Oder: WENN SOGAR DER TEPPICH BRENNT, NENNT MERZ ES STANDORTPOLITIK
Ich sitze mal wieder morgens da, der Kaffee noch halbwegs friedlich, die Welt wie üblich im Zustand fortgeschrittener Perversität. Und lese die Tagesschau. Schön langsam. So, wie man Wörtern genug Leine gibt, um sich selbst zu strangulieren. Nach dem zweiten Schluck hebt in mir etwas den Kopf. Es ist der misanthrope Menschenverstand, wie immer. Er braucht keinen Auftritt. Er sagt nur trocken: „Merz weiß es.“ Und damit ist der Morgen gelaufen.

Denn natürlich weiß er es. Die Wirtschaftslobby weiß es. Versicherungen wissen es. Konzerne wissen es. Banken wissen es. Die Agrarbranche weiß es. Die Energieriesen wissen es. Dieses ganze Gerede von Augenmaß, Technologieoffenheit, Vernunft und Belastungsgrenzen klingt nur für Leute beruhigend, die Sätze gern mit Kompetenz verwechseln. In Wahrheit höre ich darin bloß die elegante Bitte, die Gegenwart möge weiter kassieren, während die Zukunft die Rechnung übernimmt.
Mich fasziniert an dieser Sorte Vernunft ihre saubere Verdorbenheit. Da steht einer vor die Öffentlichkeit und behandelt Klimaschutz und Wirtschaft wie zwei beleidigte Verwandte, die man besser auf Abstand hält, obwohl die Sache so schlicht ist, dass es fast respektlos wirkt, sie überhaupt auszusprechen: Wenn die Klimakatastrophe durchschlägt, bleibt von Wirtschaft nur noch die Buchhaltung des Schadens. Dann reden wir über instabile Infrastruktur, über Ernten mit Nervenzusammenbruch, über Lieferketten mit Fieber, über Versicherungen mit Fluchtinstinkt und über Märkte, die plötzlich merken, dass ein überhitzter Planet kein solides Geschäftsmodell darstellt. Häme rührt in meinem Kopf mit dem Löffel im Kaffee und murmelt: „Man kann einen brennenden Teppich eine Weile als Wärmequelle verkaufen. Als Teppich überzeugt er später eher schwächer.“ Das ist der Punkt. Diese Leute behandeln das Feuer wie eine Frage des Raumklimas.
Und trotzdem sprechen sie mit dieser staatsmännischen Ruhe, als ginge es um eine etwas missratene Steueridee oder um eine übermotivierte Vorschrift für Sonnenschirme. Als läge zwischen Kipppunkt und Dividende eine gemütliche Mitte mit Ledersesseln und Standortbroschüre. Genau darin sitzt die eigentliche Obszönität. Sie verstehen das Problem intellektuell vollkommen ausreichend und verwalten es politisch so sanft, dass aus den oberen Etagen bloß kein erschrockener Laut fällt. Das Feuer kennt jeder. Der Rauch hängt längst im Raum. Die Temperatur steigt. Irgendein geschniegelt ernster Berufserwachsener erklärt mit besorgter Stirn, jetzt dürfe man die Wirtschaft nicht zusätzlich belasten, und man möchte ihm fast dankbar den nächsten Eimer Benzin reichen, damit das Bild wenigstens ehrlich wird.
Dann kommt dieser kleine, kalte Gedanke, der sich leise an den Rand setzt und dort bleibt, bis man ihn ansieht. Cui bono. Wem nützt es, wenn die Klimakatastrophe als Hysterie, Moraltheater oder grüne Marotte behandelt wird. Sicher keinem Menschen, der später in aufgeheizten Städten lebt, steigende Preise trägt, Ernteausfälle auffängt und den Zerfall der Sicherheiten in Echtzeit besichtigen darf. Nutzen ziehen jene, die aus jeder Verzögerung noch ein paar satte Jahre pressen. Für diese Erkenntnis braucht es keine tieferen Gedankengänge, aber irgendwo im Maschinenraum dieser Verachtung sitzen die alten Produzenten des Feindbilds, jene sehr aufgeräumten Herren, die aus Interessen Kulturkampf machen, aus Regulierung Freiheitsberaubung, aus Ökologie einen Angriff auf die Lebensform des braven Bürgers. Leute von der Sorte Sagebrush, Wise Use, Coors, Arnold, Luntz. Geld, Zorn, Sprache, Verpackung. Mehr braucht es kaum, damit aus Physik plötzlich Ideologie wird und aus Warnung ein Reizwort für empörte Bürgerseelen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger sehe ich darin Ordnung. Ich sehe einen biologischen Fehler in Maßanzügen. Eine Krebszelle mit Presseabteilung. Ein System, das wächst, frisst, sich ausdehnt und seine eigene Zerstörungskraft für Leistungsfähigkeit hält.
Das ist vielleicht die reinste Form moderner Intelligenz: genug Verstand, um die Katastrophe zu kalkulieren, genug Gier, um sie weiter zu bewirtschaften, genug Kälte, um das Ganze als Pragmatismus zu verkaufen.
Kalkül hebt kurz den Blick von seinem inneren Notizbuch und sagt: „Kurzfristig ergibt das sogar Sinn.“ Natürlich ergibt es Sinn. Für Amtszeiten. Für Boni. Für Quartale. Für Fonds. Für Karrieren. Für Menschen, die das Dach verheizen und im Bericht „witterungsbedingte Herausforderung“ notieren. Für das Haus endet diese Logik erfahrungsgemäß „herausfordernd“, und da ist es schon wieder in meinem Kopf, dieses verfluchte Wort, also werfe ich es direkt aus dem Fenster.
Sobald es dann wirtschaftlich enger wird, spielt dieselbe Truppe den nächsten Klassiker. Plötzlich stehen Bedürftige, Migranten und andere gut sichtbare Ablenkungsziele im Schaufenster. Strukturelles Versagen verwandelt sich in moralische Schuldgeschichten für Leute ohne Lobbyetage. Verantwortung verschwindet elegant aus dem Bild. Vermögen ebenfalls. Gefälligkeit auch. Dafür hört man wieder, unten werde zu viel genommen, außen werde zu viel hereingetragen, oben trage derweil tapfer das Ganze. Diese Sprache hat etwas Erstaunliches. Sie schafft es, den Eindruck zu erwecken, als spräche bloß die Vernunft. Tatsächlich spricht nur Eigentum mit gereizter Stimme. Ironie lächelt an dieser Stelle immer sehr dünn. Sie weiß, wie viel Grausamkeit in Deutschland durch höflichen Tonfall geadelt wird.
Das Absurde daran wird sogar bis in die Villengegenden der Sieger reichen. Der Zaun wird wachsen. Die Kameras werden schärfer. Die Wachleute zahlreicher. Die Bunker gemütlicher. Mit jeder zusätzlichen Sicherheitsmaßnahme kriecht dieselbe Erkenntnis näher: Wer seinen Wohlstand nur noch halten kann, solange niemand ihm die Machete aus der Hand nimmt, schläft schlechter.
Der ganze Reichtum hängt an einem gesellschaftlichen Arrangement, das auf Loyalität, Geduld, Versorgung und halbwegs tragbarer Ordnung basiert. Sobald diese Grundlage fault, verwandelt sich Schutz in Inventur. Dann schauen auch die Bewacher irgendwann auf das Schutzobjekt und sehen etwas, was nach Hühnchen schmecken könnte, wenn der Hunger groß genug ist und mit der Moral diskutiert. Häme findet diesen Gedanken erwartbar reizvoll. Ich lasse sie kurz grinsen und denke ihn dann selbst weiter.
Genau dort liegt die gerechteste Pointe. Ausgerechnet jene, die alles dem kurzfristigen Vorteil opfern, werden am Ende in einer Welt landen, in der selbst ihr Vorteil nach Panik schmeckt. Dann sitzen sie in ihren Rückzugsorten und sprechen von Stabilität, Verantwortung und wirtschaftlicher Vernunft, während draußen die Wirklichkeit mit der Grobheit zurückkehrt, die man jahrzehntelang an andere delegiert hat.
Selbstverständlich steht irgendwo immer noch ein Mann wie Merz, geschniegelt bis in den Satzbau, und erklärt, die Lage sei herausfordernd, man müsse jetzt besonnen handeln und dürfe den Standort nicht gefährden. Die Welt brennt. Der Teppich qualmt. Die Zukunft kollabiert. Aus dem Off kommt wieder Sprache aus Pappe und Kalkül.
Mein Kaffee ist schon kalt. Die Runde in meinem Kopf hat Feierabend, fürs Erste. Menschenverstand zahlt nie. Häme gibt kein Trinkgeld. Ironie geht mit diesem müden Lächeln, das sie immer bekommt, wenn die Realität ihre Arbeit mal wieder unnötig leicht gemacht hat. Und ich bleibe zurück mit dem Eindruck, dass unsere Zeit von Leuten verwaltet wird, die selbst den Untergang noch in eine Pressemitteilung gießen würden. Herausfordernde Lage. Komplexe Transformation. Chancen in der Krise. Die Welt brennt, der Teppich glimmt, die Luft kippt, und irgendwo sagt einer im besten Tonfall geerbter Zuversicht, man dürfe die Wirtschaft jetzt nicht gefährden.
