
Es ist erst ein paar Jahrzehnte her, als man sich zu Gesprächs- und Diskussionsrunden traf. Geplant war das nie, hat sich aber immer so ergeben.
Meist traf man sich Abends bei irgendjemandem. Immer stand ein frisch gekochter Tee auf dem Tisch, den man unbedingt einmal probieren müsse. Ebenso fand sich immer irgendwas zu naschen. Man sprach erst einmal locker über den Alltag und irgendwann kam man dann auf ein Thema, das eine Diskussionsrunde auslöste.
Die Themen waren dabei unterschiedlich. Mal gings um Politik, dann um Wirtschaft, über den sauren Regen, über Feminismus, über die Arbeits- und Lebensbedingungen oder auch um Unterhalt oder was einen sonst noch so beschäftigte.
Während dessen wurde fleißig weiter Tee gekocht oder man stieg um auf Brause. Irgendwann kam dann auch die Frage: „Hat jemand Hunger?“ und die Diskussion wurde in die Küche verlegt, wo man zusammen kochte, während die Diskussion genauso heiß wurde, wie das Essen, oder man bestellte Pizza, die jeder mal probieren musste.
Bei so manchen Diskussionen ging es heiß her. Man brüllte sich an, rannte aufgeregt im Zimmer herum, um dann, im nächsten Moment sich wieder hinzusetzen und ein Stück Pizza in den Mund zu schieben, die schon längst kalt war.
Das Schöne an den Diskussionen war, das man sich nicht um die Themen herumdrückte, versuchte auszuweichen, kein Problem mit dem Eingeständnis hatte, sich mit einem Thema nicht intensiv genug befasst zu haben und sich auch zuhören konnte.
Niemand diskutierte in dem Wahn, die alleinige Wahrheit zu besitzen und nicht selten kam auch mal ein Buch, als Nachschlagewerk, zum Einsatz.
Wir dachten über die Argumente nach, argumentierten dagegen und wenn wir aus dem Bauch heraus sprachen, war das für alle erkennbar.
Wenn dann der Morgen graute, umarmte man sich zur Verabschiedung, versicherte sich gegenseitig, was das wieder für ein toller Abend war und meinte es auch so.
Mir fehlt die Zeit, wo man noch vernünftig miteinander reden konnte, ohne sich an die Gurgel zu gehen, ohne sich zu schwören, dass man die Schnauze voll habe und sich nie wieder sehen wolle (Blockfunktion) und ohne sich zu hassen, weil man mal nicht auf einen Nenner kam.

