Das Bundesamt für Realitätsvermeidung und die Große Empörungsknappheit von 2058
Es gehört zu den größten Missverständnissen der Menschheitsgeschichte, dass die Menschen jemals
besonders an der Wahrheit interessiert gewesen wären. Tatsächlich interessierten sie sich vor allem
für Wahrheiten, die bereits ihre Meinung bestätigten. Alles andere wurde als sogenannte „interessante
Perspektive“ behandelt, was im gesellschaftlichen Sprachgebrauch ungefähr bedeutete:
„Bitte verschwinde und belästige mich nicht mit Fakten.“
Daher war die Gründung des Bundesamtes für Realitätsvermeidung im Jahre 2053 eigentlich nur konsequent.
Der Staat hatte endlich akzeptiert, dass die Wirklichkeit ein äußerst unbeliebtes Produkt war. Man musste
sie besser vermarkten. Oder, noch besser: Man ließ sie einfach weg.
Das Bundesamt residierte in einem riesigen Verwaltungsgebäude aus Sichtbeton, dessen Fenster absichtlich
nach innen zeigten, damit niemand versehentlich mit der Außenwelt konfrontiert wurde. Über dem Eingang
stand das offizielle Motto: Die Realität ist auch nur eine Meinung mit schlechter Öffentlichkeitsarbeit.
Die Behörde erfüllte eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Sie verwandelte komplizierte Zusammenhänge
in einfache Schuldzuweisungen. Klimawandel? Zu viele Windräder. Artensterben? Die Insekten wollten ohnehin
mehr Work-Life-Balance. Steigende Meeresspiegel? Die Küsten seien einfach zu niedrig gebaut worden.
Es war eine goldene Zeit für Menschen, die Antworten bevorzugten, bevor Fragen überhaupt gestellt worden waren.
Parallel dazu boomte die Wirtschaft. Genauer gesagt: Der Teil der Wirtschaft, der vollkommen nutzlose Dinge verkaufte.
Das Bruttoinlandsprodukt wurde mittlerweile zu dreißig Prozent durch Produkte erwirtschaftet, deren eigentlicher Zweck
selbst den Herstellern unklar war. Dazu gehörten: Intelligente Zahnbürsten mit Persönlichkeitsanalyse. Achtsamkeitsseminare
für Zimmerpflanzen. Premium-Abonnements für Kühlschränke. Und die revolutionäre App „Empörify Plus“, die ihren Nutzern
automatisch neue Aufregungen vorschlug, falls das reale Leben vorübergehend zu friedlich erschien.
Die Menschheit war zufrieden. Oder zumindest auf jene moderne Art zufrieden, bei der man sich täglich über alles
beschwert und gleichzeitig panische Angst davor hat, etwas zu verändern. Dann geschah das Unfassbare.
Die Große Empörungsknappheit.
Es begann an einem gewöhnlichen Montagmorgen. Dem letzten wirklich bedeutenden Montag der Zivilisation. Um
exakt 6:48 Uhr stellte der Zentrale Algorithmus für Gesellschaftliche Dauererregung seinen Dienst ein. Bis
heute weiß niemand warum. Einige Historiker vermuten einen Softwarefehler. Andere sprechen von kosmischer Gnade.
Die esoterische Bewegung der Energetischen Parkplatzheiler behauptete später, Merkur sei rückwärts durch einen
LAN-Router gelaufen. Wie dem auch sei: Plötzlich gab es keine neuen Aufregungen mehr. Keine empörenden Schlagzeilen.
Keine kulturellen Weltuntergänge. Keine existenziellen Krisen wegen Hafermilch, Wärmepumpen oder genderneutralen
Gartenzwergen. Die Menschen waren auf sich selbst zurückgeworfen. Und das erwies sich als katastrophal.
Millionen Bürger standen morgens ratlos in ihren Küchen. Sie aktualisierten ihre Nachrichtenportale. Nichts. Sie
öffneten soziale Netzwerke. Nichts. Sie blickten ihre Partner an. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Manche erschraken.
Andere stellten überrascht fest, dass sie seit zwölf Jahren mit einem durchaus interessanten Menschen zusammenlebten.
In Berlin bildeten sich spontane Gesprächskreise. In München halfen Nachbarn einander freiwillig beim Tragen von Einkäufen.
In Hamburg entstand versehentlich eine funktionierende Bürgerinitiative, die ein tatsächliches Problem löste, anstatt drei
Jahre über die Gestaltung ihres Logos zu diskutieren. Die Wirtschaft reagierte sofort. Die Aktienmärkte kollabierten. Der
Konsum brach ein.
Denn erstaunlicherweise kaufen Menschen deutlich weniger Dinge, wenn sie nicht permanent das Gefühl haben, unzureichend,
bedroht oder gesellschaftlich abgehängt zu sein. Mehrere Großkonzerne meldeten Insolvenz an. Besonders hart traf es die Firma
Rage & Sons, den weltweit führenden Hersteller personalisierter Empörungslösungen. Ihr Bestseller, das Abonnementmodell
„Empörung Premium Gold“, hatte jedem Kunden garantiert mindestens drei moralische Zusammenbrüche pro Woche geliefert. Nun
war der Markt zusammengebrochen. Die Lage eskalierte weiter.
Das Bundesamt für Realitätsvermeidung trat zu einer Krisensitzung zusammen. Der Präsident der Behörde, Geheimrat Horst-Ulrich
von Ausblendingen, eröffnete die Versammlung mit ernster Miene: „Meine Damen und Herren, die Bevölkerung beginnt nachzudenken.“
Betretenes Schweigen. Eine Mitarbeiterin fing an zu weinen. Ein Praktikant musste medizinisch versorgt werden. „Wie schlimm ist es?“,
fragte jemand. „Sehr schlimm“, antwortete der Geheimrat. „Erste Bürger stellen Zusammenhänge zwischen ihrem Konsumverhalten und
globalen Entwicklungen her.“ Mehrere Anwesende verloren das Bewusstsein.
Die Nachrichten wurden immer dramatischer. Menschen begannen, ihre Großeltern nach deren Leben zu fragen. Junge Erwachsene
entdeckten, dass Lebensmittel nicht in Plastikschalen auf Feldern wachsen. Kinder stellten fest, dass Müll nicht verschwindet,
sobald er im Container liegt, sondern tatsächlich irgendwohin gebracht werden muss. Die Zivilisation stand vor dem Abgrund.
Nachdenken breitete sich epidemisch aus. Innerhalb weniger Tage entstand eine regelrechte Bewegung. Sie nannte sich:
Die Gesellschaft zur Anerkennung Offensichtlicher Tatsachen. Ihre Grundprinzipien galten als radikal. Zum Beispiel: Dass
Wohlstand häufig das Ergebnis historischer Zufälle, gesellschaftlicher Zusammenarbeit und globaler Arbeitsteilung sei.
Oder dass Menschen, die unsere Häuser bauen, unsere Alten pflegen und unsere Lebensmittel produzieren, vielleicht ein
Mindestmaß an Respekt verdient hätten. Die Öffentlichkeit reagierte schockiert. Viele Bürger bezeichneten diese Ansichten
als extrem. Andere hielten sie für gefährlich vernünftig. Das Bundesamt geriet unter Druck.
Schließlich beschloss die Regierung eine letzte, verzweifelte Maßnahme: Die Nationale Woche der Künstlichen Aufregung.
Jeder Haushalt erhielt kostenlos: Einen Thermomix-Prospekt. Eine Broschüre über Parkraumkonzepte. Einen Fragebogen zur
moralischen Bewertung von Lastenrädern. Und einen Gutschein für einen Online-Streit mit Fremden. Doch es war zu spät.
Die Menschen hatten etwas entdeckt, das wesentlich gefährlicher war als jede politische Ideologie. Sie hatten erkannt,
dass ihre Nachbarn oft dieselben Sorgen, Hoffnungen und Ängste teilten. Für einen kurzen, wundervollen Moment schien es
möglich, dass die Menschheit tatsächlich vernünftig werden könnte.
Glücklicherweise ging diese Phase vorüber.
Bereits am darauffolgenden Wochenende begann eine erbitterte Debatte darüber, ob gemeinschaftlich organisierte Straßenfeste
einen unzulässigen Eingriff in die individuelle Grillfreiheit darstellten. Die alte Ordnung kehrte zurück. Die Menschen
atmeten erleichtert auf. Und das Bundesamt für Realitätsvermeidung konnte seine Arbeit fortsetzen. Wenn auch nur noch für
wenige Jahre.
Denn irgendwo am Horizont wartete bereits die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte: Die Einführung des Sozialen
Bonitätssystems für Gartenzwerge.
Und wie es das Schicksal wollte, begann auch diese Geschichte an einem Montag.


