Jens Spahn, der wohl erfolgreichste Verantwortungsvermeider der Bundesrepublik ist zurückgetreten
Seine berufliche Laufbahn hatte zuvor beinahe begonnen. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann arbeitete Jens Spahn ungefähr ein Jahr als Angestellter, bevor er mit 22 Jahren in den Bundestag wechselte.
Dieses eine Jahr muss außerordentlich erkenntnisreich gewesen sein. Vielleicht lernte er: Nie wieder für andere arbeiten. Vielleicht erkannte er, dass Lohnabhängigkeit von der anderen Seite betrachtet erheblich angenehmer aussieht. Oder dass Arbeitnehmer für einen Krankheitstag eine Erklärung brauchen, während Politiker selbst für Milliardenverluste lediglich genügend Selbstvertrauen benötigen.
Deutschland verlor jedenfalls einen Bankkaufmann und gewann einen Mann, der fortan über die Arbeitswelt sprechen konnte, ohne seine Urteile durch übermäßige eigene Erfahrung unnötig zu belasten.
Schon früh erkannte Spahn, dass politische Verantwortung vor allem darin besteht, sie in entscheidenden Momenten möglichst weit von der eigenen Person entfernt unterzubringen. Unter seiner Leitung beschaffte das Bundesgesundheitsministerium 5,7 Milliarden Masken für rund 5,9 Milliarden Euro. Nur ein kleinerer Teil davon wurde tatsächlich in Deutschland verteilt, Milliarden Masken mussten später vernichtet werden.
Andere Politiker wären an einer solchen Bilanz möglicherweise gescheitert. Jens Spahn gelang es, sie jahrelang wie eine geringfügig falsch abgeheftete Reisekostenabrechnung zu behandeln.
Darin lag seine besondere Begabung. Wo gewöhnliche Menschen bei Milliardenverlusten eine gewisse Unruhe entwickeln, strahlte Spahn jene beruhigende Selbstverständlichkeit aus, mit der ein Abteilungsleiter erklärt, jemand habe versehentlich die falsche Büroklammer verwendet. Ärgerlich, gewiss. Aber nun deshalb gleich die politische Karriere unterbrechen?

Auch im Umgang mit Aufklärung setzte Spahn Maßstäbe. Er beantwortete Fragen mit großer Ausdauer, solange die Antworten möglichst wenig zur Klärung beitrugen. Dabei wirkte er nie wie jemand, der Verantwortung verweigert. Er wirkte vielmehr wie jemand, der sehr bedauert, dass Verantwortung ausgerechnet in seinen Zuständigkeitsbereich geraten war.
Besondere Anerkennung verdient seine Fähigkeit, politische Netzwerke diskret zu pflegen. Fünfmal nahm Spahn nach eigenen Angaben an Veranstaltungen der „Dialog“-Organisation aus dem Umfeld des US-Milliardärs Peter Thiel teil. Manche Politiker suchen das Gespräch mit der Öffentlichkeit. Spahn ging einen anspruchsvolleren Weg und suchte bevorzugt Gespräche, von denen die Öffentlichkeit erst durch ein Datenleck erfuhr.
Auch daraus machte er keinen unnötigen Vorgang. Fünf vertrauliche Treffen können schließlich jedem passieren. Man steigt morgens in den falschen Zug und sitzt am Abend versehentlich wieder mit internationalen Milliardären, Investoren und politischen Einflussnehmern zusammen. Der öffentliche Nahverkehr ist voller Überraschungen.
Spahn war überhaupt ein Meister darin, den Unterschied zwischen einem Skandal und einem normalen Dienstag allein durch seine Haltung zu bestimmen. Solange er ruhig genug blieb, musste alles offenbar weniger schlimm gewesen sein. Milliardenrisiken, Überbeschaffung, Vernichtungskosten, offene Gerichtsverfahren und vertrauliche Netzwerke verwandelten sich unter seinem Blick in komplizierte Sachverhalte, bei denen vorschnelle Bewertungen vollkommen unangemessen waren.
Erst als er gemeinsam mit seinem Mann durch eine Leihmutter in den USA Vater wurde, fand seine Partei plötzlich zu jener moralischen Entschlossenheit, die sie während der Maskenaffäre vermutlich in einem anderen Sitzungssaal liegen gelassen hatte. Die Handlung war für die Wunscheltern nach deutschem Recht nicht strafbar. Politisch widersprach sie jedoch der Haltung, die Spahn und seine Partei anderen gegenüber vertreten hatten. Und so geschah das Wunder: Die Union entdeckte die persönliche Verantwortung.
Jahrelang hatte Jens Spahn bewiesen, dass man Milliarden an die Wand fahren, Aufklärung überstehen und selbst vertrauliche Kontakte mit größtmöglicher Gelassenheit behandeln kann. Am Ende brachte ihn eine legale Familiengründung zu Fall.
Auch dafür gebührt ihm Anerkennung.
Nur sehr wenige Politiker schaffen es, bei den politisch folgenschwersten Vorgängen konsequent im Amt zu bleiben und ausgerechnet dann zurückzutreten, wenn die eigene Partei ihre Vorstellungen von Familie verletzt sieht.
Jens Spahn ist zurückgetreten. Nach einer Ausbildung, einem Jahr als Angestellter und fast einem Vierteljahrhundert Berufspolitik endet damit eine Laufbahn, die vermutlich auf einer frühen und vollkommen richtigen Erkenntnis beruhte: Das Arbeitsleben ist wesentlich angenehmer, wenn vor allem andere seine Folgen tragen.
Die Bundesrepublik verliert damit einen Mann, der stets bereit war, Verantwortung zu übernehmen, sobald sie keine persönlichen Folgen mehr hatte.
Hut ab, Herr Spahn.
Nicht zu lange allerdings. Es liegen noch Rechnungen herum.
Vielleicht können Sie ja wieder als Bankangestellter arbeiten. Geld entgegenzunehmen dürfte Ihnen ja vielleicht vertraut sein.

