
Schon als kleines Mädchen liebte ich es, andere zu verarzten, egal, ob es sich um meine Familie, Freunde oder den Wellensittich handelte. Das war so richtig „mein Ding“, und es stand beizeiten für mich fest, dass ich irgendwann mal „was Medizinisches“ machen wollte.
Ab dem 14. Geburtstag durfte man in den Ferien jobben und ich nutzte diese Chance, um so oft wie möglich Krankenhausluft zu schnuppern. Ich arbeitete auf verschiedenen Stationen, aber besonders sind mir die Wochenstation und die Notaufnahme in Erinnerung geblieben. Größtenteils war ich mit Eimer und Schrubber unterwegs, aber nebenher konnte ich auch so viele Erfahrungen sammeln. Ich fühlte mich wohl dort und es hat meine Entscheidung, irgendetwas in dieser Richtung zu machen, bekräftigt. Am liebsten hätte ich richtig Medizin studiert, aber da hatte ich keine Chance, jedoch Krankenschwester – das würde man mir nicht verwehren, oder?
Und so saß ich gegen Ende der 9. Klasse vor meinem zuständigen Berufsberater und erklärte ihm mit fester Stimme, dass ich Krankenschwester werden wollte.
Er schaute kurz über mein Zeugnis. „Du hast keine Note in Sport. Das bedeutet, du hast in Sport eine glatte 5 *. Also kannst du keine Krankenschwester werden.“
Es entsprach den Tatsachen, dass ich tatsächlich keine Zensur in Sport hatte. Als Kleinkind hatte ich die meiste Zeit im Krankenhaus verbracht, weil ich immer wieder hohes Fieber mit Krämpfen bekam. Die Ursache wurde nie herausgefunden. Als ich etwa fünf Jahre alt war, war der ganze Spuk plötzlich vorbei, aber die Ärzte warnten davor, dass die Fieberkrämpfe wieder auftreten könnten, sobald ich mich überanstrenge. (Das ist übrigens nie mehr passiert, weder bei Überanstrengung noch bei hohem Fieber). Ich nahm zwar am Sportunterricht teil, hatte aber ein Attest, das mich vom Ausdauersport befreite, und somit stand keine Zensur in meinem Zeugnis.
Nun, kein Problem. Ich machte also im nächsten Schuljahr ohne Einschränkungen beim Sportunterricht mit. Dann ging ich mit meinem Halbjahreszeugnis, auf dem nun eine 2 beim Sport prangte, zu ebenjenem Berufsberater und drückte es ihm mit den Worten „So. Jetzt kann ich Krankenschwester werden“, in die Hand.
Sein Blick war spöttisch. „Bei der letzten Schuluntersuchung vor drei Wochen wurde festgestellt, dass deine linke Schulter einen halben Millimeter tiefer ist als die andere. Also kannst du keine Krankenschwester werden.“
WAS? Das konnte doch nicht wahr sein! Fassungslos starrte ich ihn an und flüsterte: „Aber ich möchte doch Krankenschwester werden!“ Der Spott in seinen Augen wich einer Eiseskälte. „Du kannst dich gern bewerben. Aber ich sage dir, du wirst es nicht.“
Ja, ich habe es mir angetan. Ein paar Tage später saß ich im Speisesaal des Krankenhauses, der mir so vertraut war, um mich gemeinsam mit 19 anderen Mädchen zu bewerben. Beim Einzelgespräch wurde ich gefragt, warum ich gern Krankenschwester werden möchte. So schwärmte ich davon, wie gern ich anderen Menschen helfe und erzählte von meinen Ferienjobs. Ob ich auch im Pflegeheim arbeiten würde, unterbrach man mich. O je. Meine Schwester arbeitete in einem Pflegeheim (in der DDR nannte man das übrigens Feierabendheim) und war nachts oft mit 80 Patienten auf 2 Stationen allein. Ich wusste, dass das verdammt hart war. Doch tapfer erwiderte ich, dass ich selbstverständlich auch dort arbeiten würde.
Zurück in den Speisesaal. Nun hieß es warten. Am Vierertisch mir gegenüber saß ein Mädchen, das mich schüchtern ansprach und nach meinem Notendurchschnitt fragte. „1,7“, erwiderte ich. Bedrückt meinte sie: „Oh. Da hab ich keine Chance. Meiner ist 4,2.“
Ups. So leid es mir für sie tat, aber mir gab es ein bisschen Hoffnung. Vielleicht klappte es ja doch…?
Als alle Einzelgespräche durch waren, wurde sehr schnell die Entscheidung bekannt gegeben. 18 Namen wurden verlesen, sie alle waren angenommen worden. Dann wurde der Name Nr. 19 genannt. „Falls jemand abspringt“, hieß es lapidar.
Nr. 20 wurde nicht genannt.
Interessant war, dass eine Schulfreundin, die eigentlich Zahnarzthelferin werden wollte, ein paar Tage später zum erneuten Gespräch ins Krankenhaus gebeten wurde. „Zwecks Berufsumlenkung“, sagte man ihr. Soweit ich weiß, arbeitet sie heute noch als Krankenschwester.
Jetzt nahm meine Mutter die Angelegenheit in die Hand. Kurz darauf saßen wir wieder vor dem Berufsberater. Meine Mutter war stinksauer und fauchte ihn regelrecht an. „Dann geben Sie dem Mädel wenigstens einen ordentlichen Job im Büro!“, verlangte sie von ihm. So fand ich mich wenige Wochen später vor einer mechanischen Schreibmaschine wieder und erlernte den Beruf eines „Facharbeiters für Schreibtechnik“. Das war die DDR-typische Bezeichnung für eine simple Schreibkraft oder Stenotypistin.
Ganz ehrlich? Ich habe es gehasst. Ich, die immer mit Menschen arbeiten wollte, musste jetzt lernen, Reden aus irgendwelchen SED-Parteitagen zu stenografieren und mit der Maschine abzuschreiben. Ja, das war tatsächlich Unterrichtsstoff. Doch was nützte es? Ich neige dazu, aus jeder Situation irgendwie das Beste zu machen, also biss ich mich auch hier durch. Außerdem hatte es den Vorteil, dass die Texte immer ähnlich waren.
Ich machte 1988 meinen Facharbeiterabschluss mit der Note „Gut“ und begann, in meinem Ausbildungsbetrieb zu arbeiten. 8 Stunden am Tag tippte ich sogenannte Wirtschaftsverträge, so hieß das zumindest, wenn wir irgendwelche Materialien irgendwo anders bestellten. Während meiner Ausbildung hatte ich in verschiedenen Abteilungen gearbeitet, viele hätten mich gern genommen, aber ich wurde ausgerechnet in die Materialwirtschaft gesteckt, da hatte ich kein Mitspracherecht. Ich fühlte mich dort überhaupt nicht wohl, es war eine Baracke, mit tiefen Löchern im Fußboden, mein Büro war winzig, mit Ausblick auf eine Mauer.
Ein Jahr später kam die Wende und jetzt hätte ich mir durchaus meinen Traum noch erfüllen können. Anfang 1990 habe ich allerdings geheiratet und bin umgezogen, hatte auch einen neuen Job, wurde dann schwanger und bekam kurz hintereinander meine beiden Kinder. Wenig später wurde meine Oma zum Pflegefall und ich habe mich um sie gekümmert.
Einen Bürojob habe ich bis heute und Krankenhausserien schaue ich immer noch gern.
* in der DDR gab es nur Noten zwischen 1 und 5
