WM boykottieren?
Wenn ich das mittlerweile lese oder höre, muss ich ehrlich gesagt die Augen verdrehen.
Versteht mich nicht falsch, Boykottaufrufe haben durchaus einen Sinn. Sie halten Kritik sichtbar. Ohne die Debatte über Katar wären viele Themen wie Arbeitsbedingungen, Menschenrechte oder die Rolle der FIFA vermutlich viel weniger diskutiert worden. Der politische Druck entsteht oft nicht durch die Zahl der Boykottierenden, sondern durch die öffentliche Aufmerksamkeit.
Aber nun zu mir.
Ich bin Fußballfan, seit ich denken kann. Meine erste Weltmeisterschaft, die ich bewusst verfolgt habe, war 1982. Da war ich 9. Italien wurde Weltmeister. Als Sohn italienischer Migranten war ich natürlich stolz wie Bolle. Kurz danach habe ich mich im örtlichen Fußballverein angemeldet und selbst gespielt. Erst im Verein, später in Hobbymannschaften. Fußball war für mich nie nur ein Fernsehereignis. Er gehörte einfach zu meinem Leben.
Elf Weltmeisterschaften später hat sich vieles verändert. Der Fußball ist größer geworden, kommerzieller und oft auch schwerer zu ertragen. Die FIFA ist längst eine Maschinerie, die sich immer weiter von den Fans entfernt hat. Funktionäre kommen und gehen, Millionen und Milliarden werden verschoben, während die Menschen auf den Tribünen und vor den Bildschirmen die eigentliche Leidenschaft für diesen Sport tragen.
Deshalb kann ich die Kritik an der FIFA oft sogar nachvollziehen.
Die einzige Weltmeisterschaft, die ich tatsächlich boykottiert habe, war Katar. Das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Dort habe ich bewusst entschieden, die Spiele nicht zu verfolgen. Dass Italien damals ebenfalls nicht dabei war, machte die Entscheidung natürlich leichter.
Inzwischen hat sich Italien sogar zum dritten Mal nicht für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Glaubt mir, als Italien-Fan schmerzt das mehr als jede Diskussion über Boykotte. Trotzdem schaue ich die WM. Und ganz ehrlich? Vorwürfe prallen an mir mittlerweile ziemlich ab.
Fast 30 Millionen Menschen verfolgen die Weltmeisterschaft allein in den USA. Weltweit werden es über den gesamten Turnierverlauf hinweg voraussichtlich fast sechs Milliarden Zuschauer sein.
Da werden ein paar Hunderttausend Boykottaufrufe keine Welt verändern.
Das bedeutet nicht, dass Kritik sinnlos ist. Kritik an der FIFA ist oft berechtigt. Aber Fußball und FIFA sind für mich nicht dasselbe.
Wenn ich ein Spiel schaue, dann sitze ich nicht vor dem Fernseher und denke an Gianni Infantino oder an irgendwelche Funktionäre in Anzügen. Ich denke an die Spieler auf dem Platz. An die Fans und Emotionen. An die Geschichten, die dieser Sport schreibt.
Fußball ist ein Volkssport. Er verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Sprachen und unterschiedlicher Lebensgeschichten. Das war schon so, als ich als Kind meine erste WM erlebt habe und mit deutschen, italienischen, türkischen, polnischen, vietnamesischen Kindern fast täglich auf dem Bolzplatz war und die Verbindung existiert heute noch so.
Wer die WM boykottieren möchte, soll das tun. Das ist seine Entscheidung.
Ich lasse mir meine Begeisterung für den Fußball deshalb aber nicht nehmen.
Denn ich schaue die Weltmeisterschaft nicht für die FIFA.
Ich schaue sie für den Fußball und der Verbindung zwischen ansonsten unterschiedlichen Positionen.

