
Kennst du diese Sätze, die sich im Laufe der Zeit immer mehr abnutzen, bis sie irgendwann nur noch zur leeren Phrase verkommen sind? „Wir sind mehr!“ ist so ein Satz. Gut gemeint, aber nichts als drei bedeutungslos gewordene Worte, hübsch aneinandergereiht und nur noch für Menschen verwendbar, die nichts, aber auch gar nichts begriffen haben.
Der Slogan hat oft eine Funktion, die nichts mit politischer Wirkung zu tun hat – er beruhigt das Gewissen der Aussprechenden, schafft ein warmes Wir-Gefühl unter Gleichgesinnten und endet meistens dort, wo er anfängt: beim Publikum, das ohnehin schon überzeugt ist. Das ist die Filterblasen-Falle jeder Kampagne, die auf Zustimmung statt auf Überzeugungsarbeit zielt. Man spricht mit sich selbst und verwechselt das Echo mit Fortschritt. Nach 15 Jahren antifaschistischer Social-Media-Arbeit, wie ich sie nun hinter mir habe, ist genau diese Erkenntnis gewachsen: Man postet, teilt, empört sich – und die Zahlen laufen trotzdem in die andere Richtung.
„Wir sind mehr!“ ist für viele zur Beruhigungspille geworden. Meist von jenen, deren demokratische Aktivität sich eh nur im antisozialen Media-Bereich bewegt. Der Satz hat ursprünglich aber eine wichtige Funktion gehabt: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir sind nicht allein. Rechtsextreme sind nicht die Mehrheit. Soweit, so gut. Problematisch wird es, wenn daraus unbewusst folgende Schlussfolgerung wird: „Die Mehrheit ist gegen die AfD, also wird sich das Problem irgendwann von selbst erledigen“, denn genau das passiert ganz offensichtlich nicht! Seit Jahren wächst die AfD. Bei der Bundestagswahl 2025 kam sie auf 20,8 %, und inzwischen liegt sie in praktisch allen aktuellen Bundesumfragen deutlich darüber.
Und heute erleben wir sogar etwas qualitativ Neues: In Sachsen-Anhalt wird die AfD am heutigen 6. September 2026 mit ungefähr 40 % als klar stärkste Kraft erwartet; damit könnte sie erstmals ein Bundesland gewinnen. Das ist keine Randerscheinung mehr. Die AfD hat aktuell etwa 28 % in den bundesweiten Umfragen. Selbst wenn man alle AfD-Wähler als geschlossen rechtsextrem einordnen würde – was analytisch ebenfalls zu pauschal wäre –, wären 72 % eben nicht AfD. Also sind „wir“ nun doch mehr?
Eine gesellschaftliche Mehrheit gegen die AfD ist nicht automatisch eine politische Mehrheit, die die AfD zurückdrängt. Denn Politik funktioniert nicht nach dem Prinzip: „70 % sind gegen Partei X → deshalb verschwindet Partei X.“ Sondern nach: „Wer kann seine 25–30 % mobilisieren, organisieren und in politische Macht übersetzen?“ Und da war die AfD in den vergangenen Jahren ausgesprochen erfolgreich.
Ich glaube, dass der Satz „Wir sind die Mehrheit“ bzw. „Wir sind mehr!“ mittlerweile sogar kontraproduktiv ist. Denn er erzeugt ein angenehmes Gefühl: Wir sind die Guten. Wir sind mehr. Also wird es schon gut gehen. Demokratie ist kein Wettbewerb um moralische Selbstbestätigung. Wenn 28 % eine Partei wählen, die demokratische Institutionen, Minderheitenrechte oder die liberale Demokratie massiv infrage stellt, dann hilft es relativ wenig, darauf hinzuweisen, dass 72 % sie nicht wählen.
Die entscheidende Frage lautet: Was machen die 72 %?
Bleiben sie politisch aktiv? Gehen sie wählen? Gründen sie Initiativen? Widersprechen sie? Überzeugen sie andere? Verteidigen sie demokratische Institutionen? Oder begnügen sie sich damit, einmal im Jahr „Wir sind mehr“ auf ein Plakat zu schreiben?
Und noch etwas ist wichtig: Die AfD muss gar nicht 50 % erreichen, um die politische Landschaft massiv zu verändern. Eine Partei mit 25–30 % kann:
- stärkste Partei werden,
- andere Parteien vor sich hertreiben,
- politische Themen setzen,
- die Sprache des politischen Diskurses verschieben,
- Koalitionsbildungen erschweren,
- andere Parteien dazu bringen, ihre Positionen zu übernehmen,
und langfristig gesellschaftliche Normen verändern.
Das sieht man inzwischen ziemlich deutlich. Der aktuelle ARD-DeutschlandTrend zeigt beispielsweise, dass die AfD nicht nur bei der allgemeinen Sonntagsfrage stark ist. Sie gewinnt auch beim Sachvertrauen: Bei Asyl- und Flüchtlingspolitik liegt sie inzwischen deutlich vor der Union. Das ist wesentlich ernster als irgendeine einzelne Wahlumfrage.
Ich würde den Slogan deshalb heute anders formulieren. Nicht: „Wir sind mehr.“ Sondern: „Wir sind noch mehr. Aber das reicht nicht.“ Oder noch schärfer: „Mehrheit sein ist kein politisches Konzept.“ Oder: „Wir sind mehr – aber die anderen sind organisierter.“ Das ist meines Erachtens ehrlicher. Denn „Wir sind mehr“ beschreibt einen Zustand. Es verändert keinen Zustand. Und vielleicht ist genau das die unbequeme Erkenntnis der vergangenen zehn Jahre: Eine Mehrheit, die sich lediglich als Mehrheit versteht, kann politisch sehr viel schwächer sein als eine Minderheit, die konsequent organisiert, mobilisiert und ihre politischen Ziele verfolgt.
Der Satz „Wir sind mehr“ war nie das Problem. Das Problem war, dass man glaubte, damit sei der politische Kampf bereits gewonnen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen wäre es tatsächlich ziemlich gefährlich, sich weiterhin mit diesem Satz selbst zu beruhigen. Ich verwende ihn schon lange nicht mehr. Und, wenn ich ehrlich bin, kann ich schon niemanden mehr wirklich ernst nehmen, der es tatsächlich noch tut. Entweder wollen solche Personen die Wahrheit nicht sehen oder sie können es einfach nicht.
Admin A
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