← Zurück zu Druckbrot

Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

Der ökologische Serienmörder: Wie Homo sapiens die Welt leerräumt

Wir halten uns gern für die Krone der Schöpfung. Ein Blick in die Erdgeschichte zeigt ein anderes Bild: Wo immer unsere Art ankam, verschwanden kurz darauf die Riesen der Tierwelt, oft binnen weniger Jahrhunderte. Die Zerstörung der Artenvielfalt ist kein Phänomen der Industriezeit. Sie ist so alt wie wir selbst – und sie zieht sich wie ein roter Faden durch jede einzelne Etappe unserer Ausbreitung über den Planeten.

Vor rund 70.000 Jahren war Homo sapiens ein unauffälliger Primat in Ostafrika. Kein besonders starkes Tier, kein besonders schnelles, kein besonders zähes. Neben uns lebten mindestens fünf weitere Menschenarten gleichzeitig auf der Erde: Neandertaler in Europa und Westasien, Denisova-Menschen in Asien, der zwergwüchsige Homo floresiensis auf einer indonesischen Insel, dazu Homo erectus-Nachfahren und weitere, längst wieder vergessene Linien. Heute sind wir allein übrig. Das ist keine Randnotiz der Evolutionsgeschichte. Es ist der Auftakt zu allem, was folgte.

Die Superkraft: Geschichten erzählen

Yuval Noah Harari beschreibt in „Eine kurze Geschichte der Menschheit" den entscheidenden Wendepunkt als „kognitive Revolution", die vor etwa 70.000 Jahren einsetzte. Sapiens entwickelte eine Fähigkeit, die kein anderes Tier besitzt: über Dinge zu sprechen, die es gar nicht gibt. Götter, Geister, Stammesgrenzen, später Nationen, Firmen, Geld und Menschenrechte. Das klingt zunächst nach Philosophie, war aber in Wahrheit eine Waffe von ungeheurer Reichweite.

Andere soziale Tiere, etwa Schimpansen, können in Gruppen von vielleicht 50 Individuen kooperieren, solange sich jeder persönlich kennt. Sapiens konnte durch gemeinsam geglaubte Fiktionen mit Tausenden Fremden zusammenarbeiten, die sich nie begegnet waren. Ein einzelner Neandertaler war einem einzelnen Sapiens vermutlich körperlich überlegen – kräftiger, kälteresistenter, mit größerem Gehirnvolumen. Gegen eine koordinierte Gruppe, die Jagdstrategien über Generationen weitergab, Werkzeuge austauschte und sich in Netzwerken über hunderte Kilometer organisierte, hatte er keine Chance. Innerhalb weniger Jahrtausende nach dem Auftauchen von Sapiens in Europa verschwanden die Neandertaler. Ob durch direkte Gewalt, Verdrängung von Ressourcen oder schlicht überlegene Jagdtechnik, die Diskussion darüber hält bis heute an. Das Ergebnis war in jedem Fall dasselbe.

Diese Fähigkeit zur Massenkooperation machte uns nicht nur zum erfolgreichsten Jäger, den es je gab. Sie machte uns zur ersten Art in der Erdgeschichte, die binnen weniger Jahrhunderte ganze Kontinente ökologisch umgestalten konnte, viel zu schnell, als dass sich betroffene Tierarten hätten anpassen können.

Australien: Der erste große Tatort

Vor etwa 50.000 bis 65.000 Jahren erreichten die ersten Menschen Australien, vermutlich mit einfachen Booten über eine Kette von Inseln. Sie betraten einen Kontinent voller Giganten, wie ihn die Erde heute nirgendwo mehr kennt:

  • Diprotodon – ein Beuteltier von der Größe eines Nashorns, das größte Beuteltier, das je gelebt hat
  • Riesenkängurus von über zwei Metern Höhe, die vermutlich nicht hüpften, sondern liefen
  • Thylacoleo, der Beutellöwe, ein Fleischfresser mit den relativ zur Körpergröße stärksten Kiefern unter allen bekannten Raubtieren
  • Laufvögel, doppelt so schwer wie ein heutiger Strauß
  • Riesenwarane von bis zu sieben Metern Länge, echte Landdrachen
  • Riesenschildkröten mit keulenartigen Schwänzen

Innerhalb weniger Jahrtausende nach der Ankunft des Menschen war praktisch die gesamte australische Megafauna verschwunden, über 90 Prozent aller Tierarten mit einem Gewicht über 45 Kilogramm. Die Tiere hatten in ihrer isolierten Evolution nie gelernt, sich vor einem aufrecht gehenden, werkzeugtragenden Jäger zu fürchten. Sie waren zutraulich, langsam in der Fortpflanzung und leicht zu erlegen. Schon eine vergleichsweise geringe, aber stetige Bejagung reichte aus, um Populationen unter die Erholungsgrenze zu drücken.

Hinzu kam eine zweite, oft unterschätzte Waffe: Feuer. Die frühen Australier praktizierten systematisches „Fire-Stick-Farming", das gezielte Abbrennen von Landschaften, um dichten Busch zu öffnen, Wild anzulocken und die Jagd zu erleichtern. Ganze Vegetationszonen kippten dadurch von feuchtem Regenwald zu trockener Buschsavanne, ein Wandel, der bis heute das Landschaftsbild Australiens prägt.

Amerika: Der zweite Kontinent, dasselbe Muster

Das identische Drehbuch wiederholte sich, als Menschen über die eisfreie Landbrücke oder entlang der Pazifikküste nach Amerika vordrangen. Der genaue Zeitpunkt ist wissenschaftlich umstritten; versteinerte Fußspuren im White Sands National Park in New Mexico deuten auf eine menschliche Anwesenheit vor über 20.000 Jahren hin, deutlich früher als lange angenommen. Sicher belegt ist: Am Ende der letzten Eiszeit, vor etwa 10.000 bis 13.000 Jahren, verschwand innerhalb eines geologisch winzigen Zeitfensters der Großteil der amerikanischen Megafauna.

  • Wollhaarmammuts und Mastodonten – die letzten großen Rüsseltiere Nordamerikas
  • Riesenfaultiere – manche Arten so groß wie ein Elefant, fähig, sich auf die Hinterbeine zu stellen, um an Baumkronen zu gelangen
  • Glyptodonten – gepanzerte Verwandte der heutigen Gürteltiere, so groß wie ein Kleinwagen
  • Säbelzahnkatzen wie Smilodon, deren Eckzähne über 20 Zentimeter lang wurden
  • Kurzgesichtsbären – die größten Landraubtiere, die Nordamerika je gesehen hat
  • Amerikanische Pferde und Kamele, die ursprünglich in Nordamerika entstanden waren und erst über die Beringbrücke nach Eurasien wanderten, während ihre amerikanischen Populationen ausstarben
  • Riesenbiber von der Größe eines Schwarzbären

Insgesamt verschwanden in Nordamerika etwa 33 Gattungen großer Säugetiere, in Südamerika sogar mehr als 50.

Auffällig ist das zeitliche Muster: Überall dort, wo Archäologen den Zeitpunkt der menschlichen Ankunft präzise datieren können, folgt das Massensterben der Megafauna mit einer Verzögerung von oft nur wenigen Jahrhunderten. Das Klima veränderte sich am Ende der Eiszeit zwar ebenfalls dramatisch, doch dieselben Klimaschwankungen hatten die betroffenen Arten zuvor bereits mehrfach überlebt, über hunderttausende Jahre hinweg. Neu war nicht das Klima. Neu war der Mensch.

Inseln als Laborversuch der Zerstörung

Am eindeutigsten lässt sich der menschliche Einfluss dort nachweisen, wo Inseln erst sehr spät besiedelt wurden und die Datierung deshalb besonders präzise ist.

Neuseeland wurde von polynesischen Seefahrern erst um das Jahr 1280 erreicht, verhältnismäßig gestern aus geologischer Sicht. Innerhalb von nur etwa 150 bis 200 Jahren waren sämtliche neun Moa-Arten ausgerottet, flugunfähige Laufvögel, von denen die größten über 3,6 Meter hoch wurden und bis zu 250 Kilogramm wogen. Mit ihnen verschwand zwangsläufig auch der Haastadler, mit über drei Metern Flügelspannweite der größte Adler, der je existierte und einzig auf die Jagd nach Moas spezialisiert. Als seine Beute verschwand, verschwand auch er, ein Paradebeispiel dafür, wie das Aussterben einer Art ganze Nahrungsnetze zum Einsturz bringt.

Auf Madagaskar, besiedelt vor etwa 2000 bis 1500 Jahren, starben die Elefantenvögel aus, flugunfähige Riesen mit den größten bekannten Vogeleiern der Geschichte, dazu mehrere Arten von Riesenlemuren, von denen manche die Größe eines Gorillas erreichten. Auf unzähligen kleineren Pazifikinseln, von Hawaii bis zu den Fidschi-Inseln, verschwanden nach Schätzungen von Ornithologen mehr als 1000 Vogelarten, meist binnen weniger Generationen nach der ersten menschlichen Besiedlung, oft durch eine Kombination aus Bejagung, eingeschleppten Ratten und Rodung.

Der Mythos vom edlen Wilden

Aus diesem globalen Muster zieht Harari einen unbequemen Schluss: Die romantische Vorstellung eines Urmenschen, der Jahrtausende im harmonischen Gleichgewicht mit der Natur lebte, hält der Beweislage nicht stand. Lange bevor es Fabriken, Kunstdünger, Plastik oder Verbrennungsmotoren gab, war Sapiens bereits der folgenreichste Faktor in jedem Ökosystem, das er betrat. Nicht aus Bosheit, sondern schlicht, weil er zu effizient jagte und zu klug organisierte, als dass die Natur mit ihm hätte Schritt halten können.

Bemerkenswert ist der Gegensatz zu Afrika, dem Kontinent, auf dem Mensch und Megafauna gemeinsam über Millionen Jahre koevolvierten. Dort überlebten Elefanten, Nashörner, Löwen und Giraffen bis heute, wenn auch heute massiv durch den Menschen bedroht. Der Grund liegt vermutlich darin, dass afrikanische Tierarten Schritt für Schritt lernten, den langsam immer geschickter werdenden Menschen zu fürchten und zu meiden. Wo Sapiens dagegen plötzlich und unangekündigt auftauchte, auf isolierten Kontinenten und Inseln, hatte die Evolution keine Zeit, Fluchtinstinkte zu entwickeln.

Die zweite Welle: Die Erfindung der Landwirtschaft

Vor rund 12.000 Jahren begann im sogenannten Fruchtbaren Halbmond eine zweite, noch folgenreichere Revolution. Harari nennt die Agrarrevolution provokant „den größten Betrug der Geschichte". Nicht der Mensch habe den Weizen domestiziert, so seine These, sondern umgekehrt: Eine unscheinbare Wildgrasart brachte den Menschen dazu, sein gesamtes Leben in ihren Dienst zu stellen, ihr Land zu roden, sie zu bewässern, vor Konkurrenzpflanzen zu schützen und sich über Generationen an ihre Bedürfnisse zu binden. Im Gegenzug breitete sich Weizen von einer regionalen Pflanze zu einer Art aus, die heute weltweit über 200 Millionen Hektar bedeckt.

Für die menschliche Gesundheit war dieser Tausch zunächst ein schlechtes Geschäft: Skelettfunde zeigen, dass frühe Bauern kleiner waren als ihre jagenden und sammelnden Vorfahren, unter Mangelernährung, Zahnschäden und neuen, aus dem engen Zusammenleben mit Tieren stammenden Seuchen litten. Für die Umwelt bedeutete die Landwirtschaft eine völlig neue Qualität der Zerstörung, permanent statt punktuell. Wälder wurden großflächig gerodet, um Ackerland zu gewinnen. Flüsse wurden umgeleitet und gestaut. Wildtiere, die einst als Beute galten, wurden nun systematisch als Konkurrenten um Anbauflächen verdrängt und ausgerottet, Wölfe, Bären, Wildschweine in weiten Teilen Europas.

Und es begann ein Kapitel des Leidens, das bis heute andauert und in seiner schieren Zahl kaum zu fassen ist: die Domestizierung und spätere industrielle Haltung von Nutztieren. Evolutionär betrachtet sind Hausrind, Huhn und Schwein die erfolgreichsten Großtiere der Erdgeschichte, gemessen an ihrer schieren Populationszahl. Für das einzelne Tier bedeutet dieser evolutionäre Erfolg jedoch häufig ein Dasein aus Enge, Bewegungslosigkeit und einem Leben, das auf wenige Wochen oder Monate verkürzt ist, bevor es endet. Harari beschreibt diesen Widerspruch, zwischen dem Erfolg der Art und dem Leid des Individuums, als eine der größten moralischen Leerstellen der Menschheitsgeschichte.

Die Bilanz der Gegenwart

Die Zahlen von heute lesen sich wie die logische Fortsetzung dieser jahrtausendealten Entwicklung, nur um Größenordnungen beschleunigt. Wissenschaftler haben die gesamte Biomasse aller Säugetiere auf der Erde berechnet: Etwa 36 Prozent entfallen auf den Menschen selbst, weitere rund 60 Prozent auf Nutztiere wie Rinder und Schweine. Alle wild lebenden Säugetiere der Erde zusammen, von Elefanten über Wale bis zur kleinsten Spitzmaus, machen nur noch etwa 4 Prozent der gesamten Säugetier-Biomasse aus. Bei Vögeln ist das Verhältnis ähnlich verschoben: Rund 70 Prozent der weltweiten Vogel-Biomasse entfallen allein auf Nutzgeflügel wie Hühner.

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES schätzt, dass derzeit etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, viele davon innerhalb weniger Jahrzehnte. Der WWF dokumentiert in seinem Living Planet Report einen Rückgang der beobachteten Wildtierbestände von durchschnittlich mehr als zwei Dritteln seit 1970. Zahlreiche Forschende sprechen inzwischen offen vom sechsten Massenaussterben der Erdgeschichte. Die vorangegangenen fünf wurden von Asteroideneinschlägen, gewaltigen Vulkanausbrüchen und drastischen Klimaumbrüchen ausgelöst, Ereignissen ohne Akteur, ohne Absicht, ohne Alternative. Das sechste Massenaussterben hat zum ersten Mal in der Erdgeschichte einen Namen und ein Gesicht.

Parasit, Serienmörder oder invasive Art?

Ist Homo sapiens also tatsächlich der größte Parasit, den die Erde je gesehen hat? Biologisch betrachtet trifft der Begriff nicht ganz zu: Ein klassischer Parasit ist auf das Überleben seines Wirts angewiesen und hält ihn meist bewusst oder unbewusst am Leben, weil sein eigenes Überleben daran hängt. Der Mensch dagegen verhält sich eher wie eine hochinvasive Art, die sich rücksichtslos über die Belastungsgrenzen ihres Ökosystems hinwegsetzt, ohne die Folgen unmittelbar zu spüren, bis es für eine Korrektur zu spät ist. Harari selbst wählt für diese Rolle den drastischeren Begriff des „ökologischen Serienmörders".

Zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehört allerdings auch, dass die Forschung sich nicht in jedem Einzelfall einig ist, wie viel Anteil Sapiens am frühen Megafauna-Sterben tatsächlich trägt. Das Ende der letzten Eiszeit brachte massive Klimaveränderungen mit sich, die viele Arten ohnehin bereits unter Druck setzten, und manche Forschende plädieren für ein komplexeres Zusammenspiel aus Klimawandel und menschlichem Jagddruck statt für eine monokausale Erklärung. Doch das durchgängige Muster über Kontinente und Jahrtausende hinweg, dass das große Sterben auf jedem einzelnen Kontinent und jeder einzelnen Insel exakt dann einsetzte, wenn Menschen dort erstmals ankamen, und nicht etwa synchron mit globalen Klimaumbrüchen, lässt sich kaum als Zufall abtun.

Vielleicht liegt genau darin die unbequemste Erkenntnis aus Hararis Buch: Wir sind nicht erst durch Dampfmaschinen, Kunstdünger oder Verbrennungsmotoren zu einer Gefahr für den Planeten geworden. Zerstörung ist kein Betriebsunfall der Moderne, sie zieht sich, mal langsamer, mal rasanter, durch unsere gesamte Artengeschichte, von den ersten Speerspitzen in Australien bis zu den heutigen Kettensägen im Amazonasgebiet. Aber genau dieselbe Fähigkeit, die uns zu Beginn so gefährlich machte, gemeinsam an geteilte Geschichten zu glauben und danach kollektiv zu handeln, ist zugleich die einzige Fähigkeit, die uns heute noch helfen kann. Nationalparks, internationale Artenschutzabkommen, Renaturierungsprojekte und Klimaverträge sind ebenfalls nur Geschichten, an die inzwischen Millionen Menschen glauben und nach denen sie handeln. Die eigentliche Frage der kommenden Jahrzehnte lautet, welche Geschichte am Ende die überzeugendere sein wird.

 

______________________________________________________________________________________________________

Transparenzhinweis:

Für die Recherche und das Bild wurde KI verwendet