Zitat von Druckbrot am 7. August 2026, 14:43 UhrEine Liebeserklärung an die unerträgliche Primatenversammlung
Ich hatte bei unserer letzten Redaktionssitzung eine interessante Frage aus der Runde. Die Fragestellerin ist Psychologin, weshalb die Frage noch interessanter wurde. Sie fragte: Kann ein Zyniker ein Menschenfreund sein?
Und ich denke mir jetzt im Nachhinein: Warum bin ich zynisch? Warum schreibe ich so über Menschen? Warum hasse ich Menschen? Warum reagiere ich auf Menschen? Man reagiert nur auf das, was man liebt, was man schätzt.
Also ja, natürlich kann ein Zyniker ein Menschenfreund sein. Vielleicht entsteht der ernsthafte Zynismus sogar besonders häufig dort. Wer von Menschen gar nichts erwartet, wird von ihnen auch selten enttäuscht. Er registriert ihre Grausamkeit, Feigheit und Selbsttäuschung wie schlechtes Wetter: bedauerlich, doch ohne persönliche Kränkung. Zynismus braucht Reibung. Und Reibung entsteht zwischen der Wirklichkeit und einer Vorstellung davon, wie Menschen miteinander umgehen könnten.
Der Zyniker als Menschenfreund ist also kein Widerspruch. Er ist ein Menschenfreund, dem die dekorativen Illusionen ausgegangen sind. Einer, der die Menschheit für eine schwer erträgliche Primatenversammlung hält und trotzdem jeden Abend wieder das Licht im Versammlungsraum einschaltet. Vermutlich nur, damit sie beim nächsten Desaster wenigstens sehen können, was sie anrichten.
Diese Verbindung aus Liebe, Enttäuschung und erbarmungsloser Kritik findet sich auch bei Kurt Tucholsky. Was für mich im Verhältnis zur Menschheit gilt, formulierte er im Verhältnis zu Deutschland: „Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen, weil wir es lieben.“
Tucholsky nahm sich das Recht auf Hass gerade aus der Liebe heraus. Kritik war für ihn kein Verrat an der Heimat. Sie war der Widerstand dagegen, dass Nationalisten sie beschlagnahmen und alle anderen zu Gästen im eigenen Land erklären.
Tucholskys Schärfe kam aus enttäuschter Verbundenheit. Er schrieb über Menschen, Politik und Deutschland so erbarmungslos, weil ihm etwas daran lag. Gleichgültigkeit hätte geschwiegen. Er machte daraus Sprache, Polemik und gelegentlich ein sauber geschliffenes Messer.
Er beanspruchte Deutschland ausdrücklich auch für Kommunisten, Sozialisten, Pazifisten und Freiheitsliebende. Die nationalen Verbände durften das Land in seiner Vorstellung keineswegs als Privateigentum behandeln.
Ähnliches schrieb James Baldwin 1955 in den autobiografischen Notizen zu Notes of a Native Son.
„Ich liebe Amerika mehr als jedes andere Land der Welt, und genau aus diesem Grund bestehe ich auf dem Recht, es unablässig zu kritisieren.“
Tucholsky und Baldwin beschrieben dasselbe Verhältnis: Kritik als Folge von Verbundenheit. Wer liebt, sieht genauer hin. Wer genauer hinsieht, entdeckt zwangsläufig Dinge, die kaum auszuhalten sind.
Ja, ich bin ein zynischer, misanthroper Menschenfreund.
Mein Zynismus ist keine Abwesenheit von Hoffnung. Er ist das Geräusch, das Hoffnung macht, wenn sie ständig mit der Wirklichkeit zusammenstößt. Er ist weniger Menschenhass als enttäuschte Verbundenheit. Ich verachte am Menschen, dass er zu Mitgefühl, Vernunft und Solidarität fähig wäre und sich trotzdem regelmäßig für Bequemlichkeit, Eigennutz und Unterwerfung entscheidet. Ich hasse Menschen für das, was sie einander antun und anschließend mit erstaunlicher sprachlicher Gymnastik rechtfertigen. Mein Menschenbild ist finster, mein Interesse am Menschen dafür ausgesprochen lebendig. Ich halte ihm seine Hässlichkeit vor, weil ich weiterhin voraussetze, dass er mehr sein könnte. Ich reagiere, weil mir dieses verschenkte Potenzial etwas bedeutet.
Faschismus, soziale Kälte oder die Zerstörung der Lebensgrundlagen wären mir gleichgültig, wenn mir die Menschen gleichgültig wären. Dann würde ich weder schreiben noch beobachten, zerlegen oder wütend werden. Gleichgültigkeit ist still. Zynismus schreibt Artikel.
Wenn mir die Menschen eines Tages wirklich gleichgültig sind, werde ich friedlicher werden. Ich werde nichts mehr erklären, nichts mehr zerlegen und mich über nichts mehr empören. Vollständig aufgegeben habe ich sie erst, wenn ich verstumme.
Bis dahin schreibe ich weiter.
Offenbar liebe ich diese verdammte Primatenversammlung noch immer.
Ich hatte bei unserer letzten Redaktionssitzung eine interessante Frage aus der Runde. Die Fragestellerin ist Psychologin, weshalb die Frage noch interessanter wurde. Sie fragte: Kann ein Zyniker ein Menschenfreund sein?
Und ich denke mir jetzt im Nachhinein: Warum bin ich zynisch? Warum schreibe ich so über Menschen? Warum hasse ich Menschen? Warum reagiere ich auf Menschen? Man reagiert nur auf das, was man liebt, was man schätzt.
Also ja, natürlich kann ein Zyniker ein Menschenfreund sein. Vielleicht entsteht der ernsthafte Zynismus sogar besonders häufig dort. Wer von Menschen gar nichts erwartet, wird von ihnen auch selten enttäuscht. Er registriert ihre Grausamkeit, Feigheit und Selbsttäuschung wie schlechtes Wetter: bedauerlich, doch ohne persönliche Kränkung. Zynismus braucht Reibung. Und Reibung entsteht zwischen der Wirklichkeit und einer Vorstellung davon, wie Menschen miteinander umgehen könnten.
Der Zyniker als Menschenfreund ist also kein Widerspruch. Er ist ein Menschenfreund, dem die dekorativen Illusionen ausgegangen sind. Einer, der die Menschheit für eine schwer erträgliche Primatenversammlung hält und trotzdem jeden Abend wieder das Licht im Versammlungsraum einschaltet. Vermutlich nur, damit sie beim nächsten Desaster wenigstens sehen können, was sie anrichten.
Diese Verbindung aus Liebe, Enttäuschung und erbarmungsloser Kritik findet sich auch bei Kurt Tucholsky. Was für mich im Verhältnis zur Menschheit gilt, formulierte er im Verhältnis zu Deutschland: „Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen, weil wir es lieben.“
Tucholsky nahm sich das Recht auf Hass gerade aus der Liebe heraus. Kritik war für ihn kein Verrat an der Heimat. Sie war der Widerstand dagegen, dass Nationalisten sie beschlagnahmen und alle anderen zu Gästen im eigenen Land erklären.
Tucholskys Schärfe kam aus enttäuschter Verbundenheit. Er schrieb über Menschen, Politik und Deutschland so erbarmungslos, weil ihm etwas daran lag. Gleichgültigkeit hätte geschwiegen. Er machte daraus Sprache, Polemik und gelegentlich ein sauber geschliffenes Messer.
Er beanspruchte Deutschland ausdrücklich auch für Kommunisten, Sozialisten, Pazifisten und Freiheitsliebende. Die nationalen Verbände durften das Land in seiner Vorstellung keineswegs als Privateigentum behandeln.
Ähnliches schrieb James Baldwin 1955 in den autobiografischen Notizen zu Notes of a Native Son.
„Ich liebe Amerika mehr als jedes andere Land der Welt, und genau aus diesem Grund bestehe ich auf dem Recht, es unablässig zu kritisieren.“
Tucholsky und Baldwin beschrieben dasselbe Verhältnis: Kritik als Folge von Verbundenheit. Wer liebt, sieht genauer hin. Wer genauer hinsieht, entdeckt zwangsläufig Dinge, die kaum auszuhalten sind.

Ja, ich bin ein zynischer, misanthroper Menschenfreund.
Mein Zynismus ist keine Abwesenheit von Hoffnung. Er ist das Geräusch, das Hoffnung macht, wenn sie ständig mit der Wirklichkeit zusammenstößt. Er ist weniger Menschenhass als enttäuschte Verbundenheit. Ich verachte am Menschen, dass er zu Mitgefühl, Vernunft und Solidarität fähig wäre und sich trotzdem regelmäßig für Bequemlichkeit, Eigennutz und Unterwerfung entscheidet. Ich hasse Menschen für das, was sie einander antun und anschließend mit erstaunlicher sprachlicher Gymnastik rechtfertigen. Mein Menschenbild ist finster, mein Interesse am Menschen dafür ausgesprochen lebendig. Ich halte ihm seine Hässlichkeit vor, weil ich weiterhin voraussetze, dass er mehr sein könnte. Ich reagiere, weil mir dieses verschenkte Potenzial etwas bedeutet.
Faschismus, soziale Kälte oder die Zerstörung der Lebensgrundlagen wären mir gleichgültig, wenn mir die Menschen gleichgültig wären. Dann würde ich weder schreiben noch beobachten, zerlegen oder wütend werden. Gleichgültigkeit ist still. Zynismus schreibt Artikel.
Wenn mir die Menschen eines Tages wirklich gleichgültig sind, werde ich friedlicher werden. Ich werde nichts mehr erklären, nichts mehr zerlegen und mich über nichts mehr empören. Vollständig aufgegeben habe ich sie erst, wenn ich verstumme.
Bis dahin schreibe ich weiter.
Offenbar liebe ich diese verdammte Primatenversammlung noch immer.
