
Er nannte sich Alex.
Er war Amerikaner, in meinem Alter, Witwer, Vater einer vierzehnjährigen Tochter und arbeitete als Ingenieur auf einem Schiff, das gerade in der Nähe von Norwegen lag.
Er hatte mich über den Messenger angeschrieben, auf Englisch und ich fand ihn ganz nett. Anfang 2020 war mein Facebookprofil noch offen, jeder konnte mir eine Freundschaftsanfrage stellen und mir Nachrichten senden.
Er schrieb sehr interessant, erzählte, dass seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn bei einem Unfall ums Leben gekommen war, und wie er mühsam versuchte, sich mit seiner Tochter ein neues Leben aufzubauen. Die Tochter befand sich in einem Internat in den USA und er vermisste sie schrecklich. Er habe jetzt genügend Geld zusammengespart, um mit Ende 40 in den Ruhestand zu gehen und sich um seine Tochter zu kümmern.
Die Fotos, die er mir schickte, zeigten einen attraktiven Mann. Auf einem der Bilder lächelte er mit seiner Tochter in die Kamera, hier war sie aber höchstens 9 oder 10 Jahre alt, was mich etwas verwirrte. Als er nach wenigen Stunden bereits damit ankam, dass er sich in mich verliebt hätte, lachte ich ihn aus. „Du kennst mich doch überhaupt nicht, weißt nichts von mir“, schrieb ich ihm. Doch, ich sei die Frau seiner Träume, er wolle mit mir den Rest seines Lebens verbringen.
Wieder erklärte ich ihm, dass das unmöglich sei – und führte nebenbei eine Rückwärtssuche seiner Bilder bei Google durch. Und ich wurde fündig. Auf einer Plattform, die direkt davor warnte, dass eben jene Fotos oft von Scammern missbraucht wurden. Bis auf eines fand ich jedes einzelne Foto auf dieser Plattform.
Während er noch davon schwafelte, dass er gern zu mir ziehen würde und ich schon mal ein Haus für uns suchen sollte, machte ich einen Screenshot. Seine Tochter würde sich ja so sehr freuen, eine neue Mama zu bekommen, die mit ihr spielt. Ja, nee, ist klar. Ein 14jähriger Teenager…
Als ich ihn mit dem Screenshot konfrontierte, war er entsetzt. Jemand habe seine Fotos gestohlen! Er würde sofort das FBI einschalten!
„Bist du der Kerl auf den Fotos?“, fragte ich ihn. Ja, selbstverständlich sei er das.
„Ok“, sagte ich. „Dann dürfte dir folgendes nicht schwerfallen. Schicke mir innerhalb der nächsten halben Stunde ein Foto, das dich entweder mit einer aktuellen Tageszeitung, mit einem Buch, welches auf Seite 150 aufgeschlagen sein sollte – oder mit einem Foto deiner Tochter zeigt.“
Nach bereits zwei Minuten piepte mein Handy. Ein Video, von diesem Mann, bei irgendeiner Tagung in Portugal. Ah ja.
Irgendwann, nach vielen Ausflüchten und weiteren Lügen beichtete er mir, dass er doch nicht dieser Mann sei (welch eine Überraschung!). Er sei Afrikaner, habe eine Zeitlang in den USA gelebt, sei aber dann ausgewiesen worden.
Er wünschte sich doch nichts sehnlicher, als in Deutschland zu leben. Mit mir…
Alex, keine Ahnung, wie er in Wirklichkeit hieß, denn ich habe ihn kurz darauf blockiert, hat sich alles andere als geschickt angestellt. Seine Geschichte war sooo herrlich klischeehaft, dass ich ihn sehr schnell durchschaut hatte. Sicher hätte ich ihn sofort mit meinem Verdacht konfrontieren können, aber ich war neugierig und wollte gern wissen, wie weit er gehen würde.
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Doch was wäre passiert, wenn ich weniger skeptisch gewesen wäre?
Wenn er sich langsam herangetastet, erstmal eine Freundschaft aufgebaut hätte?
Wenn seine Geschichte plausibler gewesen wäre?
Es ging mir alles andere als gut damals, ich hatte gerade eine Romanze hinter mir, die extrem unschön geendet hatte und befand mich in einem seelischen Tief. Dieser Alex erwischte mich in einem sehr verletzlichen Moment, den er, wenn er es anders angefangen hätte, durchaus hätte ausnutzen können. Zwar bin ich mir sicher, dass ich spätestens, wenn er nach Geld gefragt hätte, stutzig geworden wäre, aber was, wenn ich mich in diesen unbekannten Mann verliebt hätte? Das ist durchaus möglich, ist mir selbst bereits passiert. Man kann starke Gefühle entwickeln, auch wenn man sich nie persönlich getroffen hat. Es waren keine Scammer, mit denen ich meine Erfahrungen gemacht habe. Manche Menschen sind nur darauf aus, mit ihrem Gegenüber zu spielen, es für ihre Zwecke auszunutzen. Papier ist geduldig, sagte man. Nun, der Handy- oder Computerbildschirm ist es auch.
Wir alle sind genervt von diesen Scammern, die ihre Kommentare auf diversen Seiten hinterlassen. Erst vorhin habe ich wieder mal einen gekickt, der auf der AFP-Seite unterwegs war. Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass auf dieses Gesülze noch jemand reinfällt. Permanent wird davor gewarnt, immer und immer wieder. Und trotzdem liest man ab und zu, dass erneut jemand drauf reingefallen ist. Man denkt sich dann, ok, vermutlich ein graues Mäuschen, womöglich arbeitslos, eher geringer Bildungsabschluss – aber weit gefehlt! Oft sind es vor allem Frauen, die mit beiden Beinen fest in der Welt stehen, intelligent sind, gute Jobs und einen großen Freundeskreis haben.
Wie kann es also sein, dass eine solche Frau auf einen Scammer hereinfällt?
Frauen mittleren Alters sind oft geschieden, die Kinder sind schon größer und gehen ihre eigenen Wege. Einsamkeit ist weit verbreitet. Man kann noch so einen großen Freundeskreis haben, eine tolle Familie, einen interessanten Job – aber abends, auf dem Sofa oder dann im Bett – da ist man allein. Das betrifft die Ärztin oder die Managerin genauso wie die Reinigungskraft oder die Kassiererin.
Einsamkeit kann erdrückend sein, kann seelisch und körperlich krank machen.
Und dann kommt halt so ein Typ daher, der genau weiß, was er tut. Der genau weiß, welche Knöpfe er drücken muss. Kennenlernen, ein wenig schmeicheln, Süßholz raspeln – ein herrlich altmodischer Ausdruck – und das tut sooo gut! Balsam auf die wunde Seele. Das Selbstbewusstsein wird gestreichelt, das Ego wird gepusht. Frau fühlt sich gut.
Er interessiert sich für sie, fragt, wie es ihr geht, wie ihr Tag war. Merkt sich Kleinigkeiten, hakt nach. Er hört ihr zu, antwortet, was sie hören möchte, geht auf ihre Wünsche und Hoffnungen ein.
Ein Traummann? Eher ein Albtraummann, der sie manipuliert, ohne dass sie es bemerkt.
Anfangs ist sie möglicherweise noch skeptisch. Doch je länger die Freundschaft dauert, desto mehr vertraut sie ihm, genießt seine Aufmerksamkeit und fragt sich zaghaft, ob sie vielleicht tatsächlich mal Glück hat im Leben. Ja, sie hat schließlich auch mal verdient, glücklich zu sein!
Freunden und Familienmitgliedern, die sie eindringlich warnen, wird nicht zugehört. Nein. Natürlich gibt es Scammer, das weiß sie genau. Aber IHR „Alex“ ist real. Die sind ja bloß alle neidisch auf ihr Glück. Keiner gönnt ihr etwas. Eventuell aufkommende Zweifel werden trotzig weggewischt.
Und dann fragt er nach Geld, hat auch einen triftigen Grund. Vielleicht ist es erstmal nicht so viel, 100 Euro, die er auch zurückzahlt. Es passiert ein weiteres Mal, diesmal ist es schon mehr. Auch diesen Betrag zahlt er zurück. Doch dann ist er in richtigen Schwierigkeiten. Aber da er bisher immer zurückgezahlt hat, gibt sie ihm auch diesmal das Geld.
Das Erwachen ist verdammt hart. Diesmal steht IHRE Geschichte in der Zeitung und im Internet. Die Kommentare darunter tun ihr sehr weh. „Wie kann man nur!“ „Bei Geld hört die Freundschaft auf!“ „Wie dumm kann man sein!“ „Mir würde das nie passieren!“ Und so weiter…
Doch mal Hand aufs Herz. Wer von uns ist nicht schon einmal selbst in eine Falle getappt? Hat sich was aufschwatzen und sich über den Tisch ziehen lassen?
Ich bin mir sicher, jedem von uns ist das mindestens einmal passiert. Wenn man Glück hat, passiert nicht viel, man kommt mit einem blauen Auge davon und kann im Nachhinein darüber lachen. Oft ist nur das Ego verletzt, vielleicht ging es auch ein klein wenig an den Geldbeutel. Man zahlt sozusagen Lehrgeld.
Wir alle halten uns immer für so unfehlbar, für so taff, uns passiert das nicht. Von wegen!
Wir lassen uns zu Käufen und Aktionen überreden, die wir eigentlich gar nicht wollen. Warum? Bei mir ist es oft abhängig von meiner Tagesform. Habe ich Lust, ewig zu diskutieren? Wie geht es mir in diesem Moment? Bin ich gestresst, habe eigentlich ganz andere Dinge im Kopf? Will ich nur meine Ruhe haben und sage deshalb ja?
Im schlimmsten Fall können wir sehr viel Geld verlieren. Dazu müssen wir nur den falschen Menschen vertrauen. Oft genug sind diese psychologisch so geschult, dass sie genau wissen, welche Knöpfe sie bei uns drücken müssen. Und dann werden wir, ohne dass wir es merken, in die gewünschte Richtung gelenkt. Manchmal ist es aber auch ein/e Freund*in, ein/e Nachbar*in, ein/e Kolleg*in, der oder dem wir einen Gefallen tun wollen. Wir wollen nett sein, gemocht werden. Nein zu sagen ist so negativ!
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Ich habe in meinem Beispiel von Frauen erzählt, die auf Männer hereinfallen, aber es passiert ebenso andersherum. Wir alle werden manipuliert. Von der Werbung zum Beispiel, die uns einreden will, dass wir nur mit diesem einen Weichspüler die ewige Glückseligkeit erlangen. Manchmal aber auch von Parteien, die mit den Gefühlen der Menschen spielen. Nein, nicht du bist schuld, dass du keinen Job hast. Daran sind die Ausländer / die Grünen / der * (hier bitte gewünschtes Feindbild einfügen) schuld – und nur die!
Es wäre schön, wenn wir ein klein wenig mehr Geduld und Mitgefühl für diejenigen aufbringen würden, die aufwachen und feststellen, dass sie einem Lügengebilde aufgesessen sind. Das Schamgefühl ist riesengroß, sich den Fehler einzugestehen, zu wissen, dass man so richtig scheiße gebaut hat, ist furchtbar erniedrigend.
… egal, ob man auf einen Scammer hereingefallen ist oder die AfD gewählt hat.
