Oder: Wie ich beim Versuch, Fußball zu spielen, versehentlich in den niederen Adel aufsteige

Der Ausschuss für Restvernunft und körperliche Angelegenheiten tritt außerplanmäßig zusammen. Außerplanmäßige Sitzungen sind in meinem Kopf selten ein gutes Zeichen, denn normalerweise tagt dort nur, was längst hätte verhindert werden müssen. Die Luft im Sitzungssaal riecht nach kaltem Kaffee, verdrängter Verantwortung und jener stillen Panik, die entsteht, wenn ein Teil des Körpers offiziell Beschwerde einlegt.
Den Vorsitz führt die Innere Revision. Sie sitzt am Kopfende des Tisches, vor sich eine schmale Akte, auf der mein Name steht. Rechts von ihr sitzt die Vernunft, blass, überarbeitet und mit dem Gesichtsausdruck einer Abteilung, deren Warnhinweise seit Jahren ignoriert werden. Links sitzt der Sarkasmus, der sich als Verteidiger gemeldet hat, obwohl alle Anwesenden wissen, dass er in dieser Funktion ungefähr so hilfreich ist wie ein Brandschutzbeauftragter mit Wunderkerzen.
Die Ironie führt Protokoll. Sie schreibt langsam, sorgfältig und sichtbar zufrieden, weil sie schon ahnt, dass dieser Vorgang später in Auszügen vorgelesen werden kann. Der Alltag sitzt als geladener Zeuge im hinteren Bereich und wirkt genervt, weil er noch mehrere Termine, ein Kind, einen Haushalt und den üblichen Zusammenbruch der kleinen Dinge im Nacken hat. Niemand begrüßt ihn herzlich. Man kennt sich.
Die Innere Revision räuspert sich. „Wir eröffnen die Sitzung zum Vorgang 4W-17: fortgesetzte Missachtung körperlicher Hinweise trotz mehrfacher Gelegenheit zur Schadensbegrenzung.“
Der Sarkasmus hebt die Hand. „Einspruch gegen die Formulierung. Mein Mandant hat die Hinweise wahrgenommen. Er hat sie lediglich in eine spätere Zeitzone verschoben.“
„Abgelehnt“, sagt die Innere Revision. „Die spätere Zeitzone existiert in diesem Haus seit 1998 und enthält bislang ausschließlich unerledigte Vorgänge.“
Die Vernunft nickt schwach. „Ich habe mehrfach versucht, den Vorgang auf Wiedervorlage zu setzen.“
„Und?“, fragt die Innere Revision.
„Er hat mich stummgeschaltet.“
Der Sarkasmus lehnt sich zurück. „Das nennt man Prioritätensetzung.“
Die Innere Revision schlägt die Akte auf. „Beginnen wir mit dem Ursprung. Laut Unterlagen ereignet sich der Schaden während einer körperlichen Betätigung im erweiterten Umfeld eines Balles.“
„Ich beantrage“, sagt der Sarkasmus, „die Formulierung ‚körperliche Betätigung‘ wegen übertriebener Großzügigkeit zu prüfen.“
„Stattgegeben“, sagt die Innere Revision. „Wir übernehmen die Formulierung aus dem Krankenhausbericht: Patient verletzt sich beim Versuch, Fußball zu spielen.“
Beim Versuch. Da steht es. Amtlich beglaubigt. Fußballspielen wäre offenbar eine zu gewagte Behauptung gewesen. Der Patient nähert sich dem Konzept Ball mit Absicht, Körper und Resthoffnung. Danach übernimmt die Physik.
„Ich möchte festhalten“, sagt der Sarkasmus, „dass mein Mandant diese Formulierung in ihrer ganzen Schönheit anerkennt. Fußballspielen wäre Sport. Der Versuch, Fußball zu spielen, ist eine Diagnose.“
„Eine sportmedizinische Charakterstudie“, ergänzt die Ironie.
Die Innere Revision nickt. „Nach diesem Ereignis erfolgt ein Krankenhausbesuch.“
Der Alltag hebt in der hinteren Reihe die Hand. Er trägt einen Mantel voller Einkaufszettel, Termine, Arbeit, Kind, Haushalt und kleiner unsichtbarer Verpflichtungen. „Mit Tochter“, sagt er.
Bei dem Wort Tochter geht ein leises Murmeln durch den Raum. Alle kennen diese Variable. Liebe, Verantwortung, Geräuschentwicklung, Priorität eins.
„Der Angeklagte wartet zweieinhalb Stunden“, sagt die Innere Revision. „Dann erfolgt die Röntgenaufnahme. Anschließend wartet er weiter. Andere Patienten werden nach ihren Aufnahmen aufgerufen und versorgt. Neue Patienten erscheinen, werden behandelt, verlassen den Vorgang. Der Angeklagte bleibt sitzen.“
„Sitzen beherrscht er“, sagt der Sarkasmus. „Sportlich betrachtet sogar deutlich besser als Fußball.“
„Nach viereinhalb Stunden“, fährt die Innere Revision fort, „entsteht eine Entscheidungslage. Möglichkeit eins: nachfragen. Möglichkeit zwei: weiter warten. Möglichkeit drei: den Aufenthaltsort verlassen.“
Die Vernunft hebt müde die Hand. „Ich erinnere daran, dass ich Möglichkeit eins vorgeschlagen habe.“
„Zu welchem Zeitpunkt?“
„Ungefähr ab dem Moment, als der innere Satz ‚Die haben mich vergessen‘ zum vierten Mal aufleuchtet.“
„Und was geschieht?“
„Der Satz wird betrachtet, bewertet und unter ‚später‘ abgelegt.“
Der Alltag räuspert sich. „Die Tochter quengelt. Die Wartezeit verwandelt sich in ein akustisches Langzeitexperiment. Der Heimweg wirkt plötzlich wie eine medizinische Maßnahme.“
„Also geht er“, sagt die Innere Revision.
„Er geht“, bestätigt der Alltag.
„Mit gebrochenem Finger, angefertigtem Röntgenbild und ohne Ergebnis.“
„Aber mit ruhigerer Tochter“, sagt der Sarkasmus.
„Kurzfristige Erfolge“, sagt die Innere Revision, „sind die Pralinen der schlechten Entscheidung.“
Die Ironie unterstreicht den Satz. Vermutlich für spätere Demütigungszwecke.
Nun folgt der Teil, den der Ausschuss besonders liebt, weil er aus lauter verpassten Gelegenheiten besteht. Am nächsten Tag besteht die Möglichkeit, im Krankenhaus anzurufen. Am zweiten Tag besteht die Möglichkeit, einen Arzt aufzusuchen. Am dritten Tag besteht die Möglichkeit, den Vorgang ernst zu nehmen. Am vierten Tag beginnt das große innere Programm namens „wird schon“.
Bei „wird schon“ zuckt die Vernunft zusammen, als hätte jemand ein Glas auf Fliesen fallen lassen.
Der Finger bleibt also im Dienst. Er öffnet Türen, trägt Taschen, hält Gläser, wird irgendwo angestoßen, meldet Schmerz und wird vom inneren Empfang freundlich an die Abteilung Später verwiesen. Eingangsstempel drauf. Aktenzeichen Aua. Bearbeitungsfrist unklar.
An dieser Stelle öffnet sich die Tür des Sitzungssaals. Der kleine Finger tritt ein. Also, sinnbildlich. Echte Finger betreten selten Räume, was einer der wenigen Vorteile der Anatomie ist. Trotzdem wirkt sein Auftritt hoheitlich. Er steht abgespreizt, leicht beleidigt, in einer Haltung zwischen medizinischem Befund und englischem Teeempfang.
Die Ironie notiert: Zeuge erscheint mit deutlicher Standeserhöhung.
„Man muss zugeben“, sagt der Sarkasmus, „er hat Haltung.“
„Er hat Fehlstellung“, sagt die Vernunft.
„In besseren Kreisen ist das oft dasselbe.“
Die Innere Revision wendet sich an den Finger. „Sie geben an, seit mehreren Wochen geschädigt zu sein?“
Der Finger schweigt würdevoll.
„Das Protokoll vermerkt Zustimmung durch arrogantes Abstehen“, sagt die Ironie.
Die Innere Revision kommt zur Schlussfrage. „Weshalb erfolgt nach anhaltender Fehlstellung keine umgehende weitere Behandlung?“
Der Alltag hebt beide Hände. „Zeit.“
„Prioritätensetzung“, sagt der Sarkasmus.
„Verschleppung“, sagt die Vernunft.
„Adelsbildung“, sagt die Ironie.
Alle schauen zum kleinen Finger. Er steht ab. Er ist längst über die Sache hinaus. Wo andere heilen, entwickelt er Stil. Wo andere gerade werden, wächst gesellschaftliche Distanz. Sein Beitrag zur Handarbeit bleibt überschaubar, aber seine ästhetische Präsenz steigt täglich.
Die Innere Revision fasst zusammen: „Der Angeklagte erkennt einen Schaden, verlässt den Versorgungsvorgang aus nachvollziehbaren familiären Gründen, versäumt mehrere Möglichkeiten zur Nachverfolgung, verliert zwei Wochen an den Kalender, erhält eine Schiene und führt den Finger anschließend weiter im Zustand vornehmer Abweichung.“
„Das klingt hart“, sagt der Sarkasmus.
„Das klingt exakt“, sagt die Innere Revision.
Ich beantrage mildernde Umstände wegen Vatersein, Alltag und allgemeiner Überforderung durch Existenz.
„Gewährt“, sagt die Innere Revision. „Das Strafmaß bleibt lächerlich.“
Sie schließt die Akte. „Der Angeklagte wird verurteilt, bis auf Weiteres jede Mahlzeit und jedes Getränk mit königlicher Handhaltung einzunehmen. Außerdem erhält er den inoffiziellen Titel Viktor Dorn, Baron von Fehlstellung, Graf des kleinen Abstands, Ritter der verschobenen Vernunft.“
Der Sarkasmus erhebt sich feierlich. „Wir akzeptieren das Urteil.“
Die Vernunft schließt die Augen.
Der Alltag schaut auf die Uhr.
Der kleine Finger schweigt. Er steht ab. Königlich. Nutzlos. Unübersehbar. Ein Mahnmal aus Knochen, Alltag und der großartigen menschlichen Fähigkeit, sogar den eigenen Körper auf Wiedervorlage zu legen.
Ich erhebe mein Glas. Der kleine Finger geht sofort in Position. Er kann gar nicht anders. Er ist jetzt so.
Adel verpflichtet.
