Wie man faschistische Hinrichtungsfantasien mit einer Kamera versieht und das Ergebnis anschließend für mutige Provokation hält
Ich hatte lediglich von Citizen Vigilante und Selbstjustiz gehört, aber nicht mal eine grobe Beschreibung der Handlung gelesen. Das reichte schon. Mein erster Gedanke war: Uwe Boll hat vermutlich geglaubt, irgendetwas zwischen Natural Born Killers und einem europäischen John Wick zu drehen.
Später erfuhr ich, dass Boll seinen Film tatsächlich mit John Wick und The Equalizer vergleicht. Ich hatte seine künstlerische Selbstüberschätzung also vollständig rekonstruiert, bevor ich wusste, dass er sie selbst ausgesprochen hatte. Bolls filmisches Denken liegt einfach derart ungeschützt an der Oberfläche, dass man seine Vorbilder schon auf den Standbildern erkennt. Man interpretiert seinen Film nicht. Man errät die Filme, die er beim Schreiben gern gewesen wäre.
In Interviews spricht er von jenen politischen Filmen früherer Jahrzehnte, die angeblich noch Grenzen überschritten hätten. Er nennt Oliver Stone, Natural Born Killers, A Clockwork Orange und Apocalypse Now. In seiner Vorstellung steht Citizen Vigilante offenbar irgendwo in dieser Ahnenreihe. Die Filmgeschichte wird es verkraften müssen. Sie hat schon ganz andere Zumutungen überstanden.
Bei Citizen Vigilante hat er offenbar wieder geglaubt, einen Film zu drehen. Herausgekommen ist die feuchte Hinrichtungsfantasie jener Faschisten, die seit Jahren davon träumen, der Rechtsstaat möge endlich verschwinden, damit bewaffnete Männer Migranten ermorden und sich anschließend als Retter des Abendlandes feiern lassen können.

Im Mittelpunkt steht ein reicher Geschäftsmann, der das Vertrauen in Polizei und Justiz verliert und daraufhin selbst entscheidet, wer schuldig ist, wer bestraft werden muss und wer sein Recht auf Weiterleben verwirkt hat. Sein Feldzug macht ihn zum gefeierten Helden in den sozialen Medien. Die Botschaft ist so subtil wie eine Axt in einer Kindergartentür: Der Staat versagt, die Justiz schützt die Täter, Migranten bedrohen die Gesellschaft, und endlich steht ein entschlossener Mann auf, der das erledigt, wozu die verweichlichte Demokratie angeblich nicht mehr fähig ist.
Das ist die vollständige Grundausstattung faschistischer Selbstjustizfantasien. Boll musste nichts erfinden. Er brauchte lediglich einige Jahre lang unter den richtigen Facebook-Beiträgen mitzulesen.
Dort sitzt seit Langem dieselbe Armee verhinderter Vollstrecker. Männer, die beim Anblick eines falsch geparkten Lieferwagens bereits vom Ausnahmezustand träumen und unter jeder Meldung über migrantische Kriminalität erklären, was sie mit den Tätern machen würden, wenn man sie nur ließe. Meistens lässt man sie nicht. Das ist eine der stillen Errungenschaften des Rechtsstaates.
Boll lässt sie gewähren.
Er gibt ihren Fantasien einen Körper, eine Waffe und das Gesicht eines schweigsamen Rächers. Er verwandelt den Kommentar „Da müsste mal einer aufräumen“ in bewegte Bilder. Der Mann auf der Leinwand tut endlich, was die Herren vor ihren Bildschirmen bislang nur mit klebrigen Fingern in die Kommentarspalten tippen konnten.
Dabei erschöpft sich der Film keineswegs darin, gewöhnliche Kriminelle von einem gewöhnlichen Rächer erschießen zu lassen. Boll lädt seine Geschichte politisch auf. Die Täter sind überwiegend Migranten. Eine Gruppenvergewaltigung wird zum zentralen Beweis für das Versagen der Justiz. Richter, Politiker und Behörden bilden den feigen oder korrupten Hintergrund, vor dem der Mörder als einzig verbliebener Mann mit Handlungsfähigkeit erscheint.
Diese Auswahl ist keine zufällige Kulisse. Sie ist die Aussage.
Wer eine Welt konstruiert, in der migrantische Männer vergewaltigen und morden, Gerichte sie laufen lassen und ein bewaffneter Millionär daraufhin die Gerechtigkeit wiederherstellt, erzählt keine neutrale Geschichte über Selbstjustiz. Er baut eine politische Rechtfertigungsmaschine. Auf der einen Seite stehen die Fremden als sexuelle und körperliche Bedrohung. Auf der anderen Seite steht ein schwacher Staat. In der Mitte wartet die Waffe.
Boll erklärt, sein Film richte sich gegen Kriminelle. Das besitzt ungefähr die argumentative Stabilität eines Gartenstuhls nach dem dritten Orkan. Ein Film besteht aus Entscheidungen. Der Regisseur entscheidet, welche Täter er zeigt, welche Herkunft sie haben, welche Verbrechen sie begehen, welche Institutionen versagen und wem er am Ende die Waffe in die Hand drückt.
Boll hat all diese Entscheidungen getroffen. Anschließend stellt er sich neben das Ergebnis und tut so, als sei es ihm zugelaufen.
Seinen endgültigen politischen Offenbarungseid leistet der Film im Finale. Der Vigilant dringt in das Haus einer muslimischen Familie ein. Der Sohn wurde vom Vorwurf einer Gruppenvergewaltigung freigesprochen. Das genügt dem selbst ernannten Richter nicht. Er erschießt den Vater, die Mutter, den Sohn und die Tochter.
Damit wird selbst die dünne Behauptung zerstört, hier gehe es um die Bestrafung individueller Täter. Eine ganze Familie wird ausgelöscht, weil der Rächer sie als moralische Einheit betrachtet. Der Sohn gilt ihm als Täter, der Rest als Mitverantwortliche. Ihre Religion, ihre Herkunft und die ihnen unterstellten gemeinsamen Werte werden zum Todesurteil.
Das ist Sippenhaft mit Schalldämpfer.
Die Tochter hat niemanden vergewaltigt. Die Mutter hat niemanden vergewaltigt. Der Vater hat niemanden vergewaltigt. Boll lässt sie trotzdem erschießen, weil sein Film längst in jener rassistischen Logik angekommen ist, in der individuelle Schuld nur noch lästiger Papierkram ist. Aus einem Verdächtigen wird eine verdächtige Familie. Aus einer Familie wird eine verdächtige Kultur. Aus einer Kultur wird eine Bedrohung. Und Bedrohungen darf der Held beseitigen.
Der Faschismus liebt diese Verkürzung. Sie spart Gerichte, Beweise, Zweifel, Widersprüche und den gesamten anderen Kram, mit dem eine Zivilisation versucht, sich von einem Lynchmob zu unterscheiden.
Man kann faschistische Fantasien im Film zeigen. Man kann ihre Anziehungskraft untersuchen, ihre Mechanismen offenlegen und das Publikum mit der eigenen Begeisterung für Gewalt konfrontieren. Dafür braucht es allerdings einen Gedanken, der über das Magazin einer Pistole hinausreicht.
Natural Born Killers besitzt diesen Gedanken. Oliver Stone zeigt zwei Mörder und gleichzeitig eine Mediengesellschaft, die sie in Popstars verwandelt. Die Bilder überschlagen sich, Perspektiven brechen auseinander, Gewalt wird zur Ware, und das Publikum gerät selbst in die Schusslinie der Kritik. Der Film weiß, dass er ein Spektakel zeigt. Er untersucht die Maschine, die dieses Spektakel produziert, verkauft und verschlingt.
Uwe Boll hat offenbar vor allem bemerkt, dass dort geschossen wird.
John Wick funktioniert ebenfalls nach einer völlig anderen Logik. Seine Welt ist eine bewusst künstliche Unterwelt mit eigenen Hotels, Goldmünzen, Regeln und Ritualen. Dort erschießen Auftragsmörder andere Auftragsmörder in einer mythologischen Parallelgesellschaft. Das ist choreografierte Gewaltfantasie, beinahe Tanztheater mit Kopfschüssen. Kein vernünftiger Zuschauer verlässt das Kino und hält den Mann aus der Nachbarwohnung plötzlich für ein Mitglied des Hohen Rates.
Boll nimmt den schweigsamen Rächer aus John Wick, entfernt die ästhetische Präzision und ersetzt die erfundene Unterwelt durch reale politische Feindbilder. Seine Zielscheiben heißen Migranten, Muslime, Richter, Politiker und liberale Gesellschaft. Aus abstrakter Genremechanik wird rechte Gegenwartspropaganda.
Das Ergebnis ist ungefähr so, als würde jemand Star Wars sehen, die Raumschiffe entfernen und anschließend mit echten Panzern das Nachbardorf beschießen, weil er den Kampf gegen das Imperium besonders inspirierend fand.
Boll fehlt jede Distanz zu dem, was er zeigt. Der Vigilant bekommt Präsenz, Motivation, Monologe und die volle Aufmerksamkeit der Kamera. Seine Opfer dienen als Beweismaterial für seine Weltsicht. Die Institutionen erscheinen als unfähige Karikaturen. Die sozialen Medien erklären ihn zum Helden. Bedeutungsschwere Musik veredelt seine Morde zur Mission.
Vielleicht glaubt Boll, er habe eine ambivalente Figur geschaffen. Regisseure glauben erstaunlich viel, sobald niemand am Set den Mut findet, ihnen das Drehbuch aus der Hand zu nehmen.
Ambivalenz entsteht durch Widersprüche, Perspektiven und moralische Reibung. Bei Citizen Vigilante steht am Ende ein bewaffneter Mann vor einer muslimischen Familie und vollstreckt sein persönliches Todesurteil. Der Film hat bis dahin alles getan, um seine Wut vorzubereiten und die Opfer als Teil eines gesellschaftlichen Problems zu markieren. Ein paar nachträgliche Zweifel ändern daran wenig. Man kann einen Misthaufen auch mit Petersilie dekorieren. Die Grundsubstanz bleibt erhalten.
Besonders widerwärtig wird die Sache durch Bolls Vorstellung von Provokation. Er hält offenbar jede heftige Reaktion auf sein Werk für einen Beweis seiner Bedeutung. Menschen nennen den Film rassistisch, faschistisch oder menschenverachtend, und Boll hört darin vermutlich das Echo großer politischer Kunst.
Dabei kann Empörung auch entstehen, weil jemand Scheiße gebaut hat.
Nicht jeder Skandal ist ein Tabubruch. Nicht jeder Tabubruch ist mutig.
Nicht jeder, der in einen voll besetzten Raum scheißt, hat damit die Grenzen der Performancekunst erweitert. Manchmal hat lediglich ein Arschloch in einen voll besetzten Raum geschissen.
Boll verwechselt die Lautstärke der Reaktion mit der Tiefe seines Werkes. Je mehr Menschen sich abwenden, desto größer fühlt er sich. Jede Kritik wird zum Beweis, dass er einen wunden Punkt getroffen habe. Auf diese Weise kann ein Künstler niemals scheitern. Verrisse bestätigen seinen Mut, fehlendes Publikum bestätigt die Unterdrückung, verweigerte Förderung bestätigt die Feigheit der Branche, und mangelnde Anerkennung beweist, dass die Welt noch nicht bereit für ihn ist.
Ein beneidenswert geschlossenes System. Nur die Filme stören.
Die FSK verweigerte Citizen Vigilante in zwei Prüfungen eine Alterskennzeichnung. Boll spricht von Zensur. Auch das passt perfekt zu seinem Geschäftsmodell. Der Film ist in Deutschland nicht staatlich verboten. Die FSK ist eine Einrichtung der Filmwirtschaft. Ohne Kennzeichnung wird die reguläre Kino-, Handels- und Streamingauswertung massiv erschwert. Weitere Vertriebswege für Erwachsene bleiben grundsätzlich möglich.
Boll wurde also nicht zum verstummten Dissidenten eines autoritären Regimes. Er bekam für seinen Film kein buntes Altersetikett und verwandelte den kommerziellen Nachteil umgehend in Märtyrerwerbung.
Plötzlich hieß es überall, Deutschland habe den Film verboten. Elon Musk verbreitete ihn auf X. Rechte Accounts jubelten über ein angeblich unterdrücktes Werk, das endlich die Wahrheit über Migranten zeige. Der Film erhielt damit exakt das Publikum, für das er seine Zielscheiben aufgestellt hatte.
Das Ganze bildet einen perfekten Kreislauf. Boll dreht einen Film, der rechte Verfolgungsfantasien bedient. Die FSK verweigert die Kennzeichnung. Boll erklärt sich zum Opfer politischer Zensur. Rechte Medien und Nutzer verbreiten den Film als verbotene Wahrheit. Der Vigilant wird innerhalb des Films durch soziale Medien zum Volkshelden. Außerhalb des Films wird Boll durch soziale Medien zum verfolgten Wahrheitskämpfer.
Das war wohl am Ende sogar die einzige gelungene Konstruktion des gesamten Projekts.
Ob Uwe Boll sich selbst für rechts hält, ist dabei völlig nebensächlich. Er kann morgens aufstehen, in den Spiegel schauen und sich für einen progressiven Humanisten mit besonders robuster Erzählweise halten. Seine Selbsteinschätzung ändert nichts an der Wirkung seines Films.
Man muss kein überzeugter Faschist sein, um Faschisten Propagandamaterial zu liefern. Es reicht, ihre Feindbilder zu übernehmen, ihre Ängste zu bestätigen, ihre Gewaltfantasien zu inszenieren und ihren Wunsch nach einem starken Vollstrecker als verständliche Reaktion auf eine angeblich verkommene Gesellschaft darzustellen.
Genau das tut Citizen Vigilante.
Der Film fragt nicht, wie Kriminalität entsteht. Er interessiert sich nicht für die komplizierte Wirklichkeit von Migration, Strafrecht, Beweisführung, Prävention oder gesellschaftlicher Integration. Er braucht diese Wirklichkeit nur als Müllhalde, auf der sein Rächer seine moralische Überlegenheit abladen kann.
Migranten werden zur Gefahr. Richter werden zu Verrätern. Demokratie wird zur Behinderung. Mord wird zur Lösung.
Statt einem politischer Thriller hat er ein 89-minütigen Kommentar unter einer Meldung über Ausländerkriminalität gedreht, nur mit Drohnenaufnahmen und Armie Hammer.
Uwe Boll hat keinen europäischen John Wick gedreht. Dafür fehlen ihm die ästhetische Disziplin, die choreografische Präzision und das Verständnis dafür, dass eine Genrewelt eigene Regeln braucht.
Er hat auch kein neues Natural Born Killers gedreht. Dafür müsste er begreifen, dass ein Film über mediale Gewaltverherrlichung mehr verlangt als mediale Gewaltverherrlichung.
Er hat die feuchten Hinrichtungsfantasien rechter Kommentarspalten genommen, sie mit einer Kamera aufgenommen und das Ergebnis für Provokation gehalten. Seine Zuschauer sollen sich nicht fragen, ob der Vigilant vielleicht zu weit geht. Sie dürfen ihm fast anderthalb Stunden dabei zusehen, wie er all jene erschießt, die ihnen seit Jahren als Feinde präsentiert werden.
Die Faschisten bekommen ihre Bilder. Boll bekommt seine Empörung. Elon Musk bekommt Reichweite. Armie Hammer bekommt eine Hauptrolle. Und das Kino bekommt erneut die Aufgabe, so zu tun, als habe das alles irgendetwas mit Kunst zu tun.
Uwe Boll verwechselt Provokation konsequent mit geistiger und politischer Verwahrlosung. Er verwechselt Grenzüberschreitung mit Bedeutung, Widerspruch mit Zensur und eine geladene Pistole mit einer politischen Aussage.
Im Interesse der Filmindustrie sollte man ihn per gerichtlicher Verfügung in sicherem Abstand zu Kameras, Drehbüchern und Filmsets halten.

