
Warum Faschisten Tiere lieben und Menschen hassen können – und was das über selektive Empathie verrät
Es fällt auf, wer genau hinschaut: Dieselben Menschen, die auf Kundgebungen gegen Flüchtlinge hetzen, posten zuhause Fotos ihres Hundes mit Herzchen-Emojis. Wer Abschiebungen bejubelt, teilt Petitionen gegen Tierversuche. Wer Menschenrechte relativiert, empört sich über Massentierhaltung. Das ist kein Zufall – und kein Widerspruch. Es ist ein Muster.
Diese Beobachtung hat tiefe psychologische, soziologische und historische Wurzeln. Und sie ist – das sei vorweggenommen – wissenschaftlich gut unterfüttert, auch wenn eine direkte Studie zu „Faschisten und Tierliebe“als eigenständiges Forschungsfeld bislang fehlt. Was existiert, reicht aber für ein klares Bild.
Das historische Fundament: Die Nazis als Tierschützer
Das bekannteste und erschreckendste Beispiel liefert die NS-Zeit. Am 24. November 1933 – wenige Monate nach der Machtergreifung, während die ersten Konzentrations-lager bereits in Betrieb waren – verabschiedete die Reichsregierung das Reichstierschutzgesetz. Es trat am 1. Februar 1934 in Kraft und war das erste reichsweit gültige Tierschutzgesetz Deutschlands.
Was es regelte, war für seine Zeit bemerkenswert fortschrittlich: Verboten wurden die Überforderung von Arbeitstieren, das öffentliche Zurschaustellen von Tieren unter gesundheitsschädlichen Bedingungen, das Kupieren – also das Abschneiden – von Ohren oder Schwänzen bei Hunden nach dem zweiten Lebensmonat. Tierquälerei wurde mit bis zu zwei Jahren Gefängnisstrafe und Geldstrafe geahndet. Die Präambel hielt erstmals gesetzlich fest, dass Tiere um ihrer selbst willen zu schützen seien.
1934 folgte das Reichsjagdgesetz, 1935 das Naturschutzgesetz, 1937 wurden Tier-transporte rechtlich geregelt. Hitler selbst propagierte eine vegetarische Ernährung und ließ sich öffentlich gern mit seiner Schäferhündin Blondi fotografieren. Hermann Göring – Reichsjägermeister und einer der brutalsten Männer des Regimes – gab sich ebenfalls als Tierschützer. 1934 erhielt Hitler von einer amerikanischen Tierschutzorganisation sogar eine Goldmedaille für seine Verdienste um den Schutz der Tiere.
Gleichzeitig wurden Jüdinnen und Juden aus dem Beamtentum entlassen, politische Gegner verfolgt, die Grundlagen für den systematischen Massenmord gelegt. Tier-schutzgesetz und Rassenideologie entstanden im selben historischen Moment. Das ist das Paradox in seiner reinsten, historisch belegten Form. Der Historiker Boria Sax hat es in seinem Buch „Animals in the Third Reich“ (2000) eingehend analysiert.
Selektive Empathie: Mitgefühl als Stammesware
Der Psychologe Paul Bloom, der an der Yale University forscht, hat in seinem viel-beachteten Buch „Against Empathy“ (2016) nachgewiesen, dass Empathie grundsätzlich parteiisch funktioniert. Sie folgt Vertrautheit, Ähnlichkeit und – das ist entscheidend – Niedlichkeit. Tiere, vor allem Haustiere, triggern dieselben Fürsorge-Instinkte wie Kleinkinder: große Augen, weiche Züge, hilfloser Ausdruck. Der Verhaltens-forscher Konrad Lorenz hat diesen Mechanismus bereits in den 1940er-Jahren als „Kindchenschema“ beschrieben.
Fremde Menschen – erst recht aus anderen Kulturkreisen, mit anderer Sprache, anderer Optik – triggern diesen Instinkt weit schwächer. Das ist keine Entschuldigung. Es ist eine Erklärung für einen Mechanismus, den faschistische Ideologie gezielt ausnutzt und verstärkt.
Empathie, so die ernüchternde Erkenntnis der Forschung, ist keine universelle Ressource. Menschen können echte, tiefe emotionale Zuneigung für eine Gruppe empfinden – und eine andere Gruppe gleichzeitig aktiv entmenschlichen. Das funktioniert, weil Tiere als Teil der „eigenen Welt“ wahrgenommen werden, während Geflüchtete als fremd, bedrohlich und abstrakt konstruiert werden. Es ist Zugehörigkeitsempathie statt universeller Empathie.
Adorno und die autoritäre Persönlichkeit
Theodor W. Adorno und sein Forschungsteam haben in der klassischen Studie „The Authoritarian Personality“ (1950) gezeigt, dass autoritäre Menschen Hierarchien tief internalisieren: nach oben buckeln, nach unten treten. Tiere stehen in dieser Hierarchie interessanterweise außerhalb: Sie sind keine Konkurrenz, keine Bedrohung, keine Statusfrage.
Hinzu kommt die Frage der Kontrolle. Tiere – insbesondere Haustiere – lassen sich formen, trainieren, domestizieren. Das passt zur autoritären Charakterstruktur: Man liebt, was man kontrollieren kann. Die Zuneigung zu einem Hund ist eine sichere, unkomplizierte Zuneigung, frei von den sozialen Spannungen, die autoritäre Persönlichkeiten in gleichberechtigten menschlichen Beziehungen als bedrohlich empfinden.
Natur, Reinheit, Blut und Boden
Faschistische Ideologie romantisiert seit jeher das „Ursprüngliche“: Natur, Heimat, Verwurzelung – das Konzept von Blut und Boden. Tiere passen perfekt in dieses Weltbild als „reine“, unverdorbene Wesen, als Teil einer imaginierten Naturordnung. Der fremde Mensch hingegen wird als Störung dieser Ordnung inszeniert, als dekadent, parasitär, bedrohlich.
Diese Naturmystik hat eine lange rechte Tradition. Sie erklärt, warum Umwelt- und Tierschutz immer wieder von rechtsextremen Bewegungen vereinnahmt werden – vom NS-Naturschutzgesetz bis zu heutigen Versuchen, ökologische Themen mit ethnopluralistische Ideologie zu verbinden.
Moral Licensing: Der Hund als moralische Entlastung
Ein weiterer psychologischer Mechanismus ist das sogenannte „Moral Licensing“: Menschen, die sich in einem Bereich moralisch gut fühlen, entwickeln in anderen Bereichen weniger Hemmungen. „Ich bin doch ein guter Mensch – ich rette Katzen“ kann als psychologische Entlastung funktionieren, die andere Kälte oder Grausamkeit erleichtert. Die Tierliebe wird zur moralischen Währung, mit der man sich freikauft.
Was die Forschung zeigt – und was sie nicht zeigt
Die Forscher Dhont und Hodson haben 2014 nachgewiesen, dass soziale Dominanzorientierung (SDO) – also die Neigung, Hierarchien zwischen Gruppen zu befürworten – mit weniger Mitgefühl für Menschen korreliert. Für Tiere zeigt sich eindifferenzierteres Bild: Haustiere und „heimische“ Tiere werden anders bewertet als Nutztiere oder Wildtiere. Die Studie differenziert das leider nicht fein genug, um die Beobachtung vollständig empirisch zu belegen.
Eine direkte Studie, die rechtsextreme Einstellungen, Tierliebe und Empathiemangel gegenüber Geflüchteten kombiniert misst, existiert bislang nicht. Das ist eine echte Forschungslücke – und angesichts der gesellschaftlichen Relevanz des Themas eine erstaunliche.
Fazit: Der Hund ist drin, der Mensch aus Syrien ist draußen
Das Paradox löst sich auf, wenn man versteht, wie selektive Empathie funktioniert. Es geht nicht um eine universelle Fähigkeit zum Mitgefühl – es geht um die Definition des eigenen Clans. Faschistische Ideologie zieht diese Grenze besonders eng: Haustiere, heimische Natur, die eigene Volksgemeinschaft gehören dazu. Der Geflüchtete aus Syrien, der Jude, der politische Gegner – nicht.
Wer seinem Hund gegenüber zärtlich ist und einem ertrinkenden Menschen im Mittelmeer gegenüber kalt, hat keine echte universelle Empathie entwickelt. Er hat Zugehörigkeitsempathie – und die ist, historisch betrachtet, eine der gefährlichsten menschlichen Eigenschaften überhaupt.
Das Reichstierschutzgesetz von 1933 und die Nürnberger Rassengesetze von 1935 kamen aus derselben Ideologie. Das sollte uns zu denken geben.
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Quellen & weiterführende Literatur:
– Boria Sax: Animals in the Third Reich. Continuum, New York 2000.
– Theodor W. Adorno et al.: The Authoritarian Personality. Harper & Row, New York 1950.
– Paul Bloom: Against Empathy. The Case for Rational Compassion. Ecco, New York 2016.
– Dhont, K. & Hodson, G. (2014): Why do right-wing adherents engage in more animal exploitation and meat consumption? Personality and Individual Differences.
– Reichstierschutzgesetz vom 24. November 1933, Reichsgesetzblatt 1933, Nr. 132, S. 987–989.
– Winfried C. J. Eberstein: Vergleichende Studie zur Rechtsstellung des Tieres (in: Dtsch. Tierärztl. Wschr., 2009).
– Wikipedia: Tierschutz im Nationalsozialismus. (de.wikipedia.org)
– German History in Documents and Images: Tierschutzgesetz (24. November 1933). (germanhistorydocs.org)
