Oder: Wie man den Fortschritt verpennt und das anschließend Technologieoffenheit nennt
Wer hätte damit gerechnet? Ein völlig überraschender Einbruch. Ich dachte, der hocheffiziente Verbrenner würde das schon regeln, den E-Autos das Fürchten beibringen, die Chinesen in die Verzweiflung treiben und denen schon zeigen, wo der Auspuff hängt. Blöderweise muss ich nun feststellen, dass der chinesische Hersteller inzwischen das komplette Auto liefert. Und zwar oft günstiger, schneller und mit Software, die nicht erst nach dem Kauf verspricht, irgendwann zu funktionieren.
Schließlich wurde uns jahrelang erklärt, der deutsche Verbrennungsmotor sei der Gipfel menschlicher Ingenieurskunst. Ein beinahe religiöses Wunderwerk aus Kolben, Tradition und Abgas, gegen das diese chinesischen Batteriekisten niemals eine Chance hätten. Man müsse einfach technologieoffen bleiben. „Technologieoffen“ bedeutet in Deutschland meistens: Wir machen denselben Scheiß weiter und hoffen, dass sich die Zukunft aus Höflichkeit verspätet.
Hat sie leider nicht. Die Physik hat sich leider geweigert, sich an Stammtischparolen zu halten. Wieder so ein peinlicher Charakterzug der Realität.
Dann kamen die Chinesen und sagten sinngemäß: „Wir bauen euch ein ordentlich ausgestattetes Elektroauto für 25.000 bis 30.000 Euro.“ VW reagierte darauf mit der Geschwindigkeit einer Behörde, die für einen Kugelschreiber drei Vergleichsangebote einholen muss. Und jetzt plötzlich merkt VW, dass die Mitte des Marktes verschwunden ist.
Während also China, dieser Markt, auf dem deutsche Hersteller jahrzehntelang Geld mit der Schubkarre aus den Autohäusern getragen haben, bezahlbare Elektroautos auf den Markt bringen, baut Volkswagen elektrische Schrankwände für 45.000 Euro aufwärts. Ein ID. Buzz? Da bist du teilweise bei Preisen, für die man früher ein kleines Haus anzahlen konnte. Klein, bezahlbar, alltagstauglich? Ach was. Der Deutsche braucht einen SUV. Mindestens zwei Tonnen Blech, um dreimal pro Woche acht Brötchen zu transportieren.
Volkswagen hieß einmal so, weil das Unternehmen Autos für das Volk baute. Heute heißt es noch so, weil „Wagen für Leute mit geerbter Doppelhaushälfte und großzügiger Leasingzusage“ beschissen auf das Logo passen würde. Der Käfer war ein Volksauto. Der Golf war lange eines. Heute kann sich ein normal verdienender Mensch im VW-Konfigurator ansehen, welche Farbe sein Auto hätte, falls er irgendwann im Lotto gewinnt oder eine Niere besonders marktgerecht loswird.
Genau deshalb wird seit Jahren über einen elektrischen Kleinwagen um 20.000 Euro gesprochen. Nur: Während VW noch PowerPoint-Folien produziert und Termine verschiebt, verkaufen andere bereits Fahrzeuge.
Software verkackt. Elektromobilität halbherzig behandelt. Bezahlbare Modelle verschoben. Warnsignale ignoriert. Milliarden an Dividenden verteilt. Managergehälter gezahlt, für die man wenigstens erwarten dürfte, dass jemand während der Arbeitszeit gelegentlich aus dem verdammten Fenster schaut und bemerkt, was auf dem Weltmarkt passiert.
Jetzt könnten bis zu 50.000 Stellen wegfallen. Natürlich nicht in den Vorstandsetagen. Dort hat man schließlich alles richtig gemacht, außer Produkte, Preise, Strategie, Software, Geschwindigkeit und Zukunft. Die Beschäftigten dürfen den Scheiß ausbaden, den eine hochbezahlte Führungsschicht über Jahre mit beeindruckender Konsequenz zusammengeschlafen hat.
Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant zehn Jahre lang die Küche verrotten lassen, den Koch feuern, das Menü verdoppeln, die Konkurrenz ignorieren und anschließend den Wetterbericht für die Insolvenz verantwortlich machen.
Für Investitionen, Arbeitsplätze und Werke herrscht plötzlich eiserner Sparzwang. Bei Ausschüttungen und Spitzenvergütungen entdeckt man dagegen eine fast poetische Großzügigkeit. Verantwortung wird nach unten verteilt, Geld nach oben. Offenbar die effizienteste Technologie, die VW zuverlässig beherrscht.
Aber keine Sorge: Die Schuldigen sind bereits gefunden.
DIE GRÜNEN!!!1!!
Robert Habeck hat vermutlich persönlich nachts die Softwarefehler eingebaut. Annalena Baerbock hat heimlich sämtliche günstigen Kleinwagen aus dem Modellprogramm gestrichen. Und chinesische Hersteller verkaufen ihre Elektroautos nur deshalb so erfolgreich, weil Cem Özdemir ihnen im Schutz der Dunkelheit die Baupläne zugesteckt hat.
So muss es gewesen sein. Alles andere würde bedeuten, dass deutsche Konzernlenker für deutsche Konzernentscheidungen verantwortlich wären. Eine radikale Vorstellung, für die unsere Wirtschaft offenbar noch nicht technologieoffen genug ist.
Das Tragische ist: Deutschland hatte mit VW, BMW und Mercedes jahrzehntelang einen enormen technologischen Vorsprung. Statt ihn konsequent in die nächste Antriebsgeneration mitzunehmen, wurde zu lange darüber diskutiert, ob die nächste Generation überhaupt kommt.
Der Markt hat diese Debatte längst beendet. Märkte stimmen nicht mit Kommentaren ab, sondern mit Kaufverträgen. Und die können erstaunlich unsentimental sein.

Werbung aus der Zeitschrift „Auto Motor und Sport“,
Heft Nr. 8 vom 10. April 1971

