Über die moralische Bedeutung einer präzisen Bezeichnung
Ich liebe das Wort Arschloch. Vermutlich mehr, als ein erwachsener Mensch ein einzelnes Substantiv lieben sollte, doch erwachsene Menschen lieben Automarken, Fußballvereine, Königshäuser und fremde Milliardäre. Gemessen daran erscheint meine Zuneigung sprachlich, bescheiden und beinahe vernünftig. Andere sammeln Briefmarken, historische Münzen oder enttäuschende Beziehungen. Ich sammle Gelegenheiten, das Wort Arschloch korrekt anzuwenden.
Dabei geht es mir keineswegs um den anatomischen Gegenstand. Der menschliche Körper besitzt zahlreiche Öffnungen, Ausstülpungen und Bereiche, deren gesellschaftliche Bedeutung seit Jahrhunderten durch Scham, Religion und ausgesprochen fantasievolle Pornografie verzerrt wird. Das anatomische Arschloch erfüllt einen ehrlichen Zweck. Es verrichtet seine Arbeit diskret, verlangt keinen Applaus und tritt üblicherweise erst dann öffentlich in Erscheinung, wenn der zugehörige Mensch eine bemerkenswerte Fehlentscheidung getroffen hat. Das metaphorische Arschloch hingegen strebt ins Licht. Es möchte gesehen, gehört, bestätigt, gewählt, befördert und möglichst großzügig vergütet werden.
Ein Arschloch ist deshalb weit mehr als eine Körperöffnung mit politischem Ehrgeiz. Es ist ein Mensch, dessen Verhalten eine bestimmte moralische Reife erreicht hat. Ein einzelner Fehler genügt dafür kaum. Jeder Mensch handelt gelegentlich rücksichtslos, ungerecht oder selbstgefällig. Das gehört zur Grundausstattung dieser Spezies, die Feuer entdeckte, Kathedralen errichtete und anschließend Kommentarspalten erfand. Der Titel Arschloch verlangt Beständigkeit. Er wird durch Wiederholung erworben, durch fehlende Einsicht gefestigt und durch die Überzeugung vollendet, stets die anderen seien das Problem.
Das Arschloch ist auf seine Weise eine konsequente Persönlichkeit. Es verwechselt Lautstärke mit Wahrheit, Rücksichtslosigkeit mit Stärke und die eigene Bequemlichkeit mit einer universellen Rechtsordnung. Es drängt sich vor, tritt nach unten, schmeichelt nach oben und erzählt sich dabei, es sei lediglich ehrlich. Es verletzt Menschen und nennt deren Reaktion Empfindlichkeit. Es fordert Respekt, während es Verachtung verteilt. Es hält seine Interessen für Vernunft und die Interessen anderer für Zumutung. Wo das Arschloch erscheint, wird Selbstgerechtigkeit zur Atmosphäre.
Unsere Gesellschaft besitzt für solche Menschen ein erstaunlich umfangreiches Arsenal beschönigender Begriffe. Das Arschloch gilt als schwierig, kantig, unbequem, durchsetzungsstark oder gewöhnungsbedürftig. Im Berufsleben besitzt es Führungsqualitäten. In der Politik zeigt es klare Kante. In der Familie hat es eben seinen eigenen Kopf. Im Bekanntenkreis muss man es nehmen, wie es ist. Auf diese Weise wird menschliche Niedertracht sprachlich so lange massiert, bis sie als Charakterstärke aufsteht und einen Vortrag über persönliche Verantwortung hält.
Hier beginnt meine Obsession. Sobald ein Arschloch vor mir steht, entsteht in mir der Wunsch, die sprachliche Ordnung wiederherzustellen. Dieser Wunsch ist weder Aggression noch Kontrollverlust. Er ähnelt dem Impuls, ein schief hängendes Bild geradezurücken oder ein falsch beschriftetes Gefäß neu zu etikettieren. Ein Arschloch, das jahrelang als „direkter Typ“ durchs Leben gegangen ist, stellt einen Fehler im gesellschaftlichen Ordnungssystem dar. Ich korrigiere lediglich die Beschriftung.
„Du bist ein Arschloch“ ist deshalb eine Form von Feedback. Eine knappe, verständliche und bemerkenswert barrierearme Rückmeldung über die Wirkung des eigenen Verhaltens. Die moderne Feedbackkultur hat aus einer einfachen menschlichen Mitteilung inzwischen eine Zeremonie gemacht. Zuerst wird gelobt, dann vorsichtig angedeutet, anschließend relativiert und zum Abschluss erneut gelobt. Der Empfänger verlässt das Gespräch mit drei Komplimenten, einem Keks und der festen Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben. Die eigentliche Information liegt währenddessen irgendwo unter den Gesprächsunterlagen und erstickt an ihrer Verpackung.
Das Wort Arschloch besitzt diese Schwäche erfreulicherweise kaum. Es kommt ohne Einleitung aus, benötigt kein Schaubild und lässt sich nur schwer als Wertschätzung missverstehen. Es übermittelt dem Empfänger eine Erkenntnis, die sein gesamtes Umfeld möglicherweise längst teilt. Freunde wissen es. Kollegen wissen es. Frühere Partner wissen es besonders gründlich. Selbst der Hund ahnt etwas. Nur das Arschloch selbst lebt häufig in seliger Unkenntnis seines Zustands. Wer es benennt, leistet daher einen Beitrag zur Erwachsenenbildung.
Natürlich führt Bildung keineswegs automatisch zu Erkenntnis. Manche Menschen hören das Wort Arschloch und denken über ihr Verhalten nach. Diese Fälle verdienen Beachtung, vielleicht sogar eine kleine Gedenktafel. Die Mehrheit sucht den Fehler beim Überbringer. Sie diskutiert über Tonfall, Respekt und gute Erziehung. Das eigene Verhalten erscheint plötzlich nebensächlich. Der Mensch darf andere erniedrigen, ausnutzen oder verletzen. Die Benennung dieses Vorgangs gilt als eigentlicher Verstoß. So entsteht eine gesellschaftliche Ordnung, in der das Arschloch seine Taten verteidigt und der Beobachter seine Wortwahl.

Dieses Prinzip begegnet uns überall. Ein Konzern vernichtet Existenzen und spricht von Anpassung. Eine Regierung kürzt bei den Schwächsten und spricht von Verantwortung. Ein Vorgesetzter demütigt Beschäftigte und spricht von Leistungsorientierung. Ein Hetzer verbreitet Menschenverachtung und spricht von Meinungsfreiheit. Sobald jemand das Wort Arschloch verwendet, entdecken dieselben Menschen ihre Liebe zur sprachlichen Feinfühligkeit. Die Tat darf grob sein. Ihre Beschreibung soll Manieren besitzen.
Darin liegt die besondere Kraft des Wortes. Arschloch ist vulgär, weil sein Gegenstand vulgär handelt. Es verweigert die elegante Verkleidung. Es zieht dem Verhalten den Anzug aus, nimmt ihm Titel, Position und Selbstdarstellung und stellt es in seiner moralischen Nacktheit in den Raum. Dort steht dann kein Leistungsträger, kein unbequemer Denker und kein durchsetzungsstarker Macher. Dort steht ein Mensch, der andere wie Material behandelt und dabei seine eigene Rücksichtslosigkeit bewundert.
Das Wort besitzt außerdem eine demokratische Qualität. Jeder kann ein Arschloch sein. Herkunft, Vermögen, Bildung, Geschlecht und gesellschaftliche Stellung gewähren keinen Schutz. Der schlecht bezahlte Nachbar kann sich den Titel ebenso erwerben wie der Vorstandsvorsitzende, der Minister oder der Professor. Reichtum bietet lediglich bessere Möglichkeiten, die eigene Arschlochhaftigkeit als Strategie zu verkaufen. Der gewöhnliche Mensch beleidigt einen Kellner. Das bedeutende Arschloch entlässt dreitausend Beschäftigte und erhält dafür einen Bonus.
Ich verteile das Wort deshalb mit Sorgfalt. Es soll jene treffen, die es sich erarbeitet haben. Ein Irrtum macht noch kein Arschloch. Schwäche macht noch kein Arschloch. Ein schlechter Tag macht noch kein Arschloch. Entscheidend sind Haltung, Wiederholung und die beharrliche Weigerung, im anderen Menschen etwas anderes als ein Hindernis, Werkzeug oder Publikum zu erkennen. Das echte Arschloch besitzt System. Es hinterlässt ein Muster.
Wenn ich einen solchen Menschen Arschloch nenne, beleidige ich ihn daher weniger, als ich ihn einordne. Ich gebe ihm eine Rückmeldung, die seine Umgebung aus Höflichkeit, Angst oder Abhängigkeit häufig zurückhält. Was er daraus macht, bleibt seine Angelegenheit. Manche Bildungsangebote werden schließlich nur deshalb gemacht, damit später niemand behaupten kann, er habe von nichts gewusst.
Es ist mir deshalb eine Ehre, Arschloch zu sagen. Das Wort schützt keinen Frieden, denn ein Frieden, der auf dem Schweigen aller Rücksichtsvollen beruht, ist lediglich die Komfortzone der Rücksichtslosen. Es erhält einen Rest sprachlicher Wahrheit in einer Welt, die jedes verachtenswerte Verhalten mit wohlklingenden Begriffen versieht. Wo Menschen ihre Niedertracht als Stärke verkaufen, braucht es jemanden, der das Preisschild entfernt und den Inhalt benennt.
Arschloch.
Bitte. Gern geschehen.

