
„Music was my first love – and it will be my last…“
Ich hab ja schon erzählt, dass wir Westradio hörten. Anfangs Bayern 3, noch zu Zeiten von Thomas Gottschalk und Günther Jauch, deren Sendungen nacheinander kamen. Den Schlagabtausch bei der Mikrofonabgabe zwischen den Beiden mochte ich besonders gern. An eine Sendung kann ich mich noch gut erinnern. Jauch, der damals noch nicht so bekannt war, musste Gottschalk vertreten. Howard Carpendale sollte zu Gast sein, und Jauch fragte Gottschalk, welche Fragen um Himmels willen er Carpendale stellen sollte.
Damals war ein Lied in den Charts, „Lisa ist da“ oder so ähnlich. Darin gab es die Textpassage „sie lächelt wie ein Kind, so wie Lisas nun mal sind.“ Gottschalk erzählte Jauch, dass er Carpendale danach fragen wollte, wie Lisas denn so sind.
Jauch stimmte zu, ja das könnte er fragen. Doch am nächsten Tag staunte ich, denn er redete er mit Carpendale über dessen Heimat Südafrika, über Apartheid. Ich weiß noch, wie interessant ich das fand. So interessant, dass ich das nie vergessen habe.
Eine wichtige Sendung, eigentlich die allerwichtigste, kam am Freitagabend. Die Top-Ten der Woche. Penibel hab ich damals ein Heft geführt, immer alles fein säuberlich notiert, auch wenn ich oft nicht wusste, wie Titel oder Interpret geschrieben wurden, was besonders schwierig war, wenn es ein Neueinsteiger war. Zum Beispiel Kajagoogoo… Das war echt ne Katastrophe… aber woher sollten wir das denn wissen?
Ein weiteres Heft, das ich führte, war voll mit Songtexten. Mit dem Kassettenrecorder wurde Pause-Stop-Zurück gedrückt, bis man es endlich (!) verstanden hatte und wieder einen Satz ergänzen konnte. Dann wurde am nächsten Tag verglichen. Wer hatte was wie verstanden… Manchmal kam der größte Müll dabei heraus.
Ja, die Top Ten waren am Wichtigsten, schließlich wollte man mitreden können. Danach schaltete ich meist um auf Bayern 1, dort lief eine Wunschsendung. 95 % Schlager, aber manchmal kam auch etwas ganz Besonderes, das man sonst nicht im Radio hörte. Die „Lachversion“ von Elvis‘ „Are you lonesome tonight“ zum Beispiel. Allein dafür lohnte es sich. Um die Sendungen hören zu dürfen, übernahm ich sämtliche Bügelwäsche meiner Mutter. Sie war froh, dass sie es nicht machen musste und ich hatte die Legitimation, meine Zeit vorm Radio zu verbringen und diese Sendungen zu hören…
Da es bei uns nicht die Schallplatten zu kaufen gab, die wir wirklich haben wollten, außer natürlich, man hatte die entsprechenden Beziehungen, waren wir gezwungen, die Songs vom Radio aufzunehmen. Und da ging es uns wohl wie allen, man hoffte und betete, dass der Moderator nicht in den Song reinquatschen würde. Ich vermute mal, Radiomoderatoren werden nur eingestellt, wenn sie eine sadistische Ader haben.
Kassetten waren Luxus und in der DDR sehr teuer. Für eine einfach 60-Minuten Kassette von ORWO bezahlte man 20 Mark. Viel geschenktes Westgeld ist damals bei mir für Kassetten im Intershop draufgegangen. Die Kassetten wurden immer wieder überspielt, sodass die Qualität darunter litt, aber anders wussten wir uns nicht zu helfen. So manches Mal ärgerte man sich grün und himmelblau, wenn man aus Versehen ein Lied überspielt hatte, das man eigentlich behalten wollte.
Ein Drama war auch der sogenannte Bandsalat. Das Band der Kassette hatte sich im Recorder verwickelt und war total verfitzt, manchmal auch gerissen. Da saß man dann da, drehte mithilfe eines Bleistifts das Band wieder auf und flickte mit schmalen Streifen Klebeband die gerissenen Stellen – und fluchte dabei gotteslästerlich vor sich hin.
Richtige Zeitschriften für Jugendliche waren Bückware und auch nicht so, wie man es im Westen kannte. Es gab eine, die „Neues Leben“ hieß, die war heiß begehrt. Da meine Mutter im Konsum arbeitete, bekam ich eine von insgesamt vielleicht fünf Zeitschriften. Es gab gute Rubriken darin, wie zum Beispiel „Schreib eine Geschichte“. Hier konnte man selbstverfasste Texte einsenden und diese wurden dann veröffentlicht. Ich habe es einmal versucht, bekam auch eine Rückmeldung, dass meine Geschichte zum einen viel zu lang war, der Rest war wirklich konstruktive Kritik. Es gab mehrere Seiten mit kurzen Kontaktanzeigen (Name, Alter, Wohnort, Hobbys – hier habe ich meinen Mann kennengelernt), ansonsten war viel Indoktrination. So richtig begriffen habe ich Letzteres aber erst, als ich weit nach der Wende auf dem Dachboden eines dieser Hefte gefunden und interessiert durchgeblättert habe. Damals war man begeistert, jetzt sah ich es mit genügend Abstand.
Eine weitere Zeitschrift war „Melodie und Rhythmus“. Hier gab es auch öfters mal Reportagen über internationale Stars. De Auflage war ähnlich klein wie bei „Neues Leben“ und die Zeitschrift sehr schnell vergriffen.
Ansonsten gab es nichts, was unseren Hunger auf Neuigkeiten über die auch von uns angehimmelten Stars gestillt hätte. Ein- oder zweimal bekam ich in einem Paket einer meiner Brieffreundinnen eine Bravo mitgeschickt. Lieber Himmel, hat man sich über so etwas gefreut! Eine dieser Zeitschriften nahm ich in die Berufsschule mit, ein Lehrer erwischte uns prompt und konfiszierte sie, nicht ohne vor der gesamten Klasse, alles Mädchen, mit höhnischer Stimme daraus einige Passagen zu zitieren. Irgendwann, kurz vor Schuljahresende, legte er sie mir sang- und klanglos wieder auf den Tisch.
Meine alten Kassetten habe ich noch bis spät in die 90er auf meinem Küchenradio gehört, da gab es ein Kassettendeck. Als das Radio dann kaputt war, kaufte ich mir kein Neues und warf dann die Kassetten irgendwann in den Müll. Heute besitze ich eine Anlage mit Plattenspieler und Kassettendeck und bedaure zutiefst, meine Kassetten entsorgt zu haben.
Fun Fact: Wenn ich heute eines der Stücke höre, die ich damals aufgenommen habe, weiß ich noch ganz genau, an welcher Stelle die Kassette zu Ende oder der Kratzer in der Platte war. Kennt ihr das auch?

