
Die ersten 20 Jahre meines Lebens verbrachte ich in einem Staat, der sich Deutsche Demokratische Republik nannte. Überraschung – sooo demokratisch war dieser Staat aber gar nicht.
Vor allem hatte die DDR ein Problem mit Andersdenkenden, egal, ob sie selbst als nicht konform angesehen wurden oder ob es sich um ein Mitglied ihrer Familie handelte, das der Obrigkeit nicht genehm war. Da machte man keinen Unterschied.
Und JA, für alle die, die rumkrakeelen, dass man heute auch nicht alles sagen kann:
Heute musst du damit leben, dass dir jemand widerspricht, vielleicht sagt dir dein Arbeitgeber, dass du nicht in die Firma passt, weil du Unfrieden stiftest.
Damals war es ein ganzer Staat.
Heute muss sehr viel passieren, dass du weggesperrt wirst.
Damals genügte eine Kleinigkeit.
Als Tochter eines evangelischen Pfarrers in der DDR hatte ich grundsätzlich Probleme. Viele meiner Träume wurden zerstört, einfach nur, weil ich diejenige war, die ich halt war. Ich konnte nichts dafür, hatte eben nur für die DDR-Obrigkeit den falschen familiären Hintergrund. Das war aber auch so, wenn nur ein Elternteil studiert hatte. Da zählte man automatisch nicht mehr zur „Arbeiter- und Bauernklasse“, sondern schmählich zur „Intelligenz“. Im Gegensatz zu heute war das damals eher ein Nachteil.
Ich bin in einem Dorf in Südthüringen aufgewachsen, das etwa 750 m hoch auf einem Berg lag. Das bedeutete zumindest damals lange, harte Winter mit viel Schnee, die Vegetation hinkte der von großen Städten wie z. B. Erfurt um etwa 4 Wochen hinterher.
Mein Heimatort lag an der Grenze zu Bayern, das bedeutete, zu DDR-Zeiten lebten wir in der Sperrzone. Eigentlich waren wir sogar recht weit von der Grenze entfernt, nur von einem Punkt außerhalb unseres Dorfes, am Sportplatz, konnte man ein Zipfelchen eines westdeutschen Dorfes sehen und, wenn der Wind günstig stand, sogar die Kirchenglocke dort läuten hören. Zu diesem Punkt wurde sämtlicher Besuch geschleppt. „Guckt mal, daaa ist der Westen!“
Dieser kleine Ort dort drüben schien für uns genauso unerreichbar zu sein wie der Mond.
Apropos Besuch. Zu uns kam nur, wer einen entsprechenden Stempel im Personalausweis hatte, der bezeugte, dass der Personalausweisinhaber das Wohnrecht in der Sperrzone besitzt – oder man brauchte eben einen Passierschein. Dieser musste für Normalsterbliche vier Wochen vor der „Einreise“ beantragt werden und wurde auch gern willkürlich abgelehnt. Als meine Schwester heiratete und aus dem Sperrgebiet wegzog, verlangte man von ihr, dass sie am Tag ihrer Hochzeit zum Volkspolizeikreisamt (VPKA) kommen sollte, um den Stempel löschen zu lassen. Sie weigerte sich jedoch, im Brautkleid beim VPKA zu erscheinen, nach langen Diskussionen war man schließlich gnädig und erlaubte ihr, erst am nächsten Tag zu kommen. Von diesem Moment an musste jeden Monat ein Antrag auf einen Passierschein gestellt werden, vor allem, als dann ein Kind da war. Ich habe diesen Antrag so oft ausgefüllt, dass ich den Text heute noch auswendig kann. Grund der Einreise: „Liegt dem VPKA vor. Das Kind K. muss zu den Großeltern gebracht werden, da die Eltern Dreifachschicht und Wochenenden arbeiten.“
Einen Vorteil gab es allerdings: Man bekam nie unangemeldeten Besuch.
Fun Fact: Die Grenzen waren längst offen, da standen unsere wackeren Polizisten immer noch am Schlagbaum und kontrollierten die „Einreise in die Sperrzone“…
Allerdings hatten wir noch Glück. Mein Vater betreute noch zwei weitere Gemeinden, eine davon lag in der sogenannten 500 m-Zone, also wirklich direkt an der Grenze. Ich habe später mit einer Kollegin zusammengearbeitet, die sich einen Spaß daraus machte, im Bikini im Garten zu liegen, direkt daneben stand der Wachturm und den armen Grenzsoldaten fielen fast die Augen aus dem Kopf.
Anfang der 50er Jahre gab es die sogenannte Aktion „Ungeziefer“. Menschen, die als politisch unzuverlässig galten, wurden aus heiterem Himmel zwangsumgesiedelt. So auch hier. Schon allein der Tarnname dieser Aktion trieft nur so vor Verachtung für diese Menschen.
Heute kaum noch zu glauben ist auch, was sich täglich am Schlagbaum abspielte. Grenzsoldaten betraten mit MPi im Anschlag die Busse, die die Leute zur Arbeit brachten, und kontrollierten deren Ausweise. Wenn die Busse abends zurück in die 500 m-Zone fuhren, dasselbe Spiel. Jeden Tag. Und wenn dich die Grenzer schon 437-mal gesehen hatten. Jeden verdammten Tag musstest du deinen Ausweis vorzeigen, während du mit einer Maschinenpistole bedroht wurdest.
Hier, für die 500 m-Zone, benötigte sogar mein Vater, der zehn Kilometer weiter ebenfalls im Sperrgebiet wohnte, jeden Monat einen Passierschein.
Für uns Dorfbewohner war jede/r Fremde äußerst interessant. „Wer ist das denn?“ hieß es, wenn ein unbekanntes Auto zu sehen war. Eine richtige Sensation war dann der Besuch eines finnischen Theologiestudenten bei uns. Die Kirche hatte sich tatsächlich durchgesetzt und dem jungen Mann war erlaubt worden, jeweils ein paar Tage in verschiedenen Orten des Landkreises zu verbringen, so auch bei uns im Sperrgebiet. Als ich, damals 19, mit ihm durchs Dorf lief, wurden wir neugierig beobachtet und es wurde reichlich spekuliert, ob das mein Freund sei. Eine ältere Frau schaute uns nach und dachte bei sich, „komisch, der junge Mann sieht aus, wie ich mir immer Skandinavier vorgestellt habe, so mit dieser hellen Haut und den hellblonden Haaren… Aber wie soll denn ein Skandinavier hierherkommen?“ Sie lachte über diesen aberwitzigen Gedanken und fiel ein paar Tage später fast von der Kirchenbank, als mein Vater im Gottesdienst ebenjenen Mann als unseren Gast aus Finnland vorstellte.
Witzig war auch folgende Situation: Er war zur offiziellen Schuleinführungsfeier eingeladen worden und lernte dort die Bürgermeisterin kennen, die ihn prompt fragte, wie es ihm denn hier gefiele. Er dachte nicht lange nach. „Mir gefällt es sehr gut hier, eine wunderschöne Landschaft, sehr freundliche Menschen… Aber eines würde mich tatsächlich interessieren. Wieso komme ich als Finne ins Sperrgebiet, und Menschen aus der DDR dürfen nicht hier rein?“
Autsch. Ich stand daneben und musste ein Grinsen unterdrücken, als die Bürgermeisterin abwechselnd blass und knallrot wurde und schließlich stammelte: „Nun, das müssen Sie historisch betrachten… Das ist alles historisch bedingt…“ Ah ja.
Er ging gern abends joggen, und war dann immer lange unterwegs. Einmal, als er wiederkam, erzählte er uns, dass er komische Gedanken beim Laufen gehabt habe. Was, wenn ihn Grenzsoldaten aufgegriffen hätten, er mit seinem finnischen Akzent hätte da wohl große Probleme bekommen…
Wir saßen jeden Abend lange Zeit mit ihm zusammen und redeten einfach nur. Mir fiel auf, dass wir ihm viele Dinge gar nicht erklären konnten, weil sie derart hirnrissig waren. Aber man hatte sich an das alles gewöhnt, vor allem, wenn man damit aufgewachsen war, so wie ich.
Trotz allem war es mein Zuhause und das vieler anderer Menschen. Wir liefen nicht geduckt und verängstigt durch die Gegend, sondern wir lebten, lachten und liebten.
