Manchmal reicht eine kleine Geschichte, um eine ziemlich große Frage zu stellen.
An einem Strand in Kühlungsborn ist vor wenigen Tagen eine Ente nach Steinwürfen gestorben. Die Polizei ermittelt. Noch ist nicht geklärt, ob Kinder das Tier absichtlich oder versehentlich getroffen haben. Die Eltern bestreiten eine vorsätzliche Handlung.
Trotzdem bleibt die Geschichte im Kopf.
Denn sie berührt eine Frage, die weit über diesen einzelnen Vorfall hinausgeht: Verlieren wir eigentlich unsere Empathie? Die Antwort ist erstaunlicherweise nicht so einfach.
Es gibt tatsächlich wissenschaftliche Hinweise auf einen Empathieverlust. Eine große Untersuchung aus den USA wertete 72 Stichproben mit mehr als 13.700 Studierenden aus. Zwischen 1979 und 2009 sank die sogenannte empathische Anteilnahme um rund 48 Prozent. Die Fähigkeit, sich in die Perspektive anderer Menschen hineinzuversetzen, sank um etwa 34 Prozent. Das klingt erschreckend. Aber dann kam eine interessante Wendung.
Eine spätere Untersuchung betrachtete die Entwicklung bis 2018. Und plötzlich zeigte sich: Seit etwa 2009 nahm die Empathie junger Menschen in den USA wieder zu. Die einfache Geschichte „Die Jugend wird immer empathieloser“ funktioniert also nicht. Vielleicht müssen wir deshalb eine andere Frage stellen. Nicht: Werden die Menschen immer schlechter? Sondern: Welche Art von Gesellschaft macht es leichter, empathisch zu sein? Auch dazu gibt es interessante Daten.
Eine internationale Untersuchung mit mehr als 104.000 Menschen aus 63 Ländern fand deutliche kulturelle Unterschiede bei Empathie. Länder mit stärker kollektivistischen Wertvorstellungen erzielten im Durchschnitt höhere Empathiewerte. Empathie stand außerdem mit prosozialem Verhalten und subjektivem Wohlbefinden in Verbindung. Das bedeutet nicht, dass Menschen in ärmeren Ländern automatisch bessere Menschen sind.
Und es bedeutet auch nicht, dass Wohlstand Empathie zerstört. Aber vielleicht zeigt sich hier etwas anderes. Empathie braucht Beziehung. Sie entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wächst dort, wo Menschen miteinander leben, voneinander abhängig sind, Verantwortung füreinander übernehmen und regelmäßig erleben, dass das eigene Handeln Auswirkungen auf andere hat.
In einer Gesellschaft, in der immer stärker das Individuum im Mittelpunkt steht, kann sich etwas verändern. Ich. Meine Leistung. Meine Freiheit. Meine Bedürfnisse. Mein Erfolg. Meine Meinung. Das alles ist nicht grundsätzlich schlecht. Aber irgendwann stellt sich die Frage: Wo bleibt das „Wir“?
Vielleicht liegt genau dort ein Teil unseres Problems. Wir leben heute in einer Welt, in der wir gleichzeitig mehr Menschen erreichen können als jemals zuvor und ihnen trotzdem immer seltener wirklich begegnen. Wir sehen Leid auf unseren Bildschirmen. Krieg. Hunger. Gewalt. Flüchtlinge. Obdachlose. Tiere. Katastrophen. Millionenfach. Und vielleicht passiert dabei etwas Merkwürdiges: Je mehr Leid wir sehen, desto weniger müssen wir uns tatsächlich damit auseinandersetzen.
Ein Mensch, der vor uns weint, ist etwas anderes als ein Video von einem Menschen, der irgendwo auf der Welt weint. Ein verletztes Tier direkt vor unseren Füßen ist etwas anderes als ein Video davon. Und ein Mensch, der neben uns Hilfe braucht, ist etwas anderes als ein Algorithmus, der uns zehn Sekunden später schon das nächste Video zeigt.
Vielleicht ist das eigentliche Problem deshalb gar nicht, dass Menschen keine Empathie mehr besitzen. Vielleicht üben wir sie einfach weniger. Und dann kommt noch etwas hinzu. Empathie allein reicht nicht.
Man kann durchaus erkennen, dass jemand leidet, und trotzdem nichts tun. Genau das macht die Geschichte mit der Ente so bedrückend. Nicht einmal deshalb, weil Kinder möglicherweise einen Vogel mit Steinen beworfen haben. Kinder müssen Empathie, Grenzen und Verantwortung erst lernen. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Was machen die Erwachsenen daraus? Greift jemand ein? Sagt jemand: „Hör auf. Das Tier hat Angst.“ Erklärt jemand, warum man einem Lebewesen keine Schmerzen zufügt? Oder stehen wir daneben und schauen zu? Denn Empathie muss irgendwann in Handlung übergehen. Sonst bleibt sie ein Gefühl.
Vielleicht brauchen wir deshalb keine Gesellschaft, in der alle Menschen ständig besonders nett sind. Vielleicht brauchen wir eine Gesellschaft, in der Menschen wieder stärker füreinander verantwortlich sind. Eine Gesellschaft, in der Kinder erleben, dass Erwachsene eingreifen, wenn jemand schwächer ist. Eine Gesellschaft, in der Rücksicht nicht als Schwäche gilt. Eine Gesellschaft, in der wir unseren Kindern nicht nur beibringen, wie sie erfolgreich werden. Sondern auch, wie sie erkennen, wenn jemand anderes Hilfe braucht. Denn vielleicht ist Empathie keine Eigenschaft, die eine Gesellschaft einfach besitzt oder verliert. Vielleicht ist sie etwas, das wir jeden Tag gemeinsam trainieren.
Oder verlernen.
Transparenzhinweis:
Für das Bild und die Recherche wurde KI genutzt.


