Ein Blick auf die medizinischen Menschenversuche im „Dritten Reich“ – und auf die Frage, wie Ärzte zu Tätern wurden
Es gibt einen Satz, der einem beim Recherchieren zu diesem Thema nicht mehr aus dem Kopf geht: Kinder wurden getötet, weil sie als Arbeitskräfte wertlos waren und deshalb nur zusätzlichen Ballast darstellten. Dieser Satz stammt nicht aus einem dystopischen Roman. Er beschreibt die nüchterne Logik, mit der in deutschen Konzentrationslagern über Leben und Tod entschieden wurde – und in genau dieser Logik fanden auch die medizinischen Versuche statt, um die es hier geht.
Wer sich mit diesem Kapitel beschäftigt, stößt schnell auf einen zweiten, ebenso unbequemen Befund: Es waren keine wenigen „Verrückten“ am Rand der Profession. Lange hielt sich hierzulande die Vorstellung, nur ein verschwindend kleiner Teil der deutschen Ärzteschaft sei in Menschenversuche verwickelt gewesen. Erst in den vergangenen Jahren setzt sich die Erkenntnis durch, dass nicht nur einzelne Täter verantwortlich waren, sondern dass das gesamte deutsche Wissenschaftssystem mit seinen tragenden Institutionen tief in das nationalsozialistische Unrechtssystem verstrickt war. Universitäten, Forschungsgesellschaften, die Pharmaindustrie, die Wehrmacht – sie alle waren Teil eines Apparats, der Menschen zu Versuchsmaterial machte.
Fünf Beispiele, die sich einbrennen
1. Josef Mengele und die Zwillinge von Auschwitz. Kaum ein Name steht so sehr für die Perversion der Medizin im Nationalsozialismus wie der von Josef Mengele, dem „Todesengel“ von Auschwitz. Mengele war fasziniert von Zwillingen und suchte sie gezielt unter den Ankommenden aus, um sie in seine Versuche einzubeziehen. Kinder, die eigentlich zur sofortigen Vergasung bestimmt gewesen wären, wurden herausgesucht, vermessen, untersucht, mit Injektionen und Infektionen traktiert – und nicht selten am Ende getötet, um ihre Organe vergleichend zu obduzieren. Die Zwillingsforschung, die eigentlich der Trennung von Erbe und Umwelt dienen sollte, wurde so zu einem der zynischsten Kapitel der NS-Medizin.
2. Sigmund Rascher und die Unterkühlungs- und Höhenversuche in Dachau. Im Auftrag der Luftwaffe ließ der SS-Arzt Sigmund Rascher im KZ Dachau Häftlinge stundenlang in Eiswasserbecken oder der eisigen Winterluft aussetzen, um herauszufinden, wie lange abgestürzte Piloten überleben und wie man sie wiederbeleben könnte. In einem zweiten Versuchskomplex wurden Gefangene in Unterdruckkammern extremen Höhenbedingungen ausgesetzt, wie sie beim Fallschirmabsprung aus großer Höhe auftreten – viele erstickten dabei oder starben an inneren Blutungen. Rascher dokumentierte die Todeskämpfe seiner Opfer mit derselben Sachlichkeit, mit der andere Ärzte Krankenakten führten.
3. Carl Clauberg und Horst Schumann – Sterilisationsversuche in Auschwitz. Im Auftrag Heinrich Himmlers, der solche Experimente in den Lagern gezielt förderte, suchten Clauberg und Schumann nach möglichst schnellen und billigen Methoden, um Menschen unfruchtbar zu machen – gedacht als Blaupause für eine massenhafte Sterilisation ganzer Bevölkerungsgruppen. Clauberg injizierte ätzende Substanzen in die Gebärmutter jüdischer Frauen, Schumann bestrahlte die Keimdrüsen junger Menschen, oft Jugendlicher, mit Röntgenstrahlen so hoher Dosis, dass es zu schwersten Verbrennungen kam. Viele Opfer starben an den Folgen, andere wurden anschließend „zu Kontrollzwecken“ operiert und getötet.
4. Kurt Heißmeyer und die Kinder vom Bullenhuser Damm. Ab Juni 1944 experimentierte der SS-Arzt Kurt Heißmeyer in einer eigens für ihn eingerichteten Abteilung im KZ Neuengamme, um ein Mittel gegen Tuberkulose zu finden. Für seine Versuche ließ er zwanzig jüdische Kinder aus Auschwitz nach Neuengamme bringen, im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren. Er infizierte sie mit Tuberkulose-Erregern und entnahm ihnen zur „Beobachtung“ chirurgisch Lymphknoten – ohne jede Betäubung. Als die britische Armee im April 1945 kurz vor der Befreiung des Lagers stand, wurden die zwanzig Kinder in der Nacht zum 21. April in die Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg gebracht und dort erhängt, um die Spuren der Versuche zu vertuschen.
5. Elmar Türk und die infizierten Kinder von Spiegelgrund. Auch abseits der Konzentrationslager fanden Versuche an Kindern statt. Der Wiener Kinderarzt Elmar Türk testete 1943 einen Tuberkulose-Impfstoff, indem er zunächst Kinder gezielt mit Tuberkelbazillen infizierte, bevor er eine Gruppe impfte und die andere unbehandelt ließ – eine Kontrollgruppe, die wissentlich der Krankheit ausgesetzt blieb. Der Schauplatz war die Wiener Kinderklinik „Am Spiegelgrund“, eine Einrichtung, die zugleich als Sammelstelle für die NS-„Kindereuthanasie“ diente – viele der dort untergebrachten Kinder wurden ermordet, andere für Versuche missbraucht.
Wer war besonders betroffen?
Die Opfer dieser Versuche waren keine Zufallsauswahl. Am stärksten betroffen waren:
Jüdische Kinder und Erwachsene, insbesondere in den Vernichtungslagern, wo Selektion und Versuch oft unmittelbar ineinander übergingen
Zwillinge, die wegen ihres genetischen Werts für die Erbforschung gezielt aus den Ankunftstransporten herausgesucht wurden
Sinti und Roma, die ebenso wie Juden als „rassisch minderwertig“ galten und in besonderem Maße Zwangssterilisationen und tödlichen Experimenten ausgesetzt waren
Menschen mit Behinderungen und psychisch erkrankte Menschen, die im Rahmen der „Euthanasie“-Programme (Aktion T4, Kindereuthanasie) sowohl getötet als auch für Versuche „verwertet“ wurden
Kriegsgefangene, vor allem sowjetische, an denen kriegschirurgische und Infektionsversuche durchgeführt wurden
Politische Häftlinge und polnische Widerstandskämpferinnen, etwa die berühmt gewordenen „Kaninchen von Ravensbrück“, an denen Knochen-, Muskel- und Nerventransplantationen sowie Sulfonamid-Versuche vorgenommen wurden
Kinder waren dabei doppelt gefährdet: Sie galten im Lageralltag als „nutzlos“ für die Zwangsarbeit und wurden deshalb ohnehin meist sofort selektiert – zugleich machte sie ihr wachsender Organismus für bestimmte Forschungsfragen (Erbforschung, Impfstoffentwicklung, Wachstum) „interessant“ für die Täter.
Die Täter – und ihr Schicksal danach
Neben Mengele, Rascher, Clauberg, Schumann und Heißmeyer trugen zahlreiche weitere Mediziner Verantwortung, etwa Karl Gebhardt, der Sulfonamid- und Knochentransplantationsversuche an Ravensbrücker Häftlingen leitete, oder die Ärzte, die im Rahmen der Aktion T4 die systematische Ermordung behinderter Menschen organisierten. Möglich wurde all das durch die Rückendeckung der NS-Führung: Reichsführer-SS Heinrich Himmler förderte Menschenversuche in den Lagern aktiv, und der Reichsforschungsrat erteilte die formale Genehmigung für Versuche, die durch die Rassenideologie, die Wehrmacht, das „Ahnenerbe“, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Universitäten und die Pharmaindustrie mitgetragen wurden.
Die juristische Aufarbeitung blieb dennoch enttäuschend unvollständig. Zwar beschäftigten sich viele Nachkriegsprozesse mit den Menschenversuchen und ihren Tätern, doch zahlreiche verantwortliche Mediziner konnten ihre Karrieren nach 1945 ohne strafrechtliche Konsequenzen fortsetzen.
Besonders bitter: Vor allem die USA, in geringerem Maße auch Großbritannien und die Sowjetunion, profitierten nach Kriegsende von den Erkenntnissen dieser Ärzte – im Rahmen der „Operation Paperclip“ wurden etliche Wissenschaftler, unter ihnen auch KZ-Mediziner, noch vor Beginn der Nürnberger Prozesse in die USA gebracht und dort weiterbeschäftigt. Mengele selbst entkam nach Südamerika und wurde nie zur Rechenschaft gezogen.
Warum das heute noch wichtig ist
Der Nürnberger Ärzteprozess von 1946/47 hat der Welt den Nürnberger Kodex hinterlassen – jenes Regelwerk, das erstmals die freiwillige Zustimmung von Versuchspersonen zur Grundvoraussetzung medizinischer Forschung erklärte. Dass es diesen Kodex überhaupt braucht, ist das eigentliche Erschrecken dieser Geschichte: Es waren approbierte, oft hoch angesehene Ärzte, keine Monster am Rand der Gesellschaft, die diese Verbrechen begingen. Sie taten es im Namen der Wissenschaft, gedeckt von Institutionen, die bis heute existieren.
Die zwanzig Namen der Kinder vom Bullenhuser Damm sind heute an der Gedenkstätte in Hamburg zu lesen. Sie zu kennen, ist der geringste Akt der Erinnerung, den wir ihnen schulden.
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Quellen: Deutsches Ärzteblatt, Wikipedia (Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern; Menschenversuch), KZ-Gedenkstätte Neuengamme / Lernwerkstatt Bullenhuser Damm, Fürstler/Malin: „Ich tat nur meinen Dienst“ (2004).
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English version:
The Children of Bullenhuser Damm: When Medicine Becomes a Crime
A look at the medical experiments on human beings carried out under the „Third Reich“ – and at how doctors became perpetrators
There is a sentence that stays with you after researching this topic. Children were killed because they were worthless as laborers and therefore represented nothing but extra burden. This sentence does not come from a dystopian novel. It describes the cold logic by which life and death were decided in German concentration camps — and it was within this very logic that the medical experiments we are about to describe took place.
Anyone who engages with this chapter of history quickly runs into a second, equally uncomfortable finding: these were not the acts of a few „madmen“ at the fringes of the profession. For a long time, a myth persisted in Germany that only a vanishingly small share of German doctors had been involved in human experiments in the camps. Only in recent years has it become widely recognized that this was not merely the wrongdoing of individual physicians, but that the entire German scientific system — with its leading institutions — was far more deeply entangled in the Nazi system of injustice than long assumed. Universities, research societies, the pharmaceutical industry, the armed forces — all of them were part of an apparatus that turned human beings into research material.
Five examples that leave a mark
1. Josef Mengele and the twins of Auschwitz. Few names stand for the perversion of medicine under National Socialism as much as Josef Mengele, the „Angel of Death“ of Auschwitz. Mengele was fascinated by twins and deliberately singled them out among new arrivals for his experiments. Children who would otherwise have been sent straight to the gas chambers were pulled aside, measured, examined, subjected to injections and infections — and often killed in the end so their organs could be dissected and compared. Twin research, which was supposed to help separate the effects of heredity from environment, became one of the most cynical chapters of Nazi medicine.
2. Sigmund Rascher and the hypothermia and high-altitude experiments at Dachau. Commissioned by the Luftwaffe, SS doctor Sigmund Rascher had prisoners at Dachau concentration camp submerged for hours in ice water or exposed to freezing winter air, in order to determine how long downed pilots could survive and how they might be revived. In a second series of experiments, prisoners were placed in low-pressure chambers and subjected to extreme altitude conditions similar to those encountered in high-altitude parachute jumps — many suffocated or died of internal hemorrhaging. Rascher documented his victims‘ death throes with the same detachment other doctors used to keep medical charts.
3. Carl Clauberg and Horst Schumann – sterilization experiments at Auschwitz. Acting on the orders of Heinrich Himmler, who actively promoted such experiments in the camps, Clauberg and Schumann searched for the fastest and cheapest methods of rendering people infertile — intended as a blueprint for the mass sterilization of entire population groups. Clauberg injected caustic substances into the wombs of Jewish women; Schumann irradiated the reproductive organs of young people, often adolescents, with X-ray doses so high that they caused severe burns. Many victims died from the aftereffects; others were subsequently operated on „for verification purposes“ and killed.
4. Kurt Heißmeyer and the children of Bullenhuser Damm. Starting in June 1944, SS doctor Kurt Heißmeyer conducted experiments in a special ward set up specifically for him at Neuengamme concentration camp, searching for a cure for tuberculosis. For his experiments he had twenty Jewish children, aged between five and twelve, brought from Auschwitz to Neuengamme. He infected them with tuberculosis bacteria and surgically removed lymph nodes for „observation“ — without any anesthesia. When the British army stood on the verge of liberating the camp in April 1945, the twenty children were taken during the night of April 20–21 to a school on Bullenhuser Damm in Hamburg and hanged there, in order to erase the traces of the experiments.
5. Elmar Türk and the infected children of Spiegelgrund. Experiments on children were not confined to the concentration camps. In 1943, the Viennese pediatrician Elmar Türk tested a tuberculosis vaccine by first deliberately infecting children with tubercle bacilli, then vaccinating one group while leaving another untreated as a control group — a control group knowingly left exposed to the disease. The setting was the Vienna children’s clinic „Am Spiegelgrund,“ an institution that simultaneously served as a collection point for the Nazi „child euthanasia“ program — many children housed there were murdered outright, others abused for experiments.
Who was affected most?
The victims of these experiments were not chosen at random. Those most affected included:
Jewish children and adults, especially in the extermination camps, where selection and experimentation often flowed directly into one another
Twins, deliberately singled out from incoming transports because of their genetic value to heredity research
Sinti and Roma, who, like Jews, were classified as „racially inferior“ and were subjected to forced sterilization and lethal experiments to a particular degree
People with disabilities and people with mental illness, who were both killed and „made use of“ for experiments under the „euthanasia“ programs (Aktion T4, child euthanasia)
Prisoners of war, especially Soviet POWs, who were subjected to combat-surgery and infection experiments
Political prisoners and Polish resistance fighters, including the women who became known as the „Rabbits of Ravensbrück,“ on whom bone, muscle, and nerve transplants as well as sulfonamide experiments were carried out
Children were doubly at risk: in everyday camp life they were considered „useless“ for forced labor and were therefore usually selected for death immediately — while at the same time their still-developing bodies made them „interesting“ to the perpetrators for certain research questions (heredity research, vaccine development, growth studies).
The perpetrators – and what happened to them afterward
Alongside Mengele, Rascher, Clauberg, Schumann, and Heißmeyer, numerous other physicians bore responsibility — among them Karl Gebhardt, who led sulfonamide and bone-transplant experiments on prisoners at Ravensbrück, and the doctors who organized the systematic murder of disabled people under Aktion T4. All of this was made possible by backing from the Nazi leadership: Reichsführer-SS Heinrich Himmler actively promoted human experiments in the camps, and the Reich Research Council granted formal approval for experiments that were supported by the racial ideology of the regime, the Wehrmacht, the „Ahnenerbe“ society, the German Research Foundation, universities, and the pharmaceutical industry.
Legal reckoning after the war nevertheless remained disappointingly incomplete. While many postwar trials did deal with the human experiments and their perpetrators, numerous responsible physicians were able to continue their careers after 1945 without facing any criminal consequences.
Particularly bitter: it was above all the United States — and, to a lesser extent, Britain and the Soviet Union — that benefited after the war from the findings of these doctors. Under „Operation Paperclip,“ a number of scientists, including some camp doctors, were brought to the United States and continued to work there even before the Nuremberg trials began. Mengele himself escaped to South America and was never brought to justice.
Why this still matters today
The Nuremberg Doctors‘ Trial of 1946–47 left the world the Nuremberg Code — the set of principles that, for the first time, made the voluntary consent of research subjects a fundamental requirement of medical research. That such a code was needed at all is the real horror of this history: it was licensed, often highly respected physicians — not monsters at the margins of society — who committed these crimes. They did so in the name of science, backed by institutions that still exist today.
The twenty names of the children of Bullenhuser Damm can be read today at the memorial site in Hamburg. Knowing them is the very least act of remembrance we owe them.
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Sources: Deutsches Ärzteblatt (German Medical Journal), Wikipedia (Human Experiments in Nazi Concentration Camps; Human Experimentation), Neuengamme Concentration Camp Memorial / Bullenhuser Damm Study Center, Fürstler/Malin: „I Was Only Doing My Duty“ (2004).


