Oder: Der SPIEGEL prüft den Mut einer bedrohten Frau. Ich prüfe die Anständigkeit seiner Prüfer.
Von Viktor Dorn
Sechs Menschen haben ihre Namen unter diesen Artikel gesetzt: Christoph Hickmann, Marina Kormbaki, Ulrich Kraetzer, Anna Reimann, Marc Röhlig und Hannes Schrader. Merkt euch diese Namen. Sie gehören zu einer Geschichte, in der eine Frau Angst um ihre Familie äußert und anschließend ihre politische Eignung erklären soll. Die Angst kam versehentlich zur Redaktion. Die Veröffentlichung war Absicht. Die Eignungsfrage ebenfalls. Und der höhnische Schluss hat sich vermutlich auch kaum selbst ins Dokument geschlichen.[^1]
Diese sechs möchte ich aus dem gemütlichen „wir“ herausholen. Dort sitzt es sich hervorragend, wenn man gemeinsam über den Mut anderer urteilt. Für die eigene Verantwortung wird es dann erstaunlich geräumig: Jeder kann ein Stück zur Seite rücken. Ihr habt eine bedrohte Frau öffentlich zur Mutprüfung bestellt. Jetzt bekommt euer eigener Umgang mit ihr Aufmerksamkeit. Die Namen habt ihr dankenswerterweise bereits mitgeliefert.
Elif Eralp wollte bei der Autorisierung eines Interviews eine Passage zu Ibrahim Ibrahim streichen lassen, den der SPIEGEL als Terrorsympathisanten mit Kontakten ins Hamas-Umfeld beschreibt. In einer versehentlich mitgeschickten internen Anmerkung äußerte sie Sorge um sich und ihre Familie. Das Magazin entwickelt daraus den Verdacht, diese Angst könne politische Äußerungen und womöglich Entscheidungen bestimmen. Eine entsprechend beeinflusste Regierungsentscheidung führt der Artikel nicht an. Dafür gibt es ein Womöglich. Ein erstaunlich tüchtiges Wort. Er liefert ausreichend Atmosphäre, damit der Verdacht beim Leser schon einmal einziehen kann.
Ihr habt ihre Verletzlichkeit zum Material ihrer Demontage gemacht. Die Frage, wie eine bedrohte Politikerin geschützt werden kann, hätte sich angeboten. Ihr hattet eine andere Verwendung für ihre Angst. Erst wird sie veröffentlicht, dann wird geprüft, ob die Frau dem Druck gewachsen ist. Man erhöht die öffentliche Exponiertheit eines Menschen und betrachtet anschließend dessen Belastbarkeit. Ein sauber eingerichteter Versuch: Die Redaktion liefert die Fragestellung, die andere Familie trägt das Risiko. Für diesen Mut hätte man euch fast eine Urkunde drucken können. Papier war offenbar genügend da.
Die sechs hinter dem Text

Christoph Hickmann. Süddeutsche Zeitung, SPIEGEL, Führung im Hauptstadtbüro. Sie haben im Frühjahr öffentlich darüber nachgedacht, ob Journalisten zu hämisch werden. Übermedien kündigte ein Gespräch mit Ihnen ausdrücklich damit an, dass Sie erklären, wann Sie künftig weniger hämisch sein wollen.[^2] Schön, wenn ein Mensch an sich arbeitet. Weniger schön, wenn eine bedrohte Frau das Anschauungsmaterial dafür liefern muss, wie viel noch zu tun ist. Ihr Name steht unter diesem Text einschließlich seines Schlusses. Die öffentlich angekündigte Zurückhaltung hatte offenbar an diesem Tag frei. Selbstreflexion ist schon eine feine Sache, solange sie der Veröffentlichung nichts vorschreibt.
Marina Kormbaki. RND, The Pioneer, SPIEGEL, stellvertretende Leiterin des Hauptstadtbüros.[^3] Erfahrung und Führungsverantwortung stehen damit ebenfalls unter dieser Geschichte. Man hätte gehofft, dass irgendwo zwischen diesen beruflichen Stationen ein brauchbarer Reflex für den Umgang mit fremder Angst entstanden wäre. Für die Eignungsfrage hat Ihre Erfahrung jedenfalls gereicht. Beim Schluss finde ich davon nur die Sicherheit eines Menschen, der die Folgen seiner Pointe anderen überlassen kann. Wer den politischen Betrieb so gut kennt, könnte Verletzlichkeit erkennen, bevor er sie als Schwachstelle verwertet. Offenbar eine Zusatzqualifikation, die im Hauptstadtbetrieb entbehrlich ist.
Ulrich Kraetzer. rbb, Berliner Morgenpost, Welt-Gruppe, Correctiv, SPIEGEL. Schwerpunkt Extremismus, insbesondere Islamismus.[^4] Sie wissen beruflich genauer als viele Leser, worüber Eralp sich Sorgen macht. Das macht Ihre Beteiligung besonders bitter. Bedrohung ist in Ihrem Fach mehr als ein Wort, das einen Vorspann zuverlässig auf Temperatur bringt. Gerade Sie müssten verstehen, was solche Einschüchterung mit Menschen und Angehörigen macht. Unter diesem Text steht Ihre Fachkenntnis trotzdem als Mitverantwortliche. Erstaunlich, wie viel man über eine Gefahr wissen kann, während die Angst davor anschließend der bedrohten Frau zum Vorwurf gereicht.
Anna Reimann. Migration, Integration, eigene Warnungen vor einer abgeschotteten journalistischen Wahrnehmung. Für den Mediendienst Integration mahnten Sie, Probleme und Stimmungen journalistisch nicht herbeizureden.[^5] Ich reiche Ihnen diesen Anspruch zurück. Er scheint unterwegs verloren gegangen zu sein. Aus einer privaten Sorge wächst hier ein politisch belastendes Gesamtbild, das mit jeder weiteren Ausführung gewichtiger erscheint. Eine Verdachtsbewegung lässt sich durch Wiederholung tatsächlich beeindruckend möblieren. Irgendwann hält der Leser die Einrichtung für das Fundament. Sie haben selbst vor den Tücken journalistischer Wahrnehmung gewarnt. Dann müssten Sie den Vorgang immerhin wiedererkennen.
Marc Röhlig. Reporterarbeit im Nahen Osten, Tagesspiegel, später unter anderem bento und SPIEGEL.[^6] Gemeinsam mit Reimann verantworteten Sie ein Interview mit Heidi Reichinnek über Erfahrungen jüngerer Frauen in der Politik.[^7] Das Thema war also schon einmal bekannt. Nun äußert eine Politikerin Sorge um ihre Familie, und unter dem Umgang damit steht ebenfalls Ihr Name. Empathie lässt sich offenbar leichter als Gesprächsgegenstand organisieren denn als Grenze des eigenen Veröffentlichungsinteresses. Für ein Interview dürfen Frauen ihre Belastungen erklären. Bei der nächsten Geschichte werden dieselben menschlichen Eigenschaften womöglich zum hübschen Eignungsmangel. Hauptsache, das Material trägt.
Hannes Schrader. ZEIT ONLINE, Henri-Nannen-Schule, SPIEGEL.[^8] Für Ihre Unterschrift braucht es keinen Leitungstitel. Ein Name unter einem Text ist bereits eine recht verständliche Mitteilung. Da steht schließlich keine Zeilennummer daneben, die Ihre Verantwortung vorsorglich auf den dritten Absatz beschränkt. Wie lesen Sie diesen Schluss? Als besonders gelungene Aufklärung? Als Pointe, für die sich der Einsatz gelohnt hat? Ich lese ihn als den Satz, bei dem spätestens jemand hätte sagen müssen: Dafür gebe ich meinen Namen her? Ihre Antwort steht über dem Artikel.
Die Anständigkeit der Redaktion
Das Haus hat sich eigene Standards gegeben. „Wir berichten kritisch, gern auch scharf, aber nicht verächtlich“, steht dort.[^9] Vielleicht sollte man den Satz ausdrucken und gelegentlich benutzen. Die Redaktion verabschiedet Eralps politische Ansage gegen Merz mit: „Wenn das mal so wäre.“ Eine Frau fürchtet um ihre Angehörigen, und zum Abschied bekommt sie ihre Standhaftigkeit noch einmal spöttisch vorgehalten. Wer darin die Umsetzung der eigenen Standards erkennt, hat bei deren Formulierung offenbar einen bemerkenswert großzügigen Spielraum vorgesehen. Die Selbstachtung des Hauses scheint jedenfalls erheblich belastbarer als seine Rücksicht auf die Gesprächspartnerin.
An der Spitze stehen Chefredakteur Dirk Kurbjuweit und seine Stellvertreter Thorsten Dörting und Cordula Meyer.[^10] Wer persönlich die letzte Freigabe erteilte, ist öffentlich bisher offen. Die Führungsverantwortung verschwindet deshalb kaum im Ungefähren. Zwei Autoren gehören bereits zur Leitung des Hauptstadtbüros. Die Chefetage musste für diese Geschichte also niemand erst über einen langen Flur suchen. Welcher interne Mausklick zuletzt die Veröffentlichung auslöste, mag die Redaktion selbst erklären. Ihre Standards hat sie schließlich auch öffentlich untergebracht.
Ganze sechs Autoren hat Der Spiegel für diesen Artikel gebraucht. Sechs. Dabei können Autoren mehr als drei Sätze, ja sogar Essays ganz alleine schreiben, habe ich mal gehört. Warum also sechs Autoren? Ganz einfach: Falls ihnen diese Nummer irgendwann um die Ohren fliegt, hat womöglich jeder bloß den Fahrradhelm beschrieben. Die Häme? Kam schon fertig aus dem anderen Absatz. Die Eignungsfrage? Gemeinschaftliche Abstimmung. Den Schluss? In dieser Fassung persönlich nie gesehen. Erstaunlich, wie fein sich Verantwortung aufteilen lässt, während das Honorar noch als zusammenhängende Größe verstanden wird.
Und was später kommt, kann ich erahnen: „Wir waren alle im Widerstand.“ Vor allem gegen die Zumutung, für den eigenen Text geradezustehen.
Die Unterschriften liegen vor. Sechs Autoren mögen Recherchen zusammengetragen haben. Weshalb dabei diese Niedertracht herauskam, erklärt ihre Zahl ungefähr so überzeugend wie eine längere Zutatenliste verdorbenes Essen. Jeder zusätzliche Name war eine weitere Gelegenheit, den Ton zu erkennen und den Schluss zu verwerfen. Sechs Gelegenheiten. Veröffentlicht wurde er trotzdem. Eine beachtliche Gemeinschaftsleistung, wenn man bedenkt, dass ein einziger rechtzeitiger Einwand genügt hätte.
Ihr habt fremde Angst öffentlich auf ihre politische Verwertbarkeit geprüft. Ich halte euren Umgang damit für einen journalistischen Offenbarungseid. Wer die Verletzlichkeit eines Menschen ausschlachtet und zum Schluss noch eine Pointe daraus presst, soll sich seine Anständigkeit woanders bescheinigen lassen. Von mir bekommt ihr eure Namen zurück. Vollständig ausgeschrieben. Für die Frau hat eure gemeinsame Urteilskraft gereicht. Für den eigenen Text wird hoffentlich jeder einzeln geradestehen können. Autoren können schließlich mehr als drei Sätze. Habe ich gehört.
Quellen
[^1]: Christoph Hickmann, Marina Kormbaki, Ulrich Kraetzer, Anna Reimann, Marc Röhlig und Hannes Schrader: Elif Eralp offenbart Angst vor Terrorsympathisanten, DER SPIEGEL, 29. Oktober 2026. Grundlage der Textkritik ist die im Gespräch bereitgestellte Artikelfassung einschließlich der ergänzenden Screenshots. Die Beschreibung Ibrahim Ibrahims wird dem SPIEGEL zugeschrieben.
[^2]: Übermedien: Nörgeln Journalisten zu viel?, 30. April 2026. Bezug auf die öffentlich lesbare Gesprächsankündigung. SPIEGEL-Gruppe: Christoph Hickmann wird Reporter im Hauptstadtbüro des SPIEGEL, 3. Januar 2018.
[^3]: WDR/Presseclub: Marina Kormbaki, berufliches Profil. SPIEGEL-Gruppe: Roland Nelles und Christoph Hickmann bilden neue Doppelspitze im Spiegel-Hauptstadtbüro, 5. September 2025.
[^4]: SPIEGEL-Gruppe: Der SPIEGEL stärkt den Bereich Investigation und Innere Sicherheit, 8. Mai 2026.
[^5]: Mediendienst Integration: 1.000 Tage Mediendienst Integration, November 2015, Beitrag von Anna Reimann, gedruckte Seiten 26 ff. sowie ihre im Vorwort wiedergegebene Aussage.
[^6]: Der Tagesspiegel: Marc Röhlig, historisches Autorenprofil. Für die spätere bento-Veröffentlichung siehe beispielsweise Dark Tourism, 12. Juli 2019, mit bento-Herkunftshinweis im SPIEGEL-Archiv.
[^7]: Marcus Glahn: Heidi Reichinnek, Arbeitsnachweis mit Textzuordnung an Anna Reimann und Marc Röhlig.
[^8]: Henri-Nannen-Schule: 39. Lehrgang, Eintrag Hannes Schrader.
[^9]: SPIEGEL-Gruppe: Die SPIEGEL-Standards, Stand Juli 2021, Abschnitt 2.2, gedruckte Seite 14.
[^10]: SPIEGEL-Gruppe: DER SPIEGEL, Redaktionsleitung.

