleichsweise langsam, aber durch ihre diskrete Flugweise erstaunlich schwer zu lokalisieren. Man entdeckt sie erst, wenn sie irgendwo sitzt und bereits seit mehreren Minuten die Einrichtung beurteilt.
Kategorie 4: Der Gewerkschafter
Kaum hast du eine erledigt, erscheint die nächste. Dann noch eine. Und noch eine. Man beginnt unweigerlich zu vermuten, dass irgendwo außerhalb des Fensters ein Schichtplan hängt und die Ablösung pünktlich erfolgt. Fliegen sterben offenbar nicht. Sie werden lediglich ersetzt.
Kategorie 5: Die Fensterfliege
Sitzt am Fenster, will offensichtlich hinaus, lehnt jedoch jede geöffnete Fensterhälfte ab. Sie schlägt lieber zweihundertmal gegen dieselbe Scheibe. Eine geradezu klassische Demonstration davon, dass Beharrlichkeit ohne räumliches Verständnis nur Lärm produziert.
Kategorie 6: Der Provokateur
Landet zehnmal hintereinander exakt auf derselben Stelle deines Arms. Du verscheuchst ihn. Drei Sekunden später: dieselbe Stelle. Arm, Tischkante, Monitor. Man verscheucht ihn zehnmal, er kehrt elfmal zurück. Das ist keine Orientierungslosigkeit mehr. Das ist eine persönliche Fehde. Manche Lebewesen lernen aus Erfahrung. Andere führen Feldversuche zur menschlichen Impulskontrolle durch.
Kategorie 7: Der Schauspieler
Du holst zur Fliegenklappe aus. Im letzten Moment lässt er sich einfach fallen. Nicht wegfliegen. Fallen. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubst du, du hättest ihn erwischt. Dann startet er wieder und du stehst da wie jemand, der gerade gegen einen sehr kleinen Hubschrauber verloren hat.
Kategorie 8: Die Totstellerin
Enge Verwandte des Schauspielers. Nach dem Schlag fällt sie zu Boden. Du glaubst, die Sache sei erledigt. Zwei Minuten später startet sie wieder, als sei lediglich eine kurze Wartung durchgeführt worden. Besonders niederträchtige Unterart.
Kategorie 9: Der Kamikaze-Pilot
Fliegt ohne jeden Grund mitten ins Gesicht. Der gesamte Raum steht zur Verfügung. Mehrere Kubikmeter Luft, Möbel, Wände, Fenster. Sie entscheidet sich für dein Auge, dein Ohr oder exakt den Bereich zwischen Nase und Mund. Offenbar lautet der Flugplan: „Mensch entdeckt. Kollisionskurs.“ Wissenschaftlich nur durch Bosheit zu erklären.
Kategorie 10: Die Kreisfliege
Fliegt minutenlang dieselbe geometrisch perfekte Runde unter der Lampe. Man wartet auf eine Veränderung, doch sie hält ihren Kurs mit der Zuverlässigkeit eines schlecht programmierten Bildschirmschoners.
Kategorie 11: Die Bodenfliege
Fliegt ungewöhnlich tief, setzt sich auf Teppich oder Boden und verschwindet dort optisch fast vollständig. Beim nächsten Schritt steigt sie direkt vor deinem Gesicht auf. Ein Wesen, das Überraschungsangriffe mit bemerkenswerter Hingabe betreibt.
Kategorie 12: Die Spätabendfliege
Den ganzen Tag war nichts. Sobald du das Licht ausschaltest und schlafen willst, beginnt das akustische Soloprogramm am Kopfende. Sie hat offenbar Arbeitszeiten und nimmt ihren Dienst sehr ernst.
Kategorie 13: Der Beobachter
Sie sitzt einfach nur da. Auf der Wand. Auf dem Bilderrahmen. Auf der Lampe. Minutenlang völlig regungslos. Du näherst dich langsam mit der Fliegenklappe. Noch zehn Zentimeter. Fünf. Zwei. Genau in dem Moment, in dem du zuschlägst, startet sie. Offenbar misst sie permanent den Abstand zwischen Fliegenklappe und eigener Existenz.
Kategorie 14: Der Akrobat
Diese Fliege scheint nicht zu fliegen, sondern zu teleportieren. Zickzack. Sturzflug. Rechts. Links. Halbrolle. Richtungswechsel im rechten Winkel. Irgendwann stellt sich die Frage, ob Newtons Bewegungsgesetze für Fliegen nur unverbindliche Handlungsempfehlungen sind.
Kategorie 15: Der Märtyrer
Du triffst sie perfekt. Ein Volltreffer. Sie fällt zu Boden. Regungslos. Du bist dir sicher: Das war’s. Zehn Minuten später liegt sie immer noch da. Zwanzig Minuten später ebenfalls. In dem Moment, in dem du sie mit einem Stück Küchenpapier aufnehmen willst, fliegt sie davon. Offenbar gehört langes Schauspieltraining zum natürlichen Verhalten.
Und mein persönlicher Favorit:
Kategorie 16: Der Philosoph
Setzt sich grundsätzlich an Stellen hin, die physikalisch unerreichbar sind. Oben an die Decke. Hinter den Monitor. Auf die Gardinenstange. Sobald du einen Stuhl holst, wechselt er auf die gegenüberliegende Raumseite. Er arbeitet mit guter Übersicht und kennt die Grenzen menschlicher Knie. Er scheint das Konzept „Reichweite eines Menschen“ studiert zu haben und respektiert es aus purer Verachtung.
Es ist schon bemerkenswert, dass ein Gehirn, das ungefähr so groß ist wie ein Sesamkorn, einen erwachsenen Menschen zwanzig Minuten lang beschäftigen kann. Die Evolution hat an vielen Stellen erstaunliche Meisterwerke hervorgebracht. Und dann dachte sie sich offenbar: „Jetzt bauen wir noch etwas, das einfach allen auf die Nerven geht.“

