Über eine Spezies, die sich zum Maß aller Dinge erklärte und daran bis heute nicht einmal ansatzweise heranreicht.
Das einzige Gut, das im Überfluss existiert, ist Intelligenz. Jedenfalls beschwert sich kein Mensch darüber, zu wenig davon zu besitzen. Jeder hält sich für ausreichend ausgestattet. Unterversorgt sind immer die anderen.
Ach, Moment. Der verdammte Descartes war schon vor mir da.
Er schrieb sinngemäß, der gesunde Menschenverstand sei das am besten verteilte Gut der Welt, weil niemand mehr davon verlange, als er bereits besitze. Sehr elegante Bosheit für einen Mann, der ansonsten vor allem für systematisches Zweifeln bekannt ist. Ich fragte mich, was daraus folgt.
Jeder Mensch handelt nach seinen eigenen Prämissen. Er wählt in jedem Augenblick die Möglichkeit, die ihm richtig, vernünftig, notwendig oder wenigstens vorteilhafter als alle Alternativen erscheint. Auch der Triebtäter, der Massenmörder und der Diktator stehen morgens nicht auf und denken: Heute verwirkliche ich das Böse. Sie besitzen eine innere Rechnung, in der ihre Handlung als bestes verfügbares Ergebnis erscheint.
Sie müssen dabei nicht einmal glauben, dass die Gesellschaft insgesamt falschliegt. Es genügt die Überzeugung, sie kenne die entscheidenden Umstände nicht. Wüssten alle, was ich weiß, würden sie genauso handeln. Zustimmung bestätigt die Vernunft, Widerspruch die Unwissenheit der anderen. Der Mensch gewinnt jedes Verfahren, sobald er Angeklagter, Gutachter und Richter zugleich ist.
Hitler, Himmler und Goebbels dürften sich kaum als Bösewichte verstanden haben. In ihrem Weltbild vollstreckten sie eine geschichtliche Notwendigkeit. Himmler sprach über die Vernichtung von Menschen als schwere Pflicht und erklärte, man sei dabei „anständig geblieben“. Goebbels erkannte das Vorgehen als barbarisch und behauptete zugleich, die Opfer hätten es verdient. Das Gewissen war vorhanden und so vollständig ideologisch umgebaut, dass Massenmord darin als Verantwortung erschien.
Damit ein Mensch andere Menschen vernichten kann und sich weiterhin für anständig hält, muss er ihren Existenzwert verändern. Aus Menschen werden Ungeziefer, Schädlinge, Bazillen, Belastungen oder zukünftige Feinde. Die Sprache entfernt sie aus dem Kreis der Wesen, für die Mitgefühl und moralische Regeln gelten. Ihre Körper bleiben menschlich. Ihr moralischer Status wird ausgelöscht.
Ich hörte in einer Dokumentation einen Überlebenden erzählen, Frauen hätten ihre Kinder in den Armen halten müssen. Die Täter zielten auf das Kind, damit die Kugel durch beide Körper ging. Zwei Menschenleben wurden zu einer Möglichkeit, Munition zu sparen. Die Mutter sollte ihr Kind halten, weil selbst ihre letzte schützende Geste noch für die technische Optimierung ihrer Ermordung benutzt werden konnte. Die Täter sahen eine Frau und ein Kind. Die Entmenschlichung machte sie nicht blind. Sie machte das Sichtbare für ihre moralische Rechnung bedeutungslos.
Damit kam ich zu einer noch unangenehmeren Frage: Was ist Moral überhaupt? Wenn jemand hundert Menschen erschießt oder ein Regime Millionen ermordet, findet auf der physikalischen Ebene ein Vorgang statt. Ein Finger bewegt sich, Energie wird freigesetzt, ein Projektil durchdringt Gewebe, biologische Funktionen enden. In keinem Naturgesetz steht, dass dieser Ablauf böse ist. Die Physik beschreibt, was geschieht. Moral beurteilt, was es für jemanden bedeutet.
Das Universum führt kein Strafregister. Es besitzt keine Interessen, keine Erwartungen und keine Gerechtigkeit. Wenn die Menschheit sich abschafft, endet kein kosmisches Meisterwerk. Auf einem winzigen Planeten verstummt eine Tierart, die sich selbst für den Höhepunkt der Existenz hielt. Das Universum sieht dabei nicht einmal weg. Es hat nie hingesehen.
Von dort aus betrachtete ich die menschlichen Errungenschaften: Medizin, Wissenschaft, Kunst, Technik, Wirtschaft, Raumfahrt. Fast alles, worauf wir stolz sind, nützt zunächst uns selbst. Wir lösen Probleme, die wir zu einem erheblichen Teil selbst verursacht haben, und schaffen es noch nicht einmal vollständig. Wir vergiften Flüsse, reinigen einen Teil davon und verleihen uns Preise für Nachhaltigkeit. Wir zerstören Lebensräume, erklären die Reste zu Schutzgebieten und feiern unsere Naturverbundenheit. Der Brandstifter entwickelt einen Feuerlöscher und erwartet Anerkennung für seine Innovationskraft.
Als Beweis unserer Sonderstellung führen wir die Intelligenz an. Das ist praktisch, denn Intelligenz ist genau jene Eigenschaft, bei der wir den Wettbewerb gewinnen. Wir legen die Bewertungskriterien fest, nehmen an der Prüfung teil, korrigieren die Arbeit und verleihen uns den Titel „Krone der Schöpfung“. Ein Gepard könnte Geschwindigkeit zum höchsten Wert erklären und käme mit derselben Methode zu einem überzeugenderen Ergebnis. Ein jahrhundertealter Baum würde Beständigkeit wählen. Der Mensch wählt Intelligenz, weil die Jury auffällig menschlich besetzt ist.
Doch diese Intelligenz beruht auf Egoismus. Sie entstand als Werkzeug für Überleben, Fortpflanzung, Ressourcensicherung und den Vorteil der eigenen Gruppe. Selbst Kooperation machte Menschen gemeinsam erfolgreicher. Der Verstand beantwortet hervorragend, wie wir etwas bekommen, besitzen und beherrschen können. Die Folgen für andere interessieren meist erst, wenn sie den eigenen Wohlstand oder das eigene Überleben bedrohen.
Intelligenz ohne Ethik ist nur Macht. Sie kann Atome spalten, Gene verändern und Menschen industriell vernichten. Sie vergrößert die Reichweite dessen, was ein Tier bewirken kann. Erst emotionale Intelligenz fragt: Was bedeutet mein Handeln für ein anderes empfindungsfähiges Wesen, und welche Verantwortung entsteht daraus?
Das ursprüngliche Schutzgefühl besitzen wir längst. Ich schütze meine Tochter, mein Nachbar schützt seine. Meine Tochter ist Teil meines Lebens. Ihr Schmerz würde zu meinem Schmerz, ihr Tod würde mein Leben zerreißen. Darin liegt Bindung. Moral beginnt für mich an dem Punkt, an dem ich begreife, dass die Tochter meines Nachbarn für ihn denselben Existenzwert besitzt. Ein Vater in Syrien empfindet für sein Kind dasselbe. Ich kenne ihn nicht, werde ihm nie begegnen und hätte keinen persönlichen Vorteil davon, ihn zu schützen. Sein Leben ist trotzdem ebenso wirklich wie meines.
Der moralische Kreis kann von dort aus wachsen: meine Familie, andere Familien, meine Stadt, andere Städte, mein Staat, andere Staaten. Niemand kann acht Milliarden Menschen persönlich lieben. Ich muss ein fremdes Kind auch nicht so lieben wie meine Tochter. Ich muss verstehen, dass es von jemandem so geliebt wird, wie ich meine Tochter liebe. Nähe bestimmt, wen ich zuerst umarme. Sie darf nicht bestimmen, wessen Tod bedeutungslos ist.
Wenn es in einer echten Überlebenssituation nur genug Nahrung für meine Tochter oder meinen Nachbarn gäbe, würde ich meine Tochter retten. Ich würde eher meinen Nachbarn verhungern lassen als sie. Das ist ehrlich. Der moralische Unterschied liegt zwischen tragischer Knappheit und freiwilliger Gleichgültigkeit. Wenn genug für beide vorhanden ist und ich den Nachbarn trotzdem verhungern lasse, damit mein Vorrat größer bleibt, stirbt er für meinen Vorteil.
Konsequent weitergedacht endet dieser Kreis nicht an der menschlichen Artengrenze. Ein Tier leidet unabhängig davon, ob es einen Namen trägt, jemandem gehört oder wirtschaftlich verwertbar ist. Es empfindet Angst und Schmerz, besitzt ein eigenes Erleben und ein erkennbares Interesse daran, weiterzuleben. Damit stellt sich beim Fleischessen eine unangenehm einfache Frage: Kann ich einem Lamm in die Augen sehen und sagen, mein Appetit auf Fleisch sei wichtiger als sein gesamtes weiteres Leben?
Wenn andere Nahrung verfügbar ist und es nur um Genuss geht, lautet die ehrliche Antwort: Mein vorübergehender Geschmack ist mir wichtiger als deine Existenz. Deshalb sorgt die Gesellschaft für Distanz. Wir kaufen Lammfleisch und kein getötetes Lamm. Schlachthöfe liegen außerhalb des Blickfelds. Auf Verpackungen stehen Gewichtsangaben, Haltungsformen und Zubereitungsempfehlungen. Das Tier muss sprachlich verschwinden, bevor sein Körper auf dem Teller erscheinen kann.
Wir wissen, dass ein Erwachsener seine Macht über ein Kind nicht zur Befriedigung eigener Bedürfnisse einsetzen darf. Das Kind kann nicht wirksam zustimmen, sich nicht gleichwertig verteidigen und besitzt ein uneingeschränktes Recht auf körperliche Unversehrtheit. Beim Lamm erklären wir dieselben Umstände für bedeutungslos. Auch das Lamm kann nicht zustimmen und sich unserer Gewalt nicht entziehen. Sein Lebenswille verliert gegen einen kurzen menschlichen Genuss. Unsere moralische Empörung endet an der Artengrenze.
Der Mensch nennt sich Krone der Schöpfung, weil er reflektieren und ethisch handeln könne. Sobald diese Ethik seinen Appetit begrenzen soll, beruft er sich auf die Natur. Tiere fressen schließlich auch Tiere. Der Löwe besitzt allerdings weder ethische Alternativen noch ein Supermarktregal. Er tötet, weil er muss. Der Mensch lässt töten, weil es ihm schmeckt, und schreibt danach ein Gutachten darüber, weshalb seine Bequemlichkeit Teil der natürlichen Ordnung sei. Er ist die Krone der Schöpfung, solange Herrschaftsrechte verteilt werden, und ein gewöhnliches Tier, sobald Verantwortung verlangt wird.
Darin erkenne ich eine faschistoide Grundstruktur. Ihr Kern lautet: A ist besser als B. Aus einer unterschiedlichen Eigenschaft wird ein unterschiedlicher Existenzwert konstruiert. A ist intelligenter, stärker, mächtiger oder gehört zur richtigen Gruppe. Deshalb sei A mehr wert. Aus diesem Mehrwert entstehen größere Rechte, aus dem angeblichen Minderwert von B entsteht Verfügbarkeit. B darf benutzt, eingesperrt, ausgebeutet und getötet werden. Der erste Schritt geschieht dort, wo Verschiedenheit in eine Rangordnung des Existenzwertes verwandelt wird.
Beim Verhältnis zwischen Mensch und Tier lautet die Kette: Der Mensch ist intelligenter als das Lamm. Also sei der Mensch höherwertiger. Also dürfe das Lamm ihm gehören. Also dürfe sein einziges Leben für menschlichen Genuss beendet werden. Innerhalb der Menschheit verwenden wir Intelligenz aus gutem Grund nicht als Eintrittskarte zum Lebensrecht. Ein Säugling verliert seinen Schutz nicht, weil ein Erwachsener komplexer denken kann. Beim Tier wird die geringere kognitive Fähigkeit plötzlich zur Lizenz für Herrschaft. Das Kriterium erscheint genau dort, wo es dem Mächtigeren nützt.
Ich erinnere mich an einen Satz aus Full Metal Jacket: „Die Toten wissen nur eins: Es ist besser, am Leben zu sein.“ Von außen erscheint ein Leben als Exemplar einer Art, als Zahl oder als biologischer Vorgang. Von innen ist es die einzige Existenz, die dieses Wesen jemals haben wird. Für das Lamm ist sein Leben kein kleines Leben. Es ist alles. Drei Sekunden oder dreihundert Jahre verändern die Dauer, niemals die Einmaligkeit. Wer ein Leben beendet, nimmt alles, was für dieses Wesen noch hätte existieren können.
Das ist meine Prämisse, bevor ich die Menschheit als Krone der Schöpfung anerkennen könnte. Eine Spezies verdient diesen Titel erst, wenn sie ihre Erkenntnisfähigkeit zum Schutz schwächerer Lebewesen einsetzt. Technik beweist, dass sie wirksam handeln kann. Ihr Umgang mit fremdem Leben zeigt, wofür sie diese Wirksamkeit verwendet. Die Krone wäre keine Auszeichnung. Sie wäre eine Stellenbeschreibung.
Die Menschheit trägt sie trotzdem längst. Sie besitzt die Macht eines Hüters, die Bedürfnisse eines Raubtiers und die Öffentlichkeitsarbeit eines Wohlfahrtsverbandes. Alle wollen das Richtige tun. Jeder versteht darunter etwas anderes. Gemeinsam machen sie alles kaputt.
Der Weg in die Hölle ist mit guten Absichten gepflastert. Seine eigentliche Tiefe ist erheblich finsterer als ein gut gemeinter Irrtum. Menschen bauen die Hölle selten unter diesem Namen. Auf den Bauplänen stehen Ordnung, Sicherheit, Gerechtigkeit, Schutz und Zukunft. Erst im Kleingedruckten findet man die Leichen.


