Oder Warum sich moderne „christliche Werte“ vor Jesus fürchten müssten
Wenn man den Texten glaubt, dann richtet sich Jesu Zorn nicht gegen Zweifelnde, Suchende oder Regelbrecher aus Not.
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Ihr liebt das Gesetz.
Ihr liebt eure Position.
Ihr liebt die Ordnung.
Ihr liebt euch selbst.
Und nennt das Gott.
So lautet sinngemäß sein Kernvorwurf.
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Die berühmtesten Ausraster Jesu gelten Tempelbetreibern, Schriftgelehrten und Frömmigkeitsdarstellern. Also exakt jenen Typen, die heute am lautesten „christliche Werte“ rufen und dabei nervös nach der gesellschaftlichen Fernbedienung greifen.
Theologisch betrachtet ist das fast komisch:
Sie berufen sich auf eine Figur, deren gesamtes Wirken darauf ausgerichtet war, sie zu entlarven. Ihr Gott wäre ihr schärfster Kritiker. Ihr Messias ihr größtes Ärgernis. Ihr Vorbild ihr denkbar schlechtester Verbündeter.
Oder, etwas zugespitzter formuliert:
Jesus wäre für sie
zu ungehorsam,
zu solidarisch,
zu respektlos gegenüber Macht,
zu wenig beeindruckt von Besitz,
zu sehr auf Seiten der Falschen.
Man könnte sagen:
Sie tragen sein Symbol,
aber sie würden seine Worte melden lassen.
Tragisch.
Und gleichzeitig eine dieser bitteren Ironien, für die Geschichte ein erstaunlich gutes Gespür hat.
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Da haben wir es also:
Eine Ordnung aus Nation, Identität, Leitkultur, Tradition, Blutlinie; kurz, all das, was Jesus von Nazareth bekämpft hätte.
Was einmal Angst war, wird Ideologie.
Was einmal Orientierungslosigkeit war, wird „Wert“.
Was einmal Unsicherheit war, wird „Wir“.
Hier wird nicht geschützt, hier wird konserviert.
Nicht Wahrheit, sondern Macht.
Nicht Gemeinschaft, sondern Abgrenzung.
Der rechte Mythos funktioniert exakt wie die von ihm verachtete Kirche:
– Er braucht Priester (Meinungsmacher).
– Er braucht Dogmen (Identität, Herkunft, Natur).
– Er braucht Rituale (Flaggen, Parolen, Empörung).
– Er braucht Ketzer (alle anderen).
Und vor allem braucht er einen Feind,
damit niemand auf die Idee kommt,
nach innen zu schauen.
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Der bittere Witz dabei:
Diese Fantasien berufen sich gern auf „das Ursprüngliche“, „das Echte“, „das Natürliche“ — und sind dabei hochgradig künstlich, konstruiert, ideologisch überzüchtet.
Reine Theologie, nur ohne Gott. Oder schlimmer: mit Nation als Gottheit.
Nicht die Anderen bedrohen diese Ordnung.
Schon ihr bloßes Dasein entlarvt sie.
Kurz gesagt:
Was Jesus der Kirche war,
ist die Wirklichkeit dem Rassismus.
Und genau deshalb würde er auf beides so allergisch reagieren.

