
1933 bis 1945
Die Nachkriegsgeneration stellte sich immer wieder die Frage: „Wie konnte das geschehen?“. Wie wurde, an ganz normalen Menschen Denunzianten, Mörder und Massenmörder?
Die Wissenschaft versucht immer wieder Antworten auf die Fragen zu finden, aber wie erklärt sich die Nachkriegsgeneration die Zeit, in denen Menschen zu Unmenschen wurden?
1918, der Erste Weltkrieg war beendet, die Monarchie existierte nicht mehr, Preußen hatte den Krieg verloren. Die überlebenden Soldaten waren traumatisiert und zogen, in kleinen und großen Gruppen, aus den ehemaligen Kampfgebieten, durch Preußen. Unter ihnen waren preußische Nationalisten und Kommunisten.
Während die Nationalisten sich Gedanken darüber machten, wie sie das alte Preußen zurück erkämpfen konnten und auf ihren Wegen Waffendepots anlegten, hatten die Kommunisten unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft Preußens, die ebenfalls nichts mit Demokratie oder Monarchie zu tun hatte.
Die Grundsteine einer Demokratie waren bereits in Preußen gelegt worden, jedoch schloss diese, nichtadlige Personen, weitgehendst aus. Der Versailler Vertrag machten den preußischen Nationalisten klar, dass es kein Zurück zur Monarchie geben würde und Deutschland die Kosten, durch Reparationen, zu tragen habe und die waren enorm. Preußen hatte schon vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs, die Wirtschaft auf Kriegsproduktion umgestellt und selbst verbraucht, die Staatskasse war leer. Weiterhin hatte Preußen große Kriegsanleihen getätigt und war nun nicht mehr in der Lage, diese zurückzuzahlen.
Reparationszahlungen und eine leere Staatskasse, sowie der verlorene Krieg führten zu Wut bei den Menschen. Die Demokratie steckte noch in ihren Anfangsschuhen und bot den Menschen keinen Halt und keine Perspektive. Hinzu kam, dass Straßenschlachten zwischen den Kommunisten und Nationalisten gab, die die Menschen zusätzlich belasteten.
Antisemitismus und die „Rassen-Theorie“ waren keine Erfindung von Hitler. Der Antisemitismus ist seit dem 10. Jahrhundert belegt, es fanden immer wieder Pogrome statt und die „Rassen-Theorie“ wurde bereits um 1755 entwickelt. Bereits 1922/23 nutzten die Nationalisten den bestehenden Antisemitismus, um Juden, die Familienangehörige, Nachbarn, Kollegen und Freunde waren, auszugrenzen. Sie begannen, die Juden, die im Krieg für Preußen gekämpft hatten und Staatsanleihen bedienten, für den verlorenen Krieg verantwortlich zu machen und der hunderte Jahre alte Hass gegen Juden trug wieder einmal Früchte.
Die Weltwirtschaftskrise,1923, brachte das Fass zum Überlaufen. Die Wirtschaft, die noch im Umbau begriffen war, kam zum Erliegen, ebenso der gerade anlaufende Handel. Menschen, aus Pommern, Schlesien, Westpreußen, usw. strömten in Massen in die Großstädte, wie Berlin, auf der Suche nach Arbeit und was sie fanden, war Armut und Hunger. Kriminalität und Prostitution nahmen unvorstellbare Ausmaße an, die Menschen kämpften ums Überleben und der Staat war nicht mehr in der Lage, das Arbeitslosengeld auszuzahlen.
Während man in Bars und Tanzlokalen feierte (die goldenen 20 Jahre), nicht nur, um die Sorgen zu vergessen, sondern auch, um Schwarzmarkthandel zu betreiben, der Prostitution nachging und so mancher Raub geplant wurde, verhungerten die Menschen auf den Straßen und der Hass richtete sich immer stärker gegen die Juden.
In dieser Gemengelage, aus Verzweiflung, Not und Elend, sowie rivalisierende politische Gruppen entwickelte sich die nationalistische NSDAP, mit Hitler an der Spitze, unaufhörlich weiter. Hitler versprach den Menschen Arbeit, ein Ende des „Schuldkultes“ (Ende der Reparationszahlungen) und das Zurückholen der Gebiete, die Preußen hatte abtreten müssen. Er schrieb ausschließlich den Juden, nicht nur in Deutschland, die Schuld zu und der Antisemitismus wurde auf die Straßen getragen. Hitler machte aus jüdischen Mitmenschen, das „Finanzjudentum“ und der Stürmer verbreitete, in der Bevölkerung, den Hass, der ohnehin, latent, vorhanden gewesen war. Die Linken Gruppen warnten eindringlich vor Hitler und den Folgen, wurden nicht gehört und hörte schon vor der Machtübernahme von Hitler, auf, zu existieren.
Nichts von dem ist eine ausreichende Erklärung für das Handeln jeder einzelnen Person aber es sind die damaligen Grundvoraussetzungen, die das Handeln erst möglich gemacht haben.
Juden waren inzwischen entmenschlicht und ausgestoßen und der 9. November (November-Pogrom) machte deutlich, wie weit sich Menschen bereits von dem „Mensch sein“ verabschiedet hatten. Der Druck und die Gewalt der SA sorgten dann dafür, dass auch die Menschen schwiegen, die eigentlich gegen das System und den Hass waren. Die ausbleibende öffentliche Gegenwehr und Gegenrede (mit Ausnahmen) sorgte dafür, das sie alle Tore des menschlichen Abgrunds öffnen konnten.
Bei Unterstützern*innen und Tätern*innen handelt es sich um Millionen von Menschen. Die NSDAP hatte 6 Millionen Mitglieder und das ist nur ein Teil der Menschen, die das System, mit allen Konsequenzen, mitgetragen hatten. Die geringe Gegenwehr sorgten für eine Selbstsicherheit der Tätern*innen.
Ich stelle mir oft die Frage, was das für Frauen waren (es waren vorrangig Frauen), die ihre Nachbarn ausspionierten und sie beim SD (Sicherheitsdienst) denunzierten. Sie wussten, was mit den Menschen passieren würde (die Aussage: „Wir wussten das alles nicht“ ist schon lange widerlegt). Sie wussten, dass sie die Menschen in den sicheren Tod schicken würden und trotzdem setzten sie sich hin und schrieben an den SD (viele dieser Briefe sind erhalten und lagern in Archiven).
Was waren das für Menschen, die kein Problem damit hatten, in den KZs und Zwangsarbeitslagern ihren Dienst zu versehen, sich oft freiwillig gemeldet hatten und dort mit einer maßlosen Grausamkeit herrschten?
Was waren das für Menschen, die bei der SS und der Wehrmacht grausamste Verbrechen begingen und nicht an ihren Taten verzweifelten?
Ich gehe davon aus, das einige der Täter*innen psychische Störungen hatten, die ihre Unmenschlichkeit zuließen, aber ganz sicher war das nicht bei allen der Fall. Was das für die Menschen ein Machtrausch, den sie ausleben konnte, weil sie keine Gegenwehr zu erwarten hatten?
Nur wenige Täter*innen gaben Einblick in ihre Psyche und nur wenige zeigten Reue, noch weniger übernahmen, für ihre Taten, Verantwortung.
Im Heute
Wir leben nicht in einer vergleichbaren Situation der Zeit zwischen 1918 und 1932. Zwar kennen auch wir Armut, aber nicht im vergleichbaren maße, wie in den 1920er Jahren. Wir leben seit über 80 Jahren im Frieden wir haben ein Wirtschaftssystem, das nicht in Gewinnen, sondern in Wachstum rechnet, wir haben Löhne, von denen man halbwegs leben kann und ein Sozialsystem, das auffängt.
Trotzdem hat eine EU kritische Partei es geschafft, sich zu einer faschistischen Partei zu entwickeln, die in den Landtagen und im Bundestag sitzt und, bei denen damit zu rechnen ist, dass sie, im Herbst 2026 zwei Ministerpräsidenten, im Osten, stellen werden.
Wir lesen, bei Facebook und Co Beiträge, in denen KZs und Arbeitslager gefordert werden, wobei den Personen, die das fordern, klar ist, dass sie dann wohl die Aufseher wären. Wir erleben, in den „sozialen Netzwerken“ Hass und Hetze gegen Juden und Migranten und wir hören von „Remigration“ die nichts anderes ist, als eine Deportation von Menschen. Wir erleben den Aufbau von Meldesystemen zur Denunziation von Menschen, die sich gegen Faschismus stellen und wir erleben Fragen, im Bundestag und in den Landtagen, die sich gegen behinderte Menschen richtet.
2026 besteht keiner der Voraussetzungen, um zu erklären, wie eine faschistische Partei groß und mächtig werden kann und trotzdem ist das der Fall und wir stehen heute vor den Konsequenzen, vor denen die Menschen, 1933, bereits standen. Auch heute versuchen wir, Antworten auf die Frage zu finden, was das für Menschen sind, die die Partei wählen und Forderungen nach Unterdrückung und Gewalt verfassen und wir finden wieder keine Antwort darauf.
Mir und vielen anderen Menschen ist bewusst, dass laute Gegenwehr das einzige Mittel ist, um ein erneutes 1933 zu verhindern.
