Eine sehr sehenswerte Dokumentation über Big Tech, Datenmacht und eine Gesellschaft, die ihre Kontrolle gegen Bequemlichkeit eingetauscht hat
Ich möchte euch einen sehr empfehlenswerten Dokumentationszweiteiler in der ZDF-Mediathek ans Herz legen: „Die gefährlichsten Firmen der Welt: Big Tech“.
Die beiden jeweils 45 Minuten langen Folgen erzählen zunächst, wie aus den idealistischen Visionen der frühen Computer- und Internetpioniere einige der mächtigsten Konzerne der Welt entstanden. Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft entwickelten Geschäftsmodelle, die auf der möglichst vollständigen Erfassung menschlichen Verhaltens beruhen. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der politischen Dimension dieser Datenmacht: psychologische Profile, gezielte emotionale Beeinflussung, Wahlkampagnen, Cambridge Analytica und Algorithmen, die darüber entscheiden, welche Informationen überhaupt sichtbar werden.
Der Titel klingt zunächst reißerisch. Nach diesen neunzig Minuten wirkt er eher zurückhaltend.
Denn diese Unternehmen verkaufen uns keine harmlosen technischen Werkzeuge. Sie betreiben die Infrastruktur, über die Menschen miteinander kommunizieren, sich informieren, einkaufen, arbeiten und politische Debatten führen. Sie wissen, was wir suchen, kaufen, lesen, ansehen, überspringen, liken und nachts um halb drei für eine gute Idee halten. Aus all diesen winzigen Handlungen entstehen Profile, die unser Verhalten teilweise besser vorhersagen können als wir selbst.
Das eigentlich Verstörende daran ist, dass dafür keine geheime Verschwörung notwendig ist. Es geschieht offen, täglich und mit unserer Zustimmung. Wir klicken auf „Akzeptieren“, weil wir die Seite sehen wollen. Wir erlauben den Zugriff auf Kontakte, Standort, Mikrofon und Fotos, weil die App sonst weniger bequem funktioniert. Wir füttern Maschinen mit unserem Leben und freuen uns anschließend, wenn sie uns besonders passende Werbung zeigen. Der moderne Mensch verkauft seine Privatsphäre selten für dreißig Silberlinge. Ein kostenloser Versand und ein paar Katzenvideos genügen meistens.
Ich nehme mich davon ausdrücklich nicht aus. Vermutlich veröffentliche ich diese Empfehlung selbst auf einer Plattform, deren Geschäftsmodell in dieser Dokumentation behandelt wird. Das ist kein Gegenargument. Es ist das Problem in einem einzigen Satz.
Die Macht dieser Konzerne besteht inzwischen auch darin, dass man ihnen kaum noch vollständig entkommen kann. Selbst wer Facebook verlässt, bleibt in einem Internet, dessen Werbung, Infrastruktur, Suchmaschinen, Betriebssysteme, Bezahldienste und Cloudtechnik von denselben wenigen Unternehmen beherrscht werden. Aus freiwilliger Nutzung wurde gesellschaftliche Abhängigkeit. Aus praktischen Diensten wurden private Herrschaftsräume.
Besonders gefährlich wird es dort, wo wirtschaftliche Macht in politische Macht übergeht. Demokratie lebt von einer Öffentlichkeit, in der Menschen Informationen erhalten, miteinander streiten und Entscheidungen treffen können. Diese Öffentlichkeit findet heute zu einem erheblichen Teil auf privat betriebenen Plattformen statt. Ihre Regeln werden weder von Parlamenten beschlossen noch demokratisch kontrolliert. Sie entstehen in Konzernzentralen und werden von Algorithmen umgesetzt, deren wichtigstes Ziel Aufmerksamkeit ist.
Aufmerksamkeit entsteht besonders zuverlässig durch Angst, Wut, Empörung und Feindbilder. Das Ergebnis sehen wir täglich. Sachliche Informationen verschwinden zwischen emotionaler Erregung, gezielter Desinformation und jenem geistigen Sperrmüll, den irgendein Algorithmus für „relevant“ erklärt hat, weil genügend Menschen wütend darauf reagierten.
Die Dokumentation zeigt sehr anschaulich, wie aus Daten ein Instrument der Manipulation wurde. Sie erklärt Zusammenhänge verständlich, ohne das Thema zu vereinfachen, und macht deutlich, weshalb die Macht der großen Technologiekonzerne weit über Datenschutz und personalisierte Werbung hinausgeht. Es geht um wirtschaftliche Monopole, gesellschaftliche Kontrolle und die Frage, wie viel Demokratie übrig bleibt, wenn ihre öffentliche Kommunikation von einigen wenigen Milliardären verwaltet wird.
Wer weiterhin glaubt, er habe „nichts zu verbergen“, sollte sich diesen Zweiteiler ansehen. Daten werden schließlich nicht nur gesammelt, um herauszufinden, was jemand verbergen möchte. Sie werden gesammelt, um vorherzusagen, was ein Mensch tun wird, und um dieses Verhalten gezielt zu beeinflussen.
Zweimal 45 Minuten. Danach sieht man das eigene Smartphone vielleicht nicht völlig anders. Man versteht nur etwas genauer, wem es eigentlich gehört.


