*Eine fiktive Erzählung. Jede Einzelheit ist erfunden, das Muster ist es nicht.*
Der Wecker klingelt um sieben, und sie ist schon wach, weil sie es die letzten Monate immer ist, kurz bevor er klingelt, als würde ihr Körper sich weigern, sich vom Schlaf überraschen zu lassen. Der erste Handgriff des Tages ist keiner, den sie sich ausgesucht hat: Sie geht zum Fenster, zieht den Vorhang einen Spaltbreit zurück, sieht auf die Straße. Kein grauer Kombi. Gut. Sie lässt den Vorhang wieder fallen und atmet aus, als hätte sie die Luft die ganze Nacht angehalten. Dieses kurze Ritual, Fenster, Straße, Ausatmen, hat sich in den letzten Monaten so tief eingegraben, dass sie manchmal denkt, es werde sie überleben, selbst wenn irgendwann alles andere gut wird.
Heute ist ein guter Tag, redet sie sich ein, während das Wasser für den Kaffee hochkocht, und für einen Moment glaubt sie es sogar selbst. Heute ist Matthias‘ Geburtstag. Ihr Bruder, der seit vier Jahren in Kopenhagen lebt und den sie über den Bildschirm öfter sieht als in echt, hat sich extra freigenommen, ist gestern eingeflogen, nur für dieses eine Wochenende. Sie denkt an ihn, während der Kaffee durchläuft, an seine Stimme am Telefon letzte Woche, wie er gesagt hat, er freue sich wie ein kleiner Junge, er habe schon Fotos von der Wohnung gemacht, die er sich in Kopenhagen mit seinem Freund teilt, und ob sie die sehen wolle. Sie hatte am Küchentisch gesessen, das Handy ans Ohr gepresst, und zum ersten Mal seit Wochen für eine ganze halbe Stunde nicht an die andere Sache gedacht. Nur an ihn. An wie es früher war, als sie beide klein waren und er ihr im Streit immer als Erster wieder die Hand hingehalten hat.
Sie hat ihm ein Geschenk besorgt, eine alte Ausgabe von Astrid Lindgren, die er als Kind so oft gelesen hat, dass der Einband an den Ecken weich geworden war, bis das Buch irgendwann bei einem Umzug verloren ging. Sie hatte drei Antiquariate durchsucht, bis sie ein Exemplar in fast demselben Zustand gefunden hatte, mit demselben Vergilben der Seiten, und als sie es in den Händen hielt, war ihr fast ein bisschen die Kehle eng geworden, aus einem Gefühl, das nichts mit Angst zu tun hatte, zur Abwechslung. Sie hat es in Packpapier eingeschlagen, mit einer Schleife, die sie dreimal neu binden musste, weil die erste Schleife schief saß und ihr das aus irgendeinem Grund wichtig war – als könne die Genauigkeit der Schleife etwas von der Sorgfalt ausdrücken, die sie für ihn empfindet und die sie ihm sonst so selten zeigt. Um vier Uhr die Feier bei den Eltern. Kuchen, die Nachbarn, Mama, die bestimmt wieder zu viel kocht, drei Sorten Kartoffelsalat, weil sie sich nie entscheiden kann, welche die beste ist. Sie hat sich seit Tagen darauf gefreut, so sehr, dass sie sich manchmal selbst dabei ertappt, wie sie lächelt, während sie am Schreibtisch sitzt und E-Mails beantwortet, die mit alldem nichts zu tun haben. Einmal, gestern Abend, hat sie sogar laut gelacht, allein in der Küche, weil ihr eingefallen ist, wie Matthias als Zehnjähriger auf seiner eigenen Geburtstagstorte ausgerutscht ist, und sie hat sich gewünscht, dass es morgen genauso unbeschwert sein möge wie in der Erinnerung.
Sie arbeitet den Vormittag über im Homeoffice, checkt zweimal ihr Handy auf eine Nachricht vom Ordnungsamt, die nicht kommt. Vor drei Wochen hat sie zum vierten Mal Anzeige erstattet – er stand wieder vor dem Supermarkt, in dem sie einkauft, „zufällig“, hat er gesagt, mit diesem Lächeln, das früher mal etwas anderes bedeutet hat und das ihr inzwischen die Kehle zuschnürt. Die Polizistin am Empfang hatte freundlich genickt, alles notiert, ihr gesagt, man werde sich melden. Niemand hat sich gemeldet. Die einstweilige Verfügung, die sie im Frühjahr beantragt hat, liegt noch beim Gericht, unbearbeitet, ein Stapel Papier in einer Warteschlange, die sich nicht darum schert, wie schnell die Zeit für sie läuft. Manchmal, wenn sie abends die Mails durchgeht und nichts von Bedeutung findet, überkommt sie eine Wut, die fast größer ist als die Angst – eine Wut darüber, wie viel Papier, wie viele Formulare, wie viele freundliche Stimmen am Telefon zwischen ihr und einem einzigen Satz stehen, der eigentlich reichen sollte: Er darf sich Ihnen nicht mehr nähern.
Sie kennt die Angst inzwischen so gut, dass sie fast schon ein Möbelstück ist, etwas, das im Raum steht und das man umgeht, ohne noch hinzusehen. Aber sie hat gelernt, sie zu verwalten, so wie man lernt, mit einem chronischen Schmerz zu leben, ohne dass er einen lähmt. Kein Alleingehen nach Einbruch der Dunkelheit. Der Wohnungsschlüssel immer in der Jackentasche, nie in der Tasche unten drin, griffbereit für den Fall, dass sie schnell in ein Treppenhaus flüchten muss. Sie hat sich angewöhnt, beim Warten an der Ampel einmal über die Schulter zu schauen, so beiläufig, dass es niemandem auffällt außer ihr selbst. Die Nachbarin von gegenüber weiß Bescheid, hat ihre Nummer, falls. Falls was, hat sie sich selbst nie zu Ende gefragt, weil die Antwort auf diese Frage ein Ort ist, an dem sie sich nicht länger aufhalten will, als unbedingt nötig. Sie hat sich stattdessen etwas angewöhnt, das ihre beste Freundin einmal „Überlebensoptimismus“ genannt hat: sich an die Tage zu klammern, an denen etwas Schönes wartet, und die Angst wie einen Mantel zu tragen, den man nicht auszieht, aber unter dem man trotzdem weiterlebt.
Am Nachmittag zieht sie das blaue Kleid an, das Matthias mag, das sie an seinem letzten Besuch getragen hat, vor über einem Jahr, als noch alles anders war. Sie schminkt sich ein bisschen mehr als sonst, weil es ein Fest ist und weil sie, verdammt noch mal, auch einmal einen Tag haben will, der ihr gehört und nicht der Angst. Vor dem Spiegel im Flur hält sie kurz inne und findet, dass sie heute fast so aussieht wie früher, bevor die Wachsamkeit sich in ihre Gesichtszüge eingeschrieben hat. Sie packt das Geschenk vorsichtig in eine Stofftasche, so, dass die Schleife nicht zerdrückt wird, prüft im Spiegel neben der Tür noch einmal ihr Gesicht, atmet, denkt an Matthias‘ Lachen, das sie in wenigen Minuten hören wird, öffnet die Wohnungstür.
Das Treppenhaus riecht nach dem Mittagessen der Nachbarn. Sie geht die zwei Stockwerke hinunter, denkt an nichts als daran, wie ihr Bruder gucken wird, wenn er das Buch auspackt, denkt an den Kuchen, an die Musik, die ihre Mutter bestimmt schon viel zu laut aufgedreht hat. Sie tritt aus der Haustür auf die Straße, ins Nachmittagslicht, und für einen Moment, für einen einzigen, ist die Welt genau so leicht, wie ein Samstagnachmittag im Sommer sein sollte.
Dann sieht sie ihn.
Er steht neben ihrem Auto, die Hände in den Jackentaschen, und irgendetwas an seiner Haltung ist heute anders, ruhiger, endgültiger, als hätte er lange geübt, genau so dazustehen. Sie bleibt stehen. Ihr Körper weiß es, bevor ihr Kopf es begreift – dieselbe Alarmschaltung, die sie morgens ans Fenster treibt, schlägt jetzt mit voller Wucht durch, ein kalter Stoß von den Fußsohlen bis in den Nacken. Sie will sich umdrehen, zurück ins Haus, die Tür, den Code, die zwei Stockwerke, irgendetwas zwischen sich und ihn bringen. Sie schafft eine halbe Bewegung.
Was danach passiert, geschieht in einer Zeit, die sich nicht mehr in Sekunden zählen lässt. Ein Nachbar wird später der Polizei sagen, er habe geschrien, gerufen, sei losgerannt, zu spät. Eine Frau aus dem Haus gegenüber wird sagen, sie habe die Stofftasche auf dem Gehweg liegen sehen, das Buch halb aus dem Papier gerutscht, und lange nicht begriffen, was das für ein Bild war, das sie da anschaute. Die Rettungssanitäter werden protokollieren, dass jede Hilfe zu spät kam. Die Staatsanwaltschaft wird später von Eifersucht sprechen, von gekränktem Stolz, von der Unfähigkeit, den Verlust der Kontrolle zu ertragen – Worte, die so nüchtern sind, dass sie fast schon wieder verschleiern, was tatsächlich geschehen ist: ein Mann, der sich monatelang das Recht herausgenommen hat zu entscheiden, ob diese Frau leben darf, wenn sie sich ihm entzieht.
Bei den Eltern wartet zu dieser Stunde ein Tisch mit Kuchen und zu viel Essen, eine zu laut aufgedrehte Musikanlage, ein Bruder, der immer wieder auf sein Handy schaut und sich fragt, warum sie nicht schreibt, sie ist doch sonst pünktlich. Das eingepackte Buch mit der schief gebundenen, dann noch einmal neu gebundenen Schleife wird nie ausgepackt werden.
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*Diese Geschichte ist erfunden. Das Muster, dem sie folgt – monatelanges Stalking, wiederholte, folgenlose Anzeigen, eine unbearbeitete Schutzanordnung, die Tat im Moment größter Hoffnung und Normalität – ist keine literarische Zuspitzung, sondern die traurige Konstante realer Fälle, wie sie im vorangegangenen Artikel dokumentiert sind. Wer das liest und sich selbst, eine Freundin oder eine Nachbarin bedroht fühlt: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter 116 016 kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar.*


