Der Krieg am Fenster
Es beginnt mit einem Geräusch, wie alle kleinen Katastrophen beginnen: harmlos, lächerlich, fast zärtlich im Ton, und doch sofort geeignet, im Inneren des Menschen jene uralte Unruhe zu wecken, die irgendwo zwischen Höhlenmalerei und Steuererklärung entstanden sein muss. Ein dünnes, sirrendes Bzz streicht durch den Raum. Erst einmal. Dann wieder. Dann näher. Direkt am Ohr. Dieses Geräusch, das keine Lautstärke braucht, weil es nicht den Raum füllt, sondern den Schädel.
Ich sitze am Tisch, vollkommen friedlich, also in jenem seltenen Zustand, in dem der Mensch kurz glaubt, er habe seine Umgebung im Griff. Kaffee steht neben mir, das Fenster ist offen, der Tag tut so, als sei er brauchbar. Dann erscheint sie. Eine Fliege. Schwarz, klein, entschlossen, mit der körperlichen Ausstrahlung eines Satzzeichens, das sich aus der Grammatik gelöst hat und nun eigene Ziele verfolgt.
Sie fliegt zum Fenster. Das Fenster ist offen. Draußen liegt die Welt. Luft, Licht, Bäume, Mülltonnen, Freiheit, all die großen Angebote des Universums. Die Fliege setzt sich an die Scheibe, drei Zentimeter neben der Öffnung, und beginnt, mit jener heiligen Ausdauer gegen das Glas zu stoßen, die man sonst nur bei Menschen findet, die „Ich habe das Internet recherchiert“ sagen.
Ich bleibe ruhig. Man ist ja zivilisiert, bis die Natur einem nahelegt, dieses Konzept noch einmal kritisch zu prüfen. Ich stehe auf, gehe langsam zum Fenster und mache eine freundliche Handbewegung. Eine großzügige Geste. Eine Einladung. Fast diplomatisch. Die Fliege hebt ab, fliegt einen kleinen Kreis und landet wieder an derselben Stelle. Drei Zentimeter neben der Öffnung. Genau dort. Als hätte sie diesen Ort gewählt, um mir zu zeigen, dass Verstand eine überschätzte Einrichtung ist, besonders bei Lebewesen mit Flügeln.
Ich spreche mit ihr. Natürlich spreche ich mit ihr. „Da raus“, sage ich und zeige auf den offenen Teil des Fensters. Man muss sich diesen Moment wirklich gönnen: Ein erwachsener Mann erklärt einem Insekt die Architektur eines Zimmers. Die Fliege reibt sich die Vorderbeine. Diese Geste wirkt bei Fliegen immer, als hätten sie gerade etwas gewonnen. Geld, Territorium, Nerven. In diesem Fall offenbar alles.
Ich hole ein Glas. Damit beginnt die Phase, in der aus einem Menschen ein Problemlöser wird, also eine Kreatur, die mit Haushaltsgegenständen falsche Hoffnung erzeugt. Ich nähere mich langsam. Sehr langsam. So langsam, dass selbst die Möbel vermutlich kurz denken, jetzt geschieht hier etwas mit Würde. Die Fliege bleibt sitzen. Ich hebe das Glas. Noch fünf Zentimeter. Noch drei. Noch einer. In meinem Kopf läuft bereits eine kleine Siegesmusik, vermutlich gespielt von einem Orchester, das später wegen Realitätsferne entlassen wird.
Sie verschwindet.
Ein schwarzer Punkt löst sich aus der Welt und erscheint an der Lampe. Über mir. Strategisch perfekt. Ich stehe mit ausgestrecktem Arm da, das Glas in der Hand, leicht vorgebeugt, in einer Pose, die in der Evolution vermutlich für „kurz vor dem Rückfall in Fell und Keule“ steht. Die Fliege sitzt auf der Lampe und putzt sich. Ich atme durch die Nase. Das ist keine Ruhe. Das ist die Geräuschkulisse eines inneren Abrisses.
Dann fliegt sie los. Direkt an meinem Gesicht vorbei. So nah, dass ich den Luftzug spüre. Der Körper reagiert, bevor der Verstand eine Pressemitteilung formulieren kann. Ich zucke zurück, stoße gegen den Stuhl, der Stuhl gegen den Tisch, der Tisch gegen meine Tasse, die Tasse gegen mein Vertrauen in stabile Innenräume. Kaffee schwappt. Die Fliege kreist über allem wie eine winzige Kriegserklärung mit Flügeln.
Jetzt kommt die Zeitung ins Spiel. Eine alte Zeitung, für deren Inhalt sie vermutlich seit Jahren auf diesen Moment gewartet hat: endlich praktische Relevanz. Ich rolle sie zusammen. Das Geräusch hat etwas Endgültiges. Die Fliege landet auf der Wand. Ich hebe die Zeitung. Langsam. Konzentriert. Ich bin jetzt kein Mann mehr in einem Zimmer. Ich bin ein Jäger. Ein Verteidiger der Wohnordnung. Ein unfassbar großer Organismus mit unfassbar schlechter Trefferquote.
Der erste Schlag trifft die Wand. Die Fliege ist fort. Zurück bleibt ein dumpfes Geräusch, ein kleiner Abdruck und das unangenehme Gefühl, dass die Wand auf meiner Seite steht, aber wenig beitragen kann. Die Fliege sitzt jetzt auf dem Bücherregal. Auf einem Buchrücken. Ausgerechnet dort. Zwischen Literatur und Staub. Das hat Stil. Gemeinen Stil, aber Stil. Sie sitzt auf einem Buch, das vermutlich von Menschlichkeit handelt. Ich erkenne darin eine gewisse Provokation.
Ich nehme wieder das Glas. Glas ist humaner. Glas ist kontrollierter. Glas ist der letzte dünne Faden zwischen mir und dem vollständigen Übergang zur primitiven Problembewältigung. Ich gehe zum Regal. Die Fliege bleibt sitzen. Diesmal mache ich alles richtig. Langsam von vorne, Papier in der linken Hand, Glas in der rechten. Der Atem flach. Die Augen fokussiert. Ich bin bereit.
Sie fliegt auf meine Stirn.
Es gibt Momente, in denen der Mensch begreift, dass seine Würde kein Fundament besitzt, sondern eher ein dünner Teppich ist, der bei Bedarf schnell weggezogen werden kann. Die Fliege sitzt auf meiner Stirn. Ich spüre ihre winzigen Beine. Sechs kleine Behauptungen gegen meine Selbstachtung. Ich erstarre. Dann schlage ich zu.
Mit der flachen Hand.
Auf die eigene Stirn.
Der Schlag ist erfolgreich. Für meine Stirn. Die Fliege ist längst weg. Ich stehe da, das Glas in der einen Hand, Papier in der anderen, mit einer geröteten Stirn und dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade von einem Insekt in eine pädagogische Maßnahme verwickelt wird.
Bzz.
Hinter mir.
Jetzt hat der Kampf seine letzte, schmutzige Stufe erreicht. Fenster weit auf. Vorhang zur Seite. Tisch freigeräumt. Zeitung bereit. Glas bereit. Der Raum wird zur Arena. Die Fliege fliegt vom Regal zur Lampe, von der Lampe zur Wand, von der Wand zur Scheibe, von der Scheibe zurück ins Zimmer, immer knapp an der Freiheit vorbei, als sei Freiheit etwas, das man aus Prinzip verschmäht, wenn man stattdessen einem Menschen beim Zerfall zusehen kann.
Ich jage sie mit Bewegungen, die jedes Tierreich irritieren würden. Arme hoch, Kopf runter, ein Schritt nach links, halbe Drehung, Zeitungsschlag, Glasversuch, Fluch, erneuter Schlag. Einmal treffe ich den Vorhang. Einmal fast die Lampe. Einmal mich selbst am Ellbogen, was physikalisch beeindruckend ist und seelisch wenig beiträgt. Die Fliege bleibt lebendig, mobil und offenbar zufrieden.
Dann kommt der große Moment.
Sie fliegt wieder zum Fenster. Diesmal zum offenen Teil. Tatsächlich. Für einen kurzen Augenblick sieht es aus, als hätte das Universum beschlossen, die Komödie zu beenden.
Sie landet auf dem Rahmen.

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