Vier Tage zwischen Artemis, einem verschwundenen Notdienst und einer Ärztin, die hinsieht.
Ich wollte mein Auge behandeln lassen. Was folgte, waren vier Tage mit erstaunlichen Normalwerten, einer geschlossenen Klinik und einem Notdienst, den seine eigene Auskunft nicht finden konnte. Offenbar beginnt die Eigenverantwortung des Patienten inzwischen damit, die Medizin aufzuspüren.
Ambulant ins Dunkel – mit Artemis
Mittwoch
Ich gehe am Mittwoch zu der ambulanten Augenklinik von Artemis, weil ich einen Herpesausbruch im linken Auge habe. Ich gehe nicht dorthin, um herauszufinden, was mir fehlt. Das weiß ich bereits. Ich bin seit 43 Jahren Augenpatient, erkenne einen Herpesausbruch zuverlässig und kenne auch das übliche Programm, das anschließend beginnt. Also sage ich gleich: Ich habe Herpes. Ich brauche die entsprechenden Medikamente.
Diese Klarheit hat eine Vorgeschichte. Vor zwei Jahren liegt der Augeninnendruck bei 40. Ein Professor von Artemis behandelt mich fünf Tage lang jeweils ungefähr sieben Stunden in seiner Praxis. Er versucht, den Druck herunterzubekommen, und weigert sich beharrlich, meine Diagnose zu akzeptieren.
Mit dieser Erinnerung gehe ich also am Mittwoch zu Artemis. Ich sage wieder sofort, was ich habe, bekomme meine Medikamente und bin sogar erleichtert, wie schnell alles geht. Kein fünftägiger akademischer Stellungskrieg, keine sieben Stunden täglich in einem Wartezimmer, kein Professor, der mein Auge erst philosophisch widerlegen möchte. Ich verlasse die Praxis und denke, die Sache sei geregelt.
Der Augeninnendruck wird nicht gemessen.
Das fällt mir in diesem Moment tatsächlich nicht auf. Wenn man seit Jahrzehnten wegen derselben Erkrankung behandelt wird, geht man irgendwann davon aus, dass eine Augenarztpraxis die grundlegenden Zusammenhänge ebenfalls kennt. Herpes im Auge, Glaukom, transplantierte Hornhaut und die Neigung zu massivem Druckanstieg bilden bei mir keine geheime Zusatzhandlung. Diese Informationen gehören zur Krankenakte.
Donnerstag
Am Donnerstag beschäftige ich mich mit dem Alltag, meinem üblichen Weltekel und der Limited Edition meines Buches. Papier, Zertifikate, Gestaltung, Verpackung – Dinge, die wenigstens auf nachvollziehbare Weise kompliziert sind. Es liegt einfach da und wartet darauf, dass man seine Probleme mit Leim, Papier oder roher Gewalt löst. Eine geradezu vorbildliche Form der Zusammenarbeit.
Gegen Abend, als es zu spät ist, fällt mir das mit dem Innendruck ein. Wie hoch der ist, weiß ich nicht, weil niemand ihn gemessen hat.
Freitag
Am Freitag rufe ich bei Artemis an und sage, dass bei meinem Termin der Augeninnendruck nicht kontrolliert wurde. Die Antwort lautet, diese Untersuchung sei kostenpflichtig.
Ich erkläre, dass ich seit 40 Jahren mit dieser Erkrankung lebe und der Druck bei einem Herpesausbruch immer gemessen wird. Außerdem habe ich Glaukom, also grünen Star.
„Das können wir doch nicht wissen“, sagt die Mitarbeiterin. „Ich habe bereits den Paketboten gefragt, aber er sagte, ich soll meinen Augenarzt fragen“, entgegne ich.
Natürlich. Meine Augenärztin kann nicht wissen, dass ich Glaukom habe. Die Praxis, die mich behandelt, kann nicht wissen, weshalb ich behandelt werde. Vermutlich müssen Patienten künftig ihre Krankenakte selbst vorlesen, während das Personal anerkennend feststellt, wie überraschend viele Informationen darin stehen.
Ich fahre erneut hin. Jetzt wird der Augeninnendruck gemessen. Er liegt bei 27. Ich bekomme eine Tablette direkt in die Hand. Keine Verpackung, kein Name, keine Erklärung. Ein pharmazeutisches Überraschungsei, nur ohne Schokolade und mit potenziell interessanteren Nebenwirkungen.
Nach der Tablette sinkt der Druck auf 24. Daraufhin erklärt mir die Mitarbeiterin, bis 30 sei der Augeninnendruck „normal“, ich könne nach Hause gehen.
Nein. Kann ich nicht.
Ein allgemeiner Augeninnendruck endet ungefähr bei 21 mit seinem statistischen Normalbereich. Bei einem Menschen mit Glaukom liegt der persönliche Zieldruck häufig deutlich darunter. Bei mir galt über Jahrzehnte: zwölf bis sechzehn. Früher werde ich bei Herpes und erhöhtem Druck stationär aufgenommen, bekomme das antivirale Medikament über die Vene und der Druck wird stündlich kontrolliert. Entlassen werde ich erst, wenn er zwei Tage lang stabil unter 16 liegt. Jetzt beträgt er nach einer Akuttablette noch 24, und Artemis erklärt mir, bis 30 sei offenbar alles Teil der landschaftsüblichen Augenfolklore.
Ich frage, ob ich wenigstens ein Medikament bekomme, um den Druck weiter zu senken. Die Mitarbeiterin muss sich erst mit der Ärztin beraten. Danach werden mir Augentropfen auf die Gesundheitskarte geschrieben. Ein Tropfen am Abend. Ich soll die Tropfen bis zum nächsten Termin nehmen. Die nächste Kontrolle findet im nächsten Quartal statt. In etwa 2 Monaten. Bei einer Krankheit, bei der man unbehandelt nach zwei Wochen erblinden kann.
Ich habe also einen akuten Herpesausbruch, eine transplantierte Hornhaut, ein bekanntes Glaukom und trotz Akutmedikation einen Augeninnendruck von 24. Die medizinische Strategie besteht aus einem Tropfen am Abend und der Hoffnung, dass es in drei Monaten noch etwas zu kontrollieren gibt.
Für den Fall einer Verschlechterung denke ich an eine Augenklinik, die mich seit über 40 Jahren behandelt. Dort wurde ich früher stationär behandelt. Dort erkannte ein junger Arzt meinen Herpes innerhalb weniger Sekunden, nachdem der Professor fünf Tage lang daran gescheitert war. Die Artemis-Mitarbeiterin erklärt mir, diese Augenklinik gebe es nicht mehr.
Ich prüfe das nach. Sie hat recht.
Die Augenklinik wurde Mitte 2025 geschlossen. Offiziell ist von „veränderter Nachfrage“ und „Ambulantisierung“ die Rede. Immer mehr Augenbehandlungen könnten ambulant durchgeführt werden, deshalb sinke der Bedarf an stationären Aufenthalten. Die Klinik sei wirtschaftlich nicht mehr tragfähig.
Das klingt hervorragend, solange man nicht zufällig eine augenärztliche Versorgung durch Artemis benötigt. Ver.di warnt bei der Schließung ausdrücklich vor einer Versorgungslücke für Tausende Patienten. Die Landesregierung erklärt anschließend, der frei gewordene Versorgungsbedarf müsse auf andere Anbieter verteilt werden. Erst schließt man die Klinik, danach beginnt die Suche nach der Versorgung. Auch ein Haus lässt sich auf diese Weise bauen: zuerst das Dach abreißen, anschließend prüfen, ob Regen in der Region noch zeitgemäß ist.
Die ambulante Versorgung, wegen der angeblich keine Augenklinik mehr benötigt wird, existiert hier vor allem in Form einer großen Kette. Dort weiß man nichts von meinem dokumentierten Glaukom, hält die medizinisch notwendige Druckmessung zunächst für eine kostenpflichtige Privatleistung, erklärt einen Wert von 24 nach Akutmedikation für unproblematisch und plant die nächste Kontrolle im kommenden Quartal.
Ich suche mir jetzt einen neuen Augenarzt. Dafür werde ich 30 bis 70 Kilometer fahren müssen. Die wohnortnahe Versorgung ist damit vollständig gewährleistet, sofern man „wohnortnah“ als einen Zustand versteht, bei dem das eigene Haus irgendwo im selben Bundesland steht.
Drei Tage reichen, um zu verstehen, wie moderne Augenheilkunde funktioniert: Am Mittwoch wird der Druck nicht gemessen. Am Freitag ist er zu hoch. Danach erfahre ich, dass die Klinik geschlossen wurde, weil ambulant angeblich alles bestens versorgt werden kann.
Ich sehe das anders.
Noch.
Samstag
Am Samstag hole ich die Augentropfen ab, die Artemis mir verschrieben hat. Monoprost, Wirkstoff Latanoprost. Laut Fachinformation soll das Medikament bei einer aktiven Herpes-simplex-Keratitis vermieden werden, da sie einen Herpesausbruch auslösen können. Also nehme ich die Tropfen nicht und mache mich auf die Suche nach einem Notdienst.
Die Kassenärztliche Vereinigung schreibt auf ihrer Webseite, dass es in meiner Nähe samstags von 10 bis 12 Uhr und von 18 bis 19 Uhr einen augenärztlichen Notdienst in wechselnden Facharztpraxen gibt. Die zuständige Praxis erfahre man unter 116117. Ich gehe auf die Webseite der 116117, gebe sämtliche Daten ein und beantworte sämtliche Fragen. Das Ergebnis lautet: Ich soll zu einem Arzt gehen.
Diese Erkenntnis trifft mich unvorbereitet. Bis dahin hatte ich erwogen, mein Glaukom von einem Landschaftsgärtner behandeln zu lassen.
Die Webseite zeigt mir zunächst Hausärzte, danach Kinderärzte und schließlich einen Augenarzttermin für die kommende Woche. Zusätzlich bietet sie mir eine Videosprechstunde an. Vermutlich soll ich das Telefon dicht genug an mein Auge halten, damit der Arzt auf der anderen Seite den Innendruck am Widerstand des Displays erkennt.
Ich rufe die 116117 an und schildere meinen Fall. Der Mitarbeiter empfiehlt mir, einen Arzt aufzusuchen. Auf meinen Hinweis, dass ein Hausarzt mein Auge weder angemessen untersuchen noch den Druck messen kann, erklärt er, einen augenärztlichen Notdienst gebe es bei ihm nicht. Ich solle in ein Krankenhaus fahren. Welches Krankenhaus eine Augenabteilung hat und für mich zuständig ist, könne er mir ebenfalls nicht sagen. Ich lege auf.
Ich rufe ein zweites Mal an. Diesmal lese ich der Mitarbeiterin den Text der Kassenärztlichen Vereinigung vor. Augenärztlicher Notdienst, samstags von 10 bis 12 Uhr und von 18 bis 19 Uhr, Auskunft unter 116117. Sie sucht und findet keinen Eintrag. Aber immerhin kann sie mir ein Krankenhaus nennen: Ich solle 127 km zur nächsten Großstadt fahren.
Währenddessen telefoniere ich Augenarztpraxen ab. Jede verweist mich für den Notdienst an die 116117. Die 116117 findet den Notdienst nicht, an den mich sämtliche Augenärzte verweisen und den ihre eigene Kassenärztliche Vereinigung öffentlich ankündigt. Verschiedene Internetportale helfen ebenfalls. Eines führt unter der Rubrik Augenklinik einen Optiker auf. Dort könnte ich mir wenigstens eine Brille aussuchen, durch die ich das Versagen des Gesundheitssystems etwas schärfer sehe.
Am vierten Tag habe ich weiterhin einen akuten Herpesausbruch, eine transplantierte Hornhaut, ein bekanntes Glaukom und keine aktuelle Messung meines Augeninnendrucks. Dafür kenne ich jetzt einen augenärztlichen Notdienst, der feste Öffnungszeiten besitzt, auf einer offiziellen Webseite angekündigt wird und innerhalb der dafür angegebenen Telefonnummer nicht existiert.
Die Versorgungslücke ist damit vollständig digitalisiert.
Ambulant ins Licht – Eine Ärztin in Weiterbildung
Am Samstagnachmittag lande ich endlich in der Augenklinik. Dafür musste ich nur 87 km fahren. Nach der telefonischen Suche nach einem augenärztlichen Notdienst, der innerhalb seiner eigenen Auskunft verschwunden war, bin ich tatsächlich bei einer Augenärztin angekommen. Mein Augeninnendruck liegt bei 25. Am Freitag hatte Artemis ihn mit einer Tablette auf 24 herunterbekommen und mich anschließend nach Hause geschickt. Mein Auge hat sich offenbar geweigert, die mündliche Erklärung, bis 30 sei alles normal, als therapeutische Maßnahme anzuerkennen.
Die Ärztin, die mich untersucht, ist unter 30. Sie ist die einzige Augenärztin im Notdienst und bereits seit 18 Stunden im Dienst. Während ich seit Tagen versuche, überhaupt an eine vernünftige Versorgung zu gelangen, hält diese junge Frau die Versorgung unter Bedingungen aufrecht, bei denen andere Menschen Schwierigkeiten hätten, noch die richtige Seite eines Arztbriefs zu bedrucken.
Ich erzähle ihr, was bei Artemis passiert ist. Von der ausgebliebenen Druckmessung. Von der Auskunft, die Untersuchung sei kostenpflichtig. Von der Tablette, dem verbliebenen Druck und der Erklärung, bis 30 sei alles normal. Dazu die nächste Kontrolle im kommenden Quartal. Ich meine gesehen zu haben, wie vor Wut ein Äderchen in ihrem Auge platzte. Für einen kurzen Moment scheint Artemis damit sogar die augenärztliche Versorgungskapazität in dieser Stadt zu gefährden.
Hier wird mein Auge untersucht und behandelt. Anschließend wird erneut gemessen. Der Druck liegt jetzt bei elf. Innerhalb einer Stunde. Diese Zahl gefällt mir erheblich besser als die philosophische Großzügigkeit, mit der man andernorts den Normalbereich meines Augeninnendrucks erweitert hatte. Zur Kontrolle soll ich am Dienstag wiederkommen, morgens um neun. Zwischen Samstag und Dienstag liegen drei Tage. Zwischen Artemis und dieser Klinik offenbar mehrere Galaxien und die Vorstellungen davon, wozu ein Kontrolltermin dient.
Dann kommt die eigentliche Überraschung. Die Ärztin stellt die bisherige Glaukomdiagnose infrage und erklärt mir ein Krankheitsbild, dessen Namen ich nach 43 Jahren Augenkrankengeschichte zum ersten Mal höre: Posner-Schlossman-Syndrom.
Dabei treten wiederkehrende Entzündungen im vorderen Augenabschnitt zusammen mit teils eskalierenden Druckanstiegen auf. Die Entzündung und die Druckkrisen gehören damit zu einem gemeinsamen Krankheitsbild.
Seit 43 Jahren erzähle ich Ärzten meine Geschichte. Operationen, Transplantation, wiederkehrende Entzündungen, steigender Druck. Dazu das Wort Glaukom, das irgendwann so selbstverständlich zu meinem Auge gehörte wie die eingeschränkte Sehfähigkeit. Im Arztbrief wird das jetzt als fraglich geführt. Als Hauptdiagnose steht dort Posner-Schlossman-Syndrom. Ich versuche zu begreifen, wie lange man mit einer medizinischen Erklärung leben kann, bevor jemand sie noch einmal überprüft. Die Ärztin erklärt mir, vielen Ärzten sei dieses Krankheitsbild unbekannt. Bei einer erst 1948 beschriebenen Erkrankung muss man der Fachwelt selbstverständlich etwas Zeit geben.
In der Augenklinik, zu der ich mein Leben lang ging und die jetzt geschlossen wurde, standen vor zwei Jahren acht Professoren und Oberärzte in meinem Zimmer und schauten mich ungläubig an. Sie fragten mich, wie es sein könne, dass ich seit Jahrzehnten ein Glaukom habe, mein Augeninnendruck aber nur bei den Herpesausbrüchen steigt und dazwischen nicht dauerhaft erhöht ist. Eine ausgesprochen interessante Frage, die die Diagnose gleich mitliefert und deren Antwort ich allerdings auf der anderen Seite des Krankenbettes erwartet hätte. Ich hatte mein erkranktes Auge mitgebracht und war davon ausgegangen, dass die medizinische Erklärung von den acht Personen mit den entsprechenden Berufsabschlüssen beigesteuert wird. Offenbar fehlte mir damals schon das nötige Verständnis für die Eigenverantwortung des Patienten.
Unter dem Namen der Ärztin steht „Ärztin in Weiterbildung“. Ihr Name klingt nicht deutsch. Ich schätze Syrien. Eigentlich kann ich es nicht wirklich einschätzen, sie spricht ein besseres Deutsch als ich. Zudem ist meine Krankengeschichte deutlich älter als die Frau, die sie gerade hinterfragt hat. Vor zwei Jahren hatte ein Professor von Artemis fünf Tage lang jeweils ungefähr sieben Stunden Gelegenheit, sich mit meinem Auge zu beschäftigen. Anschließend erkannte ein junger Assistenzarzt aus Syrien in der damaligen Augenklinik den Herpes innerhalb weniger Sekunden. Jetzt ist es wieder eine junge Ärztin, die genauer hinsieht und die bisherige Einordnung hinterfragt. Meine persönliche Erfahrung mit akademischen Titeln entwickelt allmählich eine ausgesprochen ungünstige statistische Tendenz.
Dass sie ihre Arbeit unter diesen Bedingungen so gut macht, verdient meine Anerkennung. Dass sie nach 18 Stunden Dienst die einzige Augenärztin im Notdienst ist, hinterlässt einen anderen Eindruck. Irgendwo werden Versorgungskonzepte geschrieben, Standorte geschlossen und Zuständigkeiten verteilt. Am Ende sitzt eine junge Frau im Notdienst und behandelt die Menschen, die durch diese Konzepte hindurchgefallen sind.
Am Samstagabend verlasse ich die Klinik mit einem Arztbrief, einem auf elf gesenkten Augeninnendruck, einer neuen diagnostischen Einordnung und einem Kontrolltermin für Dienstag. Vor allem habe ich erlebt, dass jemand meine Krankengeschichte ernst nimmt und sich die Mühe macht, sie zu hinterfragen.
Bei Artemis war der Augendruck „unter 30“ normal. In dieser Klinik war „unter 30“ nur die Ärztin, die ihn auf elf brachte.

