Der älteste politische Konflikt der Menschheit und die vergessene Gegenkraft
Siebzig Prozent wählen die AfD nicht. Um diese siebzig Prozent ging es im ersten Artikel. Es ging um eine klare gesellschaftliche Mehrheit, die sich zwar keiner offen faschistischen Partei anschließt, jedoch recht empfänglich für autoritäre Politik ist. Die SPD gab große Teile ihrer sozialen Funktion auf und verlor die Menschen, deren Interessen sie einmal vertreten wollte. Die CDU übernahm Sprache, Themen und Deutungsmuster der AfD, um rechte Wähler zurückzugewinnen, und bewegte damit das gesamte politische Koordinatensystem weiter nach rechts. Die Begründung lautete für mich: Die Parteien zielen dabei vor allem auf den autoritären Anteil innerhalb jener siebzig Prozent, die sich selbst außerhalb des Faschismus verorten.
Im zweiten Artikel beschrieb ich, warum ich die Menschheit im Overdrive sehe.
Im ersten Artikel habe ich jedoch Die Linke nicht betrachtet. Also betrachten wir sie. Was hat Die Linke in den Jahren des Rechtsrucks getan? Was könnte diese Partei erreichen?
DIE LINKE WÄHREND DES RECHTSRUCKS
Die Linke hätte in den vergangenen Jahren eine historische Gelegenheit gehabt. Die Mieten stiegen, Vermögen konzentrierten sich, öffentliche Infrastruktur verfiel, die Klimakrise wurde spürbar, die SPD verwaltete ihren eigenen politischen Leichnam und die CDU entdeckte den rechten Kulturkampf als Ersatz für gesellschaftliche Antworten. Es war eine Lage, in der eine glaubwürdige soziale Opposition nahezu auf der Straße hätte eingesammelt werden können.
Die Linke sammelte stattdessen über Jahre vor allem ihre eigenen Scherben ein. Sie stritt über Ost und West, Regierung und Opposition, Migration, Klima, Russland, NATO, Identitätspolitik, Sahra Wagenknecht und die Frage, welcher Flügel dem anderen zuerst die politische Existenzberechtigung absprechen durfte. Die Konflikte hatten reale politische Gründe. Ihre Form machte daraus ein jahrelanges Schauspiel, in dem eine Partei vorführte, wie man sich selbst bekämpft, während das Land nach rechts kippt.
Bei der Bundestagswahl 2021 retteten drei Direktmandate die Partei trotz 4,9 Prozent in den Bundestag. Nach der Abspaltung des Bündnisses Sahra Wagenknecht wirkte sie zeitweise wie ein politischer Nachlass, dessen Erben sich noch im Treppenhaus stritten. Dann konzentrierte sie sich wieder auf Mieten, Preise, Löhne und konkrete soziale Hilfe. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte sie 8,8 Prozent und 64 Sitze. Bis Ende 2025 stieg ihre Mitgliederzahl nach eigenen Angaben auf 123.558.
Das zeigt, dass diese Partei Menschen erreichen kann, sobald sie die sozialen Probleme der Menschen ernst nimmt und sich für einige Minuten von der faszinierenden Beschäftigung mit sich selbst löst.
Es zeigt auch, wie klein ihre tatsächliche Wirkung im Verhältnis zu ihrer möglichen Aufgabe geblieben ist. Während die politische Mitte rechte Deutungen übernahm, hätte Die Linke die gesellschaftliche Gegenbewegung organisieren müssen. Sie war über weite Strecken mit der Frage beschäftigt, wer nach der nächsten Vorstandssitzung noch miteinander reden würde.
Hinzu kommt ein Problem, das für eine Partei mit universalem Gleichheitsanspruch besonders verheerend ist. In Teilen der Linken existiert ein Antisemitismus, der Jüdinnen und Juden kollektiv verantwortlich macht, jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich bestreitet oder antisemitische Erzählungen unter dem Etikett der Palästinasolidarität transportiert.
Die Auseinandersetzung findet inzwischen offen in der Partei statt, und dass dieser Kampf innerhalb der Partei geführt werden muss, belegt das Problem bereits.
Einer Partei, die den Gleichheitsgedanken an einer Stelle aussetzt, traue ich keine Befreiung der gesamten Gesellschaft zu. Eine Linke, die Antisemitismus duldet, beschädigt ihr eigenes Fundament. Eine Linke, die ihre Energie in Flügelkämpfen verbrennt, überlässt den gesellschaftlichen Konflikt jenen, die ihn rassistisch umdeuten. Diese Partei kann Opposition leisten, soziale Fragen sichtbar halten und parlamentarischen Druck erzeugen. Für die größere Aufgabe erscheint sie mir in ihrer gegenwärtigen Form zu widersprüchlich, zu sehr mit sich selbst beschäftigt und an entscheidenden Stellen politisch kontaminiert.
EINE FIKTIVE LINKE
Damit endet die Betrachtung der realen Partei. Die Idee endet dort keineswegs. Stellen wir uns eine linke Partei vor, die ihre eigene Aufgabe verstanden hat. Sie trägt keine historischen Loyalitäten mit sich herum, verwechselt moralische Pose nicht mit politischer Wirkung und behandelt Antisemitismus mit derselben Konsequenz wie Rassismus und Faschismus. Sie spricht verständlich, organisiert konkret und betrachtet Menschen weder als Stimmvieh noch als pädagogisches Rohmaterial. Sie weiß, dass eine Partei keine Avantgarde ist, die der Bevölkerung das richtige Denken beibringt. Sie ist ein Werkzeug, mit dem Menschen ihre gemeinsamen Interessen erkennen und durchsetzen.
Diese fiktive Linke würde sichtbar machen, was große Teile dieser Mehrheit miteinander verbindet. Beschäftigte, Rentner, Alleinerziehende, Pflegekräfte, Handwerker, kleine Selbstständige, Mieter und junge Menschen stehen in sehr verschiedenen Lebenslagen. Fast alle geraten jedoch unter den Druck einer Ordnung, in der Einkommen aus Arbeit langsamer wachsen als Einkommen aus Besitz, öffentliche Leistungen verfallen und jede Krise zur neuen Geschäftsmöglichkeit für jene wird, die bereits genug besitzen.
Eine solche Partei würde den Rechtsruck an seiner wirtschaftlichen Wurzel angreifen. Rechte Politik verwandelt den Konflikt zwischen oben und unten in einen Konflikt zwischen innen und außen.
Der schlecht bezahlte Beschäftigte soll den noch schlechter bezahlten Migranten fürchten. Der Mieter soll auf den Bürgergeldempfänger zeigen. Die Pflegekraft soll über Geflüchtete reden, während ein Konzern an jedem belegten Bett verdient. Der Rentner soll glauben, seine Rente scheitere an Kindern mit ausländischen Namen, während Milliardenvermögen nahezu unberührt durch Generationen gereicht werden.
Die fiktive Linke würde diese Ablenkung beenden. Sie würde über Eigentum sprechen, über Löhne, Mieten, Vermögen, Erbschaften, Arbeitszeit, öffentliche Daseinsvorsorge und demokratische Kontrolle der Wirtschaft. Sie würde erklären, dass ein Krankenhaus eine gemeinsame Infrastruktur ist, eine Wohnung ein Lebensraum, Energie eine Existenzgrundlage und Wasser kein Renditeprodukt. Sie würde den sozialen und ökologischen Umbau verbinden, weil Klimaschutz ohne Verteilungspolitik zur Luxusmodernisierung für Vermögende und zur Verbotsdebatte für alle anderen verkommt.
Sie könnte eine handlungsfähige gesellschaftliche Mehrheit erreichen. Keine ideologisch einheitliche Mehrheit, auch keine Schar frisch bekehrter Sozialisten. Es wäre eine Mehrheit, die ihre gemeinsamen materiellen Interessen erkennt. Genau darin läge ihre Macht. Menschen müssten keine Theorieprüfung bestehen. Es reichte, wenn sie verstehen, dass sie gemeinsam mehr besitzen, entscheiden und schützen können als vereinzelt.
Um zu erkennen, was eine solche Bewegung erreichen könnte, hilft ein Blick auf das, was linke und progressive Bewegungen bereits erreicht haben. Ihre Geschichte beginnt auch nicht mit einer Partei. Sie beginnt überall dort, wo Menschen Herrschaft begrenzen, Privilegien teilen und den Kreis jener erweitern, die als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft gelten.
Allein in den vergangenen siebzig Jahren wurden Fünf-Tage-Woche, Arbeitszeitbegrenzung, bezahlter Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Mitbestimmung, Kündigungsschutz, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe gegen bestehende Machtverhältnisse durchgesetzt. Kein Vorstand wachte eines Morgens auf und beschloss aus reiner Menschenliebe, Beschäftigten mehr Freizeit, Frauen mehr Rechte und der Allgemeinheit mehr Einfluss zu schenken. Diese Fortschritte wurden organisiert, erkämpft und anschließend von jenen verwaltet, die sich zuvor gegen sie gewehrt hatten.
Jede zivilisatorische Erweiterung folgte derselben Richtung. Mehr Menschen erhielten Rechte. Mehr Lebensbereiche wurden der willkürlichen Macht Einzelner entzogen. Gewalt wurde begrenzt, Wissen geöffnet, Bildung verbreitet, Krankheit gemeinsam abgesichert und Armut als gesellschaftliche Aufgabe verstanden. Die Bewegung verlief von der Hierarchie zur Gleichheit, vom Privileg zum Recht, von privater Willkür zur gemeinsamen Regel. Später nannte man diese Richtung links.
Der Begriff entstand aus einer Sitzordnung im Parlament. Die Idee war schon da, als kein Mensch ein Parlament kannte. Sie war da, als Menschen Nahrung teilten, Kinder gemeinsam schützten, Verletzte versorgten, Wissen weitergaben und in Gruppen jagten. Der Mensch überlebte weder durch seine Klauen noch durch seine Zähne. Beides fiel bei der biologischen Ausstattung eher unter optimistische Sonderausstattung. Er überlebte durch Sprache, Kooperation, Fürsorge und gemeinsames Lernen. Ein einzelner Mensch war für den Säbelzahntiger ein übersichtlich portionierter Individualist.
Gemeinschaft ist deshalb keine linke Erfindung. Links ist die politische Bezeichnung, die man dem gemeinschaftlichen Prinzip gab, als Besitzende darin eine Gefahr für ihre Vorrechte erkannten.
DAS BETRIEBSSYSTEM DER ZIVILISATION
Alles, was wir Zivilisation nennen, beruht auf gemeinschaftlicher Leistung. Sprache entstand über Generationen. Wissen wurde gesammelt, geprüft und weitergegeben. Wissenschaft baut auf den Erkenntnissen unzähliger Menschen auf. Medizin, Recht, Bildung, Demokratie, Infrastruktur und Kultur sind gemeinschaftliche Speicher menschlicher Erfahrung. Kein Unternehmer erfand die Sprache, in der er seine Verträge schreibt. Kein Milliardär entwickelte allein die Mathematik, die Technologie, die Verkehrswege und das Rechtssystem, auf denen sein Vermögen beruht.
Der gefeierte Einzelne steht immer auf einem Fundament, das andere gebaut haben. Er wurde erzogen, ausgebildet und medizinisch versorgt. Seine Beschäftigten wurden auf Kosten der Gemeinschaft qualifiziert. Seine Waren fahren über öffentliche Straßen. Gerichte sichern seine Verträge, Polizei schützt sein Eigentum, öffentliche Forschung liefert Technologien und der Staat rettet sein Unternehmen, sobald das private Risiko eine gesellschaftlich interessante Größe erreicht. Die Gemeinschaft trägt das Fundament, die Risiken und häufig die Trümmer. Der Gewinn entdeckt anschließend seine ausgeprägte Privatnatur.
Der Kapitalismus ist eine Anwendung auf dem Betriebssystem Gemeinschaft, die nach dem Start behauptet, sie habe den Rechner erfunden. Selbst der Markt funktioniert nur durch gemeinsame Regeln, Vertrauen, Währung, Infrastruktur und Recht. Vollkommener Eigennutz ohne gemeinschaftliche Begrenzung führt zu Raub, Monopol, Betrug und Gewalt. Jede funktionierende kapitalistische Gesellschaft muss den Kapitalismus fortlaufend durch gemeinschaftliche Institutionen daran hindern, seine eigenen Grundlagen zu zerstören. Danach bedankt er sich für die Rettung, indem er Steuern als Diebstahl bezeichnet.
Die politische Linke hat im Kern immer denselben Impuls vertreten: Was viele gemeinsam erzeugen und zum Leben benötigen, soll auch ihrer gemeinsamen Entscheidung unterliegen. Dieser Impuls erschien in sehr verschiedenen Formen, bei Bauernaufständen, Arbeiterbewegungen, Frauenbewegungen, Bürgerrechtskämpfen, Gewerkschaften, Genossenschaften, öffentlichen Einrichtungen und sozialen Sicherungssystemen. Viele Beteiligte kannten das Wort links nicht oder lehnten es ab. Ihre Bewegung hatte trotzdem dieselbe Richtung. Sie erweiterte Gemeinschaft gegen Herrschaft.
Sogar die religiöse Geschichte liefert dafür Material. Jesus stellte die moralische Ordnung des Reichtums infrage, wandte sich den Armen zu und jagte Händler aus dem Tempel. Jahrhunderte später segneten Kirchen Könige, sammelten Vermögen und erklärten Eigentumsordnungen zum göttlichen Willen. Herrschaft besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, ihre Kritiker nach deren Tod in die eigene Personalabteilung zu übernehmen.
DIE ERSTE GRÖSSERE KEULE
Der moderne Kapitalismus saß selbstverständlich noch nicht in der Höhle. Seine Grundlogik war bereits vorhanden: Besitz wird zu Macht, Macht schützt Besitz, und aus beidem entsteht eine Geschichte, die diese Ordnung als natürlich erklärt. Irgendwann beanspruchte ein Mensch den größeren Anteil, weil er die größere Keule besaß. Als ein anderer sagte, man könne teilen, begann die älteste politische Kampagne der Menschheit.

Teilen gefährde die Ordnung. Gleichheit bestrafe Leistung. Gemeinschaft erzeuge Faulheit. Der Besitzende trage das Risiko. Ohne seinen Vorrat, seine Höhle, seinen Acker, seine Fabrik oder seinen Konzern hätten die anderen überhaupt nichts. Die Begründungen wurden mit jeder Epoche eleganter. Die größere Keule verwandelte sich in Krone, Erbrecht, Eigentumstitel, Vertrag, Aktienpaket, Medienkonzern und Rechtsabteilung. Ihr argumentativer Kern blieb erstaunlich robust: Was ich besitze, verdanke ich mir. Was ihr gemeinsam braucht, bedroht meine Freiheit.
Seitdem wird der gemeinschaftliche Gedanke verteufelt. Später kamen die großen Schreckbilder hinzu. Sowjetunion, DDR, China und Nordkorea nannten sich sozialistisch, kommunistisch, demokratisch oder Volksrepublik. Sie schufen neue Eliten, unterdrückten Menschen und lieferten dem Besitz die bequemste Antwort auf jede Forderung nach gemeinschaftlicher Kontrolle. Wer Vermögen besteuern will, soll sich für Stalin rechtfertigen. Wer Wohnungen vergesellschaften will, bekommt die Berliner Mauer erklärt. Die Staatsbezeichnungen gelten dabei als Beweis ihres Inhalts.
Die Warnung wirkt, weil das Kapital dem Menschen seit der ersten größeren Keule erzählt, wer der „Gefährlichere“ ist. Viele verteidigen danach ein Vermögen, das sie nie besitzen werden, gegen eine Besteuerung, die sie nie treffen würde. Das Kapital muss seine Ordnung deshalb nicht jeden Tag mit Gewalt sichern. Ein großer Teil der Beherrschten übernimmt freiwillig den Wachdienst.
Eine fiktive Linke, die diese Logik wirksam angreift, würde auf massiven Widerstand treffen. Medienkampagnen, Standortdrohungen, Investitionsstopps, Kapitalflucht, Kreditdruck, Gerichtsverfahren und politische Blockaden wären die ersten Instrumente. Dafür braucht es keine geheime Versammlung. Gemeinsame Interessen koordinieren das Verhalten der Besitzenden ausreichend. Demokratie zählt Stimmen, Kapital zählt Eigentum.
Die Geschichte zeigt auch die nächste Eskalationsstufe. In Chile gewann Salvador Allende 1970 demokratisch die Präsidentschaft und begann, zentrale Wirtschaftsbereiche zu verstaatlichen. Freigegebene Dokumente des US-Außenministeriums belegen den Auftrag der Nixon-Regierung an die CIA, Allendes Amtsantritt zu verhindern oder ihn zu stürzen. Weitere Akten dokumentieren die Finanzierung oppositioneller Parteien, Medien und privater Organisationen. 1973 putschte das Militär unter Augusto Pinochet. Eigentum diskutiert gern über Freiheit. Sobald seine Macht ernsthaft bedroht wird, erweitert sich sein politischer Wortschatz gelegentlich um Folterkeller.
WAS EINE LINKE ERREICHEN KÖNNTE
Eine fiktive linke Partei könnte die siebzig Prozent zu einem politischen Subjekt machen. Sie könnte ihnen zeigen, dass ihr Alltag bereits aus gemeinschaftlichen Errungenschaften besteht. Wochenende, Urlaub, Lohnfortzahlung, Rente, Krankenversicherung, öffentliche Schulen, Frauenrechte, Bürgerrechte, sauberes Wasser, Arbeitsschutz und demokratische Teilhabe stammen aus Kämpfen gegen eine Ordnung, die jeden dieser Fortschritte zunächst für gefährlich, unbezahlbar oder widernatürlich erklärte.
Diese Partei müsste Gemeinschaft wieder als praktische Macht organisieren. Gewerkschaften, Mieterinitiativen, Genossenschaften, öffentliche Betriebe, soziale Bewegungen und lokale Strukturen wären ihr gesellschaftliches Fundament. Ihre Aufgabe erschöpfte sich weder in Wahlen noch in parlamentarischen Anträgen. Sie müsste Menschen die Erfahrung ermöglichen, dass gemeinsames Handeln wirkt. Erst dann hält eine Mehrheit dem wirtschaftlichen und medialen Druck stand, der entsteht, sobald Eigentum tatsächlich demokratisiert wird.
Gerade im klimatischen Overdrive wäre eine solche Linke entscheidend. Klimaanpassung, Energie, Wasser, Wohnen, Gesundheit, Verkehr und Katastrophenschutz lassen sich nur gemeinschaftlich organisieren. Der Markt verteilt Schutz nach Kaufkraft. Eine Zivilisation verteilt ihn nach Bedarf. Wer diesen Unterschied verwischt, bekommt eine Gesellschaft, in der sich Vermögende in klimatisierte Sicherheitszonen zurückziehen und der Rest Verhaltenstipps für Hitzewellen erhält.
Der heutigen Partei Die Linke traue ich diese Aufgabe nur begrenzt zu. Sie besitzt Menschen, Strukturen, Wissen und einige richtige Forderungen. Sie trägt zugleich ihre Selbstbeschäftigung, ihre historischen Brüche und einen antisemitischen Flügel mit sich herum, der jeden universalen Anspruch beschädigt. Eine andere Linke könnte aus ihren Fehlern lernen. Sie könnte soziale Sicherheit, Antifaschismus, Klimaschutz und demokratisches Eigentum zu einer gemeinsamen Erzählung verbinden. Sie könnte aufhören, den Menschen ein Etikett verkaufen zu wollen, und ihnen zeigen, dass sie das zugrunde liegende Prinzip seit Beginn der Menschheit benutzen.
Links ist kein fremdes Betriebssystem, das der Gesellschaft aufgezwungen werden müsste. Es ist der Name, den Besitzende dem menschlichen Betriebssystem gaben, als sie merkten, dass Gemeinschaft ihren größeren Anteil gefährdet. Seitdem verteidigen die Ausgebeuteten ihre Ausbeuter vor der Idee, der sie ihr Überleben verdanken.

