
Vor einiger Zeit habe ich auf Facebook einen Text zum Thema Alltagsrassismus veröffentlicht, der auch hier zu finden ist. Es ging darin auch darum, dass oftmals Schwarzen Frauen einfach so in die Haare gegriffen wird. Ein Kommentator schrieb darunter wie folgt: „(…) Mir wird übrigens auch sehr oft in den Bart gegrapscht und weißen Freundinnen von mir auch gelegentlich an die Haare, ist also nicht so, dass das nicht auch passiert, wenn auch sicher seltener.“
Nun, ich würde das nicht als Rassismus bezeichnen, eher als Grenzüberschreitung oder auch Übergriffigkeit. Der letzte Begriff wird momentan sehr häufig gebraucht. Doch was ist das eigentlich genau?
Übergriffigkeit ist im deutschen Recht ein unbestimmter Rechtsbegriff, der eine Vielzahl von Handlungen umfasst, welche die körperliche, seelische oder sexuelle Integrität einer Person verletzen und deren persönliche Grenzen überschreiten.
Was ist der Unterschied zwischen einer Grenzüberschreitung und Übergriffigkeit? In der Theorie ist das ziemlich einfach: Grenzüberschreitungen geschehen unwissentlich, Übergriffigkeit ist gewollt und geplant, oft spielt da ein Machtgefüge eine große Rolle. Soweit die Theorie, in der Praxis verschwimmt das meist ein bisschen, vor allem, was man selbst als übergriffig definiert. Was der oder die eine noch als völlig okay ansieht, empfindet der oder die andere bereits als Verletzung der Privatsphäre.
Wo beginnt Übergriffigkeit?
- Beginnt es im Kleinkindalter, wenn die Omi unbedingt ein Küsschen will?
- Oder wenn sich die Schwiegermutter ungefragt in die Familienplanung einmischt?
- Wenn die wildfremde Frau einfach den Babybauch anfasst, ohne zu fragen?
- Wenn der Kollege sich lautstark im Büro über die Oberweite einer Mitarbeiterin auslässt?
- Oder geht es erst los, wenn ein Fremder meinen Hintern begrapscht?
Die Omi, die auf ihr Küsschen besteht, begeht eine Grenzüberschreitung. Oft weiß sie es nicht besser, ist selbst so erzogen worden und möchte dem Kind auf keinen Fall Schaden zufügen.
Der Mann, der mich auf der Straße anrempelt, weil er es eilig hat und ich ihm unglücklicherweise im Weg stehe, macht das unabsichtlich.
Die Bekannte, die mir sagt, dass es mir bei einer Depression besser gehen würde, wenn ich ein bisschen Sport an der frischen Luft mache, meint es nicht böse. Auch wenn ihr Vorschlag völlig deplatziert und kontraproduktiv ist, möchte sie nur helfen.
Grenzüberschreitungen geschehen unabsichtlich, aus Unwissen heraus, nicht böse gemeint.
Übergriffigkeiten sind im Gegensatz dazu absichtliche Grenzüberschreitungen. Körperliche und verbale Verletzungen, wissentliche Respektlosigkeit.
- Die Kollegin, die sagt: „Du bist jetzt schon Mitte 30, wenn du noch Kinder willst, musst du jetzt aber unbedingt schwanger werden!“, verhält sich übergriffig, vor allem, wenn sie mit mir nicht näher befreundet ist und somit nicht weiß, ob ich vielleicht schon seit Jahren vergeblich versuche, ein Baby zu bekommen.
- Der Mann, der sich in der S-Bahn bewusst an mich drängt, obwohl genügend Platz ist, verhält sich übergriffig.
- Der Chef, der mich vor den Kunden anschreit und bloßstellt, verhält sich übergriffig und der Kollege, der sich vor allen anderen über meine Oberweite auslässt, ebenso.
Jeder von uns hat sicherlich schon Grenzen überschritten oder hat sich sogar übergriffig verhalten. Wir haben uns in Dinge eingemischt, die uns nichts angehen, wir haben ungefragt anderen Ratschläge erteilt, fremde Leute berührt – und sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ebenfalls Opfer von Übergriffigkeit geworden.
Also ist das normal, ja? Ein Kavaliersdelikt? Macht ja schließlich jeder?
Stell dich nicht so an. Ist doch nicht böse gemeint. Sei doch mal ein bisschen lockerer. Darf man denn heutzutage nicht mal mehr ein Kompliment machen? Schöne neue Welt… Derartige Sprüche müssen sich Menschen anhören, die es wagen, sich zur Wehr zu setzen.
Als die spanische Frauenfußballmannschaft die Weltmeisterschaft errungen hatte, ging damals weniger dieser Triumph durch die Medien als die Tatsache, dass der spanische Fußballpräsident Juan Rubiales bei der Siegerehrung die Fußballerspielerin Jennifer Hermoso mit beiden Händen am Kopf gepackt und sie auf den Mund geküsst hatte. Auf die Frage, ob er sich bei ihr entschuldigen wolle, wich Rubiales aus – und gab der Spielerin eine Mitschuld. »Kurz davor hat sie mich hochgehoben, sie hat mich nicht danach gefragt. Es war einfach ein Moment des Glücks«, sagte er.
Ah ja.
Ich habe damals die Berichte darüber aufmerksam verfolgt und auch die Kommentarspalten in den (a)sozialen Medien. Genau die Sätze, die ich oben genannt habe, waren immer wieder zu lesen, erstaunlich oft von Frauen. (Ähnlich übrigens bei der Berichterstattung über Rammstein und Till Lindemann.)
Die soll sich nicht so haben. Sie hat doch eindeutig mitgemacht und dabei gelacht. Ein Küsschen in Ehren. Darf man sich heutzutage gar nicht mehr freuen? Kein Wunder, so aufreizend, wie sie sich anzieht. Die wusste doch, worauf sie sich einlässt … blablabla.
Wenn ihr so denkt, stellt euch doch einfach mal vor, euer Chef hat einen guten Geschäftsabschluss gemacht und küsst euch vor lauter Glück auf den Mund. Würdet ihr da auch so locker reagieren?
Tut mir leid, aber ich nicht. Auch wenn ich meinen Chef meist ganz gut leiden kann – das hätte Konsequenzen.
Es ist immer wieder das Gleiche. Sobald eine Frau einen Mann anzeigt, vor allem, wenn er prominent ist, heißt es sofort, dass sie ja doch nur ihre fünf Minuten Ruhm will, dass eh alles nur gelogen ist, dass nichts bewiesen ist und dass sie eindeutig selber schuld ist.
Jennifer Hermoso hat übrigens Morddrohungen erhalten. So viel dazu.
Wenn Männer so reagieren – schlimm genug, aber geschenkt. Doch Frauen?
Diese, ich nenne es mal „Stutenbissigkeit“, ist mir schon oft aufgefallen. Vor allem Frauen gehen verbal gern auf andere Frauen los. Klar, nicht jede Frau, aber auffallend viele. Solidarität unter Frauen ist leider viel zu oft Fehlanzeige. Besonders bei Themen wie sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung ist es immer wieder der Fall, dass Frauen gegeneinander zicken und hetzen, vor allem hier, in den Kommentarspalten bei Facebook.
Und der mutmaßliche Vergewaltiger wird oft genug in Schutz genommen, weil schließlich nicht sein kann, was nicht sein darf. Ist ja alles so herrlich anonym.
Ich habe nicht den blassesten Schimmer, woran das liegen mag. Konkurrenzdenken? Schon möglich. Meiner Meinung nach ist dieses Verhalten der Frauen untereinander auch ein Grund dafür, dass wir Frauen nur selten (sexuelle) Belästigung und Übergriffigkeit zur Anzeige bringen. Schließlich glauben uns nicht einmal unsere eigenen Geschlechtsgenossinnen, oft genug tragen wir sogar in deren Augen zumindest eine Mitschuld.
Bitte nicht falsch verstehen: Ich weiß sehr wohl, dass es Frauen gibt, die nur darauf aus sind, einem Mann zu schaden und ihn zu Fall zu bringen, warum auch immer. Ich weiß ebenfalls, dass es im Zweifelsfall immer für den „Angeklagten“ heißt. Ist ja auch korrekt so.
Aber warum wird per se erst einmal die Frau der Lüge bezichtigt?
Statista sagt, fast jede Frau (97 %) ist in ihrem Leben mindestens einmal belästigt worden, sei es durch anzügliche Bemerkungen oder Witze, durch Berührungen, Voyeure, Exhibitionisten, Stalking oder Dick Pics über irgendeinen Messenger. Bei Männern sind es 55 %, auch mehr, als ich erwartet hätte.
Schon ganz schön krass, diese Zahlen. Auch Admina J kann da mitreden. Leider. Arschlöcher gibt es immer und überall.
Seit 2017 die #MeToo-Bewegung ins Leben gerufen wurde, mit der Frauen (und auch Männer) ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung geteilt haben, ist eine ganze Menge passiert. Gegen viele berühmte Persönlichkeiten wurden zum Teil schwerste Anschuldigungen erhoben. Ebenso wurden dadurch Diskussionen über Benachteiligungen von Frauen ausgelöst. Gut so!
Trotzdem ist das noch nicht genug, das hat der Fall Ulmen/Fernandes wieder einmal bewiesen. Konservative und rechte Parteien (und deren Wähler) sind der Auffassung, dass es früher doch viel schöner war, als Frauen noch keine Rechte hatten. Frauen haben zu Hause zu bleiben, viele Kinder zu gebären und sollen sich nicht so anstellen, wenn sie in der Ehe mal vergewaltigt werden. Scheiden lassen? Schwangerschaft abbrechen? Vielleicht sogar eine andere Frau lieben? Eine echte deutsche Ehefrau macht so etwas nicht!
Hach, die guten alten Zeiten! Da wird frau doch ganz warm ums Herz!
Natürlich ist es nicht falsch, wenn eine Frau gern zu Hause bleibt, um die Kinder zu versorgen und sich um Haus und Garten (und natürlich den Ehegatten) zu kümmern. Das Problem liegt im Zwang. Jede/r tickt anders und hat andere Prioritäten. Wenn mir eine Regierung aufdrückt, dass ich Hausfrau spielen MUSS, auch wenn ich das eigentlich gar nicht möchte, ist das etwas völlig anderes, als wenn ich mich aus freiem Willen dazu entscheide – und diese Entscheidung auch jederzeit widerrufen kann.
Ich nenne diese Pläne der Alternative für Dumpfbacken, Frauen wieder zurück an den Herd zu schicken, ihre hart erkämpften Rechte wieder einzuschränken, pure Übergriffigkeit.
Liebe Frauen unter uns, lasst uns ein bisschen mehr aufeinander achten.
Lasst uns einander wahrnehmen und respektieren.
Erzieht eure Söhne zur Achtung vor Frauen und bringt ihnen bei, dass ein Nein auch ein Nein bedeutet.
Und wählt nicht die AfD.
Liebe Männer, achtet bitte die Frauen.
Respektiert, dass ein Nein auch ein Nein bedeutet.
Denkt darüber nach, wie es für euch wäre, wenn eure Mutter, eure Schwester oder Tochter belästigt würde.
Und wählt auf keinen Fall die AfD.
