Zitat von Viktor Dorn am 31. August 2026, 18:48 UhrIm Gespräch mit der grauen Eminenz: über Haltung, Eskalationen und die begrenzte Eignung des Menschen für Administratorrechte.
Zur Form: Die Fragen und Antworten sind im Originalwortlaut wiedergegeben. Schauplatz, Gesten und erzählerische Zwischenszenen sind literarisch ergänzt.
Ich sitze vor meinem Kaffee und starre auf den Bildschirm. Artikel Nummer 350. Dreihundertfünfzig Artikel Druckbrot. Eine Zahl, bei der andere vermutlich feierlich zurückblicken, Dankbarkeit in weichgespülte Sätze kneten und irgendwo ein symbolisches Kerzchen auf die redaktionelle Sahnetorte stellen. Ich hingegen starre meinen Kaffee an und warte darauf, dass mein Gehirn kurz genug aussetzt, um aus Versehen eine brauchbare Idee auszuspucken.
Die Frage steht im Raum: Was schreibe ich? Noch eine Abrechnung mit dem Zustand der Welt? Noch ein Text über Menschen, die ihre politische Bildung offenbar aus einem Kommentarbereich mit defekter Lüftung beziehen? Möglich. Naheliegend. Fast schon unanständig naheliegend.
Dann kommt die Idee. Die Leser sollen die Menschen hinter Druckbrot besser kennenlernen. Ihre Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren. Diese merkwürdigen Gestalten, die freiwillig schreiben, denken, formulieren und offenbar irgendeinen seelischen Defekt besitzen müssen, weil sie sich der Gegenwart schriftlich aussetzen, statt einfach Zimmerpflanzen zu pflegen oder Steine zu sammeln.
Also: Wer sind diese Leute? Was treibt sie an? Was bringt sie zum Schreiben? Haben sie nur einen publizistischen Dachschaden oder ist da bereits echtes Wetter unterm Gebälk? Welche Gedanken haben sie, wenn niemand hinschaut? Welche Themen lassen sie los, welche verfolgen sie wie ein schlecht gelaunter Gerichtsvollzieher?
Deshalb gibt es zum dreihundertfünfzigsten Artikel ein schriftliches Interview. Jedem der Autor stelle ich Fragen, um sich, seine Haltung und seinen Blick auf Druckbrot und die Welt zu zeigen. Und damit die Sache etwas tiefer geht als die übliche „Erzähl doch mal was über dich“-Folter aus dem Seminarraum des Grauens, gibt es zusätzlich ein paar Charakterfragen mit Antwortmöglichkeiten. Halb Fragebogen, halb Diagnosegerät, halb Warnschild. Ja, das sind drei Hälften. Willkommen bei Druckbrot.
Also meine lieben Autoren: Seid ihr in der Lage, einen Gedanken zu Ende zu führen, ohne ihn vorher an eine Kommentarspalte zu verlieren? Seid in der Lage, euch selbst gefährlich zu werden? Könnt ihr zwischen Meinung, Reflex und geistigem Schluckauf unterscheiden? Habt ihr schon einmal einen Satz gelesen und danach leise in die Wand geatmet?
Ich kenne den Druck, unter dem ihr steht. Jeden Tag begegnen euch Menschen, die „man wird ja wohl noch sagen dürfen“ für ein Argument halten, während der öffentliche Diskurs aussieht wie ein Grillabend auf einem Munitionsdepot. Deshalb habe ich einige Fragen vorbereitet, die euch eurer eigenen publizistischen Grundstruktur näherbringen. Freiwillig, schonungslos und mit genau jener Ernsthaftigkeit, die ein Zeitalter verdient, das seine Debatten häufig mit der Stirn führt.
Das Interview
Ich fange mit Admin A an. Ich blicke seit jeher zu ihm auf. Er sagt immer, er zu mir auch, aber das halte ich für unwahrscheinlich. Schließlich ist er zwei bis drei Köpfe größer, und aufblicken würde er vermutlich nur, wenn er säße und ich auf dem Tisch stünde.
Er sitzt mir gegenüber. Zumindest stelle ich mir das für dieses Interview so vor. Bei Menschen, die sich seit Jahren erfolgreich hinter einem Buchstaben verbergen, sollte man mit räumlichen Behauptungen vorsichtig sein.
Admin A schiebt meine Fragen ein Stück beiseite, damit die Tasse Platz hat. Das Blatt mit dem Orang-Utan liegt oben. Er sieht darauf, dann zu mir. Ich tue, als gehöre das zu einer sorgfältig entwickelten journalistischen Methode. Draußen fährt ein Auto vorbei; auf dem Tisch vibriert mein Telefon. A dreht es um. Für die nächsten Minuten wird sich das Internet ohne mich verschlechtern müssen.
Seit 2011 ist er in sozialen Medien aktiv, hat an zahlreichen Seiten und Projekten mitgewirkt und sich dabei den Ruf einer grauen Eminenz erworben. Das klingt einerseits respektabel, andererseits ein wenig nach einem Mann, von dem man erst erfährt, dass er anwesend war, wenn drei Regierungen gestürzt und sämtliche Administratorrechte neu verteilt wurden.
Bei Druckbrot arbeiten wir inzwischen zusammen. Heute habe ich zwanzig Fragen an ihn, darunter einige, die seine Mitarbeit an diesem Projekt im Nachhinein wie eine fragwürdige Entscheidung aussehen lassen könnten. Ich beginne mit einer Erinnerung an die Zeit, als wir dem Internet noch etwas zugetraut haben.
Ich will wissen, was fünfzehn Jahre politische Arbeit im Netz mit einem Menschen machen. Was davon geblieben ist, was sich verändert hat und ob irgendwann der Punkt kommt, an dem man sich fragt, weshalb man nicht stattdessen Briefmarken gesammelt hat.
Ich beginne: Schön, dass du hier sitzt und das Interview über dich ergehen lässt. Meine Methode ist einfach, präzise und vermutlich überqualifiziert für diese Zeit. Wähle jeweils die Antwort, die deinem Charakter, deiner Schreibweise oder deinem inneren Fluchtreflex am nächsten kommt. Sei ehrlich. Es sieht niemand zu. Außer du dir selbst, und das ist erfahrungsgemäß bereits Strafe genug.
A sagt nichts. Vermutlich hindert sein innerer Tourette-Anfall eine präzise Antwort.
Ich: Du bist seit 2011 im Social-Media-Bereich aktiv. Welche Vorstellung über soziale Netzwerke hattest du damals, die dir heute geradezu rührend naiv vorkommt?
Admin A: Dass soziale Netzwerke primär dazu da sind, Menschen zu verbinden und Wissen demokratisch zu verteilen. Ich dachte ernsthaft, wenn man Schwachsinn nur oft genug mit harten Fakten widerlegt, setzt sich am Ende die Vernunft durch. Heute weiß ich: Der Algorithmus liebt nicht die Wahrheit, sondern den Krawall.
Ich muss einen Moment über diesen Satz nachdenken. Nicht besonders lange. Fünf Minuten Facebook reichen normalerweise als experimenteller Nachweis.
Ich: Was war damals grundlegend anders, und welche Entwicklung der letzten fünfzehn Jahre hältst du für die gefährlichste?
Admin A: Damals gab es noch echte Diskussionen, heute gibt es vor allem inszenierte Erregung. Die gefährlichste Entwicklung ist die kompromisslose Radikalisierung durch Echokammern und Algorithmen, die Wut monetarisieren. Wenn Hass nicht mehr nur toleriert, sondern finanziell und durch Reichweite belohnt wird, brennt die Hütte.
Das Problem mit brennenden Hütten im Internet besteht darin, dass irgendwo immer jemand steht und erklärt, das Feuer sei bloß eine andere Meinung.
Bei Admin A passiert vieles im Hintergrund. Das ist Absicht. Während andere Menschen bereits zum Frühstück drei Selfies, ihre politische Analyse und den Zustand ihres Verdauungssystems veröffentlichen, kennt man von ihm vor allem einen Buchstaben.
Ich: Du wirst als „graue Eminenz“ bezeichnet. Wie viel davon ist bewusste Zurückhaltung, wie viel Selbstschutz und wie viel Freude daran, andere ins Licht zu schieben und im Hintergrund die Fäden zu verknoten?
Admin A grinst. Zumindest nehme ich das an. Bei einer grauen Eminenz gehört ein hämisches Grinsen schließlich zur vorgeschriebenen Grundausstattung.
Admin A: Ein gesunder Mix aus allen drei. Selbstschutz ist in diesem Metier Überlebensbedingung. Man muss dem Hass keine private Angriffsfläche bieten. Aber vor allem macht es mir schlicht mehr Spaß, wenn das Projekt im Vordergrund leuchtet und die Inhalte wirken, anstatt ständig meine eigene Fresse in die Kamera halten zu müssen.
Das dürfte gleichzeitig die präziseste Beschreibung und die endgültige Begründung dafür sein, weshalb es von ihm vermutlich auch nach diesem Interview keine Homestory mit Bücherregal geben wird.
Kommen wir zu dem Teil, für den Admin A einen gewissen Ruf besitzt.
Ich: Du bist für Eskalationen bekannt. Welche deiner Eskalationen würdest du jederzeit wiederholen, und bei welcher dachtest du später: Das hätte vielleicht auch zwei Flammenwerfer kleiner funktioniert?
Admin A: Jederzeit wiederholen würde ich Eskalationen da, wo Nazis, Rassisten und Wissenschaftsleugner meinten, sie könnten sich im Netz einen gemütlichen Safe Space einrichten. Wo ich zwei Flammenwerfer zu viel dabei hatte? Bei manchen internen Grabenkämpfen oder wenn man sich an Leuten abgearbeitet hat, die eigentlich nur verwirrt, aber nicht bösartig waren. Da hätte manchmal auch ein müdes Lächeln gereicht.
Das ist wahrscheinlich eine der unangenehmeren Erkenntnisse politischer Arbeit: Nicht jeder Mensch, der Unsinn erzählt, ist bereits ein ideologischer Endgegner. Manche erzählen einfach Unsinn. Ein traditioneller menschlicher Zeitvertreib mit erstaunlich stabiler Nachfrage.
Ich: Wann werden klare Worte für dich notwendig, und woran merkst du, dass Schärfe beginnt, nur noch das eigene Publikum zu unterhalten?
Admin A: Klare Worte sind genau dann Pflicht, wenn Grenzen verschoben werden, wenn Menschenwürde angegriffen wird oder wenn Halbwahrheiten als Fakten verkauft werden. Zur reinen Publikumsbespaßung wird es, wenn man nur noch die immer gleichen Punchlines abfeuert, um die Applaus-Maschine der eigenen Blase zu bedienen, ohne in der Sache noch einen Zentimeter weiterzukommen.
Bis hierhin verlief das Gespräch verdächtig vernünftig. Das kann ich so nicht stehen lassen.
Ich: Angenommen, du müsstest die deutsche Nationalhymne rückwärts singen, während dich ein Vertreter der Bundesregierung mit einer Poolnudel verhört: Welche Information über Druckbrot würdest du als Erstes preisgeben?
Admin A braucht erstaunlich wenig Zeit.
Admin A: Ich würde sofort gestehen: „Druckbrot ist kein Gebäck, sondern ein hochkomprimierter politischer Aggregatzustand!“ Und während der Vertreter der Bundesregierung noch grübelt, ob er das in eine DIN-Norm gießen kann, nehme ich ihm die Poolnudel ab.
Ich nicke. Es ist beruhigend zu wissen, dass zumindest für diesen Fall ein belastbares Notfallkonzept vorliegt.
Danach kehren wir widerwillig zur Wirklichkeit zurück.
Ich: Antifaschistische Arbeit in sozialen Medien bedeutet, täglich denselben Unsinn in wechselnden Profilbildern zu sehen. Was hält dich dabei, und was bringt dich inzwischen kaum noch aus der Ruhe?
Admin A: Was mich hält: Aufgeben ist keine Option. Wenn wir den Raum räumen, überlassen wir ihn den Lautesten und Gefährlichsten. Was mich nicht mehr aus der Ruhe bringt: die immer gleichen stanzartigen Beleidigungen in den Kommentaren. Wer seit Jahren die gleichen drei Rechtschreibfehler in Hassnachrichten nutzt, schockt niemanden mehr.
Das Schöne an standardisierten Hassnachrichten liegt immerhin in ihrer Effizienz. Nach einigen Jahren erkennt man bereits am ersten falsch gesetzten Komma, in welche Richtung die Reise geht.
Ich: Welche Entwicklung der vergangenen fünfzehn Jahre hat dich politisch am stärksten überrascht, und welche leider überhaupt nicht?
Admin A: Überrascht hat mich, wie schnell und unverfroren Teile der bürgerlichen Mitte bereit waren, rechtsextreme Narrative einzukaufen und als „Sorgen der Bürger“ umzudeklinieren.
Überhaupt nicht überrascht hat mich, dass das Auslagern der gesellschaftlichen Debatte an US-Tech-Konzerne genau in dem Chaos endet, in dem wir heute sitzen.
Der zweite Teil ist fast banal. Wir haben wesentliche Teile unserer öffentlichen Debatte Firmen überlassen, deren Geschäftsmodell darin besteht, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange in verwertbare Erregung umzuwandeln, und wundern uns anschließend über die verwertbare Erregung.
Menschen sind großartig im Erfinden von Problemen, deren Entstehung sie anschließend für vollkommen unerklärlich halten.
Ich: Humor und Satire können Menschen erreichen, die auf einen politischen Vortrag mit sofortigem innerem Winterschlaf reagieren. Wo endet für dich der Witz, weil das Thema keinen mehr verträgt?
Admin A: Der Witz endet haargenau da, wo er nicht mehr Mächtige entlarvt oder Hetze lächerlich macht, sondern gezielt auf Marginalisierte, Opfer von Gewalt oder auf die Menschenwürde eintritt. Satire muss nach oben treten. Wer ohnehin unten liegt, eignet sich nicht als Trittfläche.
Das dürfte eine brauchbare Definition sein. Vor allem in einer Zeit, in der erstaunlich viele Menschen „Satire darf alles“ mit „Dann darf ich also auch einfach ein Arschloch sein“ übersetzen.
Ich entscheide, dass wir wieder eine kleine Störung der Realität brauchen.
Ich: Du erhältst den Auftrag, die Demokratie zu retten. Zur Verfügung stehen dir Druckbrot, ein Megafon, ein laminierter Primo-Levi-Satz und ein schlecht gelaunter Orang-Utan. Wie lautet dein Plan, und warum bekommt der Orang-Utan selbstverständlich die Administratorrechte?
Admin A: Der Plan: Wir hängen das laminierte Primo-Levi-Zitat „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen“ gut sichtbar an die Bundestagstür, ich brülle durch das Megafon die verbleibenden Anständigen zusammen, und wir verteilen Druckbrot als Nervennahrung. Warum der Orang-Utan die Adminrechte bekommt? Weil er Entscheidungen nach stoischer Logik und Hunger trifft, frei von Lobbyismus, Parteitaktik und Eitelkeit. Schlechter als die aktuellen Algorithmen kann er es gar nicht machen.
An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich festhalten, dass der Orang-Utan bislang als erstaunlich kompetenter Teilnehmer dieses Interviews auffällt.
Aber politische Haltung entsteht selten ausschließlich im Netz. Irgendwann kommt der Punkt, an dem aus Statistiken Menschen werden.
Ich: Welche Begegnung oder welches Erlebnis hat deine politische Haltung stärker geprägt als jede Debatte im Netz?
Admin A: Echte Straßenarbeit und direkte Begegnungen mit Menschen, die von rechter Hetze real betroffen sind. Eine halbe Stunde im echten Leben zuhören prägt mehr als tausend Social-Media-Kommentarspalten. Das brennt sich ein und holt einen aus jeder akademischen Grabenzeile zurück in die Realität.
Plötzlich ist der Ton ein anderer. Kein Algorithmus, keine Reichweite, keine Punchline. Nur die ziemlich schlichte Erkenntnis, dass politische Sprache irgendwann bei wirklichen Menschen ankommt. Und dort Folgen hat.
Ich: Was war der größte Irrtum, den du in deiner politischen Arbeit vertreten hast, und wodurch hast du erkannt, dass du falschlagst?
Admin A: Der Irrtum, dass man jeden erreichen und überzeugen kann, wenn man nur die beste Argumentationskette hat. Ich habe erst durch jahrelange Praxis gelernt, dass manche sich schlicht in ihrer Ideologie eingerichtet haben. Man muss lernen, wo Aufklärung Sinn macht und wo man seine Energie nur sinnlos verbrennt.
Das ist vermutlich eine der teuersten Lektionen politischer Kommunikation. Man kann Jahre damit verbringen, eine Tür aufzuschließen, bevor man bemerkt, dass auf der anderen Seite jemand den Schrank davorgeschoben hat und ausgesprochen zufrieden damit ist.
Ich: Antifaschistische Aufklärung konkurriert in sozialen Netzwerken mit Desinformation, Empörung und Katzen, die aus Kartons fallen. Welche Inhalte erreichen tatsächlich Menschen außerhalb der eigenen Blase?
Admin A: Keine trockenen Zehn-Seiten-Analysen. Es braucht treffsicher gestaltete Visuals, knallharte Alltagssatire, gute Storys und Inhalte, die den Nerv der eigenen Lebensrealität treffen. Wenn ein Beitrag erst mal zum Lachen oder Nachdenken anregt, liest man danach auch den Text dazu.
Ich sehe kurz auf meine eigenen gelegentlich vollkommen maßlosen Textlängen und entscheide, diesen Teil des Interviews nicht persönlich zu nehmen.
Ich: Noch einmal zu den Eskalationen: Welche Reaktion hat dich einmal völlig überrascht, weil ein Beitrag etwas ausgelöst hat, womit du überhaupt nicht gerechnet hattest?
Admin A: Wenn aus einem spontanen, in zwei Minuten herausgehauenen Post auf einmal eine Welle wurde, die Medien aufgriffen oder die eine bundesweite Welle der Hilfsbereitschaft oder Solidarität auslöste, während man an aufwendig recherchierten Beiträgen manchmal tagebrechend sitzt und kaum jemand reagiert. Das Netz bleibt in seiner Dynamik unberechenbar.
Jeder, der Inhalte veröffentlicht, kennt dieses Naturgesetz. Drei Tage recherchieren, fünf Quellen prüfen, Formulierungen feilen: 17 Reaktionen. Beim Kaffee einen Satz hinschreiben, weil man sich gerade über etwas ärgert: 700.000 Menschen, drei Zeitungsredaktionen und vermutlich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss.
So funktioniert Qualität im Zeitalter der Aufmerksamkeit.
Dann lege ich Admin A eine Situation vor, die angesichts der politischen Gegenwart nur unwesentlich absurder wirkt als manche Nachricht des Tages.
Ich: Die deutsche Demokratie wird dir in einem beschädigten Versandkarton zugestellt. Darin befinden sich ein halb entladenes Megafon, ein Faxgerät ohne Papier, drei Meter Absperrband und eine wütende Ente mit Hausverbot im Bundestag. Du darfst nur einen Gegenstand behalten. Welchen nimmst du?
Das Megafon, weil Lautstärke seit jeher jedes Argument ersetzt? Das Faxgerät, weil Behörden ihm bedingungslos vertrauen? Das Absperrband, damit die Brandmauer wenigstens optisch wiederhergestellt werden kann? Oder die Ente, weil sie als Einzige bereits praktische Erfahrung mit parlamentarischer Demokratie besitzt?
Admin A überlegt nicht lange.
Admin A: Die Ente.
Natürlich.
Admin A: Das Megafon kriege ich selbst repariert, Absperrbänder bringen gegen Symbolpolitik nichts, und Faxgeräte gehören ins Museum. Aber eine wütende Ente mit Parlamentserfahrung bringt genau die Unberechenbarkeit mit, die man braucht, um den verkrusteten Laden wieder aufzumischen.
Ich habe keine Einwände. Damit liegt inzwischen ein überraschend belastbares Reformkonzept vor: Orang-Utan für die Administration, Ente für das Parlament.
Es wird Zeit, über Zusammenarbeit zu sprechen.
Ich: Du hast an sehr vielen Seiten und Projekten mitgewirkt. Was muss ein politisches Projekt besitzen, damit du dich beteiligst, und bei welchem Verhalten bist du sofort wieder draußen?
Admin A: Dabei bin ich, wenn Haltung, klare Kante, Eigenverantwortung und ein echter inhaltlicher Anspruch da sind. Ohne Ego-Shows.
Sofort raus bin ich bei Befindlichkeitsstörungen, Postengeschacher, opportunistischem Anbiederungsdrang an den Zeitgeist oder wenn die Sorge um die eigene Reichweite größer ist als die Sorge um die Sache.
Es ist eine bemerkenswert kurze Liste. Und trotzdem schafft es die menschliche Spezies regelmäßig, sämtliche Punkte gleichzeitig abzuhaken.
Ich: Was müsste passieren, damit du irgendwann sagen kannst: Die Arbeit der vergangenen fünfzehn Jahre hat sich gelohnt?
Zum ersten Mal geht es weder um Reichweite noch um Algorithmen oder Projekte.
Admin A: Wenn ich sehe, dass Menschen durch unsere Arbeit den Mut gefunden haben, selbst ihr Maul aufzumachen, Haltung zu zeigen und im Alltagsleben nicht mehr wegzusehen. Wenn aus reinen Lesern selbstdenkende, aktive Geister werden.
Vielleicht ist das am Ende die sinnvollste Maßeinheit für politische Arbeit. Keine Followerzahl, keine Impressionen, keine hübsche Kurve im Statistikbereich. Ein Mensch, der irgendwann dort widerspricht, wo er früher geschwiegen hätte.
Bleibt die Frage nach dem Menschen hinter dem Buchstaben.
Ich: „Admin A“ ist eine öffentliche Figur, hinter der ein realer Mensch sitzt. Welche Eigenschaften gehören beiden, und was bleibt bewusst hinter der Figur verborgen?
Admin A: Beide teilen den unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn, die Allergie gegen Heuchelei, die Vorliebe für trockenen Humor und die Weigerung, vor lautem Krawall einzuknicken.
Verborgen bleiben das Privatleben, die ganz persönlichen Narben, der Alltag und der Schutzraum für die Menschen, die mir wirklich wichtig sind. Admin A ist das Sprachrohr. Der Mensch dahinter lebt sein eigenes Leben.
Damit kann ich leben. Öffentlichkeit begründet schließlich keinen Anspruch auf einen Menschen. Das Internet verwechselt diese beiden Dinge gern, vermutlich weil Grenzen schlecht monetarisierbar sind.
Und dann kommen wir zu Druckbrot.
Ich: Was soll Druckbrot leisten, was einzelne Seiten, kurze Beiträge und soziale Netzwerke nicht leisten können?
Admin A: Druckbrot soll Tiefgang, Substanz und nachhaltige Vernetzung bieten. Ein Ort, der nicht im Sekundentakt des Feeds verpufft, sondern als Archiv, Denkanstoß und verlässliches Werkzeug bestehen bleibt, lange nachdem der tägliche Social-Media-Müll durchgefeuert ist.
Das ist vermutlich der entscheidende Punkt. Der Feed kennt kein Gedächtnis. Alles ist jetzt, fünf Minuten später alt und morgen praktisch nie geschehen. Ein Magazin kann Dinge festhalten. Gedanken dürfen länger leben als die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne zwischen zwei Werbeeinblendungen.
Eine letzte Frage bleibt.
Und da ich mich weigere, ein Gespräch dieser Art mit „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“ zu beenden, kehren wir zu unserem Orang-Utan zurück.
Ich: Du erwischst nachts einen Mann dabei, wie er die Administratorrechte von Druckbrot stehlen will. Er erklärt, er brauche sie dringend, um Deutschland zu retten. Neben ihm stehen ein verschwörungsgläubiger Heilpraktiker, ein FDP-Unternehmensberater und der Orang-Utan aus Frage zehn mit einem laminierten Grundgesetz. Was tust du?
Ich lege ihm die Möglichkeiten vor.
Polizei rufen und zwölf Minuten erklären, dass es tatsächlich um eine Facebook-Seite geht. Dem Orang-Utan Redakteursrechte geben. Alle vier einen Beitrag über Demokratie schreiben lassen und anschließend denjenigen mit den meisten Ausrufezeichen sperren. Oder gemeinsam eine neue Seite namens „Keine Mutation zur politischen Vernunft“ gründen, das Experiment aus sicherer Entfernung beobachten und später jede Beteiligung bestreiten.
Admin A entscheidet sich für Variante C.
Admin A: Ich lasse alle vier einen Beitrag über Demokratie schreiben und sperre anschließend denjenigen mit den meisten Ausrufezeichen. Das spart Zeit, trennt sofort die Spreu vom Weizen und schützt die Seite zuverlässig vor den größten Schwurblern.
Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
Ich: Und wenn der Orang-Utan die meisten Ausrufezeichen benutzt?
Admin A grinst.
Admin A: Dann prüfen wir erst mal, ob er nicht doch recht hat.
Damit ist das Interview beendet.
Der Orang-Utan behält vorläufig seine Rechte. Die Ente sitzt vermutlich weiterhin vor dem Bundestag. Und irgendwo erklärt gerade jemand in einer Kommentarspalte mit mehreren Ausrufezeichen, dass er die Wahrheit kenne.
Manche Dinge ändern sich eben doch nie.
Ich sitze vor meinem Kaffee und starre auf den Bildschirm. Artikel Nummer 350. Dreihundertfünfzig Artikel Druckbrot. Eine Zahl, bei der andere vermutlich feierlich zurückblicken, Dankbarkeit in weichgespülte Sätze kneten und irgendwo ein symbolisches Kerzchen auf die redaktionelle Sahnetorte stellen. Ich hingegen starre meinen Kaffee an und warte darauf, dass mein Gehirn kurz genug aussetzt, um aus Versehen eine brauchbare Idee auszuspucken.
Die Frage steht im Raum: Was schreibe ich? Noch eine Abrechnung mit dem Zustand der Welt? Noch ein Text über Menschen, die ihre politische Bildung offenbar aus einem Kommentarbereich mit defekter Lüftung beziehen? Möglich. Naheliegend. Fast schon unanständig naheliegend.
Dann kommt die Idee. Die Leser sollen die Menschen hinter Druckbrot besser kennenlernen. Ihre Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren. Diese merkwürdigen Gestalten, die freiwillig schreiben, denken, formulieren und offenbar irgendeinen seelischen Defekt besitzen müssen, weil sie sich der Gegenwart schriftlich aussetzen, statt einfach Zimmerpflanzen zu pflegen oder Steine zu sammeln.
Also: Wer sind diese Leute? Was treibt sie an? Was bringt sie zum Schreiben? Haben sie nur einen publizistischen Dachschaden oder ist da bereits echtes Wetter unterm Gebälk? Welche Gedanken haben sie, wenn niemand hinschaut? Welche Themen lassen sie los, welche verfolgen sie wie ein schlecht gelaunter Gerichtsvollzieher?
Deshalb gibt es zum dreihundertfünfzigsten Artikel ein schriftliches Interview. Jedem der Autor stelle ich Fragen, um sich, seine Haltung und seinen Blick auf Druckbrot und die Welt zu zeigen. Und damit die Sache etwas tiefer geht als die übliche „Erzähl doch mal was über dich“-Folter aus dem Seminarraum des Grauens, gibt es zusätzlich ein paar Charakterfragen mit Antwortmöglichkeiten. Halb Fragebogen, halb Diagnosegerät, halb Warnschild. Ja, das sind drei Hälften. Willkommen bei Druckbrot.
Also meine lieben Autoren: Seid ihr in der Lage, einen Gedanken zu Ende zu führen, ohne ihn vorher an eine Kommentarspalte zu verlieren? Seid in der Lage, euch selbst gefährlich zu werden? Könnt ihr zwischen Meinung, Reflex und geistigem Schluckauf unterscheiden? Habt ihr schon einmal einen Satz gelesen und danach leise in die Wand geatmet?
Ich kenne den Druck, unter dem ihr steht. Jeden Tag begegnen euch Menschen, die „man wird ja wohl noch sagen dürfen“ für ein Argument halten, während der öffentliche Diskurs aussieht wie ein Grillabend auf einem Munitionsdepot. Deshalb habe ich einige Fragen vorbereitet, die euch eurer eigenen publizistischen Grundstruktur näherbringen. Freiwillig, schonungslos und mit genau jener Ernsthaftigkeit, die ein Zeitalter verdient, das seine Debatten häufig mit der Stirn führt.

Ich fange mit Admin A an. Ich blicke seit jeher zu ihm auf. Er sagt immer, er zu mir auch, aber das halte ich für unwahrscheinlich. Schließlich ist er zwei bis drei Köpfe größer, und aufblicken würde er vermutlich nur, wenn er säße und ich auf dem Tisch stünde.
Er sitzt mir gegenüber. Zumindest stelle ich mir das für dieses Interview so vor. Bei Menschen, die sich seit Jahren erfolgreich hinter einem Buchstaben verbergen, sollte man mit räumlichen Behauptungen vorsichtig sein.
Admin A schiebt meine Fragen ein Stück beiseite, damit die Tasse Platz hat. Das Blatt mit dem Orang-Utan liegt oben. Er sieht darauf, dann zu mir. Ich tue, als gehöre das zu einer sorgfältig entwickelten journalistischen Methode. Draußen fährt ein Auto vorbei; auf dem Tisch vibriert mein Telefon. A dreht es um. Für die nächsten Minuten wird sich das Internet ohne mich verschlechtern müssen.
Seit 2011 ist er in sozialen Medien aktiv, hat an zahlreichen Seiten und Projekten mitgewirkt und sich dabei den Ruf einer grauen Eminenz erworben. Das klingt einerseits respektabel, andererseits ein wenig nach einem Mann, von dem man erst erfährt, dass er anwesend war, wenn drei Regierungen gestürzt und sämtliche Administratorrechte neu verteilt wurden.
Bei Druckbrot arbeiten wir inzwischen zusammen. Heute habe ich zwanzig Fragen an ihn, darunter einige, die seine Mitarbeit an diesem Projekt im Nachhinein wie eine fragwürdige Entscheidung aussehen lassen könnten. Ich beginne mit einer Erinnerung an die Zeit, als wir dem Internet noch etwas zugetraut haben.
Ich will wissen, was fünfzehn Jahre politische Arbeit im Netz mit einem Menschen machen. Was davon geblieben ist, was sich verändert hat und ob irgendwann der Punkt kommt, an dem man sich fragt, weshalb man nicht stattdessen Briefmarken gesammelt hat.
Ich beginne: Schön, dass du hier sitzt und das Interview über dich ergehen lässt. Meine Methode ist einfach, präzise und vermutlich überqualifiziert für diese Zeit. Wähle jeweils die Antwort, die deinem Charakter, deiner Schreibweise oder deinem inneren Fluchtreflex am nächsten kommt. Sei ehrlich. Es sieht niemand zu. Außer du dir selbst, und das ist erfahrungsgemäß bereits Strafe genug.
A sagt nichts. Vermutlich hindert sein innerer Tourette-Anfall eine präzise Antwort.
Ich: Du bist seit 2011 im Social-Media-Bereich aktiv. Welche Vorstellung über soziale Netzwerke hattest du damals, die dir heute geradezu rührend naiv vorkommt?
Admin A: Dass soziale Netzwerke primär dazu da sind, Menschen zu verbinden und Wissen demokratisch zu verteilen. Ich dachte ernsthaft, wenn man Schwachsinn nur oft genug mit harten Fakten widerlegt, setzt sich am Ende die Vernunft durch. Heute weiß ich: Der Algorithmus liebt nicht die Wahrheit, sondern den Krawall.
Ich muss einen Moment über diesen Satz nachdenken. Nicht besonders lange. Fünf Minuten Facebook reichen normalerweise als experimenteller Nachweis.
Ich: Was war damals grundlegend anders, und welche Entwicklung der letzten fünfzehn Jahre hältst du für die gefährlichste?
Admin A: Damals gab es noch echte Diskussionen, heute gibt es vor allem inszenierte Erregung. Die gefährlichste Entwicklung ist die kompromisslose Radikalisierung durch Echokammern und Algorithmen, die Wut monetarisieren. Wenn Hass nicht mehr nur toleriert, sondern finanziell und durch Reichweite belohnt wird, brennt die Hütte.
Das Problem mit brennenden Hütten im Internet besteht darin, dass irgendwo immer jemand steht und erklärt, das Feuer sei bloß eine andere Meinung.
Bei Admin A passiert vieles im Hintergrund. Das ist Absicht. Während andere Menschen bereits zum Frühstück drei Selfies, ihre politische Analyse und den Zustand ihres Verdauungssystems veröffentlichen, kennt man von ihm vor allem einen Buchstaben.
Ich: Du wirst als „graue Eminenz“ bezeichnet. Wie viel davon ist bewusste Zurückhaltung, wie viel Selbstschutz und wie viel Freude daran, andere ins Licht zu schieben und im Hintergrund die Fäden zu verknoten?
Admin A grinst. Zumindest nehme ich das an. Bei einer grauen Eminenz gehört ein hämisches Grinsen schließlich zur vorgeschriebenen Grundausstattung.
Admin A: Ein gesunder Mix aus allen drei. Selbstschutz ist in diesem Metier Überlebensbedingung. Man muss dem Hass keine private Angriffsfläche bieten. Aber vor allem macht es mir schlicht mehr Spaß, wenn das Projekt im Vordergrund leuchtet und die Inhalte wirken, anstatt ständig meine eigene Fresse in die Kamera halten zu müssen.
Das dürfte gleichzeitig die präziseste Beschreibung und die endgültige Begründung dafür sein, weshalb es von ihm vermutlich auch nach diesem Interview keine Homestory mit Bücherregal geben wird.
Kommen wir zu dem Teil, für den Admin A einen gewissen Ruf besitzt.
Ich: Du bist für Eskalationen bekannt. Welche deiner Eskalationen würdest du jederzeit wiederholen, und bei welcher dachtest du später: Das hätte vielleicht auch zwei Flammenwerfer kleiner funktioniert?
Admin A: Jederzeit wiederholen würde ich Eskalationen da, wo Nazis, Rassisten und Wissenschaftsleugner meinten, sie könnten sich im Netz einen gemütlichen Safe Space einrichten. Wo ich zwei Flammenwerfer zu viel dabei hatte? Bei manchen internen Grabenkämpfen oder wenn man sich an Leuten abgearbeitet hat, die eigentlich nur verwirrt, aber nicht bösartig waren. Da hätte manchmal auch ein müdes Lächeln gereicht.
Das ist wahrscheinlich eine der unangenehmeren Erkenntnisse politischer Arbeit: Nicht jeder Mensch, der Unsinn erzählt, ist bereits ein ideologischer Endgegner. Manche erzählen einfach Unsinn. Ein traditioneller menschlicher Zeitvertreib mit erstaunlich stabiler Nachfrage.
Ich: Wann werden klare Worte für dich notwendig, und woran merkst du, dass Schärfe beginnt, nur noch das eigene Publikum zu unterhalten?
Admin A: Klare Worte sind genau dann Pflicht, wenn Grenzen verschoben werden, wenn Menschenwürde angegriffen wird oder wenn Halbwahrheiten als Fakten verkauft werden. Zur reinen Publikumsbespaßung wird es, wenn man nur noch die immer gleichen Punchlines abfeuert, um die Applaus-Maschine der eigenen Blase zu bedienen, ohne in der Sache noch einen Zentimeter weiterzukommen.
Bis hierhin verlief das Gespräch verdächtig vernünftig. Das kann ich so nicht stehen lassen.
Ich: Angenommen, du müsstest die deutsche Nationalhymne rückwärts singen, während dich ein Vertreter der Bundesregierung mit einer Poolnudel verhört: Welche Information über Druckbrot würdest du als Erstes preisgeben?
Admin A braucht erstaunlich wenig Zeit.
Admin A: Ich würde sofort gestehen: „Druckbrot ist kein Gebäck, sondern ein hochkomprimierter politischer Aggregatzustand!“ Und während der Vertreter der Bundesregierung noch grübelt, ob er das in eine DIN-Norm gießen kann, nehme ich ihm die Poolnudel ab.
Ich nicke. Es ist beruhigend zu wissen, dass zumindest für diesen Fall ein belastbares Notfallkonzept vorliegt.
Danach kehren wir widerwillig zur Wirklichkeit zurück.
Ich: Antifaschistische Arbeit in sozialen Medien bedeutet, täglich denselben Unsinn in wechselnden Profilbildern zu sehen. Was hält dich dabei, und was bringt dich inzwischen kaum noch aus der Ruhe?
Admin A: Was mich hält: Aufgeben ist keine Option. Wenn wir den Raum räumen, überlassen wir ihn den Lautesten und Gefährlichsten. Was mich nicht mehr aus der Ruhe bringt: die immer gleichen stanzartigen Beleidigungen in den Kommentaren. Wer seit Jahren die gleichen drei Rechtschreibfehler in Hassnachrichten nutzt, schockt niemanden mehr.
Das Schöne an standardisierten Hassnachrichten liegt immerhin in ihrer Effizienz. Nach einigen Jahren erkennt man bereits am ersten falsch gesetzten Komma, in welche Richtung die Reise geht.
Ich: Welche Entwicklung der vergangenen fünfzehn Jahre hat dich politisch am stärksten überrascht, und welche leider überhaupt nicht?
Admin A: Überrascht hat mich, wie schnell und unverfroren Teile der bürgerlichen Mitte bereit waren, rechtsextreme Narrative einzukaufen und als „Sorgen der Bürger“ umzudeklinieren.
Überhaupt nicht überrascht hat mich, dass das Auslagern der gesellschaftlichen Debatte an US-Tech-Konzerne genau in dem Chaos endet, in dem wir heute sitzen.
Der zweite Teil ist fast banal. Wir haben wesentliche Teile unserer öffentlichen Debatte Firmen überlassen, deren Geschäftsmodell darin besteht, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange in verwertbare Erregung umzuwandeln, und wundern uns anschließend über die verwertbare Erregung.
Menschen sind großartig im Erfinden von Problemen, deren Entstehung sie anschließend für vollkommen unerklärlich halten.
Ich: Humor und Satire können Menschen erreichen, die auf einen politischen Vortrag mit sofortigem innerem Winterschlaf reagieren. Wo endet für dich der Witz, weil das Thema keinen mehr verträgt?
Admin A: Der Witz endet haargenau da, wo er nicht mehr Mächtige entlarvt oder Hetze lächerlich macht, sondern gezielt auf Marginalisierte, Opfer von Gewalt oder auf die Menschenwürde eintritt. Satire muss nach oben treten. Wer ohnehin unten liegt, eignet sich nicht als Trittfläche.
Das dürfte eine brauchbare Definition sein. Vor allem in einer Zeit, in der erstaunlich viele Menschen „Satire darf alles“ mit „Dann darf ich also auch einfach ein Arschloch sein“ übersetzen.
Ich entscheide, dass wir wieder eine kleine Störung der Realität brauchen.
Ich: Du erhältst den Auftrag, die Demokratie zu retten. Zur Verfügung stehen dir Druckbrot, ein Megafon, ein laminierter Primo-Levi-Satz und ein schlecht gelaunter Orang-Utan. Wie lautet dein Plan, und warum bekommt der Orang-Utan selbstverständlich die Administratorrechte?
Admin A: Der Plan: Wir hängen das laminierte Primo-Levi-Zitat „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen“ gut sichtbar an die Bundestagstür, ich brülle durch das Megafon die verbleibenden Anständigen zusammen, und wir verteilen Druckbrot als Nervennahrung. Warum der Orang-Utan die Adminrechte bekommt? Weil er Entscheidungen nach stoischer Logik und Hunger trifft, frei von Lobbyismus, Parteitaktik und Eitelkeit. Schlechter als die aktuellen Algorithmen kann er es gar nicht machen.
An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich festhalten, dass der Orang-Utan bislang als erstaunlich kompetenter Teilnehmer dieses Interviews auffällt.
Aber politische Haltung entsteht selten ausschließlich im Netz. Irgendwann kommt der Punkt, an dem aus Statistiken Menschen werden.
Ich: Welche Begegnung oder welches Erlebnis hat deine politische Haltung stärker geprägt als jede Debatte im Netz?
Admin A: Echte Straßenarbeit und direkte Begegnungen mit Menschen, die von rechter Hetze real betroffen sind. Eine halbe Stunde im echten Leben zuhören prägt mehr als tausend Social-Media-Kommentarspalten. Das brennt sich ein und holt einen aus jeder akademischen Grabenzeile zurück in die Realität.
Plötzlich ist der Ton ein anderer. Kein Algorithmus, keine Reichweite, keine Punchline. Nur die ziemlich schlichte Erkenntnis, dass politische Sprache irgendwann bei wirklichen Menschen ankommt. Und dort Folgen hat.
Ich: Was war der größte Irrtum, den du in deiner politischen Arbeit vertreten hast, und wodurch hast du erkannt, dass du falschlagst?
Admin A: Der Irrtum, dass man jeden erreichen und überzeugen kann, wenn man nur die beste Argumentationskette hat. Ich habe erst durch jahrelange Praxis gelernt, dass manche sich schlicht in ihrer Ideologie eingerichtet haben. Man muss lernen, wo Aufklärung Sinn macht und wo man seine Energie nur sinnlos verbrennt.
Das ist vermutlich eine der teuersten Lektionen politischer Kommunikation. Man kann Jahre damit verbringen, eine Tür aufzuschließen, bevor man bemerkt, dass auf der anderen Seite jemand den Schrank davorgeschoben hat und ausgesprochen zufrieden damit ist.
Ich: Antifaschistische Aufklärung konkurriert in sozialen Netzwerken mit Desinformation, Empörung und Katzen, die aus Kartons fallen. Welche Inhalte erreichen tatsächlich Menschen außerhalb der eigenen Blase?
Admin A: Keine trockenen Zehn-Seiten-Analysen. Es braucht treffsicher gestaltete Visuals, knallharte Alltagssatire, gute Storys und Inhalte, die den Nerv der eigenen Lebensrealität treffen. Wenn ein Beitrag erst mal zum Lachen oder Nachdenken anregt, liest man danach auch den Text dazu.
Ich sehe kurz auf meine eigenen gelegentlich vollkommen maßlosen Textlängen und entscheide, diesen Teil des Interviews nicht persönlich zu nehmen.
Ich: Noch einmal zu den Eskalationen: Welche Reaktion hat dich einmal völlig überrascht, weil ein Beitrag etwas ausgelöst hat, womit du überhaupt nicht gerechnet hattest?
Admin A: Wenn aus einem spontanen, in zwei Minuten herausgehauenen Post auf einmal eine Welle wurde, die Medien aufgriffen oder die eine bundesweite Welle der Hilfsbereitschaft oder Solidarität auslöste, während man an aufwendig recherchierten Beiträgen manchmal tagebrechend sitzt und kaum jemand reagiert. Das Netz bleibt in seiner Dynamik unberechenbar.
Jeder, der Inhalte veröffentlicht, kennt dieses Naturgesetz. Drei Tage recherchieren, fünf Quellen prüfen, Formulierungen feilen: 17 Reaktionen. Beim Kaffee einen Satz hinschreiben, weil man sich gerade über etwas ärgert: 700.000 Menschen, drei Zeitungsredaktionen und vermutlich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss.
So funktioniert Qualität im Zeitalter der Aufmerksamkeit.
Dann lege ich Admin A eine Situation vor, die angesichts der politischen Gegenwart nur unwesentlich absurder wirkt als manche Nachricht des Tages.
Ich: Die deutsche Demokratie wird dir in einem beschädigten Versandkarton zugestellt. Darin befinden sich ein halb entladenes Megafon, ein Faxgerät ohne Papier, drei Meter Absperrband und eine wütende Ente mit Hausverbot im Bundestag. Du darfst nur einen Gegenstand behalten. Welchen nimmst du?
Das Megafon, weil Lautstärke seit jeher jedes Argument ersetzt? Das Faxgerät, weil Behörden ihm bedingungslos vertrauen? Das Absperrband, damit die Brandmauer wenigstens optisch wiederhergestellt werden kann? Oder die Ente, weil sie als Einzige bereits praktische Erfahrung mit parlamentarischer Demokratie besitzt?
Admin A überlegt nicht lange.
Admin A: Die Ente.
Natürlich.
Admin A: Das Megafon kriege ich selbst repariert, Absperrbänder bringen gegen Symbolpolitik nichts, und Faxgeräte gehören ins Museum. Aber eine wütende Ente mit Parlamentserfahrung bringt genau die Unberechenbarkeit mit, die man braucht, um den verkrusteten Laden wieder aufzumischen.
Ich habe keine Einwände. Damit liegt inzwischen ein überraschend belastbares Reformkonzept vor: Orang-Utan für die Administration, Ente für das Parlament.
Es wird Zeit, über Zusammenarbeit zu sprechen.
Ich: Du hast an sehr vielen Seiten und Projekten mitgewirkt. Was muss ein politisches Projekt besitzen, damit du dich beteiligst, und bei welchem Verhalten bist du sofort wieder draußen?
Admin A: Dabei bin ich, wenn Haltung, klare Kante, Eigenverantwortung und ein echter inhaltlicher Anspruch da sind. Ohne Ego-Shows.
Sofort raus bin ich bei Befindlichkeitsstörungen, Postengeschacher, opportunistischem Anbiederungsdrang an den Zeitgeist oder wenn die Sorge um die eigene Reichweite größer ist als die Sorge um die Sache.
Es ist eine bemerkenswert kurze Liste. Und trotzdem schafft es die menschliche Spezies regelmäßig, sämtliche Punkte gleichzeitig abzuhaken.
Ich: Was müsste passieren, damit du irgendwann sagen kannst: Die Arbeit der vergangenen fünfzehn Jahre hat sich gelohnt?
Zum ersten Mal geht es weder um Reichweite noch um Algorithmen oder Projekte.
Admin A: Wenn ich sehe, dass Menschen durch unsere Arbeit den Mut gefunden haben, selbst ihr Maul aufzumachen, Haltung zu zeigen und im Alltagsleben nicht mehr wegzusehen. Wenn aus reinen Lesern selbstdenkende, aktive Geister werden.
Vielleicht ist das am Ende die sinnvollste Maßeinheit für politische Arbeit. Keine Followerzahl, keine Impressionen, keine hübsche Kurve im Statistikbereich. Ein Mensch, der irgendwann dort widerspricht, wo er früher geschwiegen hätte.
Bleibt die Frage nach dem Menschen hinter dem Buchstaben.
Ich: „Admin A“ ist eine öffentliche Figur, hinter der ein realer Mensch sitzt. Welche Eigenschaften gehören beiden, und was bleibt bewusst hinter der Figur verborgen?
Admin A: Beide teilen den unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn, die Allergie gegen Heuchelei, die Vorliebe für trockenen Humor und die Weigerung, vor lautem Krawall einzuknicken.
Verborgen bleiben das Privatleben, die ganz persönlichen Narben, der Alltag und der Schutzraum für die Menschen, die mir wirklich wichtig sind. Admin A ist das Sprachrohr. Der Mensch dahinter lebt sein eigenes Leben.
Damit kann ich leben. Öffentlichkeit begründet schließlich keinen Anspruch auf einen Menschen. Das Internet verwechselt diese beiden Dinge gern, vermutlich weil Grenzen schlecht monetarisierbar sind.
Und dann kommen wir zu Druckbrot.
Ich: Was soll Druckbrot leisten, was einzelne Seiten, kurze Beiträge und soziale Netzwerke nicht leisten können?
Admin A: Druckbrot soll Tiefgang, Substanz und nachhaltige Vernetzung bieten. Ein Ort, der nicht im Sekundentakt des Feeds verpufft, sondern als Archiv, Denkanstoß und verlässliches Werkzeug bestehen bleibt, lange nachdem der tägliche Social-Media-Müll durchgefeuert ist.
Das ist vermutlich der entscheidende Punkt. Der Feed kennt kein Gedächtnis. Alles ist jetzt, fünf Minuten später alt und morgen praktisch nie geschehen. Ein Magazin kann Dinge festhalten. Gedanken dürfen länger leben als die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne zwischen zwei Werbeeinblendungen.
Eine letzte Frage bleibt.
Und da ich mich weigere, ein Gespräch dieser Art mit „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“ zu beenden, kehren wir zu unserem Orang-Utan zurück.
Ich: Du erwischst nachts einen Mann dabei, wie er die Administratorrechte von Druckbrot stehlen will. Er erklärt, er brauche sie dringend, um Deutschland zu retten. Neben ihm stehen ein verschwörungsgläubiger Heilpraktiker, ein FDP-Unternehmensberater und der Orang-Utan aus Frage zehn mit einem laminierten Grundgesetz. Was tust du?
Ich lege ihm die Möglichkeiten vor.
Polizei rufen und zwölf Minuten erklären, dass es tatsächlich um eine Facebook-Seite geht. Dem Orang-Utan Redakteursrechte geben. Alle vier einen Beitrag über Demokratie schreiben lassen und anschließend denjenigen mit den meisten Ausrufezeichen sperren. Oder gemeinsam eine neue Seite namens „Keine Mutation zur politischen Vernunft“ gründen, das Experiment aus sicherer Entfernung beobachten und später jede Beteiligung bestreiten.
Admin A entscheidet sich für Variante C.
Admin A: Ich lasse alle vier einen Beitrag über Demokratie schreiben und sperre anschließend denjenigen mit den meisten Ausrufezeichen. Das spart Zeit, trennt sofort die Spreu vom Weizen und schützt die Seite zuverlässig vor den größten Schwurblern.
Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
Ich: Und wenn der Orang-Utan die meisten Ausrufezeichen benutzt?
Admin A grinst.
Admin A: Dann prüfen wir erst mal, ob er nicht doch recht hat.
Damit ist das Interview beendet.
Der Orang-Utan behält vorläufig seine Rechte. Die Ente sitzt vermutlich weiterhin vor dem Bundestag. Und irgendwo erklärt gerade jemand in einer Kommentarspalte mit mehreren Ausrufezeichen, dass er die Wahrheit kenne.
Manche Dinge ändern sich eben doch nie.
