Ein offener Brief an Friedrich Merz
Friedrich, deine Selbstdiagnose ist fast schon kunstvoll daneben: „Ich habe vielleicht unglücklich kommuniziert.“
Nein, Sir Kanzlerdarsteller, du hast ziemlich glücklich kommuniziert. Genau darin liegt ja das Problem. Du hast sehr klar gezeigt, wie du auf bestimmte Menschen blickst. Die Irritation entsteht, weil der Inhalt angekommen ist. Wegen der hässlichen Klarheit darunter. Die Leute haben ihn verstanden.
Du behandelst politische Verachtung wie ein Verpackungsproblem. Als hätte jemand bloß das falsche Schleifchen um einen Eimer sozialer Kälte gebunden. Wenn du Menschen pauschal abwertest, ganze Gruppen unter Generalverdacht stellst und gesellschaftliche Probleme mit dem Fingerspitzengefühl eines Abrissbaggers im Porzellanarchiv sortierst, dann ist der Schaden bereits im Inhalt.
Menschen werden bei dir schnell zu Fällen, Gruppen zu Problemen, Armut zu mangelndem Willen, Migration zu Kulisse und Wut zu fehlender Dankbarkeit. Das alles kommt dann im Ton eines Mannes, der sich selbst für unangenehm ehrlich hält, während andere nur unangenehm betroffen sind.
Der Stil ist danach nur noch die Serviette auf dem kalten Buffet der Menschenverachtung.
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Kommunikation ist bei dir der höfliche Name für alles, was man gesagt hat, meinte, andeutete, platzierte, kalkulierte und anschließend gern wieder als Missverständnis einsammeln möchte. Ein Wort wie ein politischer Staubsauger: Es soll Dreck verschwinden lassen, den man vorher selbst großzügig im Wohnzimmer verteilt hat.
Dabei ist dein Problem gerade, dass du so selten versehentlich klingst. Bei dir wirkt die Kälte selten wie ein Ausrutscher. Sie hat Struktur. Sie trägt Sakko. Sie steht morgens auf, rasiert sich ordentlich, schaut in den Spiegel und sagt: Heute erkläre ich den Menschen wieder, warum Härte eigentlich Verantwortung ist. Diese Kälte kommt in ganzen Sätzen. Sie hat Pausen an den richtigen Stellen. Sie weiß, wann sie das Wort „Leistung“ sagen muss, damit alle wissen, wer gemeint ist, wenn später von Faulheit geredet wird. Sie weiß auch, wann sie von „Regeln“ spricht, damit Menschen selbst zu Ordnungswidrigkeiten werden.
Du möchtest offenbar, dass die Menschen zwischen Inhalt und Stil unterscheiden. Als hätte man eine Suppe aus Misstrauen, Härte und Herablassung gekocht und könne anschließend sagen: Der Teller war leider ungünstig gewählt. Aber der Teller war nie das Problem. Die Suppe war es. Der Teller hat nur geholfen, sie zu servieren.
Besonders hübsch ist dabei diese Vorstellung, man müsse dieselben Dinge nur etwas geschmeidiger sagen. Als wäre die Lösung für politische Verachtung ein besseres Coaching. Ein paar weichere Übergänge, ein bisschen empathischer Blickkontakt, vielleicht noch ein Workshop mit Moderationskarten, und schon klingt der Generalverdacht wie ein fürsorglicher Hinweis aus dem Kanzleramt. So funktioniert das aber nur in politischen Kommunikationsabteilungen und anderen Räumen, in denen Menschen offenbar hauptberuflich versuchen, brennende Mülltonnen mit Duftkerzen zu dekorieren.
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© Viktor Dorn. Original teilen: gern. Copy & Paste, Bearbeitung und Neuveröffentlichung untersagt.
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Die Wahrheit ist viel schlichter und darum viel unangenehmer: Wer Menschen als Problem beschreibt, erzeugt ein Klima. Wer bestimmte Gruppen wieder und wieder mit Kriminalität, Verwahrlosung oder kultureller Bedrohung verknüpft, baut keine Brücke, sondern eine Bühne. Und auf dieser Bühne treten dann andere auf, die noch weniger Hemmungen haben. Du kannst dich dann hinstellen und erklären, du hättest das alles differenzierter gemeint. Nur ist Differenzierung, die erst nach dem Applaus der falschen Leute einsetzt, ungefähr so glaubwürdig wie ein Brandschutzkonzept nach dem dritten Großbrand.
Denn deine Sätze fallen ja nicht in einen leeren Raum. Sie fallen in ein Land, in dem Menschen längst markiert, vermessen, sortiert und gegeneinander ausgespielt werden. Sie fallen auf Arbeitslose, die seit Jahren als moralisch verdächtige Masse behandelt werden. Sie fallen auf Migranten, die immer dann sichtbar werden, wenn jemand ein Problem braucht, das einfacher aussieht als Wohnungsmangel, Lohndruck, kaputte Behörden, schlechte Schulen oder politische Mutlosigkeit. Sie fallen auf Menschen, die ohnehin dauernd erklären müssen, dass sie dazugehören, während andere qua Nachname für immer Mitglied im Club der Selbstverständlichkeit bleiben.
Und dann stehst du da und wunderst dich über die Reaktion. Das wäre sogar rührend, wenn man kurz vergisst, dass es politisch ist. Du wirkst wie jemand, der einen Stein ins Fenster wirft und anschließend eine Debatte über die akustischen Eigenschaften von Glas beginnen möchte. „War das wirklich der Stein? Oder vielleicht die Art, wie das Fenster den Stein empfangen hat?“ Eine faszinierende Frage für Leute, die beruflich Nebelmaschinen warten. Für alle anderen bleibt da ein Loch.
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Dein Kommunikationsproblem ist also in Wahrheit ein Wahrnehmungsproblem. Du scheinst zu glauben, die Menschen störten sich an der Form, weil dir der Inhalt selbstverständlich vorkommt. Du hältst die Empörung für ein ästhetisches Urteil. Ein bisschen zu kantig, ein bisschen zu direkt, ein bisschen zu Merz. Aber viele hören eben mehr als Tonfall. Sie hören den Blick. Sie hören die Rangordnung. Sie hören, wer in deiner politischen Fantasie als Leistungsträger auftritt und wer als Belastung durch den Raum geschoben wird. Sie hören diese alte, sehr deutsche Musik: oben Verantwortung, unten Zumutung.
Und genau deshalb ist die Ausrede so durchsichtig. „Unglücklich kommuniziert“ heißt in solchen Momenten: Ich habe etwas gesagt, das zu sehr nach mir klang. Es heißt: Der Satz hat versehentlich den Vorhang weggezogen. Es heißt: Die Maschinerie war kurz ohne Schalldämpfer zu hören. Man kann das bedauern. Man kann es taktisch bedauern. Man kann sogar glaubwürdig bedauern, dass es Stimmen kostet. Aber das ist etwas anderes als Einsicht.
Denn echte Einsicht würde bedeuten, die eigene politische Grammatik zu prüfen. Die Begriffe. Die Reflexe. Die Menschenbilder. Diese bequeme Einteilung in nützlich, störend, fleißig, verdächtig, integriert, lästig, verwertbar. Echte Einsicht würde bei der Frage anfangen, warum so viele deiner Sätze nach Sortieranlage klingen. Warum Empathie bei dir so oft aussieht wie ein Fremdkörper im Koalitionsvertrag. Warum soziale Härte immer als Erwachsenwerden verkauft wird, während Rücksichtnahme wie eine Schwäche behandelt wird, die man sich in schlechten Zeiten leider abgewöhnen müsse.
Aber das ist genau der Punkt: Du willst gar keine andere Politik erklären. Du willst dieselbe Politik besser ausleuchten. Die Konturen sollen freundlicher wirken, das Messer ergonomischer, die soziale Kälte etwas raumtemperierter. Der Inhalt bleibt: Wer unten ist, soll sich erklären. Wer fremd aussieht, soll sich beweisen. Wer widerspricht, hat den Tonfall missverstanden. Und wer dich kritisiert, hat selbstverständlich nur deine Kommunikation ungünstig aufgenommen, dieses empfindliche Volk mit seinen Nerven, seinen Mieten, seinen Rentenängsten und seiner lästigen Angewohnheit, Sätze zu verstehen.
Du bist der Ansicht, du darfst Inhalte absondern und anschließend über Stil sprechen. Du darfst gesellschaftliche Linien ziehen und dich danach als Opfer einer Missdeutung inszenieren. Du darfst mit Begriffen hantieren, die Menschen markieren, und später behaupten, gemeint gewesen sei alles ganz anders, nur komplizierter, staatstragender, verantwortungsvoller. Kurz: Du wirfst mit Beton und beschwerst dich über die Staubentwicklung.
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Friedrich, dein Problem ist also erstaunlich simpel. Du hast dich verständlich gemacht. Du hast geliefert, was du bist: eine politische Figur, die Verachtung als Klartext tarnt und Kälte für Führungsstärke hält. Das Publikum hat den Satz gehört, den Blick dahinter erkannt und entsprechend reagiert. Die Empörung war kein Missverständnis. Sie war Empfangsbestätigung.
Menschen hören zu. Menschen ordnen ein. Menschen lassen sich nicht jedes Mal erzählen, dass der Inhalt nur ein bedauerlicher Schattenwurf der Form gewesen sei. Sie merken, wenn jemand den Eimer sozialer Kälte nicht aus Versehen trägt, sondern mit beiden Händen.
Der Stil war also nie dein Problem.
Er war nur der Moment, in dem der Inhalt aufgehört hat, sich zu verstecken.

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Das Bild greift den „Skimmity Ride“ aus Thomas Hardys The Mayor of Casterbridge auf: eine öffentliche Schandprozession, bei der gesellschaftliche Selbstgewissheit, moralischer Hochmut und persönliche Verfehlung auf einem Esel durchs Dorf getragen werden. Hier sitzt die politische Selbstinszenierung rückwärts auf. Der Esel (Alfons heißt er) kann nichts dafür.
