Oder: Warum der Keller nach 1933 riecht
Die CDU ist kein Haufen ahnungsloser Dorfamtsleiter, die versehentlich Geschichte nachspielen. Dort sitzen Menschen mit Umfragen, Analysen, Fokusgruppen, Medienbeobachtung, Parteistrategen, Lobbykontakten und einem sehr feinen Gespür für Macht. Und doch erkennt sie trotz ganzer Stäbe, Arbeitskreise, Strategie- und Beraterverträge die politische Dynamik nicht?
Stimmung im Land, Angstverschiebung, Sündenbockmechanik, rechte Erzählungen, politische Verantwortung: dafür muss man kein „Strategiepapier zur gesellschaftlichen Resilienz im Transformationsraum“ schreiben.
Wenn eine Partei jahrelang soziale Unsicherheit verschärft, kulturelle Feindbilder bedient, die Grünen für alles verantwortlich macht und gleichzeitig wirtschaftspolitisch durchzieht, dann baut sie der AfD die Treppe. Nicht aus Absicht im Parteitagsprotokoll, aber aus Ignoranz, Selbstgerechtigkeit und Machtkalkül. Also praktisch der heilige Dreiklang konservativer Krisenverwaltung.
Die CDU hält sich für staatstragend, während sie an den Fundamenten herumklopft und sich wundert, warum es im Keller nach 1933 riecht.
Aber die Grünen!
Die Grünen eignen sich perfekt als Projektionsfläche. Klimaschutz, gendern, Migration, Wärmepumpe, Stadtfahrrad, Veggie-Day-Gespenst, alles wird in einen großen grünen Schuldtopf geworfen, einmal kräftig umgerührt, fertig ist die Erklärung für Mieten, Energiepreise, marode Infrastruktur, kaputte Bahn, Pflegenotstand, Bildungschaos und den allgemeinen Zustand dieses Landes.
Auf Bundesebene waren die Grünen von 1998 bis 2005 an der Regierung beteiligt, also in der rot-grünen Schröder-Zeit, und dann wieder von Dezember 2021 bis Mai 2025 in der Ampel. Die Union hat dagegen die Bundesrepublik über sehr lange Strecken geprägt: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Kohl, Merkel und jetzt Merz. Allein Kohl und Merkel kommen zusammen auf gut 32 Jahre Kanzlerschaft.
Das eigentlich Beeindruckende ist die magische Denkleistung: Die Grünen sollen gleichzeitig zu inkompetent sein, um vernünftig zu regieren, und allmächtig genug, um Deutschland binnen weniger Jahre komplett umzubauen. Die CDU profitiert davon, weil sie Verantwortung elegant auslagern kann.
Wie man politische Geschichten mit Benzin malt
Die CDU ignoriert die Außenwirkung der eigenen Spitzenleute und ist überrascht über sinkende Beliebtheit. Wenn Figuren permanent als arrogant, kalt, opportunistisch oder schlicht unsympathisch wahrgenommen werden, entsteht irgendwann eine Art kollektiver Ermüdung. Und wenn die Partei dann noch jemanden wie Spahn erneut nach vorne stellt, wirkt das nach außen wie ein Brandschutzbeauftragter, der stolz einen Benzinkanister schwenkt.
Die Unionsfraktion hat ihn Anfang Mai 2026 trotz Maskenaffäre mit 86,5 Prozent erneut als Fraktionschef bestätigt, während er laut INSA-Umfrage zeitgleich als unbeliebtester Politiker Deutschlands geführt wurde. Das System prüft sich selbst mit Samthandschuhen und wundert sich dann, dass draußen keiner Applaus spendet.
Bei Reiche läuft es ähnlich: Ihre Energiepolitik wurde in Umfragen deutlich kritisch bewertet, teils mit rund 69 Prozent Ablehnung. Man setzt jemanden nach vorn, der draußen als Lobby-Signal gelesen wird, und erklärt den Vertrauensverlust anschließend mit „Kommunikationsproblemen“. Dabei ist es politische Taubheit.
Und Merz rundet das Bild ab. ZDF und andere Medien berichten über extrem schlechte Kanzlerwerte im Vergleich zu Scholz und Merkel; RND meldete zuletzt historische Tiefstwerte bei der Zufriedenheit mit Merz. Wenn Kanzler, Fraktionschef und Ministerin gleichzeitig wie Ablehnungs-Magneten wirken, ist das kein kleiner PR-Dellenunfall mehr, das ist politische Selbstsabotage mit Dienstwagen und Fahrer.
Im ARD-Deutschlandtrend lag die AfD zuletzt erstmals vor der Union: AfD 27 Prozent, CDU/CSU 24 Prozent. Wahlrecht.de, ZDF-Politbarometer und Forsa zeigen dieselbe Richtung. Das ist also kein kleiner Umfrage-Schluckauf, das ist ein Muster. Ein sehr hässliches Muster, aber Deutschland sammelt ja gern historische Dummheiten.
Wenn eine Partei in einer gesellschaftlichen Vertrauenskrise vor allem nach ökonomischem Durchregieren aussieht, während die autoritäre Rechte wächst, entsteht draußen genau dieser Eindruck: Die CDU behandelt den Rechtsruck wie Kollateralschaden ihrer Agenda. Als würde man sagen: „Ja, die Hütte brennt, aber immerhin konnten wir vorher noch die Unternehmenssteuern diskutieren.“ Beeindruckende Prioritätensetzung, falls man politische Geschichte gern mit Benzin malt.
Die CDU als Steigbügelhalter
Ja genau, Steigbügelhalter ist dafür das richtige Wort. Die CDU muss die AfD dafür gar nicht direkt stärken. Es reicht, wenn sie soziale Unsicherheit, Abstiegsangst, Energiefrust, Migrationspanik und Elitenverachtung so behandelt, als wären das bloß störende Geräusche. Dann läuft die AfD daneben her, zeigt auf den Lärm und sagt: „Seht ihr, die hören euch nicht. Die Altparteien haben euch verraten, besonders die Grünen.“ Fertig ist die nächste Prozentsteigerung. Politik als Brandsatz mit Pressekonferenz.
Die CDU sieht sehr genau, welche Dynamik sie auslöst und macht trotzdem weiter, weil der kurzfristige Nutzen größer erscheint als der gesellschaftliche Schaden. Stimmen aus dem rechten Spektrum zurückholen, grüne Feindbilder bedienen, Wirtschaftsinteressen durchdrücken, soziale Zumutungen als „Reform“ verkaufen, und wenn die AfD weiter steigt, steht man mit gefalteter Stirn vor der Kamera und murmelt etwas von „Sorgen der Bürger ernst nehmen“.
Dieses „Wir sind überrascht über den AfD-Aufstieg“ ist einfach nur widerlich gespielt. Sie wissen, dass jede Verschiebung des Diskurses nach rechts der AfD am Ende Legitimation verschafft. Sie wissen, dass grüne Dämonisierung, Migrationspanik und Kulturkampf den autoritären Kräften den Teppich ausrollen. Sie wissen es. Sie nehmen es in Kauf. Weil Macht in diesem Milieu offenbar immer noch als naturgegebenes Anrecht betrachtet wird, während Demokratie eher als Verwaltungsform gilt, die man bei Gelegenheit beschädigt und anschließend mit ernster Miene betrauert.
Das große Theaterstück der Republik. Eintritt frei, Popcorn selbst mitbringen.

