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Die Angst der anderen

Oder: Der SPIEGEL fragt, ob eine Politikerin Angst haben darf. Ich hätte da noch ein paar Fragen.

Von Viktor Dorn

Eine Frau fürchtet um ihre Familie. Sechs Journalisten prüfen daraufhin ihre berufliche Eignung. Man muss sich diesen Vorgang einen Moment lang ohne die übliche redaktionelle Polsterung ansehen. Die bedrohte Frau steht zur Prüfung. Ihre Angst liefert das Belastungsmaterial.

Elif Eralp wollte bei der Bearbeitung eines SPIEGEL-Interviews eine Passage zu Ibrahim Ibrahim streichen lassen, den das Magazin als Terrorsympathisanten mit Kontakten ins Hamas-Umfeld beschreibt. In einem internen Kommentar äußerte sie Sorge um sich und ihre Familie. Ihr Büro übermittelte die Anmerkung versehentlich an die Redaktion. Der SPIEGEL entwickelte daraus Zweifel an ihrer Eignung als Regierende Bürgermeisterin.[^1] Wer aus Angst politische Äußerungen oder womöglich Entscheidungen beeinflussen lasse, könne schließlich ein Problem für das Amt sein.

Eine aus Angst veränderte Regierungsentscheidung führt der Artikel dabei nicht an. Die Befürchtung reicht für die Eignungsfrage. Ein bemerkenswert anspruchsvoller Maßstab. Ich möchte ihn behalten. Er könnte noch nützlich werden.

Politischen Mut bekommen wir schließlich regelmäßig vorgeführt. Menschen sollen länger arbeiten, mehr selbst bezahlen, weniger erwarten. Katherina Reiche forderte in ihrer Grundsatzrede 2025 längere Lebensarbeitszeiten und mehr Eigenverantwortung beim Heizungstausch.[^3] Da muss jemand die Entschlossenheit aufbringen, anderen Verzicht zu erklären. Für diese schwere Aufgabe finden sich glücklicherweise immer wieder Menschen, deren eigener Verzicht gerade anderweitig verplant ist.

Bei solchen Auftritten interessiert mich inzwischen vor allem das Gegenüber. Ein Mensch im Leistungsbezug kann einem Minister selten eine Anschlussbeschäftigung verweigern. Ein Geflüchteter gefährdet kaum den nächsten großzügigen Spendeneingang. Eine bedrohte Tierart hat ausgesprochen schlechte Kontakte in den Parteivorstand. Wer ihnen gegenüber Härte zeigt, riskiert überschaubar wenig. Die Folgen der eigenen Tapferkeit wohnen praktischerweise woanders.

Sobald ein Wirtschaftsverband protestiert, beginnt dagegen die große Kunst des Verständnisses. Man müsse Vertrauen erhalten, Sorgen ernst nehmen, Belastungen vermeiden. Nach unten reicht eine Ansage. Weiter oben braucht es Fingerspitzengefühl. Erstaunlich, wie genau manche Politiker wissen, wem sie Enttäuschungen zumuten dürfen.

Die Nähe ist öffentlich dokumentiert. Reiche leitete von 2020 bis 2025 die Westenergie AG, zuvor einen Wirtschaftsverband, davor war sie parlamentarische Staatssekretärin. Dann wurde sie Wirtschaftsministerin.[^2] Politik, Wirtschaft, Politik. Eine Laufbahn, bei der die Frage nach dem beruflichen Danach durchaus zur politischen Gegenwart gehören darf. Welche Türen möchte man sich offenhalten? Und welche Entscheidung würde sie schließen?

Auch das Geld muss man selten lange suchen. Der Verband der Chemischen Industrie spendete zur Bundestagswahl 2025 allein der CDU 150.000 Euro. Weitere Beträge gingen an SPD, FDP, CSU und Grüne.[^4] Mich interessiert dabei besonders das Geld, das künftig ausbleiben könnte. Wer auf Unterstützung setzt, kann die Erwartungen seiner Unterstützer berücksichtigen, bevor jemand darum bittet. Ein verstimmter Geldgeber braucht keine Anweisung zu verschicken, wenn sein möglicher Rückzug schon verstanden wurde.

Nun braucht eine solche Politik auch Stimmen von Menschen, denen diese Rücksichtnahme wenig einbringt. Ein interessanter Widerspruch: Die Vermögenden werden geschont, die Mehrheit soll applaudieren. Dafür lässt sich ihr ein anderes Vergnügen anbieten. Jemand unter ihr bekommt etwas gestrichen. Jemand Fremdes wird zurückgewiesen. Jemand vermeintlich Faules muss endlich gehorchen. Wer selbst jeden Monat rechnen muss, soll seinen politischen Erfolg daran erkennen, dass es einem anderen künftig schlechter geht.

So verstehe ich diesen Populismus: Die Empörung vieler sichert eine Macht, unter deren Schutz wenige ihre Interessen durchsetzen können. Der Bürger bekommt einen Gegner, der Geldgeber bekommt Rücksicht. Beides lässt sich auf derselben Bühne als Politik fürs Volk verkaufen. Man muss nur zuverlässig dafür sorgen, dass das Publikum in die gewünschte Richtung schaut.

Aber was würde geschehen, wenn ein Politiker selbst vollständig davon überzeugt wäre, dass eine andere Entscheidung dem Gemeinwohl dient? Wenn Merz, Reiche, Spahn oder Söder einen wirksamen Schutz der Natur für richtig hielten, der eine mächtige Branche Geld kostet? Wenn sie eine Belastung großer Vermögen für gerecht hielten, die auch Freunde, Unterstützer oder den eigenen Besitz trifft? Würden sie dafür ihre Stellung riskieren?

Hier beginnt die Mutprobe. Bis dahin darf jeder Überzeugungen besitzen. Jetzt müsste jemand dafür bezahlen. Mit einer verlorenen Wahl, einem beschädigten Verhältnis, weniger Einkommen, einer versperrten Karriere. Der viel beschworene persönliche Verzicht würde zum ersten Mal die Person erreichen, die ihn gewöhnlich anderen erklärt.

Natürlich müsste man im Amt bleiben, um weiter gestalten zu können. Ein herrlicher Gedanke. Das notwendige Vorhaben wird vertagt, damit derjenige im Amt bleibt, der es vertagt. Bei nächster Gelegenheit gilt dieselbe Begründung. Irgendwann ist von der politischen Überzeugung nur noch die Gewissheit übrig, dass unbedingt der eigene Name an der Tür stehen muss. Die Welt darf warten. Die Karriere hat einen Termin.

Was hält diesen Menschen dann von der richtigen Entscheidung ab? Er kennt ihren Nutzen. Er besitzt die Überzeugung. Er fürchtet ihre Folgen für sich selbst. Das Wort dafür lautet Angst. Angst vor Machtverlust. Vor weniger Geld. Vor ausbleibenden Spenden. Vor dem Ende einer Laufbahn, die ihm wichtiger geworden ist als das, wofür er sie angeblich benötigt.

Darin liegt mein Vorwurf an diese Politik: Ihre Härte reicht bis zu den Menschen, deren Gegenwehr den eigenen Aufstieg kaum bedroht. Ihre Angst beginnt dort, wo der Konflikt persönlich teuer werden könnte. Populismus verschafft dieser Schonung mächtiger Interessen die nötigen Stimmen. Und die Angst um den eigenen Verlust darf sich als Verantwortungsbewusstsein vorstellen.

Der SPIEGEL fragt angesichts Eralps Sorge: „Wer würde dann eigentlich am Ende wen regieren?“ Ausgezeichnet. Wer regiert wen, wenn ein Volksvertreter seine Entscheidungen an der erwarteten Reaktion seiner Geldgeber ausrichtet? Wie regierungsfähig ist jemand, dessen Überzeugung am eigenen Vermögen endet? Wie viel Zukunft darf eine Bevölkerung verlieren, damit ihr Vertreter seine behält?

Am Schluss seines Artikels versieht der SPIEGEL Eralps politische Ansage gegen Merz mit dem Spott: „Wenn das mal so wäre.“ Sechs Namen stehen über diesem Urteil über die Standhaftigkeit einer Frau, die um ihre Angehörigen fürchtet. Für die nächste Untersuchung hätte ich ein paar Kandidaten, denen im Konflikt mit mächtigen Interessen allenfalls ein schlechteres berufliches Fortkommen droht.

Ein verlorenes Amt lässt einen Menschen weiterleben. Wer schon diesen Preis fürs Gemeinwohl für unzumutbar hält, sollte einer bedrohten Frau sehr genau zuhören. Sie könnte ihm erklären, was Angst ist. Er könnte ihr erklären, weshalb seine so viel besser bezahlt wird.

 


Quellen

[^1]: Christoph Hickmann, Marina Kormbaki, Ulrich Kraetzer, Anna Reimann, Marc Röhlig und Hannes Schrader: Elif Eralp offenbart Angst vor Terrorsympathisanten, DER SPIEGEL, 29. Oktober 2026. Darstellung und kurze Zitate nach der für die ursprüngliche Artikelfassung bereitgestellten PDF und den ergänzenden Screenshots. Die dort erhobenen Vorwürfe werden dem Magazin zugeschrieben.

[^2]: Bundesregierung: Katherina Reiche, offizieller Lebenslauf. Dokumentiert sind unter anderem ihre Tätigkeiten als Abgeordnete, parlamentarische Staatssekretärin, Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen und Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG sowie ihr Amtsantritt als Bundeswirtschaftsministerin am 6. Mai 2025.

[^3]: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Grundsatzrede von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, 2025. Die Rede behandelt unter anderem mehr Eigenverantwortung beim Heizungstausch und längere Lebensarbeitszeiten.

[^4]: Verband der Chemischen Industrie: Parteispenden 2024 und 2025: Transparenzinitiative des VCI, 13. Mai 2025. Die genannten Beträge betreffen die dort ausgewiesenen Spenden zur Bundestagswahl 2025. Die CDU-Spende ist auch in der Veröffentlichung des Deutschen Bundestags für 2025 dokumentiert. Die weiterführende Deutung politischer Rücksichtnahme und möglicher Verlustangst ist das politische Urteil des Autors.

Manche Texte kann man schreiben. Andere muss man lange genug mit sich herumschleppen, bis sie anfangen, zurückzustarren.