Oder wie man Werbung durch vier Fußballblöcke unterbricht
Nachdem ich mehrfach von den neuen festen Trinkpausen bei der WM gelesen hatte, schaltete ich bei drei Spielen gezielt in der 22. und 67. Minute ein. Ich wollte sehen, was von einem Fußballspiel übrig bleibt, wenn selbst die Erholung minutengenau ins Sendeschema eingebaut wird. Und ich wollte wissen, ob der Fußball tatsächlich eine Wasserpause bekommen hatte oder die Werbung lediglich zwei neue Sendeplätze.
Also ich weiß ja nicht wie ihr das seht, aber ich möchte ab jetzt Geld dafür haben, dass ich mir Millionäre bei betreuter Aktivität zusehe. Ich verlange eine Zuschauervergütung: Grundpauschale pro Spiel, Erschwerniszuschlag bei torlosen Partien, Werbeblockentschädigung und Schmerzensgeld für jede VAR-Unterbrechung über drei Minuten. Bei Verlängerung gilt Nachtzuschlag. Elfmeter werden separat abgerechnet, weil da wenigstens kurz etwas passiert.
Die FIFA verändert die zeitliche Architektur des Fußballs, damit dessen bislang werbefreie Spielzeit wirtschaftlich verwertet werden kann. Aus zwei Halbzeiten werden faktisch vier Viertel. Die „Wasserpause“ liefert dafür die hygienisch einwandfreie Verpackung. Spielerschutz klingt schließlich erheblich würdevoller als „Wir haben zwischen der 22. und 25. Minute noch unverkaufte Aufmerksamkeit gefunden“.
Die medizinische Begründung besitzt angesichts nordamerikanischer Sommerhitze durchaus Substanz. Verdächtig wird die Konstruktion durch ihre starre Anwendung: zwei dreiminütige Unterbrechungen in jedem Spiel, unabhängig von Temperatur, Uhrzeit oder klimatisiertem Stadion. Spieler und Trainer kritisieren bereits den Eingriff in Rhythmus und Dynamik. Gleichzeitig nutzt Fox die Unterbrechungen für Vollbildwerbung und verpasste beim Eröffnungsspiel sogar die rechtzeitige Rückkehr zum laufenden Spiel. FIFA verzichtete anschließend auf eine Sanktion. Der Schutz der Spielenden endet offenbar genau dort, wo der zahlende Werbekunde nervös wird.
Bei 104 Spielen, zwei Pausen, vier möglichen 30-Sekunden-Spots ergeben 832 Werbeplätze. Dies gilt für jeden Sender. Rechnen wir das mal für FOX durch: Bei angenommenen 300.000 Dollar Durchschnittspreis entstehen 249,6 Millionen Dollar, bei 400.000 Dollar wären es 332,8 Millionen. Das sind Hochrechnungen unter der Voraussetzung, dass sämtliche Plätze zu diesem Durchschnitt verkauft werden, also noch kein belegter Umsatz. Die gemeldete Preisspanne von etwa 200.000 Dollar bei Vorrundenspielen bis 750.000 Dollar bei Spielen der USA macht die Größenordnung allerdings plausibel. Fox soll für die englischsprachigen US-Rechte rund 485 Millionen Dollar gezahlt haben.
Man schaut Hochleistungsvermögenden bei kontrollierter Bewegung zu, sorgfältig unterbrochen von Werbung, Trinkpausen, VAR, Behandlung, Wechseln und taktischer Nachjustierung. Der Kampf ist hygienisch verpackt, die Erschöpfung weggekühlt, das Risiko heruntergeregelt. Was übrig bleibt, ist eine sehr teure Freizeitveranstaltung mit Stollen.
Früher hatte man das Gefühl, da unten zerlegt sich jemand für dieses Spiel. Heute wirkt vieles wie betreute Aktivität für Millionäre unter optimalen Bedingungen. Der moderne Fußballer kämpft inzwischen vor allem gegen Krämpfe im Werbevertrag.

Die erste Halbzeit floss als zusammenhängender Block vorbei. Jetzt kommt nach 22 Minuten die Zäsur, und man denkt: Was ist in diesem Viertel eigentlich passiert? Zwei Einwürfe, eine Rudelbildung, sieben Rückpässe und ein Mann, der sich nach einem Luftzug drei Minuten lang am Schienbein untersuchen ließ. Danach Werbung. Die FIFA schreibt die Pausen bei jedem Spiel vor, unabhängig von Wetter und Temperatur, wodurch aus einer situativen Schutzmaßnahme ein fest eingebautes Sendeschema wird.
Bei vier Abschnitten von jeweils ungefähr 22 Minuten bleiben rechnerisch oft nur zwölf bis vierzehn Minuten Netto-Spielzeit pro Block, in zäheren Partien eher zehn oder elf. Und „Ball im Spiel“ bedeutet lediglich, dass er gerade keiner Einwurfentscheidung, Behandlungspause oder Diskussion mit dem Schiedsrichter beiwohnt. Davon gehen wiederum Minuten für Querpassfolgen, langsamen Aufbau und kontrolliertes Verschieben drauf. Die tatsächliche Zeit mit Tempo, Zweikämpfen, Strafraumszenen und erkennbarem Angriff ist erheblich kürzer.
Einst begann ab der 70. Minute der Körper, die Taktik zu demaskieren. Laufwege wurden kürzer, Abstände größer, Entscheidungen langsamer, Konzentration porös. Plötzlich entstand Raum, ein Innenverteidiger kam einen halben Schritt zu spät, ein Mittelfeldspieler spielte den Ball blind in die falsche Richtung, und aus einem bis dahin kontrollierten Spiel wurde etwas Unberechenbares. Die Müdigkeit war Teil der Dramaturgie.
Heute kommen die Spieler bis zur 75. Minute durch drei große Erholungsphasen: erste Trinkpause, Halbzeit, zweite Trinkpause. Dazu Behandlungspausen, VAR, Wechsel, Diskussionen und jede Gelegenheit, sich einmal hinzustellen, durchzuatmen und den Puls wieder in den Bereich gepflegter Freizeitgestaltung zu bringen. Der gefürchtete Einbruch am Ende wird dadurch immer seltener. Manche wirken in der Verlängerung, als hätten sie gerade eine Werbepause moderiert und müssten anschließend noch zum Friseurtermin.
Der Fußball lebte von der Fehlerquote, vom gesamten Charakter der Schlussphase und dass irgendwann der Plan gegen den erschöpften Menschen verlor. Die FIFA hat aus der körperlichen Belastungsprobe ein Spiel in Etappen gemacht, und nebenbei die lukrativen Unterbrechungen entdeckt. Wie überraschend.
Und dann die 89. Minute: Trikot trocken, Stirn trocken, Frisur besitzt weiterhin Sendelizenz. Der Zuschauer sitzt seit zweieinhalb Stunden vor einer Übertragung, während manche Spieler wirken, als hätten sie zwischendurch lediglich eine besonders aufwendige Gruppenbesprechung besucht.
Und wer sich zwei Stunden lang Millionäre bei betreuter Bewegung, Trinkpausen, Frisurenkontrolle und sponsorengestütztem Durchatmen ansieht, erbringt schließlich eine Dienstleistung: Aufmerksamkeit.
Deshalb bleibe ich bei meiner Forderung: Wenn ihr meine Aufmerksamkeit schon verkauft, beteiligt mich am Umsatz.
