Wien wird zum Startpunkt für ein Massensterben mit Ansage
Teilen mit:
- Auf Bluesky teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Bluesky
- Auf Facebook teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Facebook
- Auf LinkedIn teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) LinkedIn
- Auf Mastodon teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Mastodon
- Auf Telegram teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Telegram
- Auf WhatsApp teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) WhatsApp
- Einen Link per E-Mail an einen Freund senden (Wird in neuem Fenster geöffnet) E-Mail
- Drucken (Wird in neuem Fenster geöffnet) Drucken
Brieftauben-Wettflug ab Wien: Eine „Tradition“, die niemand mehr braucht
Am 25. Juli 2026 sollen mehrere tausend Brieftauben in Wien in die Luft geworfen werden. Ihr Ziel: 500 Kilometer entfernte Schläge in Bayern. Organisiert wird der Massenstart vom deutschen Brieftaubenverband Kreis Mainfranken-Rhön. Tierschutzorganisationen wie der Verein gegen Tierfabriken (VGT) rechnen damit, dass 50 bis 75 Prozent der Tiere dieses Rennen nicht überleben oder ihr Zuhause nie wiederfinden. Es ist ein Ritual, das sich Sport nennt – und das vor allem eines produziert: totes und verlorenes Leben.
Ein Rennen mit einkalkulierten Verlusten
Die Zahlen, mit denen Tierschützer:innen argumentieren, stammen nicht aus dem Bauchgefühl. Eine tierärztliche Untersuchung von Warzecha, Kahlcke und Kahlcke aus dem Jahr 2009, die Verluste bei Brieftauben-Wettflügen zwischen 2004 und 2008 auswertete, kommt im Schnitt auf eine Verlustquote von 53 Prozent. Je nach Flug, Wetterlage und Streckenführung kann dieser Wert auf 75 bis 90 Prozent steigen, wie Recherchen des Tagesanzeigers und von PETA zeigen. Beim südafrikanischen Millionen-Dollar-Rennen, einem der bekanntesten Wettflüge der Welt, kamen 2020 rund 78 Prozent der eingesetzten Tiere nicht zurück.
Die Ursachen sind vielfältig: Greifvögel, Erschöpfung, Flüssigkeitsmangel, Stürme und Unwetter, aber auch Orientierungsprobleme durch Mobilfunknetze und Radaranlagen, die den natürlichen Orientierungssinn der Tiere stören. Wer nicht abstürzt oder verhungert, landet oft orientierungslos in einer fremden Stadt – weit weg vom eigenen Schlag, ohne zu wissen, woher die nächste Mahlzeit kommt.
Was die Trennung für die Tiere bedeutet
Tauben gelten als ausgesprochen soziale und standorttreue Tiere. Sie leben in der Regel monogam, ziehen ihren Nachwuchs gemeinsam groß und kümmern sich oft noch um die Jungtiere, wenn diese das Nest längst verlassen haben. Genau diese Bindung wird im Brieftaubensport gezielt als Antrieb genutzt: Bei der sogenannten Witwer- oder Nestmethode werden Partnertiere oder Elternvögel kurz vor dem Wettflug von ihrer Familie getrennt, um die „Sehnsucht“ nach der Rückkehr möglichst groß zu halten. Der Transport zum Startort erfolgt oft über viele Stunden in schlecht belüfteten Lastwagen, mit wenig Wasser und Nahrung. Wer es zurück in den Schlag schafft, wird nach kurzer Wiedervereinigung meist schon für den nächsten Flug wieder von seinem Partnertier getrennt. Für die Tiere, die diesen Zyklus überleben, ist Stress kein Ausnahmezustand, sondern Alltag während der gesamten Wettflugsaison.
Auch für Tiere, die als „zu langsam“ oder nicht mehr verwertbar gelten, endet die Karriere häufig gewaltsam: Berichte von Tierschutzorganisationen dokumentieren, dass aussortierte Tauben teils ohne Betäubung getötet werden – ein klarer Verstoß gegen geltendes Tierschutzrecht.
Ein Widerspruch, den die Behörden bislang ignorieren
Besonders scharf kritisiert der VGT einen rechtlichen Widerspruch: Das österreichische Tierschutzgesetz verbietet in § 5 Abs. 2 Z 8 ausdrücklich das Aussetzen von Haus- und Heimtieren. Wer ein Haustier nicht mehr halten will oder kann, muss es abgeben – es einfach freizulassen, ist strafbar. Genau das passiert beim Brieftauben-Wettflug faktisch aber im großen Stil: Tausende Zuchttiere werden an einem fremden Ort ausgesetzt, ohne Garantie, dass sie je zurückfinden.
Gleichzeitig würden Menschen, die verirrte oder zurückgelassene Stadttauben füttern, in manchen Städten mit Anzeigen und Verwaltungsstrafen überzogen – etwa in Salzburg, wo sich der VGT aktuell für eine wegen Taubenfütterung verfolgte Tierschützerin einsetzt. „Es ist mir unbegreiflich, warum der Umgang mit Tauben durch die Behörden derart widersprüchlich ist“, wird VGT-Obmann Martin Balluch in der Presseaussendung des Vereins zitiert. Man toleriere, dass Hobbyzüchter:innen ihre Tiere durch Aussetzen quälen und dadurch die Stadttaubenpopulation vermehren – während das Füttern eben dieser hilflos gewordenen Tiere zum „Kapitalverbrechen“ erklärt werde.
Warum „Tradition“ kein Freibrief für Tierleid ist
Der Brieftaubensport ist bei weitem nicht das einzige Beispiel, bei dem Tierleid mit dem Verweis auf Brauchtum gerechtfertigt wird. Ob Hahneköppen im Rheinland, der Memminger Fischertag in Bayern oder der Stierlauf von Pamplona – überall dient das Argument „das war schon immer so“ dazu, Praktiken zu verteidigen, die einem Tier erhebliches Leid oder gar den Tod zufügen.
Juristisch trägt dieses Argument allerdings nicht besonders weit. Das deutsche Tierschutzgesetz verlangt für die Tötung eines Wirbeltieres einen „vernünftigen Grund“ (§ 17 Nr. 1 TierSchG). Nach überwiegender Rechtsauffassung – etwa dargestellt im Tierrechtsblog von PETA Deutschland – ist ein Grund nur dann vernünftig, wenn er einem schutzwürdigen Interesse dient und dabei schwerer wiegt als das Interesse des Tieres an seiner Unversehrtheit. Die bloße Fortführung eines Brauchs zur Unterhaltung von Menschen erfüllt dieses Kriterium nach dieser Lesart nicht. Selbst die grundrechtlich geschützte Kunstfreiheit rechtfertigt keine Tierschäden zu Show- oder Unterhaltungszwecken – Brauchtumspflege genießt rechtlich einen noch schwächeren Schutzstatus.
Dahinter steckt ein einfacher Gedanke: Eine Handlung wird nicht dadurch weniger schädlich, dass sie schon lange praktiziert wird. Traditionen sind von Menschen gemacht und damit auch von Menschen veränderbar – Geschichte kennt genug Beispiele, in denen Bräuche angepasst wurden, sobald ihr Schaden unübersehbar wurde. Beim erwähnten Gänsereiten etwa wurden lebende Tiere längst durch Attrappen ersetzt, ohne dass die Feierlichkeit darunter gelitten hätte. Wo eine Tradition unnötiges Leid für fühlende Lebewesen voraussetzt, verliert das Argument „das gehört dazu“ an moralischem Gewicht – es beschreibt dann nur noch Gewohnheit, keine Rechtfertigung.
Was auf dem Spiel steht
Für den 25. Juli bedeutet das: Sollte der Wettflug wie angekündigt stattfinden, werden nach Einschätzung von Tierschutzorganisationen mehrere tausend Tiere in Wien ausgesetzt – mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 bis 75 Prozent, dass sie sterben oder nie wieder nach Hause finden. Der VGT fordert ein grundsätzliches Ende solcher Veranstaltungen sowie ein Verbot des Aussetzens gezüchteter Tiere zu Freizeit- oder Sportzwecken – unabhängig davon, ob es sich um Brieftauben oder etwa ausgesetzte Fasane bei der Jagd handelt.
Eine Stellungnahme des Brieftaubenverbandes oder der zuständigen Behörden lag zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht vor. Bis eine gesellschaftliche oder gesetzliche Antwort gefunden ist, bleibt die Frage im Raum stehen, die sich eigentlich von selbst beantwortet: Wie viel Leid darf eine Tradition kosten, bevor sie ihre Berechtigung verliert?
—————————————————————————————————————————
English version:
Pigeon Racing from Vienna: A “Tradition” Nobody Needs Anymore
On July 25, 2026, several thousand racing pigeons are scheduled to be released into the skies above Vienna. Their destination: lofts in Bavaria, some 500 kilometers away. The mass release is being organized by the German Racing Pigeon Association, Mainfranken-Rhön district. Animal welfare organizations such as the Association Against Animal Factories (VGT) estimate that between 50 and 75 percent of the birds will either perish during the race or never find their way home. It is a ritual that calls itself a sport—but one whose primary outcome is death and loss.
A Race with Losses Built In
The figures cited by animal welfare advocates are not based on speculation. A veterinary study by Warzecha, Kahlcke, and Kahlcke (2009), which analyzed losses in racing pigeon competitions between 2004 and 2008, found an average loss rate of 53 percent. Depending on the route, weather conditions, and race circumstances, this figure can rise to between 75 and 90 percent, according to investigations by the Swiss newspaper Tages-Anzeiger and PETA. At the South African Million Dollar Pigeon Race—one of the world’s most prestigious pigeon races—approximately 78 percent of the birds entered in 2020 never returned.
The reasons are numerous: birds of prey, exhaustion, dehydration, storms and severe weather, as well as navigational disruption caused by mobile phone networks and radar installations that interfere with the birds‘ natural orientation abilities. Those that do not crash or starve often end up disoriented in unfamiliar towns, hundreds of kilometers from home, with no idea where their next meal will come from.
What Separation Means for the Birds
Pigeons are highly social, strongly site-faithful animals. They generally form lifelong monogamous pairs, raise their offspring together, and often continue caring for their young long after they have left the nest. Racing pigeon competitions deliberately exploit these bonds as a motivational tool. Under the so-called widowhood or nest system, mates or parent birds are separated from their families shortly before a race to intensify their longing to return home as quickly as possible.
Transport to the release site frequently involves many hours inside poorly ventilated trucks, with limited access to food and water. Birds that manage to return to their lofts are usually reunited with their partners only briefly before being separated again in preparation for the next race. For those that survive this cycle, stress is not an exception—it is the normal condition throughout the racing season.
Even birds considered „too slow“ or no longer commercially valuable often face a violent end. Reports by animal welfare organizations document cases in which discarded pigeons have allegedly been killed without prior stunning, a practice that would constitute a clear violation of existing animal welfare legislation.
A Contradiction Authorities Have Yet to Address
The VGT has been particularly critical of what it sees as a legal contradiction. Austria’s Animal Welfare Act explicitly prohibits the abandonment of domestic and companion animals under Section 5 (2) No. 8. Anyone unwilling or unable to keep a pet must surrender it to an appropriate facility—simply releasing it is a punishable offense.
Yet this is, in effect, exactly what happens during racing pigeon competitions on a massive scale. Thousands of selectively bred birds are released in unfamiliar locations without any guarantee that they will ever return.
At the same time, people who feed lost or abandoned urban pigeons are, in some Austrian cities, fined or prosecuted. In Salzburg, for example, the VGT is currently supporting an animal welfare activist facing legal action for feeding pigeons.
„It is incomprehensible to me why the authorities apply such contradictory standards when dealing with pigeons,“ VGT chairman Martin Balluch is quoted as saying in the organization’s press release. According to Balluch, authorities tolerate hobby breeders subjecting their birds to suffering by releasing them and thereby contributing to urban pigeon populations, while feeding those same vulnerable birds is treated as though it were a serious offense.
Why „Tradition“ Is Not a Justification for Animal Suffering
Racing pigeons are far from the only example in which animal suffering is defended on the grounds of tradition. Whether it is goose decapitation festivals in the Rhineland, the Fishermen’s Day festival in Memmingen, or the Running of the Bulls in Pamplona, the argument is always essentially the same: this is how it has always been done.
Legally, however, that argument has limited force. German animal welfare law requires a „reasonable cause“ for killing any vertebrate animal (Section 17 No. 1 of the German Animal Welfare Act). According to the prevailing legal interpretation—including analyses published by PETA Germany—a cause is considered reasonable only if it serves a legitimate interest that outweighs the animal’s interest in remaining unharmed.
The mere continuation of a traditional custom for human entertainment does not satisfy that standard under this interpretation. Even artistic freedom, which enjoys constitutional protection, does not justify harming animals for entertainment purposes. Traditional customs receive even weaker legal protection.
The underlying principle is straightforward: an action does not become less harmful simply because it has been practiced for a long time. Traditions are created by people—and can therefore be changed by people. History offers countless examples of customs being abandoned or modified once their harmful consequences became impossible to ignore. In the case of the traditional goose-riding festival, for example, live animals have long since been replaced with artificial substitutes without diminishing the celebration itself.
Where a tradition depends on causing unnecessary suffering to sentient beings, the claim that „it’s part of the tradition“ loses its moral weight. At that point, it describes nothing more than habit—not justification.
What Is at Stake
If the race proceeds as announced on July 25, animal welfare organizations estimate that several thousand birds will be released in Vienna, with a 50 to 75 percent likelihood that they will either die or never find their way home again.
The VGT is calling for a complete end to such events and for a legal ban on releasing bred animals for recreational or sporting purposes—whether racing pigeons or, for example, captive-bred pheasants released for hunting.
At the time of publication, neither the racing pigeon association nor the responsible authorities had issued a public statement.
Until society—or lawmakers—provide an answer, one question remains, and perhaps answers itself:
How much suffering can a tradition inflict before it loses any claim to legitimacy?
Quellen:
- VGT: Deutsche Brieftaubenverbände wollen tausende Tiere in Wien aussetzen (OTS, 9.7.2026)
- VIENNA.AT: Brieftauben-Flug ab Wien sorgt für Kritik von Tierschützern (9.7.2026)
- PETA Deutschland: Brieftauben – ausgenutzt, gequält, getötet
- PETA Deutschland: Taubenwettflug in Südafrika – 78 % der Tauben kommen nicht zurück
- PETA Tierrechtsblog: Traurige Traditionen
- Warzecha, M., Kahlcke, K. und Kahlcke, M. (2009): „Beitrag zur Ermittlung von Kennzahlen zu Verlusten bei Wettflügen von Brieftauben (Untersuchungszeitraum 2004–2008)“
- Gamp, Roland: „Wettflug in den Tod“, Tages-Anzeiger, 3.9.2017
Admin A
Seit 2011 im Social Media-Bereich unterwegs. Seine bekanntesten Seiten: Admin A, AFP Deutschland, Keine Mutation zur Hasskultur oder die Trump Show. Darüber hinaus hat er an unzähligen Seiten mitgewirkt. Seine Themen: Demokratie, Antifaschismus, Aktuelles, aber auch Humor/Satire. Er ist bekannt für seine Eskalationen. Manchmal braucht es eben klare Worte, damit man auch von jedem verstanden wird.
«Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen» Primo Levi (1919-1987)


